Ich bin eine Gelbweste

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Das Symbol des sozialen Protests in Frankreich ist zugleich ein Produkt der Globalisierung.

Catherine Le Gall, Simon Leplâtre und Léna Mauger

Ich wiege knappe hundert Gramm, aber an mir kommt ihr nicht vorbei. Ich bin grell, geschmeidig, praktisch und populär. Ihr streift mich über eure Kleider. Ich bin in euer Leben eingedrungen. Ihr hattet keine Wahl. Angefangen hat alles auf den Rollfeldern der Flughäfen, unter den Kränen, im Matsch der Baustellen war ich, um schliesslich im Handschuhfach eurer Autos zu landen. 2008 brüstete ich mich auf Plakaten, getragen vom Modeschöpfer Karl Lagerfeld mit schwarzer Brille, neben dem Slogan: «Sie ist gelb, sie ist hässlich, sie passt zu nichts, aber sie kann Ihr Leben retten.» Ihr habt mich akzeptiert. Im Namen der Sicherheit. Dank den europäischen Normen bin ich ein Alltagsgegenstand geworden. Aus dem Nichts habt ihr aus mir ein Massenkonsumgut gemacht. Ohne zu überlegen. Dank euch werde ich jedes Jahr hundertmillionenfach in ganz Europa verkauft. Ich bin eine Weste, und jetzt tragt ihr mich zum Demonstrieren.

Die Tunesier hatten Mohamed Bouazizi, den Strassenverkäufer, der sich aus Verzweiflung selbst verbrannte und mit seinem Suizid den Arabischen Frühling auslöste. Er bleibt als der Mann in Erinnerung, von dem alles ausgegangen ist. Derjenige, der meine Bewegung in Frankreich lostrat, heisst Ghislain Coutard.

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