Hallo Schweiz #31

Der ägyptische Journalist und Dichter Youssef Rakha erlebt zum ersten Mal die Schweiz.

Youssef Rakha

Auf seiner Recherche in Kairo im Dezember 2015 lernte der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher den ägyptischen Journalisten und Dichter Youssef Rakha kennen – und lud ihn zusammen mit Pro Helvetia ein, die Schweiz zu besuchen. Ein halbes Jahr darauf reisten sie zusammen nach Oberwil-Lieli, wo Lüscher aufgewachsen ist. Rakha erzählt in dieser Kurzreportage (gleichzeitig der Auftakt zu dieser neuen Kolumne), wie er auf seiner Reise die Schweiz erlebt hat.

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Die Schweizer Kochkunst mag weniger vorzüglich sein als die der Italiener oder Franzosen. Und Brexit hin oder her, die Fähigkeit der Schweizer zum Multi­kulturalismus lässt sich mit der der Londoner nicht vergleichen. Unterm Strich leiden sie unter einer noch schlimmeren Arbeitssucht als die Deutschen und sind auf zwischenmenschlichen Abstand fast so erpicht wie die Skandinavier.

Ausserdem ist wahrscheinlich etwas dran an der Aussage, sie lebten weniger in einem Land als in einem effizient geführten und durch und durch amoralischen Unternehmen. Reden wir gar nicht von der Zürcher Bahnhofstrasse, der teuersten Hauptstrasse Europas. Denken Sie nur an Davos, wo man das Gefühl hat, man sitze in der Leitstelle des globalen Hungers. Aber trotzdem!

Ob nach Massgabe des Wohlstands oder der Sicherheit, der Landschaft oder auch nur der Sauberkeit von Luft und Wasser, die Schweiz ist das Paradies – und das nicht nur für Skiläufer, Cern-Physiker und Mitglieder der Bilderberg-Gruppe.

Jonas Lüscher und andere, mit denen ich gesprochen habe, führen den Zustrom tamilischer Flüchtlinge aus Sri Lanka in den neunziger Jahren als Beispiel an: Am Anfang erregten ihre dunklen, unvertrauten Gesichter Argwohn, aber als sich ihr Fleiss zeigte – die einzige ernstzunehmende Bedingung für eine erfolgreiche Integration in die Schweizer Gesellschaft –, erwarben sie sich schnell einen guten Ruf; heute sind sie Vorzeigeschweizer und leiden unter keinerlei Diskriminierung.

Ich mag unsichtbar sein, fühle mich aber willkommen genug, als Jonas Lüscher mich nach dem Literaturfestival in Leukerbad und dem gelungenen Abstieg aus Leuk zu einem der bekanntermassen überteuerten Hotels in der Altstadt begleitet. Von hier aus machen wir uns für zwei Tage in seinen Geburtsort im Kanton Aargau auf.

 

Oberwil-Lieli ist eine ziemlich homogene Mischung aus Bauernhöfen und Pendlersiedlungen. Die beiden fusionierten Dörfer sind 5,4 Quadratkilometer gross und haben 2222 Einwohner. Die Gemeinde rühmt sich einiger der für das Land so charakteristischen Fachwerkhäuser, und ihre Fläche besteht zu 58 Prozent aus Ackerland und zu 27 Prozent aus Wald.

Für viele ist es zu einer Alternative zur «Goldküste» geworden, dem in die Abendsonne getauchten Ostufer des Zürichsees, wo die Millionäre gern wohnen.

Heute haben die meisten Einwohner von Oberwil-Lieli deutlich höhere Realeinkommen als der Durchschnitt zu der Zeit, als Jonas’ Eltern in den siebziger Jahren in die Gemeinde zogen. Aber das ist nicht der Grund, warum wir uns für meine Fallstudie für diesen Ort entschieden haben.

Oberwil-Lieli tauchte in diesem Jahr oft unter aufrüttelnden Schlagzeilen in den Medien auf: «Das einzige Dorf in Europa, in dem Migranten VERBANNT sind»; «Wir müssen Flüchtlingen in die Nähe ihrer Heimat zurückhelfen»; «Schweizer Dorf zahlt hohe Bussen, um flüchtlingsfrei zu bleiben».

Im Rampenlicht der ganzen Welt stand der Ort als das superreiche, superselbstsüchtige Schweizer Dorf, das sich entschieden hatte, eine jährliche Busse von rund 200 000 Euro zu zahlen, um das vom Bund zugeteilte Kontingent von genau zehn Flüchtlingen fernzuhalten.

In Wahrheit ist Oberwil-Lieli weder die erste noch die einzige Schweizer Kommune, deren Einwohner sich aus diversen und nicht

zwingend rassistischen Gründen entschieden

haben, die «Strafgebühr» zu zahlen: Im Jahr

2008 beschloss der Grosse Rat des Kantons

Aargau diese Ersatzabgabe – gedacht war sie

für Gemeinden mit echter Unterbringungsnot. Auch das 51:49-Votum schwankte von Zeit zu Zeit. Andreas Glarner, der Gemeinde­ammann und Nationalrat der rechtskonservativen Schweizer Volkspartei (SVP), hat die Ersatzabgabe schon in den Haushalt auf­nehmen lassen. Glarner gab auch in aller Öffentlichkeit empörende Kommentare zum Thema ab: «Die Schweiz muss ihre grüne Grenze mit einem Stacheldrahtzaun abriegeln» und «Wenn ein Schiff mit Migranten im Mittelmeer versinkt, dann finde ich das eine gute Nachricht».

Im deutschen Fernsehen hatte Glarner auf die Frage, was er einer syrischen Mutter sagen würde, die mit ihrem Baby an seiner Tür um Einlass bitte, geantwortet, dass sie die Reise ver­gebens gemacht hätte und umkehren solle. Danach nahmen immer mehr Gemeindemitglieder die Sache persönlich.

Die Studentin Johanna Gündel, deren Familie eine grosse Bio-Gärtnerei bewirtschaftet, hat eine Interessengemeinschaft gegründet, die genug Gemeindemitglieder überzeugen konnte, gegen den Haushaltsentwurf zu stimmen, so dass dieser abgelehnt wurde. Das halbe Dorf war erleichtert über die öffentliche Aussage, dass Oberwil-Lieli Flüchtlinge haben wollte. Kurz darauf gelang es dem Gemeindeammann und seinen Anhängern aber, dieses Votum wieder zu kippen.

In kurzer Zeit entzweite die Frage die
Gemeinde. Jemand verteilte Flugblätter, die vor den schwarzen Kindern in Kinderwagen warnten, von denen es bald «in unserem ganzen Dorf wimmeln» würde. Nachbarn zerstritten sich. Freundschaften zerbrachen.

 

Hans und Elisabeth Widmers Haus in Oberwil-­Lieli wurde von dem berühmten Architekten Justus Dahinden entworfen. Dahinden schwebte anstelle orwellscher Megalopolen eine Urbanotopie vor, und mit einer modernistischen Formensprache versuchte er, nicht nur die Korrespondenzen eines Gebäudes mit seiner Umgebung hervorzuheben, sondern auch die in ihm erfahrenen menschlichen Gefühle.

Obwohl weit bescheidener, als angesichts des Reichtums der Widmers zu erwarten sein könnte – der sich vielleicht eher im prachtvollen Mittagessen niederschlug –, verströmt das Haus dezenten Luxus. Dahindens Spiritualität äussert sich in der Geometrie der Fassade, die sich in die innere Behaglichkeit umsetzt.

Das Haus besteht aus zwei Zwillingsstrukturen, die jede an einen hohlen Rubik’s Cube erinnern, dessen mittlere Ebene um 45 Grad verdreht worden ist. Sie stehen am Rand eines Feldes, hinter dem man, wenn man durch die Terrassentür in den Garten tritt, den Waldrand der Lägern sehen kann.

Hans Widmer zeigt Richtung Norden. «Wenn man weit genug in diese Richtung geht», sagt er, «erreicht man irgendwann den Schwarzwald.»

 

Der humanistische Philosoph, legendäre Manager, Immobilienentwickler und ehe­malige MIT-Kerntechniker ist mit Andy – wie er Glarner nennt – befreundet, dessen geschäftsmässigen Regierungsstil er bewundert, wenn er seine Politik auch vehement ablehnt. Die Widmers, die in Kenya ein eigenes Waisenhaus aufgebaut haben, reagierten auf die Krise, indem sie auf eigene Kosten eine Wohnung mieteten, in der eine syrische Familie untergebracht werden sollte.

Als sich die Übergriffe der Silvesternacht in Köln (illegale Immigranten, Asylbewerber aus Marokko, Algerien und anderen arabischen Staaten verübten rund 1600 Straftaten, rund 600 Frauen wurden Opfer von Sexualdelikten) in der Schweiz herumsprachen, bekam der Wohnungseigentümer kalte Füsse. Da hatte Glarner die einzigen leerstehenden Wohnhäuser im Dorf aber schon vorsorglich abreissen lassen, und Alternativen boten sich nicht.

 

Hans-Ruedi und Ursula Riener, ein typischeres Mittelschichtpaar, sind Glarner weniger wohlgesinnt, würden den Widmers aber wohl zustimmen, dass seine provokanten Sprüche Effekthascherei und nicht unbedingt ernst gemeint sind. Zehn Zuzügler wären kein Problem, sagt Hans-Ruedi, auch wenn Beschäftigung und Integration immer praktische und rechtliche Fragen aufwerfen.

Hans-Ruedi ist ein korpulenter Mann im glücklichen Ruhestand, hat einen rotbraunen Schnurrbart und ein herzliches Lächeln; er überragt die kompakte Gestalt seiner energischen, bodenständigen Frau. Seine Einstellung zu den seiner Meinung nach unvermeidlichen Konsequenzen der direkten Demokratie ist weniger emotional, aber er zeigt mir ein Buch des ägyptisch-deutschen Schriftstellers Hamed Abdel-Samad, einem ehemaligen Mitglied der Muslimbruderschaft und Islam-Kritiker, der heute für einen liberalen «Islam light» eintritt; Hans-Ruedi findet Abdel-Samads Thesen sehr interessant.

Ursula dagegen ist wegen Glarner sehr aufgebracht. Für sie ist es schmerzhaft, wie er die Gemeinde gespalten hat; es macht sie wütend, dass Menschen den Eindruck bekommen können, ganz Oberwil-Lieli denke so wie er.

«Er benutzt das Dorf, um in der Bundespolitik schneller Karriere zu machen», sagt sie.

Aber wie?, frage ich mich; dann erinnere ich mich an Jonas’ Analyseansatz: Manche Menschen übersetzen ihre Existenzangst in Angst vor Immigranten, und deswegen verschafft der fremdenfeindliche Diskurs eines Politikers ihm Erfolg. Berücksichtigt man dann noch alle möglichen verstörenden Anachronismen, ganz zu schweigen vom Jihad und dem Verhalten nichtjihadistischer Asylbewerber, und schon ist Glarners Stacheldrahtzaun eigentlich ganz einleuchtend.

«Natürlich ist es auch wichtig, den Flüchtlingen selbst zu helfen», schickt Ursula noch hinterher.

Und das ist für mich der springende Punkt: dass die Flüchtlinge selbst allenfalls als Nachgedanke Erwähnung finden. Die aktuellen Debatten haben nichts mit den Entrechteten zu tun, die auf Allahs weiter Erde grünere Weiden suchen. Es läuft immer
auf die Frage hinaus, in welchem Ausmass die Besitzer eines Stückchens Erde anderen erlauben wollen, es mit ihnen zu teilen.

Niemand stellt beispielsweise die willkürliche Unterscheidung zwischen politischen und ökonomischen Asylbewerbern infrage. Als wäre das Elend ein weniger triftiger Fluchtgrund als meinetwegen Homophobie. Meinungsverschiedenheiten lassen die Emotionen hochkochen, aber diskutiert werden weiterhin Rechtsvorstellungen und nicht die Lebensumstände der Menschen.

Seit bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro neben einem ähnlich globalisierten, aber rein nominellen Palästina auch ein eigenes Team aus Flüchtlingen antrat, haben diese im Gegensatz zu illegalen Immigranten eine eigene Nationalität erhalten; die nächste identitäre Fertigpackung, die von «Liberalen» gefeiert und von «Konservativen» gefürchtet wird. Die Entrechteten, die grünere Weiden suchen, sind kein Phänomen mehr, bei dem man mitfühlen kann oder sich fragen muss, wohin es mit der Welt gekommen ist; es ist etwas, das Staatsoberhäupter anerkennen und worüber sie streiten können.

Hans Widmer und Ursula Riener sagten übereinstimmend, die Mitglieder von Johanna Gündels Interessengemeinschaft würden in erster Linie von der Solidarität mit anderen motiviert, die Flüchtlinge aufnehmen. Es gehe ihnen weniger um ein aktives Annehmen von Unterschiedlichkeit als um ihre Selbstbestätigung als Schweizer Eidgenossen: fleissige Pazifisten, die, liberal bis ins Mark, auch ihr Mitgefühl effizient organisieren. Als sich Jonas an die Definition des Schweizer Nationalcharakters machte, erwähnte er einen Mann, der sich nicht ins historische Debattengetümmel von seinesgleichen werfen, sondern die Sache durch blosses Beobachten aussitzen wollte. Und ich finde, es ist von einiger Ironie, dass dieser Mann in Gestalt der in Genf domizilierten sogenannten Weltorganisationen im Lauf der Zeit der wichtigste Vollstrecker der Interessen von seinesgleichen werden dürfte. Mehr als jedes andere Land der Welt fühlt sich die Schweiz nämlich wie das Heerlager an, von dem aus ein kapitalistisches Paradigma durchgesetzt wird, das nur seinen ursprünglichen Erfindern nützt und sie beschützt. Wenn der Kolonialismus und das Weltfinanzsystem die nichtwestlichen Länder in riesige Gefängniszellen verwandelt haben, fühlt sich die Schweiz wie deren Vorhängeschloss an.

Solange diese Boote weiter sinken.

 

Als ich am Zürcher Flughafen in der Schlange stehe, um nach Kairo zurückzufliegen, habe ich das unheimliche Gefühl, dass die letzten zehn Tage ein langer Tagtraum waren und dass ich eigentlich noch gar nicht in der Schweiz angekommen bin.

Mir wird natürlich schnell klar, dass dem nicht so ist, aber dann kommt mir ein noch beunruhigenderer Gedanke:

Youssef Rakha ist ein ägyptischer Schriftsteller; er war in der Schweiz, um an einem Literaturfestival teilzunehmen und über Flüchtlinge zu schreiben. Aber was ist, wenn es Youssef Rakha gar nicht gibt? Was ist, wenn ich in Wahrheit ein von meiner Familie getrennter syrischer Flüchtling bin – unsicher in Bezug auf meine Zukunft, seit meine Heimatstadt ausradiert worden ist und ich mich in Syrien nicht mehr bewegen kann, ohne mir den Zorn der Warlords zuzuziehen –, der auf unbestimmte Zeit auf einem deutschsprachigen Flughafen in Europa gestrandet ist? Was ist, wenn ich mir nur die Zeit vertreibe und meine Ängste beschwichtige, indem ich mir einbilde, ich sei ein ägyptischer Schriftsteller, der nach zehn luxuriös in der Schweiz verbrachten Tagen jetzt sicher nach Hause fliegt? Da erst fällt mir die eindringlichste Begegnung wieder ein, die ich bei meiner Wallfahrt durch die Schweiz gemacht habe.

Sie war wie Werbung auf alle möglichen Flächen plakatiert worden, vor denen ich wie angewurzelt stehenblieb: eine Reihe von fünf Botschaften in bewegend einfachem Standardarabisch, adressiert «An alle Flüchtlinge»:

 

Es tut uns leid, dass wir so ein Durcheinander angerichtet haben.

Es tut uns leid, dass wir so ein Durcheinander anrichten.

Es tut uns leid, dass wir so tun, als hätten wir mit diesem Durcheinander nichts zu tun.

Es tut uns leid, dass wir nichts aus der Geschichte gelernt haben.

 

Es tut uns leid, dass wir Sie leiden lassen.

Es tut uns leid, dass wir wegsehen.

 

Ich sah die Plakate am Ufer der Sihl in der Nähe vom Theaterhaus Gessnerallee, nachdem ich mich von Jonas verabschiedet hatte, und als ich stehenblieb, um sie zu lesen, musste ich fast weinen.

In meiner unendlichen Naivität hatte ich das für eine offizielle oder offiziöse Geste seitens der Behörden oder aber für eine zivilgesellschaftliche Initiative gehalten.

 

Es tut uns leid, dass wir zu lange gewartet haben.

Worauf warten wir?

 

Später am selben Abend war ich nicht weniger bewegt, als ich erfuhr, dass die Plakate zu einer europaweiten Konzeptaktion der belgischen Künstlerin Sarah Vanhee mit dem Titel «Abwesende Bilder» gehörten. Genau.

Als das Flugzeug abhebt und ich wieder weiss, wer ich bin, überkommt mich tiefe Dankbarkeit; ich bin dankbar nicht nur für meine Zeit in der Schweiz und für Sarah Vanhee, sondern auch für die historischen Umstände, die mich zwar aus dem Paradies ferngehalten, mir bisher aber auch die Hölle der Asylsuche erspart haben.

 

Es tut uns leid, dass wir uns nur dann für Sie interessieren, wenn Sie über Ressourcen verfügen.

Es tut uns leid, dass wir Sie nur als Opfer, Täter oder Profiteure darstellen.

Es tut uns leid, dass wir unsere Wirklichkeiten zu stark vereinfachen.

Es tut uns leid, dass wir unsere Ahnungs­losigkeit kultivieren.

 

Es tut uns leid, dass wir unsere eigenen Gesetze mit Füssen treten.

Es tut uns leid, dass wir nicht alle Menschen gleich behandeln.

Es tut uns leid, dass wir unsere Ansichten nicht verteidigen.

 

Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach

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