Goldgrube Tante Heidi

Duschstuhl und Notfallknopf in der Hightech-Wohnung: Das Geschäft mit den Alten blüht.

Claude Fankhauser

Als ich in diesem «Fachgeschäft für Hilfsmittel» stand, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig alt. Ich bin zwar deutlich über der Teenager-Grenze, und mir ist durchaus bewusst, dass ich mich bezüglich meiner noch zu erwartenden Lebensjahre eher auf der halb leeren denn auf der halb vollen Seite des Glases befinde. Trotzdem spürte ich hier den Geist der Gebrechlichkeit, der mir in Farben irgendwo zwischen kreischender Coolness und Pflegeabteilung nur eines zuzuflüstern schien: Bald bist auch du dran. Der Verkäufer trug das Seine zu diesem Eindruck bei. Er war im Kontrast zu uns Kunden jung, beflissen, freundlich und gewöhnt daran, langsam und deutlich zu artikulieren. Und zwischen all den Produkten, deren phantasievolle Namen mehr schlecht als recht kodifizierten, dass es hier ernst zugeht (als Beispiel sei die Marke «Attends» für Windeln genannt), begann es auf einmal in mir zu zwicken. Der Rücken. Die Blase. Die Beine. Oje

 

Schon nur der Name. Mit «Fachgeschäft» soll wahrscheinlich vermittelt werden, dass man sich hier in professionellen Händen befindet. Und es soll mutmasslich übertünchen, dass die Hilfe, welche die verkauften Mittel zu leisten imstande sind, nicht nur eine simple Erleichterung oder gar Erweiterung des Lebens darstellen, sondern in erster Linie den Abbauprozess, der jeden Tag in uns stattfindet, möglichst überlisten sollen. Vom simplen Gehstock über den Rollator bis zum vollständig elektrisch motorisierten Gefährt mit abnehmbarem Plastikdach wird hier alles verkauft, was es uns ermöglicht, trotz Schmerzen und Koordinationsproblemen am Leben teilzunehmen. So sagt es wenigstens die Werbung, wobei in dieser auf Worte wie Schmerzen oder Probleme tunlichst verzichtet wird. Liest man die Broschüren der Hersteller, hat man den Eindruck, man erwerbe nicht einen elektrisch betriebenen Rollstuhl mit Wetterschutz, sondern einen stylischen AHV-Ferrari für den ergrauten Hipster. Und wenn man das Preisetikett anschaut, erst recht.
Der Grund, warum ich in diesem Fachgeschäft auftauchte, war Tante Heidi. Nach mehreren Stürzen war es auch für sie nicht mehr zu leugnen, dass nun etwas geschehen musste. Die steile Treppe in ihrer Maisonette-Wohnung stellte eine Belastung für sie dar, da sie sich nicht mehr traute, das vermaledeite Ding hinunterzusteigen und selbst einkaufen zu gehen. Sie ging nicht mehr zum Kaffeeklatsch raus und versauerte nach und nach vor dem Fernseher. Doch auch für mich als Angehörigen war die Situation schwierig: Jeder Telefonanruf von einer unbekannten Nummer war ein potenzielles Drama, möglicherweise eine Krankenschwester oder Nachbarin, die melden würde, dass Tante Heidi wieder gestürzt sei. Dass wieder ein paar Knochen gebrochen seien. Dass schon wieder das gesamte Karussell von Arzt, Reha und Physiotherapie anlaufen würde. Mit unklarem, weil unvorhersehbarem Ausgang.
Das letzte Mal hatte es sie besonders hart getroffen. Während eines Besuchs bei ihrer Tochter fiel sie in Ohnmacht. Dummerweise stand sie oben an einer Steintreppe, als es passierte, was bedeutete, dass sie rund 30 Treppenstufen kopfvoran hinabschlitterte, bis sie zum Stillstand kam. Ein Arm und ein paar Rippen gebrochen, eine leichte Gehirnerschütterung und ein Gesicht, als habe sie nicht gegen einen, sondern gegen beide Klitschko-Brüder gekämpft. Dazu kamen ein paar gelockerte Zähne und eine Embolie am linken Auge. Viel schlimmer aber war, dass sie sich nun zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie nicht nur alt wurde, sondern alt war. Plötzlich erkannte sie, dass sie ihre Wohnung, die sie seit 40 Jahren bewohnte, würde verlassen müssen. Und dass jetzt der Prozess, an dessen Ende Schläuche, traurige Gesichter und der Geruch von Desinfektionsmitteln standen, angestossen worden war.
In besagtem Fachgeschäft für Hilfsmittel stand ich nun also, um einen Stuhl zu kaufen. Einen Duschstuhl, genau genommen. Duschstühle gibt es in unterschiedlichsten Varianten. Egal, ob fix montiert oder in der Reiseausführung, mit oder ohne «Hygiene-Aussparung», in Alu oder Plastik: Ihre erratische Präsenz versprach, dass ich auch dann noch meiner täglichen Körperpflege würde nachkommen können, wenn ich ansonsten weitgehend immobil wäre. Und das hat, selbstverständlich, auch seinen Preis: 248 Franken für den Stuhl, den sich Tante Heidi ausgesucht hatte. Unverständlich, wie ein Massenprodukt derart viel kosten kann. Eine Frage, die ich mir angesichts der Preise für Sockenanziehhilfen, Medikamentendosierer und Anti-Schnarchkissen in den nächsten Wochen noch öfter gestellt habe.
In der Tat scheint eine Erklärung für die astronomischen Preise zu sein, dass die Versicherungen einen Teil der Kosten von Hilfsmitteln übernehmen. Analog dem Hörgerätemarkt gibt es zwar etliche Hersteller, aber kaum Anreize, die Kosten tief zu halten. Da in der Schweiz den Patienten Pauschalbeträge vergütet werden, haben die Hersteller bei der Preisgestaltung freie Hand, was mit erklärt, warum in der Schweiz dasselbe Hörgerät doppelt so teuer ist wie in Deutschland. Länder wie Norwegen machen vor, wie es auch geht: Dort werden die Hörgeräte in einem wettbewerblichen Verfahren vom Staat eingekauft, was entsprechende Rabatte ermöglicht. Ob dies in absehbarer Zeit auch in der Schweiz möglich sein wird, bleibt fraglich, immerhin gilt hier, immer unter dem Glaubenssatz der Kostenersparnis, das Prinzip des freien Marktes im Gesundheitswesen. Wer auch immer wie spart in diesem System: Tante Heidis Duschstuhl betrifft es nicht.
Wir werden nicht nur immer mehr Menschen, wir werden auch immer älter. Lag die Lebenserwartung in der Schweiz im Jahr 1900 noch bei 46 Jahren für Männer (Frauen leben im Schnitt ein paar Jahre länger), liegt sie heute bei 82 – Tendenz steigend. Man rechnet damit, dass es bis in 50 Jahren rund eine Million Menschen mehr in der Schweiz geben wird, die über 64 Jahre alt sind. Das sind doppelt so viele wie heute. Doppelt so viele Menschen, die auf die Spitex angewiesen sein werden. Doppelt so viele Menschen, die Hightech-Medizin benötigen werden. Doppelt so viele Menschen, die sich Alterswohnungen suchen werden. Und dieses Signal versteht der Markt. Gerade dem Bereich Geriatrie werden, mit Blick auf demografische Entwicklungen, höchste Wachs- tumsraten vorhergesagt. Entsprechend gilt die Entwicklung spezialisierter Medikamente, zum Beispiel gegen Alzheimer, als Goldgrube. Doch auch auf der Personalseite, zuverlässig der grösste Kostentreiber in der Schweiz, machen sich diese Entwicklungen bemerkbar. Bis ins Jahr 2030 werden wir, die Abgänge durch Pensionierungen mitgerechnet, zwischen 120 000 und 190 000 Stellen im Pflegebereich neu besetzen müssen. Vor wenigen Jahren ging das Bundesamt für Sozialversicherungen – hochgerechnet auf das Jahr 2050 – noch von rund der Hälfte aus.
Für Tante Heidi und auch für mich, der sie in dieser Zeit unterstützte, war klar, dass es noch zu früh fürs Altersheim war. Sie war trotz allen Blessuren noch ganz gut beieinander. Geistig sowieso, und an die körperlichen Einschränkungen konnte sie sich gewöhnen. Ich musste ihr zwar die Rüebli vorrüsten, weil sie den gebrochenen Arm nicht wirklich gebrauchen konnte, sie hatte aber noch immer Lust darauf, sich selbst das Abendessen zu kochen. Wir suchten deshalb eine Alterswohnung, deren primäres Merkmal darin bestand, nicht behindertengerecht zu wirken, aber sämtlichen Komfort zu bieten, den man sich als Mensch mit eingeschränktem Aktionsradius wünscht. Nicht betreutes Wohnen, sondern im Grunde genommen eine Einzimmerwohnung ohne Treppen und mit einem Notfallknopf. Entsprechend liessen wir uns von verschiedenen Institutionen Offerten kommen.
Und schlagartig wurden wir mit der dunklen Seite dieses Geschäfts konfrontiert und lernten: Sobald irgendwo das Wort Alter oder Senior auftaucht, kann man davon ausgehen, dass jetzt eine Art «Reise nach Jerusalem» gespielt wird. Es gibt eine bestimmte Anzahl Mitspieler und eine Anzahl Stühle, wobei die Anzahl Stühle der Anzahl Mitspieler minus eins entspricht. In der Realität ist die Zahl, die subtrahiert wird, natürlich um einiges höher, und es spielt auch keine Musik dazu. Aber jedes Mal, wenn man sich für einen Platz in einer altersorientierten Institution bewirbt, heisst das, dass man auf den möglichst baldigen Tod von jemandem spekuliert. Und man weiss auch genau, dass man nun quasi den letzten Akt der lebenslangen Wohnungssuche begonnen hat: Alterswohnung – Altersheim – Pflegeheim – Friedhof. Der Weg ist von nun an eingeschlagen – es gibt kein Zurück mehr.
Als die ersten Offerten eintrafen, schluckten wir erst ein paarmal leer. Wir hatten keine Ahnung, was für eine Klientel diese Institutionen im Fokus haben, es konnte aber unmöglich eine 75-jährige Frau sein, die, wie die Mehrzahl ihrer Generation, von der AHV und Ergänzungsleistungen lebt, total von rund 3000 Franken im Monat. Den Vogel abgeschossen hat eine Immobilienfirma, die in einer kürzlich erstellten Überbauung im Westen Berns Alterswohnungen anbietet. Kostenpunkt: 3500 Franken im Monat. Exklusive Heiz- und Nebenkosten. Und damit keine Missverständnisse auftauchen: Die Wohnung besteht aus einem Zimmer, einer Kochnische, einem Bad und einem Balkon. Es gibt keine vergoldeten Wasserhähne und kein Dienstpersonal, das servil die Gänge entlanghuscht. Die zwei einzigen Features, die nicht einer normalen Wohnung entsprechen, sind ein Notfallknopf, der ins nahe gelegene Altersheim leitet, und eine Haltestange im Bad.
Für Tante Heidi, die früher noch mit der Pferdekutsche und aufgebrezelt mit der Bernertracht zum Tanzboden fuhr, ist ein Notfallknopf bereits wahr gewordene Science-Fiction. Aber was wird sein, wenn ich einmal alt werde? Wie wird sie aussehen, die Alterswohnung der Zukunft, welche die Bedürfnisse und Gewohnheiten derjenigen Generation befriedigen soll, die mit Handy und Internet aufgewachsen ist? Antworten darauf gibt das iHome-Lab, ein Forschungszentrum der Hochschule Luzern. Hier steht das intelligente Haus, in dem das Wohnen der Zukunft geprobt wird. Der Leiter des Instituts, Professor Alexander Klapproth, erklärt mir auf dem Weg zum futuristischen Metallbau, dass alles, was ich in der nächsten Stunde sehen werde, bereits technisch machbar sei. Treten wir also ein in das Haus von morgen. Tante Heidi ist dabei in meinem Kopf omnipräsent, und ich stelle sie mir vor, wie sie sich in dieser an ein soeben gelandetes Raumschiff erinnernden Umgebung fühlen würde: verloren, fremd, fehl am Platz. Für mich sieht es aus wie in einem penibel aufgeräumten Computerraum mit Sofa-Ecke. Also eigentlich ganz gemütlich.
Professor Klapproth führt mich durch das intelligente Haus und beginnt mit dem Bereich Komfort. Hier geht es darum, uns das Leben noch bequemer zu gestalten. Die Bedienung der Stehlampen geschieht beispielsweise, indem man auf eine Lampe deutet und danach eine Geste ausführt, mit der man die Lampe nicht nur ein- und ausschalten, sondern auch dimmen kann. Bewegungserkennung lautet das Zauberwort, und egal, wo ich mich im Raum aufhalte, der unsichtbare Computer registriert meine Bewegungen und interpretiert sie entsprechend. Starte ich beispielsweise im Wohnzimmer auf dem Fernseher einen Film und entscheide mich kurz danach, lieber in die Küche zu gehen, folgt mir der Film: LISA registriert, dass ich mich in einem neuen Raum aufhalte, und schaltet das Filmsignal auf den dort installierten Bildschirm. Und wenn meine intelligente Waschmaschine merkt, dass der Waschgang fertig ist, werde ich mit einer Einblendung auf dem Bildschirm darauf aufmerksam gemacht. «Schön und gut», mäkelt Heidi in meinem Kopf, «aber wie soll ich der Lampe zuwinken, wenn ich meinen Arm noch nicht einmal bis zur Hüfte heben kann?» Ich muss ihr recht geben. Die Technik, die hier im Raum steht, geht offensichtlich davon aus, dass der Benutzer grundsätzlich voll funktionsfähig ist und nur im Ausnahmefall Unterstützung braucht. So ein Ausnahmefall wird im Bereich Sicherheit simuliert, wo anhand eines Show-Cases dargestellt wird, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren leben könnten. Hauptdarstellerin ist die hypothetische Anna Amelia Limacher, betagt, aber noch ganz fit, die allein in ihrer Wohnung lebt. Professor Klapproth demonstriert, wie Anna stolpert und am Boden liegen bleibt. Nach kurzer Latenzzeit reagiert LISA, der Hauscomputer, indem er Anna anzusprechen versucht. Da Anna keine Antwort gibt, schaltet LISA jetzt das Callcenter zu, das über eine Webcam und eine Freisprecheinrichtung in der Lage ist, die Situation vor Ort abzuklären. Schliesslich alarmiert das Callcenter, das selbstverständlich über die Krankenakte von Anna Limacher verfügt und über allfällige Allergien oder Medikationen im Bild ist, die Rettungsdienste. Diese werden von LISA erkannt; zuverlässig öffnet sie den Sanitätern – und niemand anderem – die Tür. Ende gut, alles gut; LISA hat ihre Aufgabe hervorragend gelöst.
Und ich muss zugeben: Ich bin fasziniert. Mir persönlich würde es nichts ausmachen, in einer Star-Trek-artigen Umgebung zu leben. Ich hätte auch nichts dagegen, mit Computern zu sprechen und deren Unzulänglichkeiten mit infantilem (beziehungsweise dann wohl senilem) Humor täglich neu auszutesten. Aber würde sich Tante Heidi in so einer Umgebung wirklich wohlfühlen? Sie, die sich bisher standhaft (und erfolgreich) geweigert hat, einen Computer anzuschaffen? Die partout nicht begreifen will, wie man auf ihrem Handy mit den fünflibergrossen Tasten eine SMS schreibt?
Im iHome-Lab entwickelt man nicht für Personen, die heute betagt sind, sondern für die Betagten von morgen – also mich. Diese Generation wird die technische Erfahrung haben, um sich in dieser Umgebung vertraut bewegen zu können. Für Professor Klapproth ist klar, dass der Nutzen im Vordergrund stehen muss, dann komme auch die Akzeptanz: «Wenn der Mensch als Störelement aufgefasst wird, dann ist das der falsche Ansatz. Wir müssen Technik entwickeln, die möglichst schon vor uns weiss, was wir wollen werden, um adäquat zu reagieren.» Dass solcher Komfort auch zulasten unserer Freiheit gehen kann, gibt Klapproth unumwunden zu: «Natürlich kann man es als fragwürdig ansehen, wenn ein Callcenter Zugriff auf meine Krankenakte bekommt. Andererseits kann es sein, dass ich an einem bestimmten Punkt meines Lebens dazu bereit bin, einen solchen Einschnitt in meine Freiheit zu akzeptieren.»
Aber: Wer soll das alles bezahlen? Ich sehe vor mir einen Berg elektronischer Gadgets, mehr Elektronik, als ich, der sich doch als eher technikaffin versteht, mir in meinem ganzen Leben angeschafft habe. Das Haus, in dem ich mich befinde, ist komplett vernetzt. Auf den Bildschirmen melden sich flotte Mitarbeiterinnen von Notfall-Callcentern, alle perfekt ausgerüstet und ausgebildet und vor allem: sofort verfügbar. Hier ist nicht vorgesehen, dass man im Falle eines Anrufs auf eine Warteschleife geleitet wird, beruhigende Musik im Hintergrund, «der Anruf kann zu Ausbildungszwecken aufgezeichnet werden», sondern hier muss reagiert werden. Unmittelbar und kompetent. Und das, bis in 50 Jahren, mit einer Million potenzieller Kunden mehr.
Ich verlasse das iHome-Lab und habe den Kopf gefüllt mit Visionen einer schönen neuen Zukunft. Doch die Realität holt mich schon bald ein. Ein Blick in die Medienmitteilungen der Branchenverbände zeigt, dass es bereits Berufe gibt, deren Sollbestand an Personal mit den neuen Lehrlingen nicht aufgefangen werden kann. Besonders deutlich zeigt sich das in Branchen wie der Informatik, wo wir schon heute einen eklatanten Fachkräftemangel feststellen. Laut Prognosen wird bis ins Jahr 2018 die Anzahl Schulabgänger um 7 Prozent zurückgehen. Diese fehlen dann im Callcenter, das sich um Notfälle von Senioren kümmert. Oder beim Pflegepersonal, das diese Senioren betreuen sollte. Oder bei den Programmierern, die mein Haus intelligent machen sollen. Angesichts der Situation auf dem Stellenmarkt stellt sich die Finanzierungsfrage erst recht. Heute kommen ungefähr vier 20- bis 64-Jährige für den Lebensunterhalt eines über 64-Jährigen auf. Im Jahr 2040 werden es gemäss der Universtität Zürich noch 2,2 Personen sein. Wir sind nicht auf dem Weg in die Demografie-Falle, wir stecken mittendrin.
Aber zurück zu Tante Heidi. Dank dem unermüdlichen Einsatz des Spitalsozialdienstes fanden wir schliesslich eine Wohnung für sie. Hübsch, zahlbar, nahe bei ihrem bisherigen Wohnort, und der Alarmknopf leitet in das gegenüberliegende Altersheim, wo mittlerweile der grösste Teil ihres Freundes- und Bekanntenkreises lebt. Anfangs gab es zahlreiche Bedenken seitens meiner Tante, und als sie in ihre neue Wohnung einzog, stand sie zuerst genauso verloren, fremd und einsam da, wie sie es wohl auch im iHome-Lab getan hätte. Die meisten ihrer alten Möbel waren weg, zusammen mit allem, was sich darin während eines Lebens an Erinnerungen angesammelt hatte. Sie vermisste die Aussicht aus ihrer Hochhaus-Wohnung. Sie hatte Angst davor, über eine Türschwelle zu stolpern. Der Kochherd war zu klein und der Kühlschrank zu gross. Diese Phase dauerte ungefähr einen Tag – nach der ersten Nacht am neuen Ort erkannte ich meine Tante nicht wieder.
Die vormals depressive Frau blüht seither auf, besorgt ihre Einkäufe selbst und trifft sich mit ehemaligen Klassenkameraden zum Kaffeeklatsch. Der Aussicht weint sie keine Träne mehr nach, weil sie nun, zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren, vom Bett aus die Vögel im Garten zwitschern hört. Wenn man sie anruft, ist sie kurz angebunden, weil sie «gerade auf dem Sprung» ist – was für mich die beste aller möglichen Nachrichten ist. Sie findet ihre neuen Möbel «apartig» und mag gar nicht mehr an all das «nutzlose Zeug» denken, das sie in den alten Schränken für wer weiss wen aufbewahrt hat. Zwar kann sie nicht so gut schlafen, weil ihr Nachbar offenbar immer bei voll aufgedrehtem Fernseher einschläft, andererseits spielt dieser Nachbar auch Schwyzerörgeli, «alte Lieder», zu denen sie gerne und laut mitsingt. Der Rollator, der vor wenigen Monaten noch ein Schreckgespenst war, ist heute «gäbig wie ne Moore», und auch mit den «Hundenäpfen» des Mahlzeitendienstes hat sie sich abgefunden.
Wenn ich Tante Heidi heute besuche, mag ich ihr dieses Aufblühen aus vollem Herzen gönnen. Sie hat es verdient, noch einmal aufzudrehen, das ihr verbleibende Leben zu geniessen und selbständig, selbstverantwortlich ihren Alltag zu bewältigen. Gleichzeitig, ich gebe es gerne zu, bin ich auch ein bisschen neidisch auf sie. Ich weiss mit grosser Sicherheit, dass sie wohl zu einem der letzten Jahrgänge gehört, denen so ein «geruhsamer Lebensabend» vergönnt ist. Denn die vier Kinder, die irgendwann einmal für mich aufkommen sollten, die meine Alterswohnung bauen und mir helfen sollten, wenn ich dereinst meine Socken nicht mehr selbst anziehen kann: Sie werden partout nicht geboren.

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