Haute Couture 1988

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Pariser Modeschauen und ihr exquisiter Klang: Kleine Schreie des Wiedersehens.

Marie-Luise Scherer

Unter den Wartenden auf die Frühmaschine von Hamburg nach Paris heben sich vier Frauen und ein Mann in tiefdunkler Kleidung ab. Der Mann trägt den langen schwarzen Mantel offen. Die Hände in den Taschen seiner enormen Hose hält er seitlich so sperrig, als führe er den Spielraum vor, den die elefantische Stoffmasse ihm lässt.

Eine der vier Frauen hat sich mit einem kleinen braunen Bowler das Gesicht halbiert. Unter ihrem zum Boden reichenden Soldatenmantel sehen Herrenhalbschuhe von übertriebener Bequemlichkeit vor. Ihre Handtasche trägt sie an Rucksackriemen auf dem Rücken; den Schnappverschluss sichert ein zigfach gezurrtes Gummiband. Die übrigen drei Frauen in grossen schwarzen Mänteln wären, träfe man sie einzeln, weiter nicht auffällig. Nur im Verbund mit der vierten und dem geschilderten Mann ist auch ihnen das Ziel ihrer Reise anzusehen. Es sind die Schauen des Pariser Prêt-à-porter für den nächsten Winter.

Es war die Rede davon, dass alle immer in Schwarz kämen, die Redakteurinnen der dicken glänzenden Magazine, ihre Blattgestalter, Photostylisten, deren jeweilige Assistenten, die Wortberichter und Meinungsschreiber, die Ideendiebe und Tragbarmacher, die Einkäufer aus Tokio und den USA. Also immer der schwarzen Flut nach unter den Arkaden der Rue de Rivoli. An der Rue de Marengo stoppt die Flut, bis ein Polizist sie rechts über die Strasse winkt. Die Flut springt hinüber vor den grossen, gelben Baldachin an der Porte Marengo des Louvre, wo sie sich verliert, weil hier alles schon schwarz ist. So schwarz wie ein Mohnfeld rot ist, das heisst, auch ein paar Kornblumen stehen dazwischen.

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