Glück aus dem Karton

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Schatz oder Schrott: Auf den Strassen vieler Grossstädte gibt es etwas «zu verschenken»

Dmitrij Kapitelman

Zugegeben, der soziologisch schillerndste Gedanke dieser Geschichte stammt von Ali, dem Postmann. Um diesen auszusprechen, wird Ali ganz ernst und zieht sein breites Lächeln mit dem leichten Überbiss so weit zurück, dass man gar nicht weiss, wo es eigentlich hin ist. Bald wirft er aber wieder grinsend Gratisbroschüren von Einkaufen Aktuell in die metallenen Briefkästen der Praunheimer Strasse Frankfurts. Ein wenig heruntergebeugt bei dieser Arbeit, denn Ali ist ein ungemein langer und sehr schlaksiger 28-Jähriger. In der funktional anliegenden Uniform der Deutschen Post sieht er sogar noch hagerer aus. Nur die beige Wollmütze, die Ali von seinen Eltern aus Marokko für den hiesigen Winter mitbekommen hat, die ist unapologetisch dick. Ali fastet regelmässig. Weil ein guter Muslim das eben tue. Um die Willensstärke, die hohen Entsagungsmuskeln zu festigen. Und noch mehr, um sich selbst zu vergegenwärtigen, wie es den Menschen geht, die wirklich hungern und nichts am Leib haben.

«Vielleicht spendet man danach das beim Fasten gesparte Geld sogar an die Armen», sagt Ali. Und liefert anschliessend ein Paket aus, auf dem neben dem Bild eines beseelt hechelnden goldenen Retrievers geschrieben steht: «Ihr Hundenapf-Upgrade».

Selbst ist Ali in bescheidenen Verhältnissen auf einem Bauernhof in der Nähe Casablancas gross geworden. Wo er mit zwölf Jahren anfing, richtig auf dem Feld zu arbeiten und Walnüsse anzubauen. Und seine Cola-Flaschen nie ganz austrank, damit das nachgefüllte Wasser noch eine Weile den süssen Beigeschmack behielt. «Manche Menschen kaufen sich jahrelang nichts Neues in Marokko. Und wenn man bei uns heiraten will, muss der Mann einen ganzen Haushalt bestellen. Teller, Regale, Kleider, Computer, sonst gibt es keine Hochzeit. Hier steht das alles einfach umsonst auf der Strasse.»

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