Gestrandet: Schaan

Im Herzen der Finsternis: Schwarzes Lederpolster säumt die Bar, die sich auf schimmernde Goldstan

Sara Bagladi

Im Herzen der Finsternis: Schwarzes Lederpolster säumt die Bar, die sich auf schimmernde Goldstangen stützt. Grau gemusterter Teppichboden, farblich passende Vorhänge, die Tageslicht und Uhrzeit verschleiern. An der Wand: gelbe Plaketten mit Sprüchen wie «Der Rausch von gestern löscht nicht den Durst von heute!» oder «Wenn du trinkst, um zu vergessen, bezahle bitte im Voraus». Offiziell ist die Long-John Bar bis 3 Uhr geöffnet, doch vor 3 Uhr morgens ist selten jemand da. Das Land, in dessen dunkler Mitte wir uns befinden, ist nicht einmal auf jeder Karte eingezeichnet. Touristen bleiben meist nicht länger als ein paar Stunden. Oft merken Passagiere auf der Durchreise nicht, dass sie gerade ein Land durchquert haben. 25 Kilometer lang, 12 Kilometer breit: Liechtenstein ist leicht zu übersehen.

 

Der Barmann dreht die Musik lauter und zapft ein Bier der Marke Brauhaus. Hansi aus Österreich schmeisst den Laden bereits seit mehr als zehn Jahren. Sein Dialekt hat schon gewisse Färbungen angenommen. Hinter ihm hängt ein Schild mit der Aufschrift «Heaven on earth is Hansi’s Long John», daneben schwebt ein gezeichneter Engel. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Hansi: Lässt sich nicht abstreiten. Nur dessen Haare sind etwas zu licht, um als Engelsgesicht durchzugehen.

 

Er stellt das Bier vor einen Mann mit schwarzen, ölig glatten Haaren, die er zu einem Knoten gebunden hat. In gebrochenem Deutsch erzählt der Typ von seinem Leben, von Porto, der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Wie er die Weite des Meeres hinter sich lies, um auf der Suche nach Arbeit in diesem schmalen Tal zu landen. Für manch Fremden ist es hier zu eng, aber Paolo fühlt sich geborgen zwischen dem massigen Gebirge. Er arbeitet als Koch in Vaduz, der Hauptstadt des Landes. Von seinem Restaurant aus sieht man das Schloss des Fürsten. Erhaben thront es auf dem Hügel; es scheint, als könne der Fürst von dort all seine 37 000 Einwohner sehen.

 

Doch wer in der Long-John Bar im Schutze der Dunkelheit ein- und ausgeht, bleibt auch den Augen des Oberhauptes verborgen. Der Fürst kümmert sich sowieso lieber um seine Bank, die schon wegen mutmasslicher Finanzskandale für Aufregung sorgte, oder unterstützt mit seiner Stiftung ein technologiebasiertes Saatgutunternehmen. Manchmal spaziert er bei Regen in Gummistiefeln oder gar barfuss den Pfad im Wald entlang, erzählen sich seine Untertanen. Gemunkelt wird hier vieles. Etwa, dass Liechtenstein bei seinem letzten Militäreinsatz 1866 mit 80 Soldaten auszog und mit 81 zurückkam, ein italienischer Freund habe sich der Truppe angeschlossen. Auch um das «Johnnys», wie die Einheimischen den Schuppen nennen, ranken sich Mythen. «Was im ‹Johnnys› so passiert, willst du gar nicht wissen», heisst es. So soll der Datendieb Heinrich Kieber hier mit jener CD, die Ermittler über mutmassliche Steuerhinterzieher informierte und zur Aufdeckung der Liechtensteiner Steuer­affäre führte, gesichtet worden sein. Was man sonst noch gesehen haben will: Die dicken Karren vor der Tür, mit denen Banker, nachdem man sie mit leicht bekleideten Frauen erspähte, davonbrausten.

 

Wie aus der Zeit gefallen gliedert sich die Bar heute in den modernisierten Dorfkern von Schaan. «Schaantastisch», diesen Slogan hat sich das 6000-Seelen-Dorf vor einigen Jahren verpasst. Passiert man eine der Kuhwiesen, die den Ort umranken, vorbei am Schaufenster mit luxuriösen Möbeln, rechts den Döner­laden «Troya», links den Kirchturm, ist bald das «Johnnys» in Sicht. Die Fenster zur Strasse hin sind mit Gardinen behängt, der Eingang liegt neben einer leeren Tiefgarage.

 

Es ist spät geworden. Paolo verabschiedet sich. Vor der Tür dreht er sich noch einmal um und ruft: «Ich werde dich umbringen!» Er ist nicht ganz ernst zu nehmen, als er mit seinen geschätzten eins fünfundfünfzig einen Abgang macht. Kateryna, die Barfrau, schüttelt den Kopf. Sie lebte in der Ukraine, bis sie sich in einen Liechtensteiner verliebte. Nachts arbeitet sie hinter dem Tresen, tagsüber büffelt sie Finanzwesen. Aus den Lautsprechern dröhnt passenderweise «Moskau, Moskau – wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land». Der Abend zieht sich hin wie ein fader Kaugummi, dessen Geschmack längst verflogen ist. Trotzdem wird er weiter gekaut. Eigentlich doch ganz nett hier. Das Licht ist angenehm schummrig, keine Staubflusen, und auch das Hemd von Hansi ist sorgfältig gebügelt. Neben dem Toiletteneingang hängt ein rostiger Kondomautomat. Nicht ganz unnütze – denn wer in diesem Land abtreibt, macht sich strafbar.

 

Ein Typ, der genau vor den Boxen sitzt, erzählt angewidert, wie er die letzten Tage einen Puff auf der anderen Seite der Grenze räumen musste. Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf: «Kennst du den Geheimgang des ‹Johnnys›?» Er steht auf und öffnet ver­heissungsvoll die Türe eines Schranks aus Holz. Ich spähe hinein. Ein Staubsauger, falsche Türe. Gerade als er ansetzt, den zweiten Flügel zu öffnen, schreit Hansi wütend, dass dies zu weit gehe. Das Licht geht an, die Musik aus. Sperrstunde.

 

Hansi und Kateryna machen sich ans Aufräumen. Aus der offenen Tür dringt die Morgensonne hinein, ich blinzle und mache mich auf den Heimweg. Draussen erwacht das Dorf, die Vögel pfeifen, während die Cabriolets in den Garagen auf ihren ersten Sonntagsauflug warten. Das Fürstenpaar macht sich möglicherweise gerade für einen Spaziergang bereit. Der Pulsschlag der verwunschenen Seele des Landes war letzte Nacht nicht zu spüren. Im «Johnnys» wartet anderes: ungelüftete Geheimnisse, offene Ohren – und ein paar dumme Sprüche.

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