Googles Schlafstadt

Ein Programmierer, ein Obdachloser und eine Aktivistin zeigen ihr San Francisco. Wem gehört eine Stadt?

Florian Leu

Tony, Obdachloser

In seiner ersten Nacht auf der Strasse hatte er noch sein gestreiftes Schlafkissen dabei. Eine Obdachlose lachte ihn aus. In der zweiten Nacht ahmte er sie nach, zog seine Converse-Schuhe aus, faltete die Jacke, legte sie drauf. Im Juni 2011 wurde Tony Longshanks obdachlos, er war vierunddreissig Jahre alt. Doch er ging immer noch zur Arbeit bei Wells Fargo, der grössten Bank des Landes, er hatte da eine Stelle in einem Arbeitslosenprogramm bekommen, stand hinter dem Schalter, als ob nichts wäre. Seinen Besitz verstaute er in einem Lagerhaus, vor allem Hippiekleider. Wenn er im Schlafsack lag, las er immer wieder den Herrn der Ringe, die Stelle über die sprechenden Bäume weiss er heute noch auswendig. Er drückte sich Stöpsel in die Ohren, den Verkehrslärm hörte er aber auch so. Irgendwann half ihm das beim Einschlafen, graues Rauschen. Morgens weckten ihn die Lastwagen, die zwölf Meter weiter oben über die Autobahnbrücke fuhren. Die Pfeiler übertrugen die Schwingung auf den Betonsockel, auf dem Tony schlief. Oft dachte er, noch übernächtigt, als Erstes an ein Erdbeben. Meist war er verkatert, weil er am Abend eine Flasche Two-Buck-Chuck getrunken hatte, den Billigwein von Trader Joe’s. Immer schaute er, etwas ängstlich, gleich auf die Uhr. Um sieben mussten er und die anderen vom Parkplatz verschwunden sein, sonst würde der Besitzer die Polizei rufen. Tony stand jeden Morgen am Ort seiner Albträume auf, kam sich vor wie ein Zombie in einem noch nicht gedrehten Film, Die lebenden Toten von San Francisco. Er schlich zum Lagerhaus, wusch sich auf der Toilette, holte den Anzug aus dem Spind, hielt sich für einen Hochstapler, wenn er zur Bank im Financial District ging. Manchmal dachte Tony an Superman. Er war ein obdachloser Clark Kent geworden, der sich morgens in einen Bürger mit roter Krawatte und schwarzen Schuhen verwandelte. Tony, der Bankangestellte. Tony, der Journalist, der Hausbesetzer, der Stadtstreicher, der Sozialarbeiter, der Junkie, der Aktivist, der Träumer, der Schriftsteller, der Astronaut im amerikanischen Traum. Er spielte schon viele Rollen.

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Heute ist Tony achtunddreissig. Er riecht nach Wald und trägt ein paar Grashalme in seinem Haar. Diesen Winter verbrachte er zum ersten Mal unter freiem Himmel, draussen im Presidio. Seine Haut ist bleich, der Mantel dünn. Tony zieht ihn nie aus wie fast alle Obdachlosen, die vor den Cafés sitzen und schlummern, während die Leute neben ihnen in Macbooks schauen. In der einen Tasche des Mantels steckt ein Notizbuch, in seinem Rucksack trägt Tony ein Dutzend Ausgaben eines Magazins herum, das er schreibt, druckt und verteilt: SF Resistor. Es ist kostenlos und entwickelt einen Sog wie ein Tagebuch aus der Wildnis, kein Wort zu viel, jedes Komma am rechten Ort, jeder Fakt doppelt geprüft, San Francisco von unten. Hier leben mehr Leute auf der Strasse als sonstwo in Amerika, darum nennt man die Stadt auch Kapitale der Obdachlosen, sie sind die unteren Siebentausend. San Francisco hat einen Gini-Koeffizienten von 0,52. Nur in Atlanta ist die Ungleichheit so ausgeprägt wie hier. Ein Wert von null würde bedeuten, dass alle gleich viel haben. Ein Wert von eins hiesse, dass einer alles besitzt. Schweden hat einen Wert von 0,25. In Ruanda wird Vermögen eher geteilt als in San Francisco, dort liegt der Wert bei 0,51. Auf der einen Seite die Habenichtse wie Tony, auf der anderen die Besitzer der Softwarefirmen, nach denen Orte neu benannt werden: Aus dem San Francisco General Hospital wird Ende Jahr wegen einer Spende das Mark Zuckerberg Hospital. Der Fillmore District, lange ein afro­amerikanisches Viertel, taucht in Immobilienprospekten als Lower Pacific Heights auf, gewissermassen geschichtsneutral. Hunters Point Naval Shipyard, ebenfalls eine traditionell schwarze Nachbarschaft, wird nun als San Francisco Shipyard vermarktet. Dafür bekam Pacific Heights, ein Viertel für Reiche, von Leuten wie Tony den Übernamen Specific Heights. Die Gegend um die Market Street, wo Twitter sein Hauptquartier bezog und deswegen Steuererleichterung bekam, nennt er Twitterloin. Wenn er nachts umhertigert, sieht Tony manchmal die Aufräumarbeiten der Polizei. Wer neben der Market Street schläft, wird mit Wasser verscheucht.

Wenn es nach dem Wagniskapitalisten Peter Thiel geht, einem der Geldgeber aus dem Silicon Valley, wären Stadtstaaten auf dem Wasser bereits Wirklichkeit. Es ist die frontier im Pazifik, der Fluchtpunkt der Neoliberalen. Sie wollen aufs Meer, weg von den Regeln. Auf Plattformen Computer hochfahren, Talente ohne Visum einfliegen, keine Steuern zahlen. Apple zahlt schon heute keine Steuern in Kalifornien, sondern einen Bruchteil davon in Nevada. Würde die Halbinsel, auf der San Francisco liegt, bei San José vom Festland abbrechen und wegdriften, käme man dem Traum vom Seasteading recht nah: Die Stadt spiegelt die Demografie der Technologiefirmen, wo vor allem Weisse arbeiten, vor allem Männer, Junge, Kinderlose. Bei Google sind Schwarze und Latinos am ehesten für Aufgaben wie das Einlesen von Büchern zuständig – oft sind braune oder schwarze Finger auf den Scans zu sehen. In keiner amerikanischen Stadt leben weniger Kinder als in San Francisco. Dazu passt ein Angebot, das Firmen wie Facebook und Google ihren Mitarbeiterinnen machen. Sie können ihre Eizellen einfrieren lassen, erst die Karriere, dann der Nachwuchs, wenn überhaupt – man nennt das social freezing. Alte, Schwarze, Latinos können sich die Stadt kaum noch leisten, die Durchschnittsmiete liegt bei 3200 Dollar. Nirgends sind die USA so teuer.

Tony holt ein Heft aus dem Rucksack, Broke but Not Bored in SF. Darin findet er Anlässe, die kostenlos sind. Free Veggie Dinner Night, Free Standup Comedy Series, Free Yoga. Seit letztem Herbst gibt er sein Magazin heraus: eine Mischung aus Fundstücken, Reportagen, Hassartikeln, Auszügen seiner Autobiografie, von der ihm viele Seiten abhandengekommen sind, vergessen auf einer Parkbank, verloren auf einem Spaziergang. Als Extra legt Tony selbstgemalte Gutscheine bei, «30 Dollar weniger Busse, wenn Sie das nächste Mal beim Schwarzfahren erwischt werden». Das Heft erlaubt es ihm, Rollen zu spielen. Mal ist er Reiseführer und gibt Ratschläge für Orte, die nur wenige in der Stadt kennen, eine Waldlichtung im Corona Heights Park etwa, er nennt sie Nomad’s Land, wo man sonnenbaden kann, ohne behelligt zu werden. In der Nähe befindet sich das Randall Museum, wo Tony ab und zu am Treffen der Amateurastronomen teilnimmt und durchs Teleskop Galaxien anschaut – ein wenig kostenlose Unendlichkeit. Ein paar hundert Meter entfernt, im Golden Gate Park, übernachtete er eine Weile im Gebüsch. Dann häuften sich die Nachrichten von Leuten, die hier spurlos verschwanden. Tagelang suchte Tony nach Sean Sidi, einem Schuljungen mit Zahnspange, dessen Smartphone beim Stow Lake das letzte Signal gesendet hatte, wo Tony schlief und oft von der Polizei geweckt wurde, die jeweils um vier Uhr früh den Park nach Obdachlosen durchkämmt. Dashiell Hammett, Erfinder des hard-boiled Krimis, schickte den Detektiv Sam Spade durch die Unterwelt San Franciscos. Tony spielte Spades Wiedergänger, bloss auf Speed und mit einem Zelt statt eines verrauchten Büros. Eine Woche später brach er die Suche ab und zog in die Zeltstadt neben dem Regierungsgebäude, Tony als Rebell. Dabei wusste er nicht genau, was er unter «Occupy San Francisco» verstehen sollte. Er blieb zwei Monate, dann hielt er es nicht mehr aus wegen des Lärms. Er hatte viel über Hausbesetzer gehört, über die Leute der Organisation Homes Not Jails, über die dreissigtausend leerstehenden Wohnungen in der Stadt, Platz für achtzigtausend Leute – langsam wurde er zum Aktivisten. An der Capp Street besetzten er und ein paar andere ein Haus; weil die Wände verrusst waren, nannte er es Firehouse. Ständig zog er um, in zweieinhalb Jahren wohnte er in 43 Häusern, das entspricht etwa der Zeit, die Besetzer durchschnittlich an einem Ort verbringen: drei Wochen. Meist lebte er in Häusern, denen die Besetzer einen Namen gegeben hatten: The Old Man Museum, The Emperor’s New Penthouse, The Great Indoors. Tony liebte es, um leere Gebäude zu laufen, verfolgt von Polizisten und Sicherheitsleuten. Ohne es zu wollen, war er auf Recherche für ein Buch, auch wenn ihm die Notizen immer wieder davonflatterten. In Pacific Heights entdeckte er zwei viktorianische Häuser, beide vier Stockwerke hoch, beide leer, ohne Strom, ohne Wasser. Öffnete einen Schrank voller Pelzmäntel, trat in einen Ballsaal mit Spinnennetzen. In der Nacht stieg er mit einer Kerze in der Hand die Treppe hoch, Geister als einzige Mitbewohner. Schon als Teenager hatten ihm diese Häuser gefallen, der Film Mrs. Doubtfire spielt in der Gegend. Ein Cousin lebt hier, Tony sieht ihn selten, holt nur manchmal die Post bei ihm ab. «Wenn ich die Regeln befolgt und meine Ehrfurcht vor dem Eigentum anderer Leute behalten hätte, dann hätte ich nie hier gelebt. Nun hatte ich sogar zwei Häuser, und eine Aussicht.»

Manchmal ruft Tony seine Mutter an, die immer noch in Minnesota lebt und ihm meist erzählt, welchen Level sie in ihren Videospielen erreicht habe. Tony lebt zwar am Ort, wo die Spiele herkommen, er kann aber nicht mal ein Smartphone bedienen. Wenn er die Neuigkeiten hört, staunt er darüber. Beim Vietnamesen Essen bestellen, einen Klempner anheuern, Zahnpasta, Alkohol, Smoothies aus dem Reformhaus geliefert bekommen und dafür nur einen Finger rühren, das ist ihm alles entgangen. Während die Leute um ihn herum Labormäuse waren für die Apps, die in den Internetfirmen entwickelt werden. Die Nachrichten, etwa über weisse Polizisten, die schwarze Passanten erschiessen, schnappt er Monate später auf, wenn er zufällig in eine Demonstration gerät. Er sagt, dass er bald ein Amtrak-Ticket kaufen und aus der Stadt verschwinden werde, solange er noch einen Rest an Verstand habe. Er sagt auch, dass er das schon lange sage. Immer kommt etwas dazwischen, als hätte er sich in einem Netz verheddert. Er ist enttäuscht von San Francisco, hatte den Ort für die Heimat der Radikalen gehalten. Die Umweltbewegung nahm hier ihren Anfang, der Sommer der Liebe ging von hier aus, «if you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair».

Aus California Dreamin’ ist California Streamin’ geworden. Er müsse sich damit abfinden, sagt Tony, dass die Stadt austauschbar geworden sei. Er kann trotzdem noch nicht gehen. Am Ende könne man sowieso nur in der Phantasie wirklich fliehen. Seine Vorstellung vom Paradies ist ein Kino wie das Castro Theatre, ein Filmpalast aus den zwanziger Jahren. Er würde für immer in einem Sessel mit rotem Samtbezug versinken. Auf der Leinwand eine andere Welt und in den Händen, das wäre ihm wichtig, einen Becher warmen Popcorns.

Gerade hat Tony angefangen, für das Anti-Eviction Mapping Project zu arbeiten. Er will besser verstehen, was mit der Stadt geschieht. Seit einer Weile ist er nüchtern, manchmal meditiert er am Morgen, wenn er im Presidio aus seinem Zelt kommt, Sicht auf die Golden Gate. Alle paar Wochen gibt er sein Magazin heraus, kopiert es in der öffentlichen Bibliothek beim Regierungsgebäude. Vor ein paar Monaten fiel ihm auf, dass er seit Jahren dem Blick der Leute ausgewichen war. Jetzt schaut er ihnen wieder in die Augen, wenn auch scheu. Das Projekt, an dem er sich als Feldforscher beteiligt, war eine Idee der Anthropologiedoktorandin Erin McElroy. Sie versucht seit 2013, San Francisco in immer neuen, ungewöhnlichen Stadtkarten greifbar zu machen. Aber das ist nur ein Teil ihrer aussichtslosen Rebellion.

 

Erin, Aktivistin

Erin trägt eine Wollmütze, meist schauen ihre roten Locken drunter hervor. Sie sieht aus wie Rumpelstilzchen, einfach mit Megafon. Sie wirkt fragil, doch wenn sie mit dem Megafon vor einem der Google-­Busse tanzt, scheint sie unverletzlich zu sein. Es geht um die Busse, die morgens die Mitarbeiter der Firmen abholen, die im Silicon Valley ihren Sitz haben und auf der Landkarte als Google Campus oder Facebook Headquarter auftauchen, als handelte es sich um eine Universität oder eine Schaltzentrale des Militärs. Für Erin sind die Busse ein Symptom. Weiss und verspiegelt, stoppen sie an den Haltestellen der Stadtbusse, benutzen die öffentliche Infrastruktur. Lange zahlten die Firmen nichts, obwohl sie, wie Erins Freunde berechneten, der Stadt dafür eigentlich Millionen schuldeten. Denn wer hier mit seinem Privatwagen anhält, zahlt eine Busse von 271 Dollar – eine tendenziöse Rechnung. Doch der Preis, auf den sich die Firmen und die Stadt einigten, war ebenso verfehlt. Die Firmen zahlten einen Dollar pro Tag und Haltestelle. Rund um die Haltestellen sind die Mieten um zwanzig Prozent schneller gestiegen als sonst in San Francisco. In den Häusern wohnen Leute, die tagsüber im Silicon Valley arbeiten und oft erst spät nach Hause kommen. Sie kaufen selten in den Quartierläden ein, ihr Fitnessklub befindet sich im Geschäft, sie brauchen keine Wäsche­reien, das besorgt die Firma. Vierzig Prozent der Leute, die Häuser um die Haltestellen herum besitzen, wohnen gar nicht in der Stadt, sondern kommen nur am Wochenende vorbei. Davon handelt das Google-­Bus-Lied, das der Rapper Cachebox auf Youtube stellte. Youtube ist Teil von Google, der Adressat der Kritik gleichzeitig auch das Medium. Die Busse sind Ausdruck der neoliberalen Tendenz, private Lösungen für die Elite zu schaffen. Darum stellen sich Erin und ihre Freunde in den Weg.

Auch für Erin, Doktorandin an der Universität von Santa Cruz, wäre die Stadt zu teuer. Darum zogen sie und ihre Mitbewohner zusätzliche Wände hoch, dünn wie eine Membran. Sie hört ihre Mitbewohner atmen, wenn sie denn zu Hause schläft. Erin liebt eine Frau, unterrichtete eine Weile Queer Yoga, lebt jetzt aber von ihren Stipendien als Anthropologiedoktorandin. Auch sie kommt von anderswo, aus Massachusetts, zog vor knapp zehn Jahren hierher. Bald half sie alle paar Wochen einem Freund beim Umzug, irgendwann scherzten sie darüber, eine Transportfirma zu gründen. Mittlerweile wohnen viele Bekannte in Oakland, auf der anderen Seite der Bucht. Gerade mussten wieder ein paar von Erins geliebten Kollektiven ihre Häuser verlassen, das Bus-Stop Collective, das Million Fishes Collective, die Station 40, lauter Symbole des alternativen San Francisco. Erin kommt ihre Stadt abhanden, verschwindet von der Landkarte.

Der Anfang ihrer Arbeit als Aktivistin klingt wie die Geschichten über Emporkömmlinge in den Startups. Monatelang stöberte sie in Buchläden, las alles über Webdesign, was sie wissen muss. Vielleicht bekäme sie eine Stelle im Silicon Valley, ihre Stadtkarten, ihr Spiel mit Daten, ihr visuelles Flair, das spräche dafür. Der Ort ist selbstverständlich nichts für sie. Wenn sie aufzählt, warum sie die Technologiefirmen nicht mag, kommt sie kaum an ein Ende.

Bürgermeister Ed Lee behandelt die Chefs der Firmen, als wären sie Aristokraten. Airbnb muss keine Gebühren zahlen, ein Geschenk von 25 Millionen Dollar. Twitter wurden in den letzten Jahren Steuern über 56 Millionen Dollar erlassen. Peter Shih, CEO eines Startups, bloggte über die zehn Dinge, die er an San Francisco hasst, und schien dabei für viele seiner Branche zu sprechen. Er hasst die Obdachlosen, das Wetter, die Radfahrer, die Transvestiten, «die Frauen, die eine vier sind, sich aber so verhalten, als wären sie eine neun». Wenn Firmen, die von Stanford-Abgängern gegründet wurden, sich zusammenschliessen würden, entstünde die zehntgrösste Wirtschaft der Welt, mit Einnahmen von 2,7 Billionen Dollar im Jahr, für Erin zu viel Geld in den Händen von zu wenig Leuten. Zwar fliessen viele Spenden, der Umgang damit ist jedoch Teil des Problems. Denn die Firmen sollten, eigentlich, einfach Steuern zahlen. Auch Facebook kann Erin nicht ausstehen, trotzdem verzichtet sie nicht darauf. Auch sie versucht, hier Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erhaschen. Viel verspricht sie sich nicht davon. «Es besteht ein Unterschied dazwischen, ob man an einer Kundgebung teilnimmt oder auf Facebook einen Knopf drückt. Das ist Slacktivism.» Aktivismus für Faule.

Fast jede Woche, manchmal auch täglich, trifft Erin Freunde und hält irgendwo in der Stadt einen Google-Bus auf, besonders häufig auf der Valencia Street, der Ikone des Wandels. Die Strasse führt durch den Mission District, der so heisst, weil die Spanier hier ihre erste Kirche gebaut haben. Sie ist winzig und steht noch immer, mit ihren dicken Mauern wirkt sie wie eine Trutzburg. Im Plaza, einem Gebäude zwischen Mission und Valencia Street, kostet eine Wohnung 7500 Dollar im Monat. Die Plaza Coalition, ein Mieterverband, will die Gegend säubern, die Obdachlosen vertreiben, die Polizei öfter ins Quartier holen, mehr Überwachungskameras einrichten. Im Mission District wohnten früher fast nur Iren, dann viele Deutsche, seit ein paar Jahrzehnten sind in la misión vor allem Mexikaner zu Hause. Auf der Strasse hörte man lange öfter Spanisch als Englisch, bis vor ein paar Jahren auch die Schüsse der Gangs, Sureños gegen Norteños, dazwischen Kellner, Köche, Ladenbesitzer, Putzfrauen, die einfach arbeiten und manchmal auf der Treppe vor ihrem Haus sitzen wollten. An der Valencia Street stand auch meist ein Obdachloser, der wie viele Bettler am Morgen aus Oakland gekommen war, weil er in San Francisco mehr verdiente. Sie nannten ihn Bum Jovi.

Wenn Erin und ihre Freunde einen Bus aufhalten, sieht das wie Strassentheater aus. Sie treffen sich schon Tage vorher, üben die Choreografie, schneidern die Kostüme. Die Blockaden erinnern an die Aktionen der Yes Men, an die Möglichkeiten des Widerstands, die Kreativität der Kritik. Einmal gingen sie bei Vanguard Properties vorbei, dem Immobilienmakler an der Mission Street, einem Haus mit Säulen vor dem Eingang und Stacheln auf den Mauern. Erin las einen Brief im Namen Benito Santiagos vor, der aus seinem Haus hätte ausziehen müssen. Vanguard Properties hatte ihm eine Woche Zeit gegeben, um über das Angebot nachzudenken. Er hätte 20 000 Dollar bekommen für seine Zweizimmerwohnung. Ein Zimmer wird im Mission District jedoch für 4000 Dollar vermietet, Benito bat den Mieterverband um Hilfe. Erin wurde dann der Brief aus der Hand gerissen, ihre Gruppe rausgeworfen. Doch ein paar Tage später zog Vanguard Properties den Räumungsbefehl zurück: einer von einem Dutzend Erfolgen bisher. Der Community Landtrust kaufte das Haus, nahm es vom Markt. Benito, der Musiklehrer, der schon lange hier lebt, wird bleiben können. Der Landtrust bekommt das Geld von einem städtischen Programm, dem Small Sites Fund. Erin hofft, dass die Stadt bald so viel Geld gibt, dass zwanzig solche Häuser im Jahr gerettet werden können – kleine Hoffnungen. Bei Hunderten von Räumungen, die in den letzten drei, vier Jahren in der Stadt stattfanden, waren sie machtlos. Auf einer ihrer Karten, einer Animation, hat sie die Räumungsbefehle als Kreise dargestellt, die immer grösser werden, Epizentren eines Bebens.

San Franciscos Mietrecht für Anfänger: Wenn jemand ein Haus besitzt und mehr daran verdienen will, kann er sich auf den Ellis Act berufen, wie das bei Benito Santiago geschah. Das Gesetz erlaubt ihm, die Mieter aus dem Haus zu entfernen, er muss nur eine dieser Bedingungen erfüllen: Entweder muss er selbst einziehen, das Haus selber brauchen. Oder er muss es verkaufen, sich aus dem Geschäft als Vermieter zurückziehen. Weil die Behörden aber nicht prüfen, ob er sich daran hält, öffnet sich ein Graubereich. Es gibt Dutzende von Geschichten über Leute, die ausziehen mussten und ihre Wohnung später auf Airbnb fanden. Geschichten von Leuten auch, die dem Vermieter vor ihrem Haus auflauerten, ihn aber nie einziehen sahen. Dann gibt es die no fault evictions, Zwangsräumungen ohne Schuld. Wenn Leute einen Räumungsbescheid erhalten, lassen sie sich oft einschüchtern, vielleicht weil sie das Dokument nicht verstehen, vielleicht weil sie sich vor gerichtlichen Folgen fürchten. Sie ziehen aus, ohne zu müssen. Aber auch wer Hilfe holt, muss sofort handeln, die Einsprachefrist beträgt nur ein paar Tage. Der Vorgang setzt juristische Raffinesse voraus, sprachliches Können auch. Die Leute, die vor der Tenants’ Union, dem Mieterverband in der Capp Street, Schlange stehen, leben meist seit Jahrzehnten in der Stadt. Oft sprechen sie aber nur schlechtes Englisch.

Vor drei Jahren nahmen Härtefälle und Selbstmorde zu. Eine Greisin, die aus ihrem Haus im Mission District geworfen wurde. Ein Mann, der sein Geschäft im Castro verlor. Der Mann hiess Jonathan Klein, er stürzte sich von der Golden Gate. An der Trauerfeier hielten sie ein Transparent in die Höhe, Eviction = Death. Ein Echo der Kundgebungen für die Rechte der Homosexuellen, die in dieser Stadt ihren Anfang nahmen, Silence = Death. Erin stellte sich eine Frage, die auf Englisch doppeldeutig ist: How to get these things on the map?

Auf einer ihrer Stadtkarten sieht man, wo das Geld für den Kampf um das Bürgermeisteramt herkommt. Ed Lee, der Bürgermeister, hat einen mächtigen Freund, Ron Conway, ein sogenannter angel investor. Der Mann ist ein traumhafter Fundraiser, trieb Geld auf bei Marissa Mayer, der CEO von Yahoo, Peter Thiel, dem Geldgeber aus Menlo Park, Jeremy Stoppelman, dem CEO von Yelp, Laurene Powell Jobs, der Witwe des Apple-Gründers, bei einem Mitgründer von Twitter, bei einem Verwaltungsrat von Google. Conway half mit einer Spende von 275 000 Dollar, die «Proposition E» zu verankern und so die Steuern auf Unternehmen zu senken, in die er selbst investiert hat, Firmen wie Airbnb, Twitter, Digg, Zynga. Er setzte sich dafür ein, dass die Busse aus dem Silicon Valley weiterhin kostenlos die städtischen Haltestellen nutzen können. Sein Vermögen wird auf anderthalb Milliarden Dollar geschätzt. Auf einer anderen von Erins Karten kann man sehen, wie sich der Mission District verändert. Es ist einer der wenigen Orte in den USA, wo die Zahl der Latinos stark gesunken ist in den letzten Jahren. Eine Karte zeigt glühende Punkte auf einer nachtschwarzen Landschaft. Es sieht aus wie aufgescheuchtes Plankton und stellt die Orte dar, in denen Airbnb sich eingenistet hat, mehr als fünftausend Häuser und Wohnungen. Eine Karte zeigt, wie die Kinder aus der Stadt verschwanden, heute sind noch dreizehn Prozent der Einwohner unter achtzehn. Auf einer anderen Karte, überlegt Erin, könnte sie darstellen, wie die Anzahl der Hunde in der Stadt gestiegen oder wie teuer der Kaffee geworden ist. Eine weitere Karte könnte zeigen, wo die Leute unterkommen, die ihr Zuhause auf Airbnb anbieten. Eine App dafür ist seit ein paar Monaten auf dem Markt, ein umständlicher Name für eine umständliche Sache: Can I stay with you while I rent my place on Airbnb? Ihr Spiel mit Big Data bringt oft ironische Fakten ans Licht. Die Viertel mit der höchsten Anzahl Obdachlosen sind auch die Viertel mit der höchsten Anzahl leerstehender Häuser, Tenderloin und South of Market. Es gibt etwa 7000 Obdachlose in der Stadt, 1000 davon Kinder, und es gibt etwa 7000 Häuser und Wohnungen, die auf Portalen wie Airbnb und VRBO angeboten werden.

Erin überlegt auch, wie sie das Unsichtbare vermitteln soll. Wenn sie durch die Stadt geht, beobachtet sie oft Dinge, die sie wohl nie in einer Karte wird zeigen können. Eine Freundin, die in einem Supermarkt arbeitet, schätzt zum Beispiel, dass ein Viertel der Kunden nicht für sich selbst einkauft, sondern Teil einer App ist. Wenn Erin in einem Supermarkt steht, staunt sie selber darüber, wie ratlos die Leute vor den Regalen stehen, vermutlich auf der Suche nach einem raren Artikel, den jemand online bestellt hat und für ein Trinkgeld nach Hause liefern lässt. Viele Supermärkte steigen auf Bezahlstationen um, die Kassiererinnen verschwinden. So löst sich auch die Möglichkeit auf, dank solchen Stellen in Amerika Fuss zu fassen, Supermärkte werden keine Integrationsmaschinen mehr sein. Doch entstehen durch die Apps wiederum Jobs für Leute aus der Unterschicht, wenn sie denn ein Smartphone registriert haben und damit umgehen können. Als Erin vor kurzem nach Norden fuhr, sah sie auch auf der Golden Gate ein Stück Zukunft. In den Häuschen sassen keine Leute mehr, man muss seine Gebühr jetzt in einen Automaten werfen. Bis vor ein, zwei Jahren fuhren viele von Erins Freunden Taxi, einige stiegen auf Uber und Lyft um, hörten jedoch wenig später wieder auf, weil sie weniger als den Mindestlohn verdienten. Uber ist nicht deshalb mehr wert als die Deutsche Bank, weil die Firma das Taxigeschäft auf der ganzen Welt verändern könnte. Sondern weil fast alle Servicejobs so aussehen könnten. Wer krank ist, verdient nichts. Wessen Auto eine Panne hat, der zahlt den Ausfall selber. Es gibt eine App, die über Polizeimeldungen No-go Areas angibt und so Viertel, die ohnehin leiden, weiter abwertet. Eine App, mit der man andere anheuern kann, einen Parkplatz zu reservieren. Vielleicht, sagt Erin, werde es bald auch eine App geben, die einem zeigt, wie viele Leute gerade in der Gegend sind, die man, gegen einen kleinen Betrag, nach dem Weg fragen kann.

Erins Schlüsselbund ist schwer, daran klirren mehr als zwei Dutzend Schlüssel. Meist geht sie jeden Tag zur Tenants’ Union an der Capp Street, wo oft ein Dutzend Leute vor der Tür steht und darauf wartet, Hilfe gegen eine Zwangsräumung zu bekommen. Nach den Bürozeiten bleibt sie in der Regel noch hier. Manchmal holt sie Chips und Guacamole für die Sitzung mit den anderen Leuten vom Anti-Eviction Mapping Project, die sich jede Woche hier treffen, eine Gruppe von Stanford-­Studenten, Anwälten, alleinerziehenden Müttern und Obdachlosen wie Tony. Wenn Erin auf der Mission Street heimgeht nach Bernal Heights, kommt sie nach einer Minute an einem Haus vorbei, das einmal ein Hotel war, eine Weile leerstand und mittlerweile 20Mission heisst. Oft stehen junge, etwas bleiche Männer an der Strassenecke und warten auf ihren Uber-Wagen. Auf einer von Erins Stadtkarten sieht man, wo überall digerati dorms oder hacker homes entstanden sind, Schlafsäle für Leute, die mit einem Startup reich werden wollen – die Hippie-Kommunen von heute. Es sind auch die Goldgruben von heute: Ein Bett in einem Massenschlag lässt sich für mehr als tausend Dollar im Monat vermieten, ein Bett für eine Nacht kostet selten weniger als vierzig Dollar. Erin sagt, dass viele der jungen Computertalente wohl nicht wüssten, dass sie nach dreissig Tagen in den Genuss des Mieterschutzes kämen und nicht mehr zahlen müssten als ihren Anteil an der Gesamtmiete. Aber es ist wie mit den Nutzungsbestimmungen im Internet: Das Kleingedruckte liest niemand. In 20Mission kostet die Nacht neunzig Dollar, der Vermieter verdient jeden Monat etwa 100 000 Dollar an seinen mageren IT-Talenten. Eines davon ist ein junger Mann aus der Nähe von Delhi, Prateek Dayal.

 

Prateek, Software-Entwickler

20Mission, wo Prateek ein Einzelzimmer hat, könnte sich auch in Bangalore oder Mumbai befinden. Komfort gibt es keinen, doch das WLAN ist gut. In den Gängen hängt der kränkliche Duft von Räucherstäbchen. Dauernd schlendern bärtige Männer durchs Haus, einen Joint zwischen den Lippen. Prateek ist für drei Monate hier, später im Jahr will er erneut nach San Francisco kommen. Viele bleiben länger, haben aus ihrem Zimmer eine Miniaturdisco gemacht oder eine Leinwand aufgehängt, die sie fast verschluckt, wenn sie nachts Videogames spielen. Einer von Prateeks Nachbarn schiesst oft Monster über den Haufen bis ins Morgengrauen. Wegen des Lärms zittern manchmal die dünnen Wände, Prateek hat nichts dagegen. Das einzige Geräusch in seinem Zimmer kommt von einem kleinen Heizkörper, den er selber gekauft hat: ein leises Surren. Eine Woche vor seiner Abreise Mitte Januar sind fast alle ausser Prateek damit beschäftigt, das Haus winterlich einzurichten, grosse Schneeflocken aus Papier auszuschneiden, eine Schneemaschine im Innenhof aufzubauen. Fast alle, das sind etwas mehr als dreissig junge Männer und vier Frauen. Die Feste in 20Mission haben einen guten Ruf. Einmal widmeten sie die Party Joshua Norton, der im 19. Jahrhundert als Geschäftsmann Erfolg hatte und mit Liegenschaften handelte, nach zwei Jahren Abwesenheit aber als Wrack nach San Francisco zurückkehrte. Norton erklärte sich zum Kaiser der USA, zum Protektor von Mexiko. Er zahlte mit selbstgemachtem Geld, darauf sein Porträt: massiver Schnauz, Federn am Hut, ein Hipster vor der Zeit. Die Leute liebten Norton, der eine Phantasieuniform trug und bald einen Hof hatte. Polizisten salutierten, wenn er vorbeiging. Im Theater bekam er kostenlosen Eintritt, und er brauchte auch nichts zu bezahlen, wenn er mit einer Kutsche umherfahren wollte. Die Namen der Gänge in 20Mission erinnern noch immer an Norton und sein erfundenes Geld, es geht um Traditionspflege. Der Besitzer des Hostels ist mit Bitcoin reich geworden, hat die Gänge nach Kryptowährungen benannt: Bitcoin Boulevard, Dogecoin Drive, Litecoin Lane.

Prateeks Vater war einer der 1,4 Millionen Angestellten der indischen Eisenbahn, eines der grössten Arbeitgeber der Welt. Prateek und seine Mutter fuhren immer wieder wochenlang durchs Land, waren selten in Kanpur. Vielleicht lebt Prateek deshalb wie ein Nomade. Er ist dreissig, hat nur einen Rucksack und ein Macbook, sein Besitz wiegt 8,4 Kilogramm. In Bangalore hat er eine Internetfirma namens SupportBee gegründet, doch er hat keine Wohnung in der Stadt, lebt lieber im Hotel. Er betreibt auch kein Fundraising. In Indien, sagt er, verbringe man seine Zeit besser mit Meditieren.

Prateeks Eltern steckten viel Geld in seine Ausbildung und schickten ihn in eine Missionsschule. Als Teenager hätte er gern die Computerklasse besucht, doch die Plätze waren vergeben. Er entschied sich für Elektrotechnik und baute einen Synthesizer. Sonst langweilte ihn die Schule, auch die Naturwissenschaften fand er öd. Der Unterricht sei zwar nicht schlecht gewesen, aber er erfuhr nie, was er wirklich wissen wollte: wie es sich anfühlt, ein Forscher zu sein und etwas Neues zu entdecken. 1995 sah Prateek seinen ersten Supercomputer, obwohl sein Vater und er eigentlich ins Kino gehen wollten. Unterwegs kamen sie an IIT Kanpur vorbei, dem Indian Institute of Technology. Hinter einer Glaswand befand sich der Computer, Prateek war hingerissen. Seine Eltern dachten, dass er später ebenfalls bei der Eisenbahn arbeiten würde, doch er wollte an eine technische Hochschule. Von den 142 000 Mittelschülern, die an der Prüfung teilnahmen, wurden 2000 aufgenommen, Prateek belegte Rang 957, spricht noch heute mit Bitterkeit davon. Er sagt, der Wettkampf sei für ihn immer wichtig gewesen, er benutzt das Wort «zentral».

Er ist untypisch für dieses Haus. Er spielte zwar eine Weile ein Kriegs-Game, wurde aber nie süchtig nach dem Gefühl, ein Level weiter zu sein. Er programmiert selten. Wenn es um Codes geht, überlässt er die Arbeit lieber den Kollegen in Indien. Auch hat er bereits ein Geschäft mit fünf Mitarbeitern, während die anderen in 20Mission selten Erfolg haben. Ben Greenberg, ein sympathischer Typ aus Indiana, scheiterte mit einer Idee namens Glowy Shit. Er wollte im Dunkeln leuchtende Knete im Internet verkaufen, stiess mit der schimmernden Scheisse aber auf wenig Nachfrage. Masaaki Furuki, ein in Kurt-Cobain-­Zitaten nuschelnder Japaner, antwortet auf Fragen nach seinen IT-­Plänen immer mit einem Schwall, der wenig bis nichts mit der Frage zu tun hat. Am Ende kommt er meist auf ein Interview mit Cobain zurück, das alle im Haus schon ein paar Mal gesehen haben. Der Sänger greift sich dauernd in den Mund, verzieht vor Zahnweh das Gesicht und sagt, er sei eben eine moody person. Masaaki schaut begeistert zu, ein paar andere in der Küche gucken unbeteiligt in ihre Smartphones.

Prateek meditiert lieber, er nimmt hier eine Auszeit, arbeitet ein wenig in einer Bar in der Nähe der Battery. Mit 27 hat er zum ersten Mal Indien verlassen, nahm in Santiago an Startup Chile teil, drei Jahre ist das her. Er sagt, dass er immer noch versuche, weniger in sich gekehrt zu sein. In San Francisco will er einfach auf Ideen kommen, auch wenn er sich mit dem Lebenswandel hier manchmal etwas schwertut. Uber ist das beste Beispiel für ihn, wenn es um die sonderbaren Sorgen der ersten Welt geht. Wenn man mit der App einen Wagen bestellt, kann man nicht nur den Fahrer wählen. Man kann auch entscheiden, ob Musik laufen, ob der Fahrer reden oder besser das Maul halten soll. Sich in den Kopf eines Kunden zu versetzen, der seinem Dienstleister per Daumen Stille befiehlt, fällt Prateek nicht leicht. Trotzdem müsse er sich dieser Kultur anschmiegen. Nur so könne er Ideen entwickeln, die in ein paar Jahren vielleicht auch in Bangalore Anklang finden. Er fühlt sich, wenn er solche Sachen ausprobiert, wie ein Schauspieler. Er müsse sich in die Psyche eines sehr verwöhnten Konsumenten einfühlen, selber ein besserer Kunde werden, nur so könne er diese Programme entschlüsseln. Andere Apps hält er für grossartig, Square zum Beispiel. Damit können Bauern, die mit Obst und Gemüse zum Markt fahren, über ihr Smartphone Zahlungen abwickeln. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er in San Francisco mehr Geld braucht als seine fünf Kollegen in Indien zusammen. Deshalb mag er die Apps, mit denen er in Restaurants günstiger essen kann, wenn er zu Randzeiten vorbeigeht, etwa bei seinem Lieblingsinder an der Valencia Street, Udupi Palace.

Leute wie Prateek werden immer wieder beschrieben, als wären sie eine invasive Spezies. Intellektuelle wie die Schriftstellerin Rebecca Solnit, die selbst nicht aus San Francisco stammt, verglich Techies mit Ausserirdischen, Insekten, preussischen Invasoren, deutschen Touristen – als würde eine Horde über die Stadt herfallen. Die Techies selber halten die Probleme für künstlich. Abgesehen von Financial District, Tenderloin und einem Teil von South of Market, ist San Francisco nur drei Stockwerke hoch. Dass es so wenig Wohnraum gibt, hat viel mit dem jahrzehntelangen Widerstand der Stadt zu tun, etwas zu wagen. Das Problem hat auch mit der Macht einer Lobby zu tun, jener der Hausbesitzer. Sie wollten nie Mietshäuser in ihrer Nähe. Sie fürchten, dass ihre Liegenschaften dadurch an Wert verlieren. Die etwas mehr als 1700 Technologiefirmen in San Francisco, einer Stadt mit 800 000 Einwohnern, stellen etwas weniger als 50 000 Leute an. Sie allein für den Wandel in der Stadt verantwortlich zu machen, ist zu einfach.

In seiner Freizeit liest Prateek manchmal in der Autobiographie eines Yogi, die schon Steve Jobs gefiel. Er beschäftigt sich erst seit ein paar Jahren mit indischer Spiritualität, vor allem deswegen, weil viele Firmengründer aus San Francisco hier nach Ideen suchten. Prateek zitiert auch gern Sprüche aus dem Zen-Buddhismus und wendet sie auf Konzerne wie Google an. «Wenn du deine Schafe beherrschen willst, dann gib ihnen grössere Weiden.»

Ab und zu nimmt er den Caltrain ins Silicon Valley, oft zusammen mit Kollegen. In Menlo Park gehen sie dann die Sand Hill Road hoch, die Wall Street Kaliforniens, einer der reichsten Orte der Welt, doch unscheinbar. Hier haben die Wagniskapitalisten ihre Niederlassungen, versteckt hinter Bäumen, nicht recht sichtbar, tödliche Stille. Es ist wenig los, nur ein paar Leute sind unterwegs. Die Geldgeber wohnen in Portola Valley in den Hügeln, wo eher Pferdemist als Hundedreck auf der Strasse liegt. Sie wollen, dass ihre Nachbarschaft so ländlich bleibt, wie sie ist. Sie wollen keine Wohnhäuser in der Gegend. Mit dem, was die Leute bei Google und Facebook im Schnitt verdienen, 100 000 bis 200 000 Dollar im Jahr, können sie sich den Ort nicht leisten. Sie sind gezwungen, sich anderswo umzusehen.

Die Bilder, die Prateek und seine Bekannten aus 20Mission auf Facebook oder Twitter veröffentlichen, sehen aus wie Updates der Pilgerfahrten. Vor dem Facebook Headquarter steht eine Tafel mit einem gigantischen Daumen, die Besucher stehen Schlange davor. Sich ironisch lächelnd davor fotografieren zu lassen und den Daumen hochzuhalten – das scheint ihnen zu gefallen. Prateek fotografierte seinen Freund, einen enthusiastischen Spanier namens Hikarus. Selber stellte er sich aber nicht in die Reihe.

 

Wem gehört San Francisco? Versuch einer Antwort

Tony, Erin, Prateek. Niemand war schon immer hier. Doch sie bewegen sich durch dieselben Strassen. Bei allen Unterschieden haben sie viel gemeinsam. Ihre Träume teilen eine ähnliche, fieberhafte Intensität. Tony, der sich im popkulturellen Universum Amerikas verliert. Erin, die aus der Studentenbewegung der sechziger Jahre herausspaziert sein könnte, Megafon in der Hand, Mütze auf dem Kopf. Prateek, der hier nach der Zukunft sucht, auf Ideen surft. Kalifornien war schon immer ein Ort für Leute wie sie. Die Pioniere schoben die frontier bis an den Stillen Ozean. Die Traumfabrikanten Hollywoods schoben die Grenzen des Möglichen weiter ins Imaginäre. Die Hippies wollten anders leben, die Regeln brechen. Die Techies sind ihre wahren Nachfolger, auch sie träumen von einem Umbruch, auch sie sind meist bleiche Männer mit dichten Bärten und flackernden Augen, dem Standardlook für Revolutionäre. Vielleicht zielt die Rede von der Ungleichheit am Herz der Sache vorbei. Vielleicht geht es eher um Durchlässigkeit. Das Problem ist, dass der Traum, der Amerika gross gemacht hat, schon lange vorbei ist. Der Traum, dass man aufsteigen kann, wenn man hart arbeitet. Dass man sich ein Auto und ein Haus kaufen und seine Kinder an die Hochschule schicken kann, wenn man sich anstrengt und etwas Grips hat. Die Erinnerung an dieses Versprechen hallt nach, die Bilder des Traums spuken immer noch durch die Köpfe. Es gibt auch einen Ort, wo der Traum noch immer geträumt wird: auf diese Halbinsel, die fast nicht mehr zu Amerika gehört, fast schon vom Festland weggedriftet ist. Hier kann auch ein junger Mann aus Indien aufsteigen, der sein Land bis vor ein paar Jahren noch nie verlassen hat. Er sagt zwar, in seinem schönen Singsang, dass er noch nirgends sei. Aber die Antwort auf die Frage, wem San Francisco gehöre, ist wohl am ehesten: Prateek.

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