Ich bin ein Precario

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Javier López arbeitet trotz Universitätsabschluss als Schokoriegel. Spaniens Wirtschaftskrise hautnah.

Javier López Menacho

Als Erstes musst du dich bis auf die Unterhose ausziehen. Die Koordinatorin ist dabei immer anwesend. Wir lassen die Hosen runter, sie bleibt stehen. Es ist das Gefühl, das du als Kind hattest, wenn deine Mutter dich bedenkenlos vor den Augen einer ihrer Freundinnen auszog, oder wenn du, als Jugendlicher, zum ersten Mal mit jemandem ins Bett gingst. Eine seltsame Mischung aus Scham und Schamlosigkeit, bei der schliesslich die Umstände bestimmen. Zumindest sucht die Koordinatorin immer einen Fluchtpunkt, etwas, das ihre Aufmerksamkeit von unserer Misere ablenkt: Sie blickt auf ihr Handy, spricht mit verlorenem Blick oder dreht uns einfach den Rücken zu. So verläuft es das erste Mal, bald ist es Routine. Dann reichen sie dir eine weisse, gepolsterte Hose, die aussieht wie die eines Astronauten, und du ziehst sie an. Von aussen fühlt sie sich synthetisch an, wie wenn das Plastik mit der Wolle verschmolzen wäre. Das Unterhemd hat einen weiten Kragen und klebt auf der Haut. Etwas darunter zu tragen, sei eine Frage der Hygiene, insistiert die Koordinatorin. Sie weiss nicht oder will nicht wissen, wie heiss es unter diesem Kleidungsstück wird, wenn man es über ein zweites zieht. Zu dumm, dass ich mir am ersten Tag zu Hause ein langärmliges Shirt angezogen habe. Nach zwei Minuten ist die Hitze unerträglich. Und noch steckst du nicht im Schokoriegel.

Du beugst dich vor und befestigst die Schuhe. Gigantisch, einen Meter lang, sinnesfreudig und rot-weiss, sind sie der Form von Sportschuhen nachgeahmt. Mit Gummis werden deine nackten Füsse im Inneren des Schuhs befestigt. Es bleibt Platz für zwei weitere Füsse. Als ob sie dich unbeholfen machen wollten, abhängig. Es ist das Vorspiel, bevor sie dich in die Schachtel stecken und in einen Schokoriegel verwandeln.

Im Inneren ist es dunkel. Du musst lernen, das Licht zu filtern und mit dem Harnisch umzugehen. Der Harnisch ermöglicht es dir, das Ungetüm wie einen Rucksack anzuschnallen. Synthetische Bänder, verstärkt mit Schaumstoff, sollen deine Schultern schützen. Sehr rücksichtsvoll von den Herren Fabrikanten. «Wir haben keine Kosten gescheut», sagte man uns in der Agentur. An uns, die Maskottchen, haben sie leider nicht gedacht, nicht an das Gewicht der Montur und nicht an die Zeit, die wir in ihr verbringen werden. Vier oder acht Stunden ohne Unterbruch, je nach Tag. Dein neuer Schokoriegelkörper ist schwer wie der Rucksack, mit dem du als Junge ins Ferienlager gingst. Du rückst ihn zurecht und bittest jemanden, dir die Handschuhe anzuziehen. Mit der Zeit wirst du selber klarkommen müssen, aber dafür ist es noch zu früh, noch fehlt die Erfahrung. 

Ende 2011 beschloss ich, nach Barcelona zu ziehen und Arbeit zu suchen. Trotz meinem Studium, dem Master und mehreren Weiterbildungen gelang es mir in meiner Heimatstadt Jerez nicht, eine feste Anstellung zu finden, und so hangelte ich mich von einer Arbeit zur nächsten, keine von ihnen bot Sicherheit, keine war von Dauer. Dann stiess ich auf eine Anzeige, in der für die Monate März und April Arbeit angeboten wurde als Maskottchen für die Promotion eines Schokoriegels. Ich reichte mein Curriculum ein und wurde ausgewählt. Die Werbeaktion würde durch verschiedene Einkaufszentren und Sportanlagen Barcelonas führen. Ich hatte wenig Lust auf diese Arbeit, aber die Umstände erlaubten es mir nicht, wählerisch zu sein. Die Miete musste pünktlich bezahlt werden und meine Würde verbot es, mir noch mehr Geld zu borgen. Während dieser Zeit nahm ich als Hörer teil an einer Vorlesung über die journalistische Reportage, wo uns erzählt wurde, was Gonzo-Journalismus ist. Also schrieb ich, kaum war ich abends zu Hause, die Erlebnisse als Schokoriegel-Maskottchen auf. 

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