Grounding

Was lokal geschieht, wenn global nichts mehr geht. 54 Reporterinnen und Reporter aus 35 Ländern erzählen über ihre Erlebnisse während der Covid-19-Krise.

54 Reporter*Innen aus 35 Ländern

23. – 29. März

 

Gebannt verfolgt die Welt Online-Statistiken. Dreistellige Zahlen von Toten werden vierstellig. Vierstellige Zahlen von Infizierten werden fünfstellig, sechs­stellig. Boris Johnson, der beinahe auf die Strategie der Herdenimmunität setzte, hat sich mit Sars-CoV-2 angesteckt, ebenso zwei spanische Ministerinnen, die am Weltfrauentag auf den Strassen Madrids demonstriert hatten. Das Video­anrufsystem Zoom wird drei Millionen Mal heruntergeladen. Der Times Square gleicht einem Geisterort, Berichte aus den Kliniken in Bergamo drücken aufs Gemüt. Die Olympischen Sommerspiele in Japan werden verschoben. Indien verhängt den Lockdown für 1,3 Milliarden Menschen. Die USA verabschieden ein Hilfspaket für die Wirtschaft von zwei Billionen Dollar. Nach zwei Monaten Isolation ist in der chinesischen Stadt Xi’an die Zahl der Scheidungsanträge stark gestiegen. In Rimini wird der 101-jährige Alberto Bellucci, der auf die Welt kam, als die Spanische Grippe wütete, mit hohem Fieber und Lungenentzündung ins Spital eingeliefert. Zehn Tage später darf er, kerngesund, wieder nach Hause. «Bleiben Sie daheim!», sagt eine Tagesschausprecherin jeweils am Ende der Sendung in der Schweiz.

 

Auf den Dächern | Athen

 

Auf den flachen, ungeliebten Betondächern von Athen, im rostenden Wald der Fernsehantennen wird man jetzt Zeuge von neuen Ritualen. Verwahrloster Raum wird ängstlich erkundet in einer Stadt von Appartement-Blocks, in der die Wohnungen der Reichen private Terrassen haben und alles Übrige der Wäsche auf den Leinen, den Tauben und dem täglichen Gejammer überlassen wird. Auf dem Dach eines heruntergekommenen vierstöckigen Hauses dreht ein kleines Mädchen mit seinem Fahrrad eifrig Kreise. Sein Vater blickt über eine der Ecken prüfend hinaus aufs Meer und drückt, eingehüllt in Zigarettenrauch, ein Telefon ans Ohr. Die Stille, die von den leeren Strassen aufsteigt, wird nur von einem Lebensmittelhändler unterbrochen, der langsam vorbeifährt und dabei die Litanei seiner Waren – Äpfel, Tomaten und Kartoffeln – singt. Über allem strahlt der attische Himmel, klarer und reiner, als ihn selbst die Ältesten, die Furchtsamsten oder die Verletzlichsten je zu erinnern vermögen. Daniel Howden

 

Heiliger Dispenser | Kuala Lumpur

 

Die Strassen sind leer und heiss, soeben hat die Regierung im Radio erklärt, religiöse Versammlungen seien schuld an der Verbreitung des Virus. Am Eingang des Supermarktes hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Sie gruppiert sich um einen Kanister mit Handdesinfektionsmittel. Die unausgesprochene Regel: Ein Spritzer Desinfektionsmittel, und man darf hinein. Alle sind verzweifelt, sorgen sich um ihre Dosis, niemand spricht. Stattdessen herrscht ein nervöses Gedränge, jedoch ohne dass sich die einzelnen Menschen berühren, als ob der Atem sie auseinanderhielte. Sobald jemand die Nähe des Kanisters erreicht, anerkennt die Menge dessen Anspruch. Eine kurze Berührung, ein fast heiliger Moment, dann biegt der so Gesegnete in die fluoreszierend beleuchteten, klimatisierten Gänge. An jeder Kasse unendlich lange Schlangen. Religiöses Versammlungsverbot? Nicht im Konsumtempel. Elroi Lee

 

Major Carmine Elefante | Mailand

 

«Leutnant, Sie brauchen die Sirene nicht einzuschalten, es sind bereits Ambulanzen vor Ort», ruft der Major aus dem Fenster dem Leutnant zu. Bezirk Barona, süd­westlich von Mailand, verrotteter Zement, rostige Eisenstangen, die wie Knochen aus Fleisch herausragen. Drei schwarz verschleierte Frauen mit weissen Masken passieren das Altersheim im Gänsemarsch. Ein altes Paar hält sich an den Händen, er zieht einen Einkaufswagen. Zwischendurch hält er an und richtet sich die Krawatte.

«Sie sind die letzten Alten», sagt der kalabrische Carabinieri-Major Carmine Elefante. Er schützt sich mit der Hand vor der Sonne, es sieht aus wie ein militärischer Gruss.

«Sie haben den Krieg erlebt, bauten Italien wieder auf, kauften Häuser, um sie ihren Kindern zu hinterlassen. Und jetzt sterben sie ohne Beerdigung. Es wird keine echten Alten mehr geben, verstehen Sie das, Leutnant?» Marzio G. Mian

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Konfuzianische Höflichkeit | Schanghai

 

Es ist nicht leicht, Chinese zu sein. Fünftausend Jahre Kultur verlangen dem Einzelnen allerhand ab – Verantwortungsgefühl gegenüber Staat und Familie, Respekt gegenüber Lehrern, Freundlichkeit und Nachsicht gegenüber Nachbarn, alten Leuten im öffentlichen Nahverkehr und Kindern. Wie soll man da das Leben auf die leichte Schulter nehmen? Wenn dieses geschichtsträchtige Land es dann auch noch mit der ganzen Welt zu tun bekommt, werden die Probleme nicht weniger. Wir sollen konfuzianische Höflichkeit und Respekt wahren, während wir die Strasse der Modernisierung entlangrasen, die von den Prämissen uns unverständlicher Kulturen und Sprachen geprägt ist, und dabei sollen wir uns weder kleinmachen noch arrogant sein. Wer wagt sich dann überhaupt noch, den Mund aufzumachen, selbst wenn man im Grunde ganz polyglott ist?

Kürzlich habe ich dieses Thema unter einem neuen Aspekt gesehen. Machen uns Mundschutzmasken, davon abgesehen, dass man damit viel besser aussieht (in Ostasien dient der Mundschutz schon immer auch als optimales Mittel, um Pickel, Allergien oder andere Schönheitsfehler zu verbergen), vielleicht intelligenter? Mein Firmenbus bringt mich jeden Morgen in einen abgelegenen Aussenbezirk der Stadt. Im Bus sitzt nur noch ein Fünftel der üblichen Passagiere, aber die Lautstärke ist kaum geringer als sonst. Sie reden über ihre Einkäufe, darüber, wie stark die Lebensmittelpreise gestiegen sind und wer abends zu Hause mitisst, während aus den Lautsprechern des Busses die Hinweise zur Epidemieprävention dröhnen. Mir platzt fast das Trommelfell. Das mitgebrachte Buch zu lesen, kann ich vergessen. Innerlich stosse ich die wildesten Flüche aus, doch was soll man machen? In aussergewöhnlichen Zeiten verbietet es sich noch mehr als sonst, seinem Ärger öffentlich Luft zu machen. Brav schlucke ich also Unmut und Unzufriedenheit hinunter. Klammheimlich ist das Virus innerhalb von zwei Monaten von einer Ausnahmeerscheinung zu einem Teil des täglichen Lebens geworden; man kann sich die Welt nicht mehr anders vorstellen als mit einer steten, sicheren Distanz von mindestens anderthalb Metern zu seiner Umgebung, man wacht nicht plötzlich auf, und alles ist wie zuvor. Würde es einen Unterschied machen, wenn ich mit meinem Mundschutz in so einem Bus auf europäischen oder nordamerikanischen Strassen unterwegs wäre? Wären die moderneren Gesellschaft meinem Unmut gegenüber toleranter? Oder würde ich mich dort von vornherein viel höflicher verhalten? Nein, der Mundschutz macht mich nicht weiser, nur noch verwirrter. Ich kann nicht mehr sagen, ob das Leben vor oder nach dem Virus einfacher war. Wu Qi

 

Digitale Nomaden | Goa

 

Rhythmisch zeichnen die Wellen Linien in den weissen Sand, als hätte sich die Welt nicht von einem Tag auf den anderen verändert. Über dem Meer drehen Milane würdevoll ihre Runden, blaue Eisvögel hüpfen durch die Baumkronen. Nur etwas fehlt in der Landschaft: sich sorglos am Strand sonnende Menschen. In der Bar sitzen ein paar Gäste und starren auf die Displays ihrer Telefone. Seit einigen Tagen sind es immer dieselben. Digitale Nomaden. Sinnsuchende. Teilnehmer abgebrochener Yoga-Kurse. Mit Rucksack anstelle eines Zuhauses und Laptop anstelle eines Büros. Seit Jahren unterwegs, ohne feste Bleibe – heute in Thailand, nächsten Monat auf Bali. Jetzt suchen sie im Telefon nervös nach Tickets für die letzten Flüge Richtung Australien, Dänemark, Grossbritannien. Dorthin, wo sich die Behörden befinden, die ihnen den Pass ausgestellt haben. Und die Frauen, die ihnen das Leben geschenkt haben. Urszula Jabłońska

 

Gottesklagen | Teheran

 

Ich lege die Geige nicht aus der Hand, so höre ich das Weinen der Nachbarin nicht. Ich beantworte keine Anrufe; alles, was sich draussen abspielt, ist schlecht, und mir sind die Hände gebunden. Ich habe niemandem erzählt, dass sich meine Eltern angesteckt haben; zwei Drittel meiner Kolleginnen fehlen. Meine Arbeit besteht darin, in einem Meer von falschen und absichtlich entstellten Informationen die richtigen auszulesen. Lügen zu entlarven, ein ums andere Mal. Der einzige Trost in diesen Tagen der Krankheit ist, dass ausserhalb der Mauern der Frühling unbeirrt seinen Weg geht. In vor Sorgen schlaflosen Nächten höre ich, wie der betrunkene Nachbar aus Scham vor seiner Ohnmacht in der Gasse sich selbst und Gott anklagt. Fatemeh Karimkhan

 

Unabhängigkeitsfahnen | Barcelona

 

Wenn es einen Ort gibt, der als politisches Thermometer des Landes in der letzten Zeit diente, dann sind es Balkone. Von unserer Terrasse blicken wir auf eine Allee mit Hunderten Balkonen. In den vergangenen Jahren waren an unserem Terrassengeländer zwei Fahnen befestigt: die Unabhängigkeitsfahne Kataloniens und jene für die Befreiung der politischen Gefangenen. Wenn wir in anderen Städten Spaniens unterwegs waren, sahen wir an den dortigen Balkonen nur eine Fahne hängen: die spanische. Wir waren gefangen in einem scheinbar unauflös­baren Zwiespalt. Dann kam das Virus. Was Politik, die Gesellschaft, die Medien, ja nicht einmal der Fussball zu lösen vermochten, schaffte Sars-CoV-2. Heute stehen wir abends um acht auf unseren Balkonen und applaudieren für die Angestellten der Spitäler, bis die Hände schmerzen. Die Fahnen? Sind fast alle verschwunden. Javier López Menacho

 

Applaus unter Nachbarn | London

 

An einem Donnerstagabend öffneten wir die Haustür und traten nach draussen. Es herrschte ausserordentlich trockenes und beständiges Frühlingswetter, das uns offenbar dazu verführte, unsere Häuser zu verlassen, während die Regierung uns dazu anhielt, drinnen zu bleiben. Selbst in unserer ruhigen Strasse standen die Nachbarn, von denen wir einige bis vor der Krise bedauerlicherweise gar nicht gekannt hatten, zu denen wir aber nun über Nachbarschafts-Whatsapp-Gruppen Kontakt hatten, an offenen Fenstern, auf Balkonen, an geöffneten Türen oder in ihren Vorgärten. Einige von uns wagten sich zögernd hinaus auf die Strasse. Alle applaudierten. Es gab Jubel und Beifallsrufe. Ein paar Leute schlugen Töpfe und Pfannen gegeneinander. Irgendjemand entzündete ein Feuerwerk, das den Nachthimmel erleuchtete. Es war ein überwäl­tigendes Gefühl: ein Augenblick von magischer Gegenseitigkeit, Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls, wie man es selten, wenn überhaupt je, erlebt. Man wusste, dass Szenen wie diese sich im ganzen Land wiederholten, da die Leute den Ärzten und Krankenschwestern und anderem wichtigem Pflegepersonal applaudierten. Unter dem Zwang, soziale Distanz zu wahren, winkten die Leute in unserer Strasse ein paar Minuten später einander zum Abschied und schlossen dann ihre Türen und Fenster. Die seltsame, unnatürliche Stille der letzten Tage stellte sich wieder ein. Auch wir gingen zurück ins Haus und, als ich mir einen Drink in der Küche machte, geschah etwas Unerwartetes: Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, als ob irgendetwas tief in mir sich gelöst hätte. Jason Cowley

 

Zurück ins Gefängnis | Bern

 

Lässt sich die Leere der Stadt anfassen? Ich will es wissen und starte meinen Stadtrundgang beim Berner Bärenpark, wie fast alle Touristen, die den ruhigen Bernern während der Sommermonate auf den Füssen herumtrampeln, die respektlos den Gang durch die Arkaden und die Läden versperren, während die Stadtführerin den Lauf der Geschichte erklärt, die sich beim Fotografieren am Zeitglockenturm gegenseitig die Ellbogen in die Hüfte rammen und sich in Scharen am Geländer drängeln, um einen Blick auf die Bären zu erhaschen. Heute sind wir nur wenige Einheimische, die es zu Hause nicht mehr ausgehalten haben. Wir sehen den drei Berner Bären beim Essen im alten Bärengraben zu. Danach setzen sie sich vor die Verbindungstür zum Bärenpark am Fluss und warten geduldig darauf, zurück in ihr tägliches Gefängnis zu gelangen.

Zu Hause realisiere ich: Die Leere lässt sich anfassen – sie ist beunruhigend schön. Rocío Puntas Bernet

 

Prähistorisches | Buenos Aires

 

Heute, am dritten Tag der Quarantäne, habe ich im Fernsehen ein Konzert aus der Vor-Corona-Zeit gesehen. Eine riesige Bühne, eine heisse Nacht im Freien, der Sänger schreit, predigt auf der Bühne, spuckt auf das Mikrofon. Unten auf dem Feld eine dichte Masse von fünfzig­tausend, von hunderttausend johlenden, schwitzenden, tropfenden, feuchten Körpern. Ich war von der Aufführung fasziniert. Nicht, weil mich die Musik besonders eingenommen hätte, sondern weil ich realisierte, dass ich einer fast prähi­storischen Szene zusah. Leila Guerriero

 

30. März – 5. April

 

Erstmals übersteigt die Zahl der weltweit positiv auf Sars-CoV-2 getesteten Per­sonen seit Beginn der Pandemie die Millionengrenze. 3,3 Millionen Amerikaner verlieren ihren Job. Die Ölsorte Western Canada Select kostet noch 4.18 Dollar je Barrel (159 Liter). Ein halber Liter Bier einer besseren Sorte ist in Kanada teurer. Das ungarische Parlament ermöglicht es Viktor Orban, per Dekret zu regieren, und hebelt damit die Gewaltentrennung aus. Für kritische Äusserungen zum Corona-Management drohen bis zu fünf Jahre Haft. Italien wirbt mit einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ für Eurobonds. Der Präsident von Weissrussland, Alexander Lukaschenko, hält den Umgang mit dem Virus für eine globale Psychose. «Bei Infektionen muss man raus auf die Strasse und frische Luft atmen.» In Spanien fasst die Polizei Drogendealer, die sich als Essenslieferanten ausgaben. In Brasilien führen Gangs in den Slums von Rio de Janeiro den Lockdown ein, gegen die Empfehlung von Brasiliens Präsident Bolsonaro. «Wenn die Regierung unfähig ist, das Problem zu lösen, tut es das organisierte Verbrechen», schreibt eine Bande aus dem Süden Rios. Der thailändische König Maha Vajiralongkorn begibt sich laut Medienberichten, zusammen mit zwanzig Frauen aus seinem Harem, in ein Luxushotel von Garmisch-Partenkirchen in Quarantäne. Für 5000 Euro flüchten Marokkaner und Algerier aus Spanien und überqueren die Meerenge von Gibraltar auf dem umgekehrten Weg der üblichen Schmugglerroute. Der März 2020 war der erste März seit 2002, in dem es in den Vereinigten Staaten keine Schiesserei an einer Schule gab. In Frankreich macht aufgrund geschlossener Coiffeur-Läden der Witz die Runde, dass die Hälfte aller französischen Blondinen während des Lockdown verschwinden werden.

 

Kirgisische «Titanic» | Moskau

 

«Sie stehen uns im Weg.» Man vertreibt sie vom Check-in-Schalter. Ajana drängelt sich zur Wand durch und weint, ganz leise. Nasar schläft. Er ist sieben Tage alt. Vor ein paar Stunden ist ihm die Nabelschnur abgefallen. Wie vierhundert andere Menschen sind auch er und seine Mutter am Flughafen Moskau-Schukowski gestrandet. Ihre Flüge wurden gestrichen, die Heimatländer verweigern die Einreise. Ajana ist Migrantin, die in Moskau gearbeitet hat, wie alle Gestrandeten. Sie sind schon seit 24 Stunden am Flughafen, haben auf dem Boden geschlafen, ernähren sich nur von Keksen und Brot. Es ist stickig und kalt. Ein Flugzeug – nicht ihres – fliegt nach Osch, Kirgisistan. Die Leute rufen: «Wir halten es nicht mehr aus!», «Lassen Sie uns an Bord!» Eine Mitteilung: Die freien Plätze gehen an Frauen mit Kindern. Die forsche Gulsat – sie hat als Schichtleiterin bei KFC gearbeitet – sortiert Menschen, trennt Familien. «Eine Art kirgisische ‹Titanic›», sagt Ajanas Schwester Medina. Zum Abschiednehmen bleibt keine Zeit. Mit Nasar im Arm geht Ajana in den oberen Stock, zur Grenzkontrolle. Dann der Abschied. Wieder weint sie lautlos, und Medina umarmt sie, wiegt sie eine halbe Minute hin und her. Nasar in den Armen der beiden Frauen schläft tief. Am 3. April sperrt Russland seinen Luftraum ganz. Elena Kostyuchenko

 

Japaner und Kolumbianer | Bogotá

 

Nach mehreren Tagen freiwilliger Gefangenschaft stehe ich vor dem, was ich so sehr befürchtet habe: der Notwendigkeit, mich mit Lebensmitteln einzudecken. Supermärkte ersticken mich. Also überliste ich mich selbst. Ich setze mich an den Computer, um die Nachrichten zu lesen. Das Panorama ist alarmierend: Geschäftsleute erklären, dass die Quarantäne nicht verordnet werden sollte, weil sonst die Wirtschaft zusammenbricht, ein Minister hält es für unnötig, die Flughäfen zu schliessen, mehrere Bürgermeister und Gouverneure kündigen an, dass sie den Notstand auf ihre eigene Art und Weise handhaben werden, politische Führer streiten sich in den sozialen Netzwerken. Die schlimmste Katastrophe der jüngsten Zeit trifft auf ein Volk von kleinlichen Egoisten, die unfähig sind, sich zu versöhnen und sich gemeinsam zu verteidigen. Es gibt einen Grund, warum der Mathematiker Yu Takeuchi, der die letzten Jahre seines Lebens in Bogotá lebte, zu sagen pflegte, dass ein Kolumbianer intelligenter ist als ein Japaner, während zwei Japaner intelligenter sind als hundert Kolumbianer. Alberto Salcedo Ramos

 

Whistleblower | Schanghai

 

In den vergangenen zehn Jahren ist der Typus des Enthüllungsjournalisten in China aus politischen wie wirtschaftlichen Gründen so gut wie ausgestorben. Doch im anfänglichen Wirrwarr beim Ausbruch der Corona-Epidemie kam es zu einer ganzen Reihe bemerkenswerter Reportagen. So berichtete die Journalistin Gong Jingqi im Magazin People über Whistleblower, die verrieten, wie Ärzte, die das Virus schon frühzeitig entdeckt hatten, mundtot gemacht worden waren. Als der Bericht von der Zensur gelöscht wurde, bemühte sich das Netzvolk verzweifelt, den Inhalt des Artikels durch die Übersetzung in zahlreiche Fremdsprachen vor der Zensur zu retten – zuletzt sogar in Form eines Morsecodes und in Klingonensprache. People bekam prompt grosse Schwierigkeiten. Gong Jingqi wurde von den Behörden öffentlich angeprangert, und die junge Frau, deren Uniabschluss noch nicht lange zurücklag, war am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich hatte schon befürchtet, dass wir damit eine weitere junge und idealistische Journalistin verloren geben müssten – bis ich erfuhr, dass Gong sich in einem Tattoo-Studio in Wuhan eine Trillerpfeife, das Symbol der Whistleblower, auf den Arm hat tätowieren lassen. Du Qiang

 

Zeitungen übertragen Virus | Bangalore

 

Indien befindet sich unter der «Corona­virus-Sperre», wie wir es jetzt nennen. Wir sind wohl zu ungehorsam und zu dumm, um soziale Distanzierung zu befolgen, deshalb hat die Regierung die Polizei geschickt und Gesetze erlassen, um uns einzusperren. Zu unserem eigenen Wohl. Heute bin ich gezwungen, für die meisten meiner Berichte am Telefon zu recherchieren, ein Vorgehen, das ich einst verabscheute. Nur Journalisten mit staatlicher Akkreditierung oder auffälligen Videokameras und Mikrofonen können sich noch frei bewegen. Zeitungen sind fast nicht mehr erhältlich, dank eines schnell verbreiteten Gerüchts, dass das Coronavirus durch Zeitungen übertragen werden kann. Dies hat sich inzwischen zwar als falsch erwiesen, aber die Korrektur der Falschmeldung ist zusammen mit den gedruckten Zeitungen untergegangen. Rohini Mohan 

 

Hotel Mama | Mistelbach

 

Als die Ausgangsbeschränkungen ausgerufen wurden, war ich mit meinem Partner und unserem kleinen Sohn zu Besuch bei meinen Eltern auf dem Land, und wir sind einfach geblieben. Besser, eine Pandemie in einem Haus mit Garten durchzustehen als in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Doch so bin ich, obwohl ich mittlerweile selbst ein Kind habe, auf einmal wieder zurück in meiner eigenen Kindheit. «Kannst du bitte staubsaugen», sagt meine Mutter und deutet unter das rosa Kinderbett, wo sich graue Fusselbällchen in der Zugluft hin- und herbewegen. «Da muss man lüften», hat sie gesagt, als sie das Fenster geöffnet hat. «Räum dein Zeug weg», sagt sie und hält mir Socken vor die Nase. Mein Vater hält sich zurück, wie immer. Abends sitzen wir alle gemeinsam auf dem roten Sofa und schauen die Nachrichten. Meine Mutter sieht mich von der Seite an und sagt: «Uns wird schon sehr langweilig werden, wenn ihr wieder weg seid.» Mara Simperler

 

Tamilen im Wald | Bern

 

Falken kreisen über den Hochhäusern am Stadtrand, Eichhörnchen hüpfen auf dem menschenleeren Gehsteig, und Amseln schmettern Opernarien. Am Waldrand kommt mir ein Paar entgegen. Er geht konzentriert einen halben Meter vor ihr. Sie schaut nach links zu den Kieferstämmen, nach rechts über die Azaleenbüsche, nach oben in die Baumkronen. Staunend, glücklich, stolz. Als ob sie so etwas zum ersten Mal sähe. Als ob ihr Mann sie zum ersten Mal in den Wald ausführen würde. Und vielleicht ist es ja so, denke ich mir, dass der Haushalt im Hochhaus mit den Kindern und der tamilische Gesellschaftskodex ihr bisher verweigert hat, was Corona jetzt ermöglicht. Daniel Puntas Bernet

 

Friedhof der Mineure | Butte

 

Ich unternehme lange Spaziergänge auf den Friedhöfen der Gegend, während sich die Covid-19-Pandemie in ganz Amerika ausbreitet und ihre Fangarme sogar hier draussen, im dünn besiedelten Montana, ausstreckt. Auf vielen Grabsteinen stehen die Todesjahre 1918 und 1919. Die Arbeiter der hiesigen Kupferminen starben damals an der Spanischen Grippe, weil sich die Behörden weigerten, die Minen zu schliessen. Die politischen Führer erzählen uns jetzt ständig, dass die Heilung schlimmer ausfallen werde als die Krankheit, dass unsere kollektive wirtschaftliche Not die Zahl der Covid-19-Todesopfer überwiegen werde. Aber die Grabsteine von Montana erzählen eine andere, viel gefährlichere Geschichte. Kathleen McLaughlin

 

Drastische Änderung | Nairobi

 

Vor dem Ausbruch der Pandemie Covid-­19, der durch das Coronavirus verursachten Krankheit, lebten die Bewohner der kenyanischen Hauptstadt Nairobi und anderer Städte ein sorgenfreies Leben. Sie waren es gewohnt, morgens zu ihrem Arbeitsplatz zu gehen, mittags und abends in Bars, Restaurants und Diskotheken zu verkehren, um ihre Freizeit zu verbringen, oder im Fernsehen internationalen Fussball zu sehen. Wenn sie enge Bekannte trafen, waren Händeschütteln und Umarmungen ein Muss. Für einige war Händewaschen auch nach dem Besuch von Toiletten ein Luxus. Doch all das hat sich nun aufgrund der von der Regierung eingeführten Mass­nahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus geändert. Heute waschen und desinfizieren die Kenyaner ihre Hände mehr als früher, sie tragen Gesichtsmasken, grüssen ihre Freunde und Verwandten nur noch aus grosser Distanz, sie sind durch eine Ausgangssperre von der Dämmerung bis zum Morgengrauen und durch Abriegelungen eingeschränkt worden. In hochreligiösen Gemeinschaften gehen sie nicht mehr in Kirchen oder Moscheen, oder als Vergnügungsliebhaber gehen sie nicht mehr in Bars oder Nachtclubs. Heute sind sie wahre Anhänger der sozialen Distanzierung. Patrick Mayoyo

 

Tanzen mit Ernst Fern | Mainz

 

Sie hat Übung im Alleinsein. Sie ist seit vielen Jahren Single. Doch nun, da der Chef sie zu zwei Wochen Quarantäne verurteilt hat, nachdem eine Kollegin an Corona erkrankt ist, erlebt sie die Extremvariante des Single-Daseins. Sie fühlt sich wie der letzte Gefangene auf Alcatraz. Denk positiv, sagt sie sich in ihrem Hochsicherheitsgefängnis. Sie hat eine gute Freundin in Mainz, die wie sie vom Schicksal zu einer Single-Existenz bestimmt ist. Und: Es gibt das Fernsehen, das die Trostsuchenden nie allein lässt. «Nehmen Sie Tanzhaltung ein», sagt jeden Sonntag ein Tanzlehrer mit Namen Ernst Fern, der in den 60er Jahren dem Fernsehpublikum die Schrittfolgen der Standardtänze in Schwarz-Weiss vermittelte. Gestatten Sie? – so der Titel der Sendung, die jahrzehntelang in den Katakomben des Fernseharchivs vergessen war und nun durch das Coronavirus reanimiert wird. An jedem Sonntagvormittag ruft sie ihre Freundin in Mainz an, beide schalten auf Lautsprecher, schalten den Fernseher an, drehen die Stimme von Ernst Fern hoch. Und dann tanzen sie synchron Foxtrott und Cha-Cha-Cha unter den Augen dieses Mannes mit seiner steifen 60er-Jahre-Rhetorik. Und sie tanzen – die letzten Gefangenen von Alcatraz – Vor-Vor-Seitschluss-Rück von der Felseninsel über das Wasser zum Festland der Normalität. Sabine Riedel

 

6. – 12. April

 

In Argentinien versammeln sich Tausende Rentner vor den Banken im ganzen Land, um ihre Rente abzuheben, und setzen sich so einer Ansteckungsgefahr aus. In Kalifornien werden wegen der prekären Situation in den überfüllten Gefängnissen 3500 Häftlinge vorzeitig entlassen. Der Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, fordert Polizei und Militär in seinem Land auf, Bürger, die sich dem Lockdown widersetzen, zu erschiessen. Auf dem Almudena-Friedhof in Madrid werden die Toten im 10-Minuten-Takt und Drive-Through-Verfahren bestattet. Als erstes Tier wird die Tigerin Nadia im Bronx-Zoo positiv auf Corona getestet. Bereits 22 Millionen Amerikaner haben einen Antrag auf Arbeitslosenunterstützung gestellt, während der Dow-Jones-­­Index die beste Woche seit 1938 verzeichnete. Pro Stunde verliert die Lufthansa gemäss ihrem Chef Carsten Spohr «ungefähr eine Million Euro» ihrer Liquiditätsreserven: «Tag und Nacht. Woche für Woche und wohl auch noch Monat für Monat.» Die Queen beruhigt die Briten in einer Fernsehansprache − die erst vierte ausserplanmässige Ansprache in ihrer 68-jährigen Regentschaft. Die Amerikaner und ihre Verbündeten treten im Irak wegen Corona den Rückzug an. In Düsseldorf findet die Ostermesse im Auto-Kino statt. Zum Schluss gibt es ein Hupkonzert, und die rund 500 Autos werden vom Pfarrer gesegnet. Im russischen Belgorod bekämpfen drei orthodoxe Priester das Virus mit Ikonen und Weihrauch aus einem Flugzeug. Mexikanische Komiker fordern, Trump möge sich mit dem Mauerbau doch beeilen.

 

Nachfrage nach Viagra | Madrid

 

Chlorreiniger und Pizzas. In den Supermärkten von Madrid bekommt man keinen Chlorreiniger und keine Pizzas; in Argentinien, so höre ich, bekommt man fast gar nichts, oder so teuer, dass es wie nichts ist. Eine argentinische Zeitung schreibt, in Buenos Aires sei die Nachfrage nach Viagra stark gestiegen. Das ist hier in Spanien nicht passiert. Es erfüllt mich mit Neid auf Argentinien, jenes Land, in dem ich zur Welt gekommen bin. Zwei Länder, meine beiden Länder, und in beiden habe ich Angst. Ein grosser Fortschritt: Die globale Gesellschaft erlaubt es einem, an mehreren Orten Angst zu haben. Und das Virus dient als Rechtfertigung, schon seit Wochen sind wir damit beschäftigt, Angst zu haben, uns wegen der Angst einzuschliessen. Aus Angst mit allem, was wir tun, und mit vielem von dem, was wir sind, aufzuhören. Für die Angst zu leben. Chlorreiniger und Pizzas, Pizzas und Chlorreiniger, Viagra. Später sprechen wir wieder von der mediterranen Ernährung und solchen Dingen. Vom Später sprechen wir später. Doch bis dahin dauert es noch. Martín Caparrós

 

Letzter Rausch | Yaoundé

 

Es ist ein paar Stunden vor 6 Uhr abends, der Zeitpunkt, an dem die neuen Einschränkungen in Kraft treten. Auf den vielbefahrenen, lärmigen grossen Strassen von Yaoundé kämpfen sich die Menschen in klapprigen Taxis, Autos und Motorrädern durch das Chaos. Der ganze Wahnsinn wegen des Saufens. Ein alter Mann geht schnellen Schritts zu einer bereits überfüllten Bar, dabei murmelt er vor sich hin, als kalkuliere er das Budget für das heutige Trinkgelage. Wie dieser alte, schwache Mann wollen die meisten Menschen einfach möglichst viel von der kostbaren Flüssigkeit schlucken, ehe die Einschränkung, nach 6 Uhr keinen Alkohol mehr zu verkaufen, greift. Zuerst sucht der Mann einen Platz neben einer Demoiselle, und dann bestellt er sechs Flaschen Lager aufs Mal. Geschickt zieht er seine Gesichtsmaske ab und setzt sie wieder auf, während er die Flaschen eine nach der anderen leert Der Säufer sagt, er sei alt genug und nicht sicher, ob er das Virus überlebe, wenn es ihn packe, und darum habe er lieber eine seiner letzten Affären mit der Bierflasche. Er hätte nie gedacht, dass eine Zeit in seinem Leben kommen würde, wo seine Hände mehr Alkohol − in Form von Desinfektionsmittel − konsumieren als sein Mund. Sobald es 6 Uhr schlägt, schliessen sich der Mann und die anderen in der Bar ein, um dem Zorn der Gesetzeshüter zu entgehen. Dieser Rausch musste sein, bevor sie sich nach Hause zurückziehen – Corona hin oder her. Amindeh Blaise Atabong

 

«Zeigen Sie ihn uns!» | Kairo

 

Der Fahrgast hustete unaufhörlich, bis der überfüllte Mikro-Bus abrupt am Strassenrand zu stehen kam. Der Fahrer drehte sich zu dem Gast und sagte mit erhobenem Zeigefinger: «Das klingt wie ein trockener Husten!»

«Jede Menge Schleim», antwortete der Fahrgast.

«Zeigen Sie ihn uns!»

Und so faltete der Mann, bevor der

Mikro-Bus seine Fahrt entlang des Nils wieder aufnehmen konnte, sein Taschentuch, in das er gehustet hatte, sorgfältig auf, bis jede Menge grünlicher Ausfluss auf dem weissen Tuch zu sehen war.

«Sehen Sie», schnappte er den Fahrer an, «überhaupt nicht trocken!»

Dann hielt er sein Taschentuch in die Höhe und zeigte es den anderen Passagieren im Bus, die den Wortwechsel verfolgt hatten und sich nun angeekelt abwandten. «Ich schwöre, ich hatte auch kein Fieber.» Youssef Rakha

 

Teeniekuss | Berlin

 

In meiner Bürogemeinschaft herrscht ziemliche Leere. Bis auf zwei Kollegen und mich: keiner da. Alle offiziellen Büros: seit zwei Wochen zu. Wir drei haben uns trotzdem hergeschlichen. Zur Sicherheit verteilen wir uns mit meterweisem Abstand auf die verschiedenen Arbeitstische. Das Gespräch kreist um Corona, was sonst. Jeder von uns fühlt sich deprimiert. Die zugige Ecke, in der unser Büro liegt, macht es nicht besser: Braunschweiger Strasse gleich am S-Bahnhof Berlin-Neukölln, dealende Kleinkriminelle und fies dreinblickende Typen: normal. An anderen Tagen laufen sie an unserem Ladenfenster vorbei und gucken uns beim Arbeiten zu. Heute läuft niemand vorbei. Meine Kollegen und ich reden immer noch über Corona. Ich frage mich, wie alles werden soll, mein Blick wandert nach draussen, ohne bestimmtes Ziel. Bis ich sie sehe. Zwei Teenies, vielleicht 16, in der rechten Ecke meines Sichtfelds, auf der anderen Strassenseite. Sie mit dem Rücken an die Hauswand gelehnt, er dicht vor ihr, den einen Arm um ihre Taille gelegt, den anderen abstützend an der Wand. Er sagt ihr irgendetwas ins Ohr, dann küssen sie sich. Ich rufe begeistert «Ooooohhh!», jetzt gucken meine beiden Kollegen auch. Das Paar draussen hingegen guckt nirgendwohin. Selbstvergessen schlingen sich beide in- und umeinander. Als hätte es Corona nie gegeben, als gälte keine Kontaktsperre. Die beiden sind längst in ihrem eigenen Traum. Die Zeit dehnt sich aus in diesem Moment; als hätte jemand die Stopptaste gedrückt. Wir drei in unseren Bürostühlen starren das Paar aus unserem Fenster hinaus an. Dann lächelt erst der eine von uns, dann der Zweite, dann wir alle drei. Esther Göbel

 

Erstes Osterfest | Bukarest

 

«Er wird bald weg sein. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen. Sie können weiterhin in der Wohnung wohnen. Er wird bald sterben.» Es ist das erste Mal, dass ich die Frau unseres Vermieters sehe. Eine Frau mit gewellten blonden Haaren, grossen Augen, einem Holzkreuz um den Hals. Sie sieht bedrückt aus. «Er weiss es nicht, wissen Sie. Er weiss, dass er krank ist, nur nicht, wie sehr krank. Er muss eine Chemotherapie beginnen, aber bei dieser Situation wissen wir nicht, wann. Sie sagten, sie würden ihn vom Krankenhaus aus anrufen, aber bisher kam noch kein Anruf.» Wir unterhalten uns vor dem kommunistischen Mietshaus. Es ist windig, die Bäume blühen. Unsere Tragtaschen sind gefüllt mit den Lebensmitteln für mein erstes Osterfest weg von den Eltern. «Sagen Sie uns, ob wir etwas tun können. Vielleicht kann ich ihn ins Krankenhaus fahren», sagt mein Freund. «Ja, bitte sagen Sie es uns», füge ich eilig hinzu.

Es ist schwer, jemanden zu trösten, wenn man eine Maske im Gesicht trägt. Oana Filip

 

Doktor begräbt Doktor | Delhi

 

Herr Doktor,

ich kann für Euch kein Bett von sechs Fuss Erde finden, acht Fuss tief.

Wir haben Tausende gesehen, die ihre Krankenhausbetten verlassen und wieder in die Welt hinausgehen.

An der grausamsten Wende wurde Euch die Würde, die Ihr anderen gabt, verwehrt.

 

Welt, hör zu:

In zwei Stunden haben zwei Friedhöfe meinen Arzt abgewiesen.

Die Leute fielen über uns her, als wären wir Schmuggler,

als schleppten wir schmutzige Beute.

Aus Angst, Euer Körper würde das Virus verbreiten,

liessen sie Stöcke und Steine auf uns regnen;

wir blieben blutend zurück,

mussten laufen und ihn alleinlassen

im Stockdunkel.

SOS an die Polizei,

Sie kamen mit geladenen Waffen.

Zur Geisterstunde hob ich die Grube mit Schaufeln aus,

liess den Leichnam hinab und

schob hastig die feuchte Erde mit meinen Händen drauf.

 

Welt, hör zu:

Also begräbst du einen Mentor,

ein Vorbild vieler Jahre.

Ihr nanntet Euer Krankenhaus Neue Hoffnung.

Ich nenne Eure Grabstätte Keine Hoffnung.

 

Herr Doktor,

Eure Güte war ein Leuchtturm,

Eure Dienstbarkeit war mein Leitstern.

Zitternde Nerven bei Säureangriffen habt Ihr mit Liebe behandelt,

von Chennai bis Nigeria habt Ihr freie Lager betrieben,

mit Eurem wunderbaren Funken Göttlichkeit.

Unter einem Hügel Mitternachtserde der Ruhe überlassen.

 

An meinen Händen roch ich noch den Lehm,

als ich Euch googelte.

Das erste Ergebnis:

«Dr. Simon Hercules, an Wochentagen von 10 bis 20 Uhr.

Vereinbaren Sie einen Termin online.»

Vinod K. Jose

 

An jedem Tag Corona | Fortaleza

 

«Papa, ich will, dass künftig an jedem Tag Coronavirus ist.»

Der Vater erschrak. Eine Mischung aus Scham und Schuldgefühlen überkam ihn. Er wusste nicht, wie er es ihr sagen sollte, und antwortete schliesslich: «Mein Kind, es ist eine Krankheit, die die ganze Welt zum Stoppen bringt, wir können das nicht wollen.»

«Das will ich ja gar nicht. Ich will bloss, dass es länger andauert, ich, du, Mama …»

Die Worte hallten nach im Kopf des Vaters. Er war zu Hause, hatte keine Arbeit, kein Einkommen, kaum zu essen. Das ganze Leben drehte sich sonst darum, für die Familie zu sorgen, aber jetzt, wo es scheinbar zum Stillstand kam, das Leben, wurde ihm klar, dass er sich noch nie so viel Zeit für das genommen hatte, worauf es eigentlich ankam. Und erneut stiegen Scham und Schuldgefühle in ihm auf. Antonio Melquíades

 

Dung an den Händen | Iffwil

 

Wenn man auf einem Bauernhof lebt und arbeitet, ist man daran gewöhnt, dass es in den Städten Dinge gibt wie public viewing und after-work parties, dass andere business lunch machen, einen power nap einlegen, wegen einer Loveparade alles absperren oder aufgrund eines burnout aus dem Berufsleben scheiden. Zu lesen, dass diese Dinge nun ersetzt worden sind durch social distancing, home office und lockdown, bringt zwar Abwechslung ins Vokabular, aber im Grunde ist es noch immer dasselbe: etwas Städtisches, das in den Medien aufgeregt diskutiert wird, das jedoch für das Leben auf dem Land keine Rolle spielt. Ein Arbeitstag auf dem Acker ist den meisten hier Veranstaltung genug, wenn Dung dran klebt, muss man sich früher oder später die Hände waschen, und mehr als fünf Landwirtinnen und Landwirte haben ohnehin nie gleichzeitig Zeit, einen Schwatz zu halten. Urs Mannhart

 

Katzen und das Virus | Moskau

 

Alles begann mit dem Singapurer Spitz, der am Virus erkrankte und starb. Eine mystische und mythologische Einstellung gegenüber jedweder beängstigenden Situation hat dazu geführt, dass neben meinem Aufgang eine verunsicherte dicke Hauskatze auf einem Stück Pappe sitzt und jeden ansieht, der aus der Tür des Wohnblocks tritt. Sie gibt keinen Laut von sich. Sie geht nicht weg. Auf demselben Stück Pappe liegt eine Handvoll Trockenfutter – sie bekommt ihr Essen, aber das ganze Haus wünscht sich, sie möge endlich kapitulieren und gehen. Herzzerreissendes über den treuen Hachiko ist etwas für glückliche Zeiten. Wenn man in Moskau Katzen (die eigentlichen Hausgötter der neuen Zeit) aus den Wohnungen wirft, entspricht das den Versuchen besorgter Menschen in Frankreich und Grossbritannien, 5G-Antennen zu zerstören. Der Moskauer Spiessbürger hat die tödliche Strahlung noch nicht auf dem Radar, aber der Mythos, Katzen würden das Virus übertragen, ist praktisch schon fest verwurzelt. Mein Beobachtungs­gebiet ist ein Viertel am Stadtrand, wo Leute leben, die es gewohnt sind, sich durchzuschlagen, und sich darauf verstehen, Ballast fachmännisch abzustossen. Der Beweis dafür sind die verunsicherten, aus den Wohnungen verbannten Katzen, die sich mitunter keinen Schritt weg von der Tür ihrer früheren Besitzer wagen. Die Zahl der Tiere, die derzeit in Heimen abgegeben werden, ist zweimal höher als sonst, viele Einrichtungen weigern sich bereits, noch mehr aufzunehmen. Jewgenija Pischtschikowa

 

Lachen als Maske | Hanover

 

In unserem Lebensmittelladen war ich letzte Woche einer der wenigen Kunden, die eine Maske trugen. Es war mir peinlich. Das war noch bevor die dringenden Empfehlungen, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen, aufkamen. Ich war beinahe fertig mit meinem Einkauf, als eine Frau mit forschen Schritten meinen Gang heraufkam. Sie wich nicht zur anderen Seite wie alle anderen. Sie trug nur ein paar Artikel, unter anderem eine Topfpflanze, und sie lächelte breit. Je näher sie kam, desto wilder wirkte ihr Lächeln, das eine Botschaft signalisieren sollte: Meine Maske war lächerlich, ein Zugeständnis an die Paranoia. Wir leben in einem liberalen Universitätsstädtchen in einem ländlichen Bundesstaat. Vielleicht gehörte sie zu den Fox-News-Zuschauern, fest entschlossen, die Wissenschaft zu leugnen. Ich floh in die andere Richtung. «Glaubst du das?», wollte ich von meinem Mann wissen, als ich nach Hause kam und ihm von der Begegnung erzählte. «Vielleicht», sagte er. «Vielleicht hatte sie aber auch Angst und wusste nicht anders damit umzugehen.» Später, ich hatte mich schon beruhigt, dachte ich wieder an sie. Dieses Lächeln. Es war gut möglich, dass sie mich nicht verspotten wollte, dass dies ihre eigene Maske war, mit der sie Angst und Furcht bedeckte. Sarah Schweitzer

 

13. – 19. April

 

Die New York Times rätselt aufgrund der tiefen Sterberaten von 1,6% aller Infizierten über «The German Exception». Mehr Tests, besseres Tracing und mehr Vertrauen in die Regierung werden als Gründe ausgemacht. Bereits 184 Länder sind vom Virus befallen. Noch coronafreie Länder sind Inseln wie die Komoren, Mikronesien oder Nauru. Mitten in der Coronavirus-Pandemie verteilt die US-­Regierung Checks über 1200 Dollar an die Bevölkerung mit dem Namen des Präsidenten drauf, welcher gleichzeitig die Beitragszahlungen für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Eis legt. The New Yorker kürt den 79-jährigen Dr. Anthony Fauci, Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, zum «vertrauenswürdigsten Mann Amerikas». In Guadalajara, Jalisco, wird eine Krankenschwester mit Wasser und Bleichmittel besprüht, und in Paris steckt unter dem Scheibenwischer des Autos einer Krankenschwester die Notiz: «Bitte parke deinen Wagen nicht neben unseren!» Ein TV-Sender erwischt den spanischen Ex-Ministerpräsidenten Mariano Rajoy beim Joggen. Eine Frau in Brooklyn, die «es versäumt hatte, Social Distancing einzuhalten», wird verhaftet und zusammen mit 24 anderen Frauen 48 Stunden lang in einer kleinen Zelle festgehalten. In China, wo wegen Umweltverschmutzung jährlich 1,6 Millionen Menschen sterben, hat gemäss der Stanford University die Verbesserung der Luftqualität aufgrund des Lockdown 1400 Kindern unter 5 Jahren und 51700 Erwachsenen über 70 Jahren das Leben gerettet. Auch der indische Lockdown wirkt sich positiv auf die Luftqualität aus: Die Bewohner im Bundesstaat Punjab sehen erstmals seit 30 Jahren das Himalaya-Gebirge aus grosser Entfernung. Wildtiere erkunden die Stadt: Gesehen wurden unter anderem ein Puma in Santiago de Chile, Wildschweine in Barcelona, Fasane in Madrid, Pinguine in Kapstadt und Schakale in Tel Aviv. Der Tenor Andrea Bocelli singt auf dem leeren Mailänder Domplatz Amazing Grace, wobei ihm Millionen User auf Youtube zuhören.

 

Arbeitsloser Mariachi | Mexiko-Stadt

 

Als wir die Trompete hörten, schauten meine Tochter und ich aus dem Fenster. Manchmal ist es eine Gitarre, manchmal eine Flöte, aber jeden Tag erklingt das traurige Lied eines arbeitslosen Mariachi auf der Suche nach ein paar Münzen. Auf der Strasse sieht man nur den Musiker und einen Jungen mit einer Maske und einer Mütze in der Hand, in der er das Geld einsammelt, das Nachbarn aus dem Fenster werfen. Ich lese in der Zeitung, dass seit Wochen der Garibaldi-Platz leer ist, wo sich sonst an jedem Tag und zu jeder Stunde Betrunkene und Touristen aufhielten und wir uns alle irgendwann getroffen haben und unsere Sorgen bei Gesang und Tequila vergassen. Die Musik ist in unser Haus gekommen. In einem Land, in dem Ausgehen bedeutet, seinen Lebensunterhalt zu erkämpfen oder Leben zu retten, ist die plötzliche Gefangenschaft ein Privileg – begleitet vom traurigen Lied eines Mariachi. Alejandra Sánchez Inzunza

 

Schwimmen im Ozean | Johannesburg

 

Die Chemotherapie lässt dich als Fremden in deinem eigenen Körper zurück. Der eisige Griff des Gifts erstreckt sich von der Tropfinfusion bis in den Unterarm und zerstört dabei physische und mentale Vertrautheit und Stärke. Stattdessen: krampfartige Schmerzen und ein abstumpfendes «Chemo-Gehirn»; die Angst, das Ganze nicht zu überleben, der Schrecken des Todes – verschärft durch ein Virus, das von immungeschwächten Körpern wie dem meinen zehrt. Der Todeswahn verdoppelt sich. Alles, wonach dich verlangt, ist etwas Normalität. Die sorglose Unschuld, mit der du dir Spiele mit deiner siebenjährigen Nichte vorstellst, oder das Vermögen, die Treppen hinaufzulaufen wie noch vor zwei Monaten. Ein Jazz-Auftritt, Schwimmen im Ozean, eine vertraute Berührung. Das Coronavirus lässt dich als Fremden in deinem eigenen Dorf zurück. Deine Nichte darf nicht mit dir spielen, die Strände sind geschlossen, das Militär ist auf den verlassenen Strassen unterwegs, und die Freizügigkeit sowie das Angebot der «wesentlichen» Dinge, die man in den paar Läden kaufen kann, sind eingeschränkt.

Die Dreadlocks fallen in Klumpen aus. Die elektrische Haarschneidemaschine ist weggesperrt, da mein Apotheker sie als «nicht wesentlichen» Gegenstand erachtet. Aber ein Schamhaar-Trimmer ist erhältlich. Es gibt keine Normalität mit Krebs in Zeiten von Covid-19. Niren Tolsi

 

«Ey, Alter!» | München

 

Er dachte bisher, er lebe in der besten aller Welten. In Frieden, in einem Land, in dem Wohlstand und soziale Sicherheit auf dem Generationenvertrag gründen. Der Mann ist Mitte fünfzig, er sieht sich als Mann im besten Alter. Er gilt als freundlich und zurückhaltend. Er geht durch eine Strasse in München-Schwabing. Kaum ein Münchner ausser ihm ist unterwegs. Auf der Bank an einer Bushaltestelle sitzen ein paar Jungs, sie sind vielleicht siebzehn, neunzehn. Sie sitzen dicht nebeneinander, sie trinken, sie lachen. Der Mann sagt freundlich: «Jungs, haltet lieber etwas Abstand.» Und einer der Jungs antwortet: «Ey, Alter, geh nach Hause und stirb.» In Corona-Zeiten wird die entente cordiale unter den Generationen aufgekündigt. Sabine Riedel

 

Systemrelevanter Job | Los Angeles

 

«Hast du deine Maske?», frage ich meinen Mann, der in der Tür steht. Er nickt. «Desinfektionsmittel?» Er nickt erneut. Dann dreht er sich um, steigt in seinen Truck und fährt zur Arbeit. Mein Mann hat einen systemrelevanten Job. Er berät Unternehmen, die Feuerschutz- und Alarmanlagen brauchen. Dafür muss er sich die Gebäude anschauen, in denen sie installiert werden sollen. Derzeit sind die Gebäude meistens leer. Kürzlich war aber eine Hausmeisterin da, die ihm ständig auf die Pelle rückte. «Ist doch alles nicht so wild», hat sie gesagt und ihn in die Seite geboxt. «Stell dich doch nicht so an.» Eine Maske hat sie nicht getragen. Wir sind froh, dass mein Mann den Job hat. Würde er nicht zu den Terminen gehen, würde er vermutlich gefeuert werden. Dann würden wir nicht nur sofort sein Gehalt verlieren, sondern auch die Krankenversicherung für uns beide. Das macht mich unruhig. Fast so unruhig wie der Moment, wenn er seinen Truck aus unserer Ausfahrt auf die Strasse steuert. Vom Rückspiegel baumelt jetzt immer eine weisse Gesichtsmaske. Kerstin Zilm

 

Fantamoscopio | Lima

 

Die Regierung hat fast allen verboten, das Haus zu verlassen, und das Verbot ist an Sonntagen absolut.

Heute sah ein Armeekommandant ein Paar mit einem Baby auf der Strasse und fragte sie, was sie dort täten.

«Wir müssen in ein Krankenhaus gehen», sagte der Vater. «Mein Sohn hat eine Flasche Shampoo getrunken.»

Der Kommandant öffnete seine Autotür und fuhr sie in eine Klinik.

In den Tagen der Quarantäne zog Carlos Enrique Freyre in seiner grünen Uniform von Ort zu Ort.

In den leeren Strassen erschienen durch die Autofenster wie Gespenster einsame und unbekannte Menschen.

Schiffbrüchige zu Fuss, die darauf warten, dass jemand sie entdeckt.

Zwei Schwestern, die ihren an Krebs erkrankten Vater in einem Krankenhaus zurückgelassen hatten und die einen Tag für die Heimreise gebraucht hätten.

Ein Tätowierer aus dem Dschungel, den seine Freundin nach einem heftigen Streit aus ihrem Haus geworfen hatte.

Vor zehn Jahren hatte Kommandant Freyre den Roman Fantamoscopio veröffentlicht, in dem er die Geschichte eines Aymara-Jungen erzählte, der eine Maschine baut, um die Toten zu sehen.

In diesen Tagen sah er von seinem Auto aus Menschen, die ihr Leben retten wollten.

Als er heute nach Hause zurückkehrte, fragte sich der Kommandant, warum ein Shampoo bei einem Baby so beliebt sein kann. Julio Villanueva Chang

 

Reinigender Regen | Srinagar

 

Normalerweise beginnt der Tag mit Vogelgezwitscher und dem sanften Zwinkern der Aprilsonne durch das grüne Laub der Hecke im Garten, es sei denn, das Wetter ändere seine Stimmung. So wie heute. Zuerst gibt es nur leise Blitze und dann eine Explosion von Donnerschlägen, die gegen die Fensterscheiben prallen. Ich teile die Vorhänge und schaue auf den Regen, der die Pappel auf Muhammad Rafiqs Rasen peitscht, von ihren hängenden Blättern tropft es. Mutter sagt, dass Regen in diesen Zeiten bitter nötig sei und guttäte. Vater schaut von seinem Handy auf, auf dem er wohl gerade ein Youtube-Video anschaut. «Wie kann das sein?», fragt er Mutter. «Pure Logik. Regen reinigt die Luft von den fliegenden Viruspartikeln», witzelt sie. «Hmmm», räumt er ein und erwidert: «Und was denken wohl die Millionen von Obdachlosen im Flachland? Wo gehen wohl sie hin, wenn es ständig regnet?» Mutter zwinkert. Shahnaz Bashir

 

Schlechtes Gewissen | Tokio

 

«Tokio befindet sich nun im Coronavirus-Notstand. Bitte bleiben Sie zu Hause … ausser für lebenswichtige Bedürfnisse.» Täglich um 10 Uhr tönt eine automatische Durchsage aus dem Büro der Stadtverwaltung von Shibuya über Lautsprecher durch die Strassen. Durch den ikonischen Touristenort der Stadt, Shibuya Crossing, strömt normalerweise eine immerwährende Flut von Fussgängern. Heute sieht man nur vereinzelte, nervöse Geschäftsleute mit Maske. Premierminister Shinzo Abe drängte die Menschen dazu, die Kontakte von Mensch zu Mensch um 70 bis 80 Prozent zu reduzieren. Die Bevölkerung hält sich daran: Die Über­wachung der Mobilfunkdaten zeigt, dass der Menschenstrom rund um Shibuya um 65 Prozent gesunken ist.

Es könnte am bekannten Gehorsam der Japaner liegen. Und am schlechten Gewissen.

Den Gang zum Kirschblütenfest, für viele Japaner der glücklichste Moment des Jahres, konnten viele nicht unterlassen und feierten unter den rosa Blüten und tranken (manchmal zu viel), wie es der Brauch ist. Kurz darauf nahmen die Covid-­19-Ansteckungen zu. Sawa Yasuomi

 

Filmküsse | Zagreb

 

Fast melancholisch wirken die Frühlingsblüten in Zagreb, die einen ganz in ihren Bann ziehen. Schliesslich ist dies der erste Frühling ohne ihr Stammpublikum, die Menschheit. In der Tat werden wir uns später an das Frühjahr 2020 vielleicht als das erste Mal erinnern, dass die Natur ganz sich selbst gehörte. Nur wenige Passanten nehmen von den Kirschblüten im geschlossenen Botanischen Garten Notiz. Ach, wir sind ja allzu sehr damit beschäftigt, unsere Gewohnheiten des öffentlichen Lebens zurückzusetzen, um eine Pandemie zu überleben: Wir machen beim Vorbeigehen einen grossen Bogen umeinander, wir stellen uns vor der Ampel mit einem Meter Sicherheitsabstand voneinander auf und fragen uns gleichzeitig, ob wir diese weltweite Plage überleben.

Nach nur fünf Tagen Selbstisolation spürte ich bereits einen Schauer über meinen Rücken laufen, wenn sich Menschen in Filmen küssen oder berühren. Ece Temelkuran

 

Trommeln gegen die Wut | Híjar

 

Der Bürgermeister steht in der Mitte des Platzes, senkt den Taktstock und dreht sich, wie immer, einmal um sich selbst. Tausende von schwarzgekleideten Trommlern drängen sich seit 500 Jahren auf diesen Platz und warten jeweils auf den Moment. Nicht so 2020. Doch den Soundtrack der Osterwoche bringt eine Pandemie nicht so schnell zum Schweigen, nicht bei den Trommlern von Teruel. Das ohrenbetäubende Dröhnen von Tausenden von Stäbchen, die auf die Tierhäute schlagen, ist ein Schlachtruf, der jetzt noch notwendiger ist. Dieses Jahr spielen die Trommler auf den Balkonen der Stadt oder in der Ferne, wie einst der grosse Regisseur Buñuel jeden Karfreitag aus dem mexikanischen Exil. Wer keine Trommeln hat, verwendet Pfannen. Einige spielen widerwillig, traurig; andere spielen mit mehr Kraft denn je und sehen zu, wie ihre Tränen über das Fell der Instrumente rollen. Im einstimmigen Echo klingt der Satz todo saldrá bien (Alles wird gut). Mari Cruz Aguilar

 

20. – 26. April

 

Russische Priester wehren sich gegen die Absage des orthodoxen Osterfestes, der Erzpriester Andrei Tkatschow echauffierte sich: «Den Zahlen nach ist das doch keine Pandemie! Man muss nur den Fernseher ausschalten, und schon gibt es kein Coronavirus mehr.» Eltern in Dänemark wehren sich gegen die Öffnung von Krippen und Kindergärten und gründen die Facebook-Gruppe «Mein Kind ist kein Versuchskaninchen». Ein leitender Arzt eines grossen schwedischen Spitals sagt dem Nachrichtenmagazin Time, dass der schwedische Weg vermutlich in einem «historischen Massaker» enden werde. Deren Chefepidemiologe Anders Tegnell entgegnet, im Moment seien alle Versuchskaninchen und die Bewohner anderer Länder mit strengen Restriktionen vielleicht «noch viel mehr als die Schweden». Das globale Online-Wettspielgeschäft, das jährlich 1,6 Billionen Euro beträgt, kommt vollständig zum Erliegen. In die Lücke springen Betrüger, die «Ghost Games» kreieren, wie jenes zwischen den fiktiven ukrainischen Mannschaften FC Berdyansk und dem SC Tavriya, welches per manipuliertem Liveticker verfolgt werden kann. Der dreifache Hawaii-Sieger Jan Frodeno absolviert die 226 Kilometer eines Ironman in den eigenen vier Wänden: Beim Schwimmen im Pool mit Gegenstromanlage, Radfahren und Laufen auf der Rolle und dem Laufband sammelte er 200000 Euro für einen guten Zweck. 28 Millionen Euro brachte die Spendenaktion des britischen Kriegsveteranen Tom Moore ein. Er legt die 25 Meter lange Rasenstrecke vor seinem Haus mit dem Rollator einige Tage vor seinem 100. Geburtstag 100-mal zurück. Die Credit Suisse ändert ihr Bonusprogramm ab, so dass deren Manager möglichst keinen Schaden wegen des Corona-­Kurszerfalls nehmen. Gute Nachrichten für die Profi-Gambler in Las Vegas. Auch sie haben Anspruch auf staatliche Finanz­hilfen. Der amerikanische Online-Munitionshändler Ammo.com meldete zwischen dem 23. Februar und Ende März ein Umsatzplus von 800 Prozent, verglichen mit dem knapp 40-tägigen Zeitraum davor. Ein Schiffbrüchiger schafft es mit seinem Kajak gerade noch auf eine New Yorker Insel. Die Polizei kann ihn retten, nachdem er «Help» in den Sand geschrieben hat. «Er nahm die soziale Distanzierung wohl zu ernst», scherzte der New Yorker Polizeichef.

 

Tägliches Topfkonzert | Rio de Janeiro

 

Jeden Abend gegen 20 Uhr hören wir unsere Nachbarn, die auf Töpfe und Pfannen schlagen, als Protest gegen Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro, der weiterhin hartnäckig die schweren Auswirkungen der Pandemie leugnet. Es ist der Höhepunkt des Tages. Die Hunde regen sich auf, rennen wie toll herum. Nach dem Lärm schläft meine zehn Monate alte Tochter ein. Ein Baby mitten in einer Coronavirus-Pandemie aufzuziehen, ist nicht das, was ich erwartet habe, als ich mich entschied, Mutter zu werden. Am Anfang fühlte sich alles dringender an – die Breaking News, die Ängste, das Schreiben –, als meinem Baby in der Wohnung hinterherzulaufen.

Das tägliche Topf- und Pfannenkonzert lässt uns hoffen, dass die Schleife, in der wir alle gefangen sind, eine weitere Runde beendet hat. Im Laufe der Wochen wich meine Angst der Verzweiflung, und dann wurde aus Verzweiflung Resignation. Nach einem Monat in Quarantäne betrachte ich meine kleine Tochter und bin dankbar, dass sie ohne Sorgen glucksen kann. Wenn sie versucht aufzustehen, aber hinfällt, krabbelt sie einfach weiter in ein neues Abenteuer, mit dem unerschütterlichen Glauben, dass das Leben voller endloser Chancen ist. Carol Pires

 

Ein Hund namens Corona | Teheran

 

– Sag mal, wie geht es eigentlich deinem Hund Virgula während dieser Quarantäne?

– Ich habe seinen Namen geändert. Er hört jetzt auf den Namen Corona!

– Warum ausgerechnet den Namen dieses hinterhältigen Virus?

– Am ersten Tag der Quarantäne habe ich ihm in der Abstellkammer unserer Wohnung eine Schachtel hingestellt, damit er dort sein Geschäft verrichtet. Am späten Nachmittag entdeckte ich plötzlich, wie er sein Geschäft auf meinem Bett verrichtet hatte. Ich brachte ihn erneut zur Kammer und zeigte ihm die Schachtel. Am nächsten Nachmittag bekam ich mit, dass er seine Schweinerei auf den Papieren und Dokumenten, die ich aus dem Büro mit nach Hause genommen hatte und die auf meinem Schreibtisch lagen, gemacht hatte. Ich nahm ihn wieder zur Kammer und erklärte ihm neben der Schachtel alles noch einmal sehr ausführlich. Aber bereits am nächsten Tag hatte er seinen Kot auf dem Korb gewaschener Leinentücher hinterlassen. Nun sag selbst: Gibt es für einen Hund, der mein Leben so in die Scheisse geritten hat, einen passenderen Namen? Amir Hassan Cheheltan

 

Geräucherter Aal | Stockholm

 

Ende März ging ein Journalist des öffentlichrechtlichen Rundfunks in die Östermalmshallen, einen Nobelmarkt in einem der reichsten Viertel Stockholms. Der Ort war voll mit alten Leuten. «Ich werde geräucherten Aal kaufen», sagte lächelnd eine Dame in einem mit Leopardenmuster bedruckten Mantel in die Kamera. «Ich liebe Räucheraal.» Statt einer Abriegelung setzt Schweden auf die Fähigkeit seiner Bürger, verantwortungsbewusst zu handeln und sich selbst zu isolieren, wenn sie sich krank fühlen oder zu einer Risikogruppe gehören. Diese Dame tat dies offensichtlich nicht, und als das gefilmte Interview online gestellt wurde, fielen die Reaktionen einstimmig aus: «Schliesst Östermalm!» Verschwörungsphantasien sind in Krisenzeiten beliebt. Laut Psychologen schaffen sie ein Gefühl der Kontrolle: Wir haben es nicht mit einem unsichtbaren Feind − Zufall, Natur, einem Virus − zu tun, sondern mit einer Gruppe von bösen Individuen. Und wenn jemand Konkretes schuld ist, bedeutet das, dass man ihn aufhalten kann und damit auch das Problem.

Die schwedische Antwort auf Covid-19 hat nicht nur gezeigt, dass Verschwörungstheoretiker sichtbare Feinde bevorzugen. Wir wollen sie in Fleisch und Blut − am liebsten an einer gefährdeten Spezies kauend. Christopher Friman

 

Teuerstes Benzin der Welt | Caracas

 

«Ich wasche meine Hände mit Kochsalzlösung, weil es im Krankenhaus kein Wasser gibt», sagt mir eine Krankenschwester. Wir sind auf das Händewaschen angewiesen, um Covid-19 zu verhindern, aber die Regierung rationiert seit Jahren das Wasser im ganzen Land. Bis März hatten wir das billigste Benzin der Welt: Der Literpreis betrug nach einer Währungsabwertung noch 0,00006 Bolívar, was dazu führte, dass eine Tankfüllung oft symbolisch mit einem Kugelschreiber bezahlt wurde. Jetzt ist das Benzin knapp, und die Tankstellen werden vom Militär kontrolliert. Die Füllung eines Autotanks kann mehrere Tage Wartezeit in Anspruch nehmen. Schmuggler verkaufen den Liter Benzin für bis zu vier Dollar. Der teuerste Preis der Welt. Wegen des Benzinmangels gibt es Ärzte und Krankenschwestern, die keine Möglichkeit haben, zu den Krankenhäusern zu gelangen, und die Verteilung von Lebensmitteln ist nicht gewährleistet. In drei Staaten sind bereits Lebensmittelunternehmen geplündert worden. Ricardo Barbar

 

Hispanoamerikaner | Miami

 

Ich schreibe von meinem Fenster aus, und ab der zweiten Woche der Gefangenschaft sehe ich Menschen mit Masken in die Bibliothek neben dem Strand hineingehen, um Arbeitslosenanträge auszufüllen. Da so viele Hotel- und Restaurantangestellte in Florida durch die Pandemie ihren Job verloren, brach das Online-Bewerbungssystem zusammen. Zuerst war da nur ein Bibliothekar mit Handschuhen und Masken, der von Montag bis Freitag Formulare austeilte und die ausgefüllten Formulare in einer Kiste aufbewahrte. Dann wurden es zwei Kisten, drei, ein weiterer Bibliothekar stiess dazu, Sonderschichten an Sonntagen fielen an. In den vier Wochen des Coronavirus erreichte die USA die höchste Arbeitslosenquote seit der Grossen Depression: 14,7 Prozent, mehr als 20,5 Millionen Arbeitslose, die meisten davon Hispanoamerikaner wie ich, die am Ende der vierten Woche der Gefangenschaft ebenfalls einen Anruf des Chefs erhielt. Jetzt schreibe ich aus der Ungewissheit heraus. Maye Primera

 

Der Abstand zwischen uns | Tunis

 

«Warum willst du ausgerechnet in diesen Zeiten allein wohnen?» Ich befand mich in der Küche meiner neuen Wohnung und sprach mit der Vermieterin, die im obersten Stockwerk wohnt. Mit Sicherheitsabstand zwischen uns. Ihre Frage überraschte mich nicht. Alle, mit denen ich innerhalb des letzten Monats, als ich eine neue Wohnung suchte, Kontakt hatte, hatten mir die gleiche Frage gestellt.

«Warum suchen Sie mitten in dieser Krise eine neue Wohnung?»

«Welchen Familienstand haben Sie?»

«Ah, geschieden!»

«Ist Ihre Familie damit einverstanden, dass Sie allein wohnen?»

Die Stille in der Wohnung wog noch schwerer als der Abstand zwischen uns. Einen kurzen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, dass ich all mein Durchhaltevermögen der letzten Monate eingebüsst hatte und mir die Wände der Küche gegen die Brust drückten. Ja, sogar die Wände der ganzen Welt. Meine Zunge verknotete sich, und Tränen traten mir in die Augen. Ich begann so heftig zu weinen wie seit dem Tod meines Vaters nicht mehr.

«Weine doch nicht, meine Tochter … du bist nicht allein.»

Als hätten alle Vorsichtsmassnahmen ihre Bedeutung verloren, durchschritt die Frau den Sicherheitsabstand zwischen uns und umarmte mich. Meine Tränen hörten auf zu fliessen, und ich hörte sie sagen:

«Du kannst bei mir oben wohnen, wann immer du willst.»

Ihre Stimme ähnelte der Stimme meiner Mutter, die ich seit Beginn der Ausgangsbeschränkung nicht mehr besucht hatte. So zumindest kam es mir vor. Amal El-Mekki

 

Pitbull streicheln | Brooklyn

 

Im Hospiz hatte meine Familie Angst, mir nahe zu kommen. Mein Cousin flüchtete auf eine Feuerwehrleiter draussen vor dem Fenster. Ich mache ihnen keine Vorwürfe, schliesslich war ich aus New York angereist, dem Epizentrum der Pandemie. Der Bahnhof in ihrer Stadt gleicht einem Kunstmuseum; der in meiner einem Sanatorium. Beim Aussteigen nach der Rückfahrt lasse ich meine Hände in den Taschen des Mantels, den Grossmama mir geschenkt hat, weiche Blicken aus, fahre mit der Rolltreppe durch die Wahnsinnigen. Jungs mit unbedeckten Gesichtern balancieren auf Skateboards unter einer schwarzen Markise. Ich gehe die breite Strasse mit den hell beleuchteten Handtaschen in den Schaufenstern entlang und denke dabei, wie sehr Grossmama ihre kleinen Luxusdinge liebte. Das Grand-Hotel, wo sie dieses schwarze Kleid trug. Meine Füsse tun weh, und ich weine in meine Maske, aber ich bin froh, denn Auf Wiedersehen zu sagen, ist auch ein Luxus. In der Taqueria an meiner Ecke lässt mich ein Fremder seinen Pitbull streicheln.

«Danke, das habe ich gebraucht», sage ich.

«Wir brauchen das jetzt alle», erwidert er. Sarah Deming

 

Weltmeister im Biertrinken | Prag

 

Eine der ersten Initiativen, die findige Tschechen gegründet haben, heisst «Rettet das Bier». Und so einfach geht es, Retter zu sein: Man fahre zu einer der nächstgelegenen Klein- und Minibrauereien und kaufe dort seinen Vorrat, der schon fix und fertig in Literflaschen abgefüllt ist. Für den Sommer haben alle Brauereien in den vergangenen Monaten sudkesselweise Bier angesetzt, denn auf Festivals und in Biergärten ist der Absatz reissend – normalerweise zumindest, denn in diesem Jahr dürfte ja alles anders kommen. Und bevor die Brauer also ihr Bier in den Gulli kippen müssen, können die Tschechen es jetzt heldenhaft retten. Selbst die ersten Gesichtsmasken sind inzwischen erfunden, die einen Reissverschluss über dem Mund haben, so dass sich Becher und Flaschen zum Trinken ansetzen lassen, ohne dass man erst mühsam die Maske vom Gesicht wickeln muss und dafür möglicherweise sogar einen Strafzettel kassiert. Eine Illusion wird den Tschechen in dieser Krise genommen, und an dieser Erkenntnis werden sie lange zu knabbern haben: Auf ihre 144 Liter Jahres-Bierverbrauch pro Kopf sind sie stolz, denn der macht sie mit riesigem Abstand zu den zweitplatzierten Deutschen zu Weltmeistern. Einzig: Der Konsum bricht derzeit gewaltig ein, was an den geschlossenen Grenzen liegen könnte. Touristen dürfen derzeit nicht ins Land. Könnte es also sein, dass der Weltrekord eigentlich den Besuchern gehört und gar nicht den Tschechen selbst? In der Zeit nach Corona wird es viel aufzuarbeiten geben. Kilian Kirchgessner

 

27. April – 3. Mai

 

Netflix verkaufte im ersten Quartal 16 Millionen neue Abos, doppelt so viele wie erwartet. Youtube blockiert Verschwörungsphantasien zu 5G im Zusammenhang mit dem Coronavirus. In einem Thuner Altersheim können Besucher ihre Angehörigen wie im Gefängnis treffen: Es wird getrennt durch eine Scheibe und über eine Audioanlage kommuniziert. Vergangene Woche hatte Donald Trump Forscher ermuntert, Möglichkeiten zu prüfen, Menschen im Kampf gegen das Virus direkt Desinfektionsmittel zu spritzen. In Iran sterben durch die Einnahme von Methanol gegen eine Ansteckung 700 Personen. Hunderttausende Textilarbeiter widersetzten sich in Bangladesh der landesweiten Ausgangssperre. Die mehrheitlich weiblichen Angestellten riskieren damit eine Ansteckung mit Sars-CoV-2, um nach vielen Wochen Zwangspause endlich wieder etwas Geld verdienen zu können. Ein Aquarium in Japan fodert die Bürger auf, sich winkend per Videoanruf an deren 300 Gartenaale zu wenden. Die Absenz von Besuchern führt bei den Tieren zu Stress. Die Schweiz macht einen ersten Schritt zurück in die Normalität: Coiffeursalons, Nagel­studios, Gärtnereien und Baumärkte sind wieder geöffnet. In Italien, wo die Regierung immer noch Esspakete verteilen muss, sorgt man sich um den Sommer am Strand: Findige Unternehmer entwerfen deshalb eine 4,5 mal 4,5 Meter grosse Plexiglasbox, die über Badegäste auf ihren Strandliegen gestülpt werden kann. In der chinesischen Grossstadt Wuhan, von wo die Virus-Pandemie ihren Ausgang nahm, liegt erstmals nach Angaben der Behörden kein Corona-Patient mehr im Krankenhaus. 47 Millionen Frauen haben seit dem Ausbruch der Pandemie keinen Zugang mehr zu Verhütungsmitteln, was laut der UNO zu einem «Babyboom» führen könnte. «Können Sie mich sehen?» ist einer der Sätze aus dem Home-Office, die dereinst für die Corona-Krise stehen werden.

 

Online-Stillberatung | Vilnius

 

Justyna sitzt im Schlafanzug auf der Couch. Ich halte das Smartphone vor ihre nackte Brust, ihr Mann steht auf einem Hocker und leuchtet mit der Taschenlampe von oben. Aus dem Smartphone erklingt eine Stimme:

«Gut, und jetzt ärgere das Baby ein wenig, damit sie anfängt zu weinen, ich muss mir ihre Zunge angucken. Ich sehe nichts, versuch es aus einem anderen Blick­winkel … Und jetzt zeig mir, wie sie saugt. Sehr gut.»

Ich gehe mit dem Smartphone wieder etwas weiter weg, die Frau auf dem Bildschirm zeigt Justyna eine rosa Plüschbrust. Sie drückt mit drei Fingern zu und sagt:

«So musst du sie deiner Tochter in den Mund stecken, möglichst tief.» Justyna versucht es.

«Und jetzt möchte ich sehen, wie deine Brustwarzen nach dem Trinken aussehen. Wunderbar, genau so sollen sie aussehen.»

Von Justynas Freundinnen hat keine gestillt, aber sie will stillen. Der litauische Gesundheitsdienst ist nicht auf Hilfe für stillende Mütter vorbereitet. Aniela ist zur Welt gekommen, als in Litauen im Prinzip alles ausser den Supermärkten geschlossen wurde. Für die Beratung wollte die private Laktationsberaterin kein Geld – es war ihr erster Online-­Einsatz. Ewa Wołkanowska-Kołodziej

 

Himbeereis auf der Parkbank | Amsterdam

 

Sie sassen eine Zeitlang ohne zu sprechen da, der ältere Junge ass sein Eis, und der andere, wahrscheinlich sein Bruder, tat so, als würde er ein Buch lesen. Die beiden Jungen waren eindeutig von jemandem aus dem Haus geworfen worden. «Vergesst die Bildschirme für eine Weile, es ist ein wunderschöner Tag, schnappt etwas frische Luft!», werden die Eltern gesagt haben. «Draussen gibt es nichts zu tun. Wir sind nicht wie ihr und gehen spazieren», werden sie geantwortet und dazu das Gesicht verzogen haben. Aber Erwachsene können unvernünftig und hartnäckig sein, also sitzen die Jungs hier auf dieser Parkbank. Die Wangen des Älteren färbten sich rosa wie sein Himbeereis, als ein hübsches Mädchen, das etwa gleichaltrig war, sich neben ihn setzte, ohne die gebotene Distanz zu respektieren, an die wir ständig erinnert werden. Jetzt war er in einer wirklich schwierigen Situation. Dem Mädchen zu sagen, es solle sich an die neuen Vorschriften halten, wäre die Unterzeichnung seines sozialen Todesurteils. Er durfte keine Zeit verlieren. Also stupste er seinen kleinen Bruder an und zischte ihm leise zu, er solle sich verpissen und Platz machen für, na ja, man weiss ja nie, vielleichtseine baldige Freundin. Aber anstatt den Wink zu verstehen, sagte der kleine Kerl so laut, dass jeder in der Nähe es hören konnte: «Warum muss ich abhauen, was zum Teufel ist los mit dir!» Das Rosa im Gesicht des Eisessers verwandelte sich in ein dunkles Wassermelonenrot. Mittlerweile war das Mädchen unbemerkt gegangen. Katrien Gottlieb

 

Blinde Liebe | Kapstadt

 

Wir machen uns solche Sorgen um unsere Nachbarn, die wir alle nicht sehen können. Das war schon immer so in Südafrika. Zur Zeit der Apartheid stellten die Politiker visuelle Barrieren – Abraumhalden, Eisenbahnen – zwischen den Reichen und den Armen, den Weissen und den Schwarzen auf. Sie nahmen an, dass, wenn die Leute sich nicht sehen konnten, sie auf die anderen auch nicht neidisch sein oder sich nicht um die anderen kümmern würden, selbst wenn sie nur hundert Meter voneinander entfernt wohnten. Im März wurde ganz Südafrika unter einen strengen Lockdown gestellt: kein Alkohol, keine Post, kein Spaziergang. Westliche Beobachter sagten Unruhen vorher. Wir sind ein armes, afrikanisches Land. Aber die Südafrikaner wissen, wie schmerzhaft es ist, seine Nachbarn nicht lieben zu dürfen. Und sie wissen daher, welch ein Privileg es sein kann, für sie Opfer bringen zu dürfen. Also sind die meisten unserer Strassen leer wie Kulissen. Eine Freundin, die selbst arm ist, hat auf Facebook 10 000 Dollar für Fremde gesammelt, die ihr sagten, dass sie Hunger hätten. Manche fragten, ob sie einen Beweis wolle. Wir müssen den Mut haben, blind zu lieben, antwortete sie. Gibt es überhaupt eine andere Art des Liebens? Eve Fairbanks

 

Nichts Neues | Managua

 

Als es Abend wird, beginnt die Sonne, die die Luft über dem Kopfsteinpflaster trübt, nachzulassen, während ich die zwei Meilen zu meinen Eltern zurücklege. Ich bin zu Fuss unterwegs, weil ich Angst habe, in Zeiten einer Pandemie den Bus zu nehmen. Einige neugierige Augen, die aus ihren Häusern blicken, offenbaren die Zweifel der Bürger an der Wahrhaftigkeit der vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Daten über die Covid-19-Fälle. Wie auch soll man einer Regierung trauen, die bei den Protesten von 2018 ihre Pforten für Verwundete geschlossen hielt. Auf dem Bürgersteig wimmelt es von Strassenhändlern, die wie acht von zehn Nicaraguanern jeden Tag zur Arbeit gehen, auf der Suche nach ein paar Dollar, um etwas zu essen. Ich kaufe einigen ein paar Süssigkeiten ab, aber ich schäme mich, sie zu fragen, ob sie zu den 40 Prozent der Nicaraguaner gehören, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Der Präsident ist in den letzten 48 Tagen ein einziges Mal öffentlich aufgetreten. Das ist nichts Neues. Auch nicht, dass es in Nicaragua schwierig ist, zu Hause zu bleiben und sich die Hände zu waschen. Das Virus hat uns das alles wieder einmal klar vor Augen geführt. Julián Navarrete

 

Besuch von Philosophen | Peking

 

In diesen Tagen geht eine Gruppe von Beamten von Tür zu Tür einer Gated Community und stellt die drei ultimativen Fragen der Philosophie:

Wer sind Sie?

Woher kommen Sie?

Wohin gehen Sie?

Anschliessend hält einer der Beamten dem Befragten ein kontaktloses Ohr-Thermometer an den Kopf (von weitem sieht es aus, als ob er einen Revolver an die Schläfe hielte), um zu prüfen, wie heiss man ist. Liu Zichao

 

Enttäuscht von Fidel | Villa Clara

 

Eugenia Flores trinkt nicht gerne kaltes Wasser. Ihr Körper zittert, wenn sie es tut. Sie ist 74 Jahre alt und lebt allein, in einem Haus, in dem ihr die Decke auf den Kopf fällt, in Zulueta, einem verschachtelten Dorf in Villa Clara, wo sie weder Kühlschrank, Fernseher noch Toilette hat. Eugenia Flores verbringt ihre Tage in Begleitung von drei Katzen, einem sowjetischen Radio und Bergen von Büchern aus ihrer Zeit als Lehrerin, die sie auf dem Boden aufgestapelt hat. Ja, denn Eugenia Flores war 41 Jahre ihres Lebens Lehrerin und gehörte zu denen, die zu Beginn der Revolution in die Berge gingen, um den Bauern Lesen und Schreiben beizubringen. «Alles, was fest ist, verschwindet», sagt Eugenia Flores und zitiert Marx, um ihre Frustration über das Projekt für ein Land zu erklären, das ihr versprochen worden war und das sich nie erfüllt hat. Heute gehört sie zu den vielen Kubanern, die mitten in der Coronavirus-Pandemie nicht zu Hause bleiben können, weil ihre Grundbedürfnisse nicht gesichert sind. Jeden Tag, wenn es dämmert, geht sie auf die Strasse, um zu sehen, ob sie etwas zu essen oder Seife zum Waschen findet. Abraham Jiménez Enoa

 

Tanz ums Lagerfeuer | Zürich

 

Die Werdinsel am Rand von Zürich hat sich in den letzten Wochen in eine Parallelwelt verwandelt. Nacht für Nacht brennen Lagerfeuer, mal sind es acht, mal zehn. Ich wohne gleich neben der Insel und rieche oft den Rauch auf dem Balkon. Meist war ich in den letzten Tagen auch selbst auf der Insel. Selten habe ich so viele Leute kennengelernt, gerade gestern wieder, in einer der ersten lauen Aprilnächte. Kurz vor Sonnenuntergang ging ich auf eine der Wiesen und tanzte allein, erst mit einem Hula-Reifen, dann mit einem Aikido-Stock. Etwa hundert Meter entfernt sah ich drei Frauen, die ebenfalls tanzten. Nach einer Weile spazierte ich auf sie zu. Sie tanzten mir entgegen. Ein paar Minuten später hatten uns ziviler Ungehorsam, mangelnde Angst, krasse Dummheit, nicht unterdrückbare joie de vivre oder eine Mischung davon in einen Gruppentanz gelockt. Ein Mann mit Gitarre stiess dazu. Wir zündeten ein Feuer an und tanzten bis Mitternacht. Und um uns herum brannten sechs oder sieben andere Feuer, tanzten andere Leute in nonchalanter Missachtung der Social-Distancing-Regeln. Social Distancing − der Begriff wird wohl zum Wort des Jahres gewählt. Vielleicht sind wir für solch eine Idee aber einfach die falsche Spezies. Florian Leu

 

Grenzen sprengen | La Serena

 

«Lieber sterbe ich, als eingesperrt zu bleiben», sagte mir Germán an einem Freitagnachmittag während eines Mittagessens, das er in seiner kleinen Wohnung für einen Freund und mich organisiert hatte. Germán hat den Krebs besiegt und ist entschlossen, die durch die Pandemie auferlegten Grenzen zu sprengen und sein Leben zu leben. Denn mehr als vor dem Virus fürchtet er sich vor der Einsamkeit, weil er nicht mit den Menschen, die ihm wichtig sind, reden, tanzen oder lachen kann. Die Entschlossenheit meines Freundes gleicht der vieler Chilenen gegenüber den Massnahmen, die seit Mitte März nach und nach umgesetzt wurden, um den Vormarsch von Covid-19 zu verlangsamen. Während dieser Zeit fühlten sich einige ungläubig, paranoid, und andere widersetzten sich der Regierung. Denn das empfohlene «Zuhausebleiben» verbinden sie mit den Regierungsbefehlen während der sozialen Unruhen vom Oktober 2019, als Millionen von Bürgern auf die Strasse gingen und mit ihren vorgetragenen Forderungen das öffentliche Leben teilweise lahm­legten. Jetzt fragen sie sich besorgt, wie die von der Regierung ausgerufene«Neue Normalität» dereinst aussehen wird. Johana Idaly Fernández Rincón

 

Ein Mord | Buenos Aires

 

In einer Vase in meinem Haus befindet sich ein Stachelstock, der letzte, der von der Pflanze geschenkt wurde, die ich auf dem Balkon habe. Sie ist schon lange da und hat keine Blumen mehr. Alles, was bleibt, ist die elegante grüne Peitsche am Stiel, die dem Tod widersteht. Aus dem Wasser gezogen, weggeworfen, jetzt sieht es aus wie ein Mord. Alles Lebendige ist zu lebendig. Das Leben gibt mir einen Respekt, der mich lähmt. Leila Guerriero

 

Vom Vorher und Nachher | Paris

 

Seit einiger Zeit suche ich nach dem richtigen Wort für die kommende Zeit, die «Zeit danach», die ich nicht mehr «Zeit danach» nennen kann, weil ich nicht mehr weiss, was das heissen wird.«Danach» impliziert eine Etappe, das Ende von etwas anderem, eine Furt, die durchschritten wurde. Und obwohl ich weiss, was das Vorher war, bin ich mir nicht sicher, was das Nachher ist. Oder die Grenze zwischen den beiden. Es sei denn, sie liegt nicht bereits hinter uns, diese Grenze. Ist das Nachher bereits das Heute, und es gab keine Furt zu durchschreiten? Das würde bedeuten, dass unser Alltag nicht so weit von unserer Zukunft entfernt ist. Vielleicht ist die Zukunft schon da. Taina Tervonen

 

 

 

Übersetzungen: Farsin Banki (aus dem Persischen), Larissa Bender (aus dem Arabischen), Karin Betz (aus dem Chinesischen), Silke Kleemann (aus dem Spanischen), Barbara Sauser (aus dem Russischen und Polnischen), Eva Schestag (aus dem Englischen) und die Redaktion (aus dem Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen und Portugiesischen).