Idyll in der Ukraine

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Während Teile des Landes im Chaos versinken, steht in seiner letzten Leprakolonie die Zeit still.

Dmitrij Gawrisch

September 2013

Ich muss die Filatowa-Strasse vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Ich eile, stolpere. Die Sonne kommt den Dächern bereits bedrohlich nah. Ein heisser Steppenwind spielt um die Häuser. Er wirbelt rostroten Staub auf, der in den Augen brennt, wenn man sie nicht rechtzeitig zukneift. Bis hierher, ins 5000-Seelen-Dorf Kuchurgan, bin ich dem Gerücht gefolgt. Hier, am Südwestrand der Ukraine, sollen noch Menschen leben, die im Europa des 21. Jahrhunderts als längst ausgestorben gelten. Wer in Kuchurgan aus dem Bus steigt, könnte glauben, in der Vergangenheit gelandet zu sein, vor dem Zerfall der Sowjetunion. Noch immer spannen golden gestrichene Leninbüsten die Augenbrauen einer hellen kommunistischen Zukunft entgegen, noch immer flattern am ersten Schultag über den Zöpfen der Mädchen weisse Rüschenbänder, noch immer erinnern sich die Alten, die unter wuchtigen Nussbäumen auf morschen Holzbänken ausruhen, wie sie an der Front gegen die Deutschen kämpften, und sprechen einander mit «Genosse» an. Wären da nicht die klapprigen Mercedes anstelle der Wolgas, die ächzenden Toyotas statt der Ladas, die hustenden Hondas statt der Moskwitschs, die über das durchgehende Schlagloch schleifen, in das sich die Hauptstrasse des Dorfes verwandelt hat. Sie und die am Strassenrand verstreuten leeren Coca-Cola-Flaschen, benutzte Always-Damenbinden und Kondome von Durex erinnern daran, dass kein Eiserner Vorhang mehr da ist, an dem die Warenflut aus dem Westen jahrzehntelang abgeprallt ist.

Die Menschen, die ich suche, sind analoge Gespenster; digitale Alter Egos haben sie nicht: Sie twittern nicht, sie sind nicht auf Facebook, und selbst auf der Website des an Sehenswürdigkeiten nicht gerade reich beschenkten Kuchurgan werden sie, die letzten Leprakranken in einem der letzten Leprosorien auf europäischem Boden, mit keinem Wort erwähnt. Googelt man, steigt aus den Tiefen des Internets nur eine Telefonnummer auf. Ich wähle sie, es meldet sich ein weiblicher Automat, der in nasalem Singsang mitteilt, die von mir gewählte Nummer sei ungültig. Das Gesundheitsministerium in Kiew will auf telefonische Anfragen gar nicht erst eingehen. Die gehetzte Telefonistin bittet, einen Brief ans Ministerium zu schreiben – wenn es noch Aussätzige in der Ukraine gebe, würde man es mir sagen. Als ich sie frage, wann ich mit einer Antwort rechnen könne, taut sie kurzzeitig auf und verkündet, die Bearbeitung von Anfragen nehme nur noch sechs Monate in Anspruch. Garantieren könne sie die Frist aber natürlich nicht. Ich lege auf und buche einen Flug nach Odessa. Dort besteige ich die marschrutka, den stöhnenden und pfeifenden Minireisebus, und los geht die Fahrt durch wogendes Steppenland an eingestürzten Bushaltestellen und grasenden Kälbern vorbei, die Europastrasse 58 hinauf zum einzigen Anhaltspunkt, den ich habe: Kuchurgan.

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