Glück aus dem Karton

Schatz oder Schrott: Auf den Strassen vieler Grossstädte gibt es etwas «zu verschenken»

Dmitrij Kapitelman

Zugegeben, der soziologisch schillerndste Gedanke dieser Geschichte stammt von Ali, dem Postmann. Um diesen auszusprechen, wird Ali ganz ernst und zieht sein breites Lächeln mit dem leichten Überbiss so weit zurück, dass man gar nicht weiss, wo es eigentlich hin ist. Bald wirft er aber wieder grinsend Gratisbroschüren von Einkaufen Aktuell in die metallenen Briefkästen der Praunheimer Strasse Frankfurts. Ein wenig heruntergebeugt bei dieser Arbeit, denn Ali ist ein ungemein langer und sehr schlaksiger 28-Jähriger. In der funktional anliegenden Uniform der Deutschen Post sieht er sogar noch hagerer aus. Nur die beige Wollmütze, die Ali von seinen Eltern aus Marokko für den hiesigen Winter mitbekommen hat, die ist unapologetisch dick. Ali fastet regelmässig. Weil ein guter Muslim das eben tue. Um die Willensstärke, die hohen Entsagungsmuskeln zu festigen. Und noch mehr, um sich selbst zu vergegenwärtigen, wie es den Menschen geht, die wirklich hungern und nichts am Leib haben.

«Vielleicht spendet man danach das beim Fasten gesparte Geld sogar an die Armen», sagt Ali. Und liefert anschliessend ein Paket aus, auf dem neben dem Bild eines beseelt hechelnden goldenen Retrievers geschrieben steht: «Ihr Hundenapf-Upgrade».

Selbst ist Ali in bescheidenen Verhältnissen auf einem Bauernhof in der Nähe Casablancas gross geworden. Wo er mit zwölf Jahren anfing, richtig auf dem Feld zu arbeiten und Walnüsse anzubauen. Und seine Cola-Flaschen nie ganz austrank, damit das nachgefüllte Wasser noch eine Weile den süssen Beigeschmack behielt. «Manche Menschen kaufen sich jahrelang nichts Neues in Marokko. Und wenn man bei uns heiraten will, muss der Mann einen ganzen Haushalt bestellen. Teller, Regale, Kleider, Computer, sonst gibt es keine Hochzeit. Hier steht das alles einfach umsonst auf der Strasse.»

Was uns zurück zu Alis unwahrscheinlich schönem Gedanken bringt. Befragt, was er von all den Kartons vor den deutschen Haustüren denkt, auf denen «zu verschenken» geschrieben steht. Wo en passant so ziemlich alles von Tellern, Regalen, Kleidern bis zu Computern zu finden ist. Einfach so, von jedermann für jedermann. Über die letzten zwei Jahre, so lange trägt Ali schon Post aus, um sein Medizintechnikstudium zu finanzieren, muss er doch Hunderte solcher Kisten gesehen haben. Die meisten von uns messen diesem Kram nicht allzu viel Bedeutung bei, ein wenig halbherzig darin umherstöbern, geht, ja. Auf diese Weise misten die Leute eben aus, und manchmal ist ein netter Pulli dabei. Die etwas Scharfsozialeren unter uns lassen vielleicht noch anklingen, dass das eine als Grosszügigkeit getarnte Faulpelzerei sei, um den sachgemässen Gang zur Sperrmülldeponie zu umgehen.

Nicht so Ali: «Oh ja, von diesen Kartons sehe ich viele. Vielleicht versuchen die Menschen hier, so ihre Anonymität zu überwinden. Ich habe das Gefühl, die Deutschen haben grosse Probleme damit, wie sagt man, sich zu verbinden. Manchmal kennen sich nicht mal die Nachbarn in Mehrfamilienhäusern. Und nehmen die Pakete füreinander nicht an. Wenn man zum Beispiel in Marokko etwas zu verschenken hat, bringt man es persönlich zu einer Familie in der Nachbarschaft, die man gut kennt. Aber hier haben die Leute vielleicht Angst, dass ihre Nachbarn das Geschenk ablehnen oder es ihnen nicht gefällt. Also stellen sie es lieber auf die Strasse und hoffen, dass es jemand sieht.»

Mal angenommen, Ali der Postmann hat die Wahrheit eingeworfen. Und die ausgestellten Dinge sind tatsächlich mehr als eine bequeme, graduell scheinheilige Art zu entrümpeln – liesse sich die Stadt dann an ihren Geschenkkisten kennenlernen? Erkennen, verstehen, charakterlich dingfest machen? Gibt es eine kollektive Kartonkommunikation? Was geben die Menschen wirklich von sich, von ihren Heimen aus? Was sind die Codes? Unterscheiden sich die Viertel in ihren Gassengaben? Wie? Ausgerechnet in Frankfurt, der kapitalistischen Hauptstadt Deutschlands mit Börse und Banken im Zentrum. Zudem in diesen Zeiten, da sich das Leben gezwungenermassen im Haus hält. Während eine historische Rezession lauert, sobald der Staat nicht mehr für unzählige Lockdown-Schliessungen zahlt. Und was ist überhaupt mit denen, die zugreifen? Wer sind sie? Was wollen die wirklich? Sich im ganz verpackungswörtlichen Sinne durchboxen, oder doch mehr?

 

Es ist ein bedenklich frühlingshafter, beinahe malerischer, um nicht zu sagen goldener, wenn auch pandemisch angespannter, also alles in allem gewöhnlicher Samstag im frühen November 2020. Und in Bockenheim, dem vielleicht sozial durchmischtesten Viertel Frankfurts, sind die Leute umtriebig. Vor dem Zalando-Store in der Leipziger Strasse, der Einkaufsmeile, stehen sie Schlange. Keine zweihundert Meter weiter schlängelt sich ein Schriftzug entlang des linken Gemeinschaftshauses ExZess, der die Zerschlagung des globalen Kapitalismus fordert (gegenüber kann man für elf Euro tibetische Maultaschen mit hessischem Spinat erwerben). Die Wahrscheinlichkeiten, in diesem Stadtteil eine junge Marketingmanagerin, einen bosnischen Boxer oder einen altlinken Professor anzutreffen, sind relativ gleich verteilt. Ein Gros der Wohnhäuser sind ordentlich gepflegte Altbauten. So auch der beige verwitterte Fünfgeschosser in der Juliusstrasse. An manchen seiner Balkone blühen reihenweise Blumen, an anderen berstet Rost. Ganz oben sieht es nach Lofts und sogar einer beachtlichen Terrasse aus. Zu allen Einkommensetagen in diesem Gebilde führt jedenfalls eine albern kleine Haustür, vor der ein grosser Karton mit zu Verschenkendem wartet. Darin ein kaum benutzter violett-blauer Regenschirm mit Blumenmuster, Kleiderbügel, Kerzenständer, alte Holzbilderrahmen, noch original verpacktes Krepppapier, Keksdosen, vor allem aber Geschirr und Bücher. Eine recht generische Auswahl wäre das, wollte man laut Alis These urbane Anonymität überwinden. Andererseits sieht das vierteilige Teeservice der Marke Thomas Bavaria makellos aus. Laut Internet ist es sogar antik und irgendwas zwischen vierzig und hundert Euro wert. Die Bücher (Tolstoi, Kehlmann, Karl May und Die besten Pferdegeschichten) scheinen bis jetzt ein gutsituiertes Dasein geführt zu haben. Ein wenig situationskomisch, dass ganz oben im Geschenkkarton Washington Irvings Polemik über die beraubten Ureinwohner Amerikas liegt: «Welches Recht hatten die ersten Entdecker von Amerika, ein Land in Besitz zu nehmen, ohne die Bewohner um Erlaubnis zu fragen oder sie für den Verlust in angemessener Form zu entschädigen? Ein Punkt, der äusserst schwer zu erklären und für viele freundliche Leute höchst beunruhigend ist.»

Etwas beunruhigt scheint auch die Frau mit den zwei klirrenden weissen Stoffbeuteln über der Schulter und dem osteuropäischen Akzent, die die Holzrahmen einsteckt. Ganz beiläufig beim Telefonieren. Spricht man sie in diesem Moment auf ihre Anschaffung an, will sie die Rahmen reflexartig zurücklegen. Und statt eines Interviews beginnt die Rückversicherung, ihr die Rahmen nicht streitig machen zu wollen.

Die Dame von etwa fünfzig Jahren in Jogginghose, sehr schlecht gefälschten pink Fila-Turnschuhen und grossen Ohrringen ist da schon deutlich beschaffungsbewusster. Schnell und entschieden greift sie sich Schirm, Teeservice und Keksdose. Eine Sache von dreissig Sekunden. Auch ihre intrinsische Motivation wirkt erfrischend bündig: «Ich habe diese Dinge genommen, weil ich sie brauche. Schauen Sie, hier mache ich schöne Kekse rein.» Sie öffnet die Keksdose, und plötzlich scheint diese tatsächlich nicht länger wie hingeworfenes Blech, sondern wie die Quadratur der Heimeligkeit. «Und das Service ist antik.»

«Warum, glauben Sie, stellen die Leute antikes Geschirr auf die Strasse?»

«Weil sie es nicht mehr brauchen, das ist doch eine gute Sache, zu teilen.»

Eine kleine Frau, auch sie etwa beim halben verlebten Jahrhundert, in sehr schicken grünen Lederschuhen, schnappt sich das restliche Geschirr, das Krepppapier, einen Teddybären, der aus den Untiefen des Kartons auftaucht, und ein leicht zerfurchtes, mit Cadillacs bemaltes Deko-Bild. In spanischem Akzent erklärt sie: «Habe ich gerade keine Arbeit und bin glücklich, dass ich nicht kaufen muss. Schenke ich bald meine Tochter und ihre Kinder zu Weihnachten, sie weiss ja nicht, woher es kommt. Mache ich vorher alles picobello.» – «Sogar das löchrige Bild mit den Cadillacs?» – «Ja, male ich selber nach.»

Nach nicht mal zwei Stunden ist alles weg. Nur Karl May hat niemand von der Strasse aufgelesen.

Toll Ali, da haste uns allen mal schön soziromantischen Schnodder untergejubelt. Vielleicht solltest du weder als Postmann noch als Medizintechniker arbeiten, sondern für einen Handyanbieter anheuern. Und immer von Verbindung zwischen den Menschen faseln, wenn du einen überteuerten Vertrag verhökern willst. Hörst du, was die Frauen sagen? Merkst du, wie einfach und pragmatisch alles in Wahrheit ist? Leute wollen ständig Zeug. Und dann wollen sie eben anderes Zeug. Und das Zeug, was sie nicht mehr wollen, hauen sie halt raus. Andere Leute nehmen das Zeug dann, bis sie auch wieder irgendwie anderes, neues Zeug haben wollen. Gut, den Mann mit den zwei zappelnden Töchterchen an der Hand, der jetzt beim Karton stehen geblieben ist, den schauen wir uns noch an, rein fürs Protokoll.

Der doppelte Vater angelt eine mit süssen Seepferdchen bemalte Schachtel, in der man Spielzeug verstauen kann. Und das Töchterchen nickt (die zweite langweilte sich und ist schon weitergeprescht). Wobei er in diesem Moment nochmal die Hand eintaucht, kleine Kommodengriffe herausholt und in die Schachtel legt. Eigentlich ganz hübsche Griffe, jetzt, da sie nicht mehr im Dreck dümpeln, sondern behutsam vom neuen Besitzer umgebettet wurden. «Eigentlich ganz hübsche Griffe», gibt man also laut zu. Wonach der Mann einen skeptisch anschaut, wie ein erfahrener Arzt, dem der Patient weismachen will, ihm gehe es schon viel, viel besser. Dann antwortet er mit rollendem R und müden Augen die unter leicht angegrauten Brauen wandern: «Schauen Sie, meine Frau und ich leben schon seit vielen Jahren in Bockenheim. Wir nehmen und geben in der Nachbarschaft. Wir haben zum Beispiel einige Möbel vom Sperrmüll. Und ich sage Ihnen, die sind mir viel lieber als alles Neugekaufte. Die Sachen, die man findet, die haben meist kleine Mängel. Da muss man noch selbst Handlungen reinstecken. Deshalb gehen einem diese Dinge dann schneller ans Herz, ausserdem haben sie eine ganz eigene Energie. Kein Ikea-Teil der Welt bietet so etwas.»

Wenn man es nicht besser wüsste, müsste man sagen, dass genau diese Haltung einen Wunsch nach mehr Verbindung zeigt. Die dezidierte Abwendung vom anonymen Massenkonsum ringsherum. Also gar nicht so sehr im Ali-dem-postmännischen Sinne auf die Anonymität der Menschen untereinander bezogen. Sondern auf die Austauschbarkeit vieler Konsumgüter. Oder auf die eigene Austauschbarkeit als anonymer Konsument. Denn auch wenn Unternehmen im Verlauf der Kaufabwicklung ein Maximum an persönlichen Daten abschöpfen wollen, austauschbar und somit auf eine tiefere Art unerkannt bleibt man ja doch, Big-Data-anonym. Was uns gehört, soll aber Persönlichkeit haben. Und die Persönlichkeit unserer Dinge soll uns gehören. Unsere Persönlichkeit gehört unbedingt uns. Irgendwie so vielleicht?

Klar ist jedenfalls: Nach diesen ersten Überlegungen müssten Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich für Ihren rüden Ton gegenüber Ali entschuldigen! Ebenso Ihre Conclusio-Gier etwas zügeln und weitere Beispiele abwarten. Von denen es in den Gassen Bockenheims täglich diverse gibt. Badeentchen und LED-Blaustrahler in grünen Obstkörben, original eingeschweisste Tocotronic-CDs auf Stromkästen, Monopolybretter in Amazon-Kartons (oh, the irony!). Eine Tragetasche für Boule-Kugeln und türkische Kaffeekannen auf Fensterbrettern, Designerstühle mit ergonomisch flexiblem Lederrücken neben einer Parkbank, verführerisch rote Abendkleider beim Vorsprung eines grauen Neubaus (für die am häufigsten Frauen mit einem Kinderwagen anhalten), ganze VHS-Videotheken wie zeitgeschichtliche Kotze auf dem Pflasterstein verteilt. Und Schuhe aller Art. High Heels, Cowboystiefel, Joggingschuhe, Wanderschuhe, Reiterstiefel, Fussballschuhe, Fahrradschuhe mit Spikes, sogar Schlittschuhe, auf deren Sohle noch die Initialen M.T. geschrieben stehen.

Wenn wir schon bei Codes sind: Ein wenig sind die Kommunizierer hinter den Kartons daran zu erkennen. Unfreiwillig, anhand von Kleinigkeiten. Manche schreiben nichts, andere notieren schlicht «zu verschenken». Wieder welche setzen ein Ausrufezeichen. Oder ein Ausrufezeichen, dessen unterer Teil ein Herz ist. Unterstreichen das «zu verschenken» doppelt, setzen ein Ausrufe-Herzzeichen dahinter und ein Smiley. Die in kleinen Ausschlägen Grossherzigen teilen mit: «Bücher sind zur Mitnahme. Kiste stehen lassen!»

Die Sorgsamen kleben nochmal einen extra geschriebenen Zettel an den Karton. Die Supra-Sorgsamen kleben einen Zettel an den Karton und schreiben in mehreren Sprachen, dass dies zu verschenken sei. Und malen zur Sicherheit noch eine Sternschnuppe an den oberen Rand ihrer Notiz. Was sind die Menschen doch gleich, was sind die Menschen doch verschieden.

Ach, gingen Sie mit durch die Gassen, würde der Sharp-Fernseher vor dem himmelblauen Haus sich auch in Ihr Herz einschalten. Zwischen gleich drei Kommunikationskartons, einer ausgetrunkenen Champagnerflasche und der gerahmten Collage einer nackten Frau (deren Hände durch kleine Pinguine ersetzt wurden) steht er. Klobig, grau, prähistorisch, die Bildröhre kaum grösser als ein Geschichtslexikon. Aus der Zeit, in einen blauen Müllsack gefallen, lugt er heraus. Und wie ein Empfehlungsschreiben für die Welt, in der er sich nun durchschlagen muss, hat man Sharpi auf den Kopf gelegt: «Fernseher ist nicht kaputt! Nur analog». Übersetzbar als: Er ist nicht nutzlos, nur alt.

1986 ist das Gerät in Japan produziert worden und kam mit Zulassungsnummer HH-8/86 Rö auf den deutschen Markt. Ausserdem mit der Zusicherung: «Die in diesem Gerät entstehende Röntgenstrahlung ist ausreichend abgeschirmt.» Auf der Werbebroschüre (im Medienmuseum zu finden) von vor 34 Jahren schwebt das Gerät am blauen Himmel, fast wie die Zukunft selbst: «Television – so haben Sie’s noch nie gesehen … dunkelgetönter Rechteckbildschirm und Infrarotfernbedienung … Bildschirmanzeige von Kanalnummern … 10 cm Lautsprecher … Sleeptimer.»

Jemandem wird dieses Gerät einst Luxus gewesen sein. Was hat Sharpi der Welt schon alles von der Welt gezeigt. Gorbatschow beim Bruderkuss, einen schwarzen, wunderschönen Michael Jackson, einstürzende Türme in New York. Nun landet Sharpi auf seine alten Tage in der Gosse. Die golden gefärbte Antenne liegt niedergeschlagen da wie ein Golden Retriever, den man getreten hat. Drei junge Frauen kommen auf Sharpi zu. «Da brauchst du nur einen Stick dranzustecken, dann hast du einen Smart-TV.» Sie begutachten ihn noch eine Weile: «Nein, ich glaub, den kannst du nicht mehr smart machen.» Die Freundinnen kichern. «Wallah, aber als Retro ginge das doch voll klar!» Das Kichern verschwindet, und der Ernst möglicher Akkumulation kehrt noch einmal ein. Dann prusten sie doch wieder los und gehen weg. «Das alte Teil, ey!» Den ganzen Tag muss der Fernseher, der nicht kaputt ist, Spott von den Passanten ertragen. Viel mehr als die dumme Collage der nackten Frau mit Pinguinhänden. Und in der Nacht giesst es in Strömen. Also fährt man als Reporter am nächsten Morgen hin, um den analogen Leichnam zu inspizieren. Doch siehe da, Sharpi ist weg und irgendwo im Trocknen! In welchen Händen bist du nun wohl, alter Freund?

 

Aber genug von Bockenheim, Sie stampfen ja schon mit den Füssen, die Kartons der ganzen Stadt zu sehen. Jene im Westend beispielsweise, wo die Gebäude immer höher und glasiger und die Finanzgeschäfte darin immer undurchsichtiger werden. Manche Wohnhäuser scheinen so nah an den mächtig glänzenden Deutsche-Bank-Wolkenkratzern. Man könnte sich fast vorstellen, wie da ein Finanzfuchs sitzt und plötzlich auf einen aus der Dusche kommenden Popo starrt. Wichtig ist das, weil wir über Anonymität in den Vierteln sprechen. Und das Westend wirkt anonym. Es passt gar nicht recht zusammen. Hier ein Finance-Consulting in herrschaftlicher Villa, da ein Anwaltsbüro, Spielplatz, Jogger, Kiosk, chinesische Investmentfirma, Obdachloser, der sich die Schenkel auf der Parkbank warmreibt, Sternerestaurant, Rewe. Was hält die Leute hier zusammen ausser Häusern? In mehreren Suchläufen findet sich einmal ein abgestellter Katzenbaum. Und ein kleines brüchiges Holzgestell, vielleicht mal als Schuhregal verwendet. Mehr nicht.

Ebenso karg die Kartonkommunikation bei den Villenvierteln. In der Zeppelinallee und dem sogenannten Hohenzollerndistrikt steht einmal ein makellos weisser Fernsehtisch. Und keiner rührt ihn an. Weder scheint es plausibel, dass ausgerechnet die Bestverdienenden nichts Überflüssiges im Haus haben und nie ausrangieren müssen. Noch wäre es fair, ihnen zu unterstellen, dass sie zu geizig seien, um zu schenken. Wahrscheinlich ist es Nachbarschaftsscham. Bei den mittelmässigen Altbauten weiss keiner so genau, wer was rausgestellt hat. Ein schneller Schritt aus der Tür, und zack! ist es Allgemeingut. Bei den meisten Kartons wussten selbst die herauskommenden Bewohner nicht, wem die Sachen da gehören (oder sie haben diesen gutmütigen Reporter BELOGEN). Man geniesst eine gewisse Anonymität. Hier aber, vor dem eigenen grossen Grundstück mit Garten und Gitter, gibt es keine Geschenkgeheimnisse. Ausserdem dürfte keiner der Nachbarn sich die Blösse geben, den makellosen weissen Schrotttisch, den die hochnäsigen Richters nicht mehr wollen, vor aller Augen zu sich herüberzuschleppen. Wer ist man denn?

Auch beim Gallus ist eine soziale Schenkscheu zu spüren. Allerdings anders geschichtet. Denn das Gallusviertel ist ein sogenanntes Problemviertel. Wird es doch von den Rotlichtern des Frankfurter Hauptbahnhofs überschattet. Und ja, vor einigen Hauseingängen, wo als Geschenke verkappte Botschaften sein könnten, stehen grimmig rauchende Männer, die etwas weniger subtil kommunizieren. Oder am Eingang liegen schlicht Leute, für die die Gesellschaft angeblich ebenfalls keine Verwendung mehr hat. Schwierig auch, nach Stiefeln zu stöbern, wenn die Polizei Dealer an die Hausfassade presst und deren Taschen durchsucht. Und dennoch, auch im Gallus gibt es Gaben. Nichts Prächtiges, bisschen Geschirr, bisschen Spielzeug, Fernseher mit rissigen Kabeln (nicht so wie Sharpi). Aber besonders auffällig ist, dass die Kommunikationskartons hier nicht direkt bei der Tür stehen, sondern etwas weiter weg vom Haus, etliche Meter teilweise. Als wäre das Schenken hier eine soziale Schwäche, von der man sich distanzieren sollte. Oder eine Art Herausforderung an die Umwelt, wenn nicht sogar Provokation.

 

So richtig selbstbewusst, mannigfaltig und dicht ist die Kartonkommunikation erst wieder in Bornheim. Da wo es wieder kiezig, divers und liberal-studentisch wird. Ähnlich wie in Bockenheim. Wobei bei aller Vielfalt auch hier vor allem Bücher und Geschirr dominieren. Wahrscheinlich simplen Einsichten in die Notwendigkeit geschuldet. Aus wie vielen Tellern kann ein Mensch am Tag essen? Und wie lange Bücher lesen, bevor Instagram und Netflix einen ausloggen?

In Bornheim, an einem bestimmten Punkt, wird es fast zu viel der Kommunikation. Zwei Katzentoiletten und ein Fahrradschlauch darauf. Es gibt keine schöne Geschichte, die dazu führt, dass man zwei Katzentoiletten weggibt. Entweder die Tiere sind gestorben, oder jemand hat sich getrennt. Ein buntes Buch mit dem Titel Störtebeckers Beifang, in dem noch die Geburtstagskarte der Schwiegereltern beiliegt. «Das Büchlein soll dir eine Ablenkung von den ewigen Relativitätstheorien des A. Einstein sein. Deine Siglinde und Heine, Schwiegereltern in spe.» Wahrscheinlich sind die Schwiegereltern nie über das spe hinausgekommen. Das, oder der Empfänger hat erstaunlicherweise die Relativitätstheorien vollumfänglich verstanden. Klar, es kann auch alles ganz anders sein. Wo Kommunikation ist, da ist auch immer Missverständnis. Das weinrote Allzwecktaschenmesser «Trius – Nicaragua on the lake». Wie erklärt man einem Allzwecktaschenmesser, das noch voll funktioniert und seinen Zweck erfüllt, dass man es nicht mehr will? Dass es nicht mehr notwendig ist? Vielleicht folgendermassen: Es ist so, lieber Trius. Man sagt Notwendigkeit, weil die Not eben wendig ist. Dem einen wendet sie sich zu, und vom anderen wendet sie sich ab. Alles verändert sich stets, verstehst du? Und weil Trius nicht den Zweck hat, zu verstehen, ist es notwendig, ihn zu verschenken. An irgendjemanden, egal wen. Hauptsache, Trius, mit dem man ja seit Nicaragua gemeinsame Geschichte hat, wird vor dem anonymen Untergang in einem Müllhaufen bewahrt. Lachen Sie nicht, die Dinge haben auch Identität und Ansprüche! Die EU arbeitet gerade daran, das «Recht auf Reparatur» einzuführen. Ikea kauft beim Buy-Back-Freitag die Altgedienten wieder heim, und sogar das boomende Zalando will eine «pre-owned» Sektion für Gebrauchtes einführen.

Frankfurts Müllabfuhr, genauer ihr Pressesprecher, Stefan Röttele, hört sich die Erzählungen dieses Reports und die Postulate von Ali dem Postmann erstaunlich interessiert an. Besonders wenn man bedenkt, dass der Job der Müllabfuhr darin besteht, sich nicht dafür zu interessieren. Sondern schlicht und ergreifend alles vor den Türen zu beseitigen, was nicht regulär vor die Türen gehört. 2019 zählte die Stadt Frankfurt 4971 «illegale Müllanlagerungen». Und während Corona hätten diese nochmal gewaltig zugenommen, um etwa fünfzehn Prozent. «Die Menschen sind eben zu Hause, suchen nach Sinn und fangen an auszumisten. Das ist schon eine ganz schöne Belastung für unsere Betriebe.» Aber die kleinen Geschenkkartönchen und Schlittschuhe? Die doch nicht. «Sie dürfen nicht vergessen, wenn da erstmal etwas abgestellt ist, fangen andere Leute damit an, auch Sachen dazuzustellen. Dann hat man ziemlich schnell eine wachsende, unkontrollierte Halde.» Aber alles bis auf Karl May ist doch ganz schnell vergriffen und vermittelt, müsste das die Müllabfuhr nicht eher entlasten? «Schauen Sie, wir sind ja auch für den Gedanken der Wiederverwertung. Aber wenn Sie Sachen verschenken wollen, wenn sie Ihnen noch am Herzen liegen, gibt es doch sinnvollere Wege, als diese einfach in die Strasse zu stellen. Wertstoffhöfe, das Rote Kreuz, Kleinanzeigen.» 

 

Übrigens, Sie haben thesenverblendet völlig vergessen, Ali zu fragen, was er sich eigentlich in all der Zeit aus den Kartons genommen hat. Was sprang aus der Anonymität in seine Arme? Ali ist gerade bei der Arbeit und unterschreibt einen Brief vom Gericht. Solche amtlichen Schreiben muss er signieren und zusätzlich die Uhrzeit der Zustellung vermerken. Ansonsten achte er nicht besonders darauf, wem er was bringe. Was nicht heisst, dass er das nicht gern genauer abrufen könnte. «Andere Postmänner wissen, wer ungefähr was kriegt, und dann geht das Einwerfen auch immer ganz schnell.» Während Ali das sagt, stellt jemand aus dem Haus Töpfe zum Mitnehmen aufs Fensterbrett. «Ich selbst habe schon Sportschuhe gefunden. Manche auch im Internet weiterverkauft. Und einen Topf. Aber der war dann doch zu gross für mich, also habe ich ihn im Studentenheim weiterverschenkt. Einen, wie heisst das, Bürostuhl habe ich mir genommen. Und einen Korb.» – «Einen Korb?» – «Ja, so einen geflochtenen. Das sah wie Handarbeit aus, fast wie die in Marokko. Das hat mich an zu Hause erinnert.» – «Und was liegt nun in diesem Korb?» – «Meine Einkaufsbeutel.»

Nach einigen Wochen Suche, das Erkenntnisauge auf Kommunikationskartons getrimmt, läuft man an der Goethe-Universität vorbei. Beziehungsweise dem gammlig-quadratischen Mensabau aus den siebziger Jahren. Und kann nicht umhin, reflexhaft bei den Dutzenden Kartons des Gebrauchtbücherhändlers stehen zu bleiben. Bananas from Panama steht darauf, und drin liegt so ziemlich alle festgehaltene Weisheit der Menschheit für einen Euro pro Buch. Eigentlich auch fast geschenkt. Peter, der alte Mann, der diese Bücher hier seit dreissig Jahren verkauft, bekommt sie ja selbst geschenkt. Von Antiquariatsbuchhandlungen, die sich auflösen. Peter sieht aus wie einer, der Glück und Unglück gut kennt und mit beiden nur noch am Rande zu tun hat. Fragt man ihn nach einem bestimmten Buch, das er gerade nicht hat, antwortet er: «Vielleicht kommt es bald. Glück muss man haben.» Wobei klar herausklingt, dass diese Worte mehr als das Buch beschreiben. Neben Peter steht ein unverständliche Laute hereinrufender Mann, mit einer Bierdose in den frierenden Händen. Er schmarotzt Peter um Geld an, wenigstens einen Fünfer, nächste Woche kriegt er’s doch wieder. Aber Peter zischt lautlos, mit seinem Mittelfinger messerscharf auf den Bettler zeigend: «Nein! Du hast mich letztes Mal verarscht!» Und als der Mann realisiert, dass Peter ihm wirklich nichts geben wird, ext er die Büchse, dreht sich zornig um und beschliesst abzuziehen. Sich seinen roten Rucksack aufsetzend, der fast leer zu sein scheint und doch ausgeleiert bis zum Gesäss durchhängt. Er bückt sich und klemmt einen alten Fernseher zwischen Achsel und Hüfte. Sharpi! Hier steckst du also! Der grobe Bettler rüttelt an einem Tor, Sharpi ein wenig als Rammbock missbrauchend, aber es bleibt verschlossen. Nur wenige Meter weiter wird Sharpi schliesslich gegen einen Kleidercontainer vom Roten Kreuz geschmettert, und sein Besitzer will ohne ihn weiter. «Was ist denn mit Ihrem Fernseher?» – «Brauche ich nicht mehr. Kannst du haben. Funktioniert noch.»

 

 


Kaufrausch

Warum konsumieren wir immer neues Zeug, obwohl wir längst mehr haben als genug? Nämlich rund 10 000 Dinge (so viel besitzt jeder Europäer im Schnitt). In den meisten Fällen kaufen wir nicht etwa, um uns glücklicher zu fühlen, sondern um etwas Bestimmtes zu erreichen, sagt der Konsumforscher und Historiker Frank Trentmann von der University of London. Die Güter, die wir kaufen, sollen identitätsstiftend sein: Sie sollen unserer Persönlichkeit und damit unserer Individualität Ausdruck verleihen.

Und weil die moderne Gesellschaft vom Menschen Flexibilität fordert, befindet sich jeder Einzelne im stetigen Wandel. Um diese Veränderung nach aussen zu kommunizieren und sichtbar zu machen, benutzen wir Dinge, so Trentmann.

 

Ordnungsfimmel

Weil man das ganze angehäufte Zeug irgendwie unterbringen muss, wird dem modernen Konsumenten gleich die richtige Erziehung an die Hand gegeben. Netflix wäre nicht so erfolgreich, wenn es die Bedürfnisse seiner User nicht erkennen würde, bevor sie es selbst tun. Und so läuft auf dem Internetportal seit dem vergangenen Jahr die Sendung The Home Edit: Jetzt wird aufgeräumt!: Ein Frauen-Duo besucht diverse Hollywood-Stars, um deren Kleiderschränke und Kommoden professionell zu ordnen. Am Bildschirm lässt sich dann verfolgen, wie die Damen alles nach einem strikten Farbsystem sortieren und sich dabei so sehr freuen, als ginge es um einen höheren Sinn. Aber vielleicht geht es darum ja tatsächlich: in einer Welt, die immer unübersichtlicher und schneller wird, wenigstens zu Hause etwas Ordnung zu schaffen – und damit zumindest die Illusion von Übersichtlichkeit.

 

Autor

Wie unter all den Kartons auswählen, welcher der vielen Gegenstände darin eine erzählenswerte Geschichte hat? Dmitrij Kapitelman stand genau vor dieser Herausforderung. «Ich hatte zu Beginn der Recherche Angst, dass es beliebig werden könnte. Ich musste meinen Reporter-Zoom viel krasser schärfen als bei anderen Geschichten», sagt er. Irgendwann griff Kapitelman schliesslich selbst zu. Und sicherte sich einen abgestellten Stuhl, den er auf seinem Rad in sein Büro transportierte. «Er hat ein Lederpolster, geschwungene, eiserne Beine und einen Rücken aus dunklem Holz. Ein gut erhaltenes Stück», sagt der Autor. «Es ist der beste Stuhl, den ich jemals hatte. Auf so einem kann man Verträge unterschreiben.»

 

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Reportagen#40 — Jerusalem-Syndrom

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