Hier schweigt Ihr Kapitän

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Nicht einmal das Swissair-Grounding veränderte das Leben von Langstreckenpilot Alex Borer so stark wie Corona.

Christoph Keller

Es ist der 27. Mai letzten Jahres, als Captain Alex Borer am John F. Kennedy Airport in New York die Standbremse des Airbus A330 löst, sich zurückschieben lässt aufs Rollfeld.

In zehn Minuten und nicht wie sonst in einer Stunde erreicht er seinen Startplatz auf Piste 22R, gibt Schub und zieht den Vogel hinauf in den Himmel. Kann dann in kürzester Zeit den Luftkorridor für die Nordatlantikroute anfliegen, Richtung Boston, ohne anderen Flugzeugen ausweichen zu müssen. Meldet sich routinemässig bei der Flugkontrolle über Halifax und fragt ebenso wie gewohnt, wer vor, hinter, neben oder unter ihm auf der Nordatlantikroute unterwegs ist.

«Nobody else», kommt die Meldung vom Boden.

«What do you mean?»

«There's nobody else, only you.»

Einzig er, Alex Borer, sein Co-Pilot, die wenigen Passagiere hinten, allein über dem Atlantik. Ein einsamer Flug in die Nacht hinein auf einer Route, auf der noch vor Wochen 600 Flugzeuge gleichzeitig unterwegs waren, in Korridore gestaffelt, dicht an dicht. Und nun kein Pilot mehr, der vorausfliegt und über Funk warnen kann, dass es Turbulenzen gibt über der Südspitze Grönlands, dass der jetstream sich leicht nordwärts verschoben hat.

Ein Gefühl, sagte mir Alex Borer, wie das von Antoine de Saint Exupéry auf einem Nachtflug.

«So etwas wie Angst?»

«Nein, überhaupt nicht, aber die Ahnung, dass nichts mehr so sein würde wie bisher.»

«Der letzte Flug vielleicht.»

«Ja, ganz abrupt und ohne die Abschiedsrituale, die man sonst bekommt beim letzten Flug. Die Familie mitnehmen, an der Destination ein wenig feiern, gut essen, nochmals geniessen. Und dann zurückfliegen nach Zürich, dort wird dein Flugzeug vielleicht von der Feuerwehr geduscht, dann setzt du die Standbremse, gehst zum Umtrunk mit dem Chefpiloten, kriegst ein Käppi und ein T-Shirt. Ein einfaches Ritual, aber ein wichtiges.»

«Die Furcht, dass es einfach zu Ende ist.»

«Das wäre bitter.»

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