Gestrandet: Teheran

Iran. Die erste Solo-Reise-Reportage. Ich fuhr Ski im Elburs-Gebirge, sah Delfine im Persischen Golf, trank schwarzen Tee mit Brocken von Kandiszucker, gross wie Zehennägel. Es war Eden auf Erden. Dann kam Hoca.

Anna Antoni

Fünf Jahre ist es her, dass ich einem freundlichen persischen Polizeibeamten mit Fingerabdruck aus dunkelblauer Tinte besiegelte, diese Geschichte niemals zu erzählen. Ich hätte ihm so ziemlich alles besiegelt, was er verlangte, nur um aus meiner misslichen Lage wieder herauszukommen.

Iran. Die erste Solo-Reise-Reportage. Ich fuhr Ski im Elburs-Gebirge, sah Delfine im Persischen Golf, trank schwarzen Tee mit Brocken von Kandiszucker, gross wie Zehennägel. Ich zählte die Sterne vom Dach einer Oase inmitten der Salzwüste. Es war Eden auf Erden. Dann kam Hoca.

Ich traf ihn am frühen Nachmittag. Wir tranken Schwarzmarktfusel wie russisches Roulette, mit jedem Schluck die Chance zu erblinden. Zu Marilyn-Manson-Songs erzählte er von seiner Mutter, redete schlecht über sie. Ich mochte ihn nicht. Hoca hatte sein Englisch mit Rap-Songs und amerikanischen Gangsterfilmen erlernt. Sein Frauenbild auch.

Diese ganzen weissen Bitches wollten es doch so richtig besorgt bekommen, sagte Hoca und zog mir das Shirt von den Brüsten, bevor er den billigen Fusel über seine weissen Basketballschuhe erbrach.

Raus aus dem Haus, sternhagelvoll, ohne Kopftuch, ohne Schuhe, an den Füssen ozeanblaue Socken, auf denen glitzernde Pinguine Weihnachtsmannmützen trugen. Eine alte Nachbarin warf mir einen rosa Blumenschleier über, dann rief sie die Polizei.

Es war Abend geworden, und der dicke Diensthabende ass Reis mit Hähnchen. Sein weisses Hemd spannte über dem Wanst.

«Sie sind betrunken», stellte er fest.

Er lachte. So sehr, dass ich um seine Hemdknöpfe bangte. Irgendwann kam er wieder zu Atem: «Sie wissen aber schon, dass das hier nicht erlaubt ist?» Man nahm mir

den Pass ab und brachte mich in ein Hotel.

Am nächsten Morgen wurde ich in einen Raum geführt, in dem schon meine Über­setzerin wartete. Sie trug Schwarz. Schwarzer Schleier, schwarzes Kopftuch, tief in die Stirn gezogen.

Ihr Englisch klang seltsam steif. Wir tauschten ein paar Höflichkeiten aus, ich fragte sie nach ihrer Familie, wir waren im gleichen Alter.

«Ma’m», fragte die Übersetzerin, «hatten Sie schon einmal Sex?» Es war noch früh und ich irritiert. «Sex ist schlecht», sagte sie und ich nickte.

«Ma’m», fragte die Übersetzerin, «trinken Sie Alkohol?» «Manchmal», antwortete ich. «Wie viel?», fragte sie und zeigte auf ein Glas, in dem eine kaltgewordene Teepfütze dümpelte. «So viel?» – «Ein bisschen mehr vielleicht», sagte ich. «Hier in Iran trinken wir keinen Alkohol», rügte die Frau. «Alkohol ist schlecht.» In meinem Schädel schnurrte der Kater, und ich stimmte ihr zu.

Sieben Stunden Polizeirevier. Die Zeit floss zäh. In fünf Tagen lief mein Visum ab, und ich hatte bisher hauptsächlich gelogen. Gebetsmühlenartig wiederholte meine Übersetzerin die Fragen, die ausgedachten Antworten bestätigte ich mit dem Abdruck meines rechten Zeigefingers auf gebleichtem Papier. Alle Dokumente waren auf Persisch.

Abends brachte mich ein Polizeiwagen aufs Hotel. Der Manager bedauerte, dass ich es nicht würde verlassen dürfen. Ich kontaktierte die deutsche Botschaft in Teheran. Man sagte mir, man werde sich mit der Polizei in Verbindung setzen und dass diese nie kooperiere. Ich hätte gerne einen Drink gehabt. In der Minibar des Hotelzimmers gab es Schokoladenkekse und Malzbier mit Mango-Geschmack.

Zurück auf dem Polizeirevier gab ich am nächsten Morgen die gleichen Antworten auf die gleichen Fragen. «Wie hiess Ihr Hotel? Woher haben Sie Ihre SIM-Karte? Mit wem haben Sie gesprochen und worüber?» Ich war erstaunt, wie gut ich lügen konnte. Ich gab an, mich an allerlei Dinge nicht erinnern zu können, woraus die Übersetzerin schloss, dass ich dumm sei. Es machte mir nichts aus, ich wollte bloss raus hier.

Abends im Hotelzimmer ass ich Kebab mit Reis und Berberitzen. Ich bettelte um Ausgang, bis mich der Manager in Begleitung des Nachtportiers zum Kiosk laufen liess. Der Kiosk war 50 Meter entfernt, ich kaufte eine Tüte Chips, die ich nicht ass, ich wollte mich nur frei fühlen.

Am dritten Morgen dann wurde ich in das Büro eines galanten Beamten gerufen, der mir in einwandfreiem Englisch das Formular erklärte, das vor ihm auf dem Tisch lag: Ich möge bitte unterschreiben, dass der Vorfall in Hocas Wohnung keinesfalls auf mangelnde Staatsfürsorge zurückzuführen sei. Es handle sich um das Fehlverhalten eines Einzelnen, den ich im Übrigen nicht zu verklagen gedenke, und der in keiner Weise die Islamische Republik Iran repräsentiere. Er bat mich, den Vorfall in Deutschland unerwähnt zu lassen, und schlug vor, ich könnte mich doch stattdessen auf die Gastfreundschaft und Rechtschaffenheit seines Heimatlandes berufen. Ich log erneut – natürlich würde ich diese Geschichte zu Hause aufschreiben, wenn auch unter einem Pseudonym, um in Zukunft wieder einreisen zu können – und setzte einen letzten Fingerabdruck. Dann reichte er mir meinen Pass.

Im Bus nach Täbris flackerte unermüdlich die LED-Leiste über dem Fahrersitz. Man möge sich anschnallen, stand da, und dass Gott gross sei. Die Kuppe meines rechten Zeigefingers war blau von der Tinte und den Lügen der letzten Tage. Draussen zog lehmfarben das Paradies vorbei.

Mehr aus dieser Serie