Hoffen mit TV-Kerala

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Ein Fernsehsender im Süden Indiens hilft Familien von verschollenen Ehemännern und Vätern im Ausland.

Sandro Mattioli

Als er seinem Chef sein Konzept für eine neue Show darlegte, war Rafeek Ravuther wohl der Einzige, der davon überzeugt war. Wie sollte eine Sendung über im Ausland verschollene, misshandelte und betrogene indische Gastarbeiter ein Erfolg werden? Eine Sendung, in der die Gäste im Studio, die Angehörigen der Arbeiter, vor Scham fast vergehen würden, weil sie ihr Leid öffentlich ausbreiten müssten? Eine Sendung, deren Moderator für indische Verhältnisse äusserst indiskrete Fragen stellen müsste? Pravasalokam TV – so heisst die Sendung, und sie läuft mittlerweile seit fast zwanzig Jahren. «Pravasalokam» bedeutet: die Welt der Expats, also der Arbeiter im Ausland. Hunderte Fälle haben Ravuther und sein Team in all den Jahren vorgestellt, die Geschichten von geprügelten Arbeiterinnen und Arbeitern, von übers Ohr gehauenen Emigranten, von versklavten Frauen. Dank des Internets sind sie in der ganzen Welt zu sehen. Für Ravuther macht das den Grat, auf dem er sich bewegt, noch schmaler: Um seinen Protagonisten und deren Angehörigen helfen zu können, muss er sie blossstellen. Und je bekannter die Sendung wird, umso schwerer haben es in Indien die Betroffenen. Blosszustellen, um zu helfen – Ravuther erwehrt sich dieses Dilemmas mit Pragmatismus und Routine.

Und auch deshalb ist diese Fahrt letztlich ein Arbeitstermin wie viele andere. Die Sendung wird meist im Studio im südindischen Bundesstaat Kerala produziert, genauer in dessen Hauptstadt Thiruvananthapuram. Für besondere Ereignisse fahren Ravuther und sein Team jedoch immer wieder auch hinaus. Manchmal reisen sie für Aufnahmen bis in die Golfstaaten – heute schaukeln sie mit ihrem Kleinbus nur zum Flughafen Cochin, der wenige Kilometer vom Redaktionsbüro entfernt liegt. Sein Kollege Sreejith Sreenivasan steuert den winzigen Wagen und scherzt über die unübliche Innenausstattung: Das Fahrzeug ist sogar an der Decke mit einem ornamentreichen bunten Teppich ausgekleidet. Zugleich macht der Teppich den Bus erst gemütlich, er dämpft jedes Fahren über die holprigen Strassen zu einer Art Familienausflug. Das ist nicht unwichtig, wenn man wie Ravuther regelmässig über Leid und Tod berichtet. Familienausflug passt auch deshalb, weil Ravuther mit Sreenivasan mehr Zeit verbringt als mit seiner Frau und den Kindern. Die leben 250 Kilometer entfernt, in Indien eine Tagesreise.

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