Hiroshima 1945

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Am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 explodiert über Hiroshima eine neuartige Bombe.
Die historische Reportage.

John Hersey

Dr. Masakazu Fujiis Sanatorium stand nicht mehr auf dem Strand des Flusses Kyo; es lag im Flusse. Nach dem Umsturz des Hauses war Dr. Fujii so betäubt und von den Balken, die seine Brust einklemmten, so kräftig gepresst, dass er zunächst unfähig war, sich zu bewegen, und in der Finsternis dieses Morgens an die zwanzig Minuten dort hängen blieb. Dann fiel ihm ein, dass bald die Flut in die Mündungsarme einströmen werde, wobei sein Kopf unters Wasser geraten würde – ein Gedanke, der ihn voller Angst aktiv werden liess. Er drehte und wand sich und arbeitete aus Leibeskräften (obgleich sein linker Arm infolge der Schmerzen in der Schulter unbrauchbar war), und bald hatte er sich aus dem Schraubstock befreit. Nachdem er sich einige Augenblicke ausgeruht hatte, kletterte er auf den Balkenhaufen hinauf und fand einen langen Balken, der schräg zum Flussufer hinaufführte. Unter heftigen Schmerzen schob er sich über den Balken hinauf. Dr. Fujii, der nur noch Unterwäsche trug, war triefend nass und schmutzig. Sein Unterhemd war zerrissen, und aus bösen Schnittwunden am Kinn und auf dem Rücken rann Blut herab.

In diesem unordentlichen Zustand ging er bis zur Kyo-Brücke, an der das Sanatorium gestanden hatte. Die Brücke war nicht eingestürzt. Ohne Augengläser sah er nur verschwommen, aber immerhin genug, um sich über die grosse Zahl der eingestürzten Häuser ringsum zu verwundern. Auf der Brücke begegnete er einem Bekannten, einem Arzt namens Machii, und fragte ihn verwirrt: «Was glauben Sie, dass das war?»

«Es muss ein Molotoffano hanakago gewesen sein», sagte Dr. Machii – ein «Molotow-Blumenkorb», wie der zierliche japanische Name für den «Brotkorb», das Bombenbündel mit automatischer Streuung, lautete.

Vorerst sah Dr. Fujii nur zwei Brände: einen gegenüber der Stelle, an der das Sanatorium gestanden hatte, und einen ganz weit im Süden. Gleichzeitig aber beobachteten die beiden Freunde etwas, was ihnen Kopfzerbrechen verursachte und was sie vom ärztlichen Standpunkt diskutierten: obwohl es zur Zeit noch wenige Brände gab, liefen verwundete Menschen in einem endlosen Aufzug des Elends über die Brücke, und viele wiesen furchtbare Brandwunden im Gesicht und an den Armen auf. «Woher glauben Sie, dass dies kommt?», fragte Dr. Fujii. An diesem Tag war jede Hypothese tröstlich, und Dr. Machii blieb bei der seinen: «Vielleicht weil es ein Molotow-Blumenkorb war.»

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