Im Derby-Fieber

Ausgerechnet 2004, wie Schalke 04, hatte der Journalist Jörg die Diagnose Krebs erhalten. Mit den schlechtesten Blutwerten sass er dennoch im Dortmunder Westfalenstadion beim Spiel des Jahres gegen den Revierrivalen Schalke. Ausgerechnet 2009, wie BVB 09, wurde ihm die Heilung attestiert.

Klaus Zeyringer

Ich stand in der gelben Wand. Es nieselte Bier.

Es war eng, es war bewegt, es war bewegend. Tief unten das sattgrüne Spielfeld, umzingelt von den Tribünen; nach oben schienen die Ränge kein Ende zu nehmen. 

Ich hatte kaum mehr Platz als zur Stosszeit in der U-Bahn. Aber es rüttelte anders durch. Spürbar, greifbar formte eine überzeugte Verbundenheit die Masse, die mich, Fremden, Fragenden, Beobachtenden, Berichtenden, ohne weiteres einbezog. Von aussen gibt sie ein Bild ab, das in Staunen und leichtes Schaudern versetzt. Die fast schon mythische steile Stehplatztribüne, die grösste Europas, ist mit frenetischen Fans und Farbe gefüllt. Der Grundton lautet BVB – Ballspielverein Borussia Dortmund –, er leuchtet mit dem Club-Emblem schwarz und vor allem sehr gelb. Im 80 000 Zuschauer fassenden Stadion formen hier die engagiertesten der eingefleischten Anhänger den mächtigen Rückhalt ihrer Mannschaft, unverrückbar hinter dem Team und doch stets pulsierend mit Grossflaggen, Fähnchen, Spruchbändern, Schals, Kappen, gereckten Fäusten, hochfahrenden Armen, in unaufhörlichem Gesang und Sprüche-Chor, Schreien und Jubeln. Eine Menschenmasse als lebendige Riesenmauer.

In der gelben Wand, der Südtribüne, stand ich beim Match des Jahres gegen Schalke 04 aus dem nahen Gelsenkirchen. Im Ruhrpott-Derby geht es nicht um Leben und Tod, aber allzu weit davon entfernt ist es auch nicht. 

Im Inneren, auf den Rängen, übertrug sich die Schwingung. Auch wenn ich gewollt hätte, ich hätte mich nicht auszunehmen vermocht. Auszuscheren ist unmöglich – es sei denn, um Bier zu holen, als handle es sich um das allgemeine Antriebsmittel. Mit welchem Trick sich tatsächlich Männer mit sechs Bechern in einer kleinen Kartontrage durchdrängten, blieb mir, wiewohl ich es sah, ein Rätsel.

Den Ausbruch der Masse bekam ich in den aufregendsten Momenten des Matchs von hinten oben zu spüren. Spitzen der Begeisterung oder Enttäuschung, bei Tor oder Platzverweis, liessen Becher mit Bier fliegen und alle in diesem Sprühregen der Erregung stehen. 

Egal, wie Bundesliga- und Weltsituation gerade sein mögen, für die BVB-Fans ist der wichtigste Moment des Jahres der Match gegen den Revierrivalen Schalke 04. Da recken zwei Tribünen gegeneinander die Fäuste, die gelbe Wand und auf der anderen Seite des Stadions der viel kleinere Auswärtssektor. Das Kontingent für Gästeteams beträgt fünf Prozent, also stehen 4000 Schalker gegen 76 000 Dortmunder. Es trennt sie das Spielfeld in seiner Länge, es trennt sie immerwährend ihre Zugehörigkeit, es trennt sie zumindest in diesen Stunden eine Weltanschauung. Die Gegensätzlichkeit erscheint bildhaft konzentriert, gegenseitig nimmt man sich nur als Masse wahr.

Aus der Entfernung, mitten aus der gelben Wand heraus, sah ich drüben ein kompaktes Gewirr, in der Vereinsfarbe von Schalke wogte es blau. Die dort, das waren und blieben die Feinde. Um mich, mit mir hingegen sprachen die Dortmunder wie mit Familienmitgliedern. Vereint liessen wir den engsten Raum vibrieren, ein paar Mal hüpften alle auf der Stelle, die Tribüne erzitterte leicht.

Da wurde mir klar, dass ich beide Seiten gesehen haben und beim nächsten Ruhrpott-Derby im Schalke-Stadion unter den Blauen stehen musste.

Ein Derby konzentriert und verschärft Gegensätze. Die Fans leben ihre Anhängerschaft bei diesen Revierkämpfen am stärksten. Die Seiten zu wechseln, das wäre ihnen nicht einmal eine Denkmöglichkeit. Ich als Herbeigereister, der nur für einen Match integriert wurde, habe diese Möglichkeit.

Um zu erfahren, wie sich ein derart wichtiges Spiel aus der dritten Perspektive, jener der Teams auf dem Rasen, ausnimmt, stieg ich in Frankfurt aus dem Zug. Mein langjähriger Freund Adi Hütter, Cheftrainer der Frankfurter Eintracht, hatte gemeint, am besten solle ich am Vorabend der Bundesliga-Runde ins Mannschaftshotel kommen. Wir sassen zurückgelehnt in Fauteuils. Die hohe Halle schien hier, um die Ecke des ausladenden Eingangsbereichs, alles zu dämpfen, Licht und Schritte, Gespräche und Gläser. Wir tranken Wasser.

Beim Derby, sagte Adi, gehe es darum, wer der König in der Stadt sei. Die Wirkung sei extrem, das Resultat wirke für einige Monate, mitunter ein Dreivierteljahr, bis zum nächsten Derby. Die aufgeladene Stimmung sei für Spieler sowie Betreuer deutlich spürbar.

Ob es direkte Beziehungen des Teams zu den Fans gebe? Kaum, sagte Adi, Kicker und Betreuer seien auf die eigene Leistung fokussiert. Jedoch springe die Begeisterung über, das Publikum vermöge tatsächlich der sprichwörtliche zwölfte Mann zu sein. Es entstehe eine Kommunikation zwischen Tribüne und Rasen, so dass Fans und Spieler sich gegenseitig pushten. Wenn 50 000 oder, wie in Dortmund, 80 000 aus sich herausgingen, um in einer Massenchoreographie aufzugehen, erweise sich die gewaltige Energie der Arena als ansteckend.

Der Kellner brachte Knabbereien. Im Hintergrund huschte ein Spieler im Anzug der Eintracht über die Treppe. Drei Halbwüchsige schauten verstohlen zu uns her. Geradezu vorsichtig kamen sie näher, langsam, als lege das Ambiente Watte über das Geschehen. Ob Adi so nett sein könne, ein Foto mit ihnen. Locker und lächelnd stellte er sich dazu.

Die Vorbereitung auf ein Derby unterscheide sich nicht grundsätzlich von der üblichen Vorgangsweise, sagte Adi. Er hatte selbst im österreichischen Graz beim GAK, den Roten, gegen Sturm, die Schwarzen, gespielt. Sein Co-Trainer Christian Peintinger bei Sturm – und nach wie vor machten sie sich gegenseitig über den anderen, den Roten oder den Schwarzen, lustig.

Vergänglichkeit hat es bei Derbys schwer, die Geschichte kickt immer mit.

Vom Eingangsbereich kam Fredi Bobic, Sportvorstand der Eintracht, auf uns zu. Auch mit ihm hatten die drei Halbwüchsigen ihr Selfie gemacht. «Er kann dir erzählen, wie sich das Ruhrpott-Derby auf dem Feld anfühlt», sagte Adi, «der Fredi hat drei Jahre bei Dortmund gekickt.»;

Der frühere Nationalspieler nahm bei uns Platz. Das Ruhrpott-Derby? Das, sagte Fredi Bobic im gedämpften Ambiente, sei ein völlig anderer Match, von der ganzen Saison abgehoben. Drei Wochen lang habe der ganze Club jeweils darauf hingezielt, als er von 1999 bis 2002 beim BVB war. Dortmund gegen Schalke, das sei von einzigartiger Intensität in Deutschland, heute noch mehr als damals, sowohl auf den Rängen als auch auf dem Platz.

«Neun von zehn Kindern, die in Dortmund auf die Welt kommen, werden BVB-Fans, zehn von zehn in Gelsenkirchen werden Schalke-Fans», sagte Fredi. Das Stadion erklärte er zum Spiegel der Gesellschaft, allerdings würden einige Menschen beim Match ein anderes Verhalten an den Tag legen, um buchstäblich aus sich herauszugehen. Mittlerweile sehe man Männer aus höheren Wirtschaftspositionen auf der Tribüne der Hardcore-Fans.

Ihn selbst, sagte Fredi Bobic, habe diese Stimmung stets sehr angespornt, die Kraft des Publikums sei stark spürbar. Ja, sagte Adi Hütter, an das Spektakel von 50 000 im eigenen Stadion habe er sich erst gewöhnen müssen. Und die gelbe Wand in Dortmund, die sei vom Spielfeld aus schon ungemein beeindruckend. Als baue sich andauernd ein Gewitter gegen die Gegner auf.

 

Der Begriff Derby, las ich im ICE nach Dortmund, geht auf die Anfänge des Fussballs zurück, auf das mittelalterliche Spiel in der Region Derbyshire, sodann auf den Herzog von Derby, der 1780 ein Pferderennen begründete, das bald als eines der renommiertesten für sportliche Spannung sorgte. Mit dem modernen Fussball, wie er ab 1870/80 in England entstand, verwendete man das Wort für einen Match zwischen zwei benachbarten Teams, insbesondere aus der gleichen Stadt.

Ich blickte aus dem Fenster. Die flache Landschaft Westfalens zog vorbei. Es sah nach Niesel aus, der Himmel hing über Reihen von Hecken, Häusern, Fabriken. Feine Wasserstreifen liefen schräg die Scheibe hinab.

Im Waggon sassen ein paar Männer und Frauen wie eine Grossfamilie. Sie unterhielten sich auf Französisch, sie waren auf dem Weg zum Ruhrpott-Derby. Aus ihrem Gespräch verstand ich, dass sie international solche lokalen Auseinandersetzungen verfolgten, denn da gehe es am intensivsten zu. Bei Inter gegen AC waren sie in Mailand, bei Real gegen Atlético in Madrid, bei United gegen City in Manchester.

Ich stellte mich lesend und hörte zu. Old firm, wörtlich: das alte Beständige, in Schottland, sagte ein junger Mann, der mir wie der Schwiegersohn vorkam, das sei bis jetzt für ihn der Höhepunkt.

Das älteste und wohl berühmteste Fussball-Derby wird in Glasgow zwischen Celtic und Rangers ausgetragen, hier entzündet sich die sportliche auch an der konfessionellen Rivalität von Katholiken und Protestanten. 1909 forderte eine Massenprügelei auf dem Spielfeld mehr als 100 Verletzte, 1977 starben 66 Zuschauer, als eine Absperrung wegbrach.

«Warte nur bis zum Superclassico», rief der Cousin, «Boca Juniors gegen River Plate in Buenos Aires, Arbeiter gegen Mittelschicht.» Da werde geschossen, 1968 habe es in der Massenpanik 74 Tote gegeben. 

«Ich will keine solche Rangliste», sagte die Schwiegertochter.

Bei diesen grossen Matchs in gegenpoliger Nachbarschaft, dachte ich, aus dem Zugfenster schauend, verfügt die soziale Abgrenzung über gemeinsame Eckdaten – einstige Resultate und Spielszenen, Statistiken und Anekdoten – sowie über mythische Elemente. Bei den Auseinandersetzungen (im Stadion sind es buchstäblich Auseinander-Setzungen) mit dem einfach charakterisierten und in seiner Symbolik leicht erkennbaren Gegner tritt das Andere dauernd unverändert auf. Es erlaubt dem Selbstgefühl, sich ebenso definitiv wie deutlich aufzubauen, indem es sich zum Gegenbild des Anderen macht. Das Eigene braucht man nicht ideell zu konstruieren. Man hat es als Trikot und Schal übergezogen, man hat es emotionsgeladen in der Masse um sich. Die Gruppendynamik gibt Sicherheit, das Ritual gibt Heimat. Im Derby feiert sich das Eigene – auf engstem Raum jubelnd oder verzweifelt – am intensivsten.

Das Französisch im Zug wurde lauter. Die Grossfamilie besprach das Ziel ihres diesjährigen Ausflugs. Die Blauen von Schalke, dozierte ein grauhaariger Herr in der Rolle des Patriarchen, seien die Kämpfer der Kohleförderung. Wie bei der Arbeit, so auf dem Spielfeld. Aber in der ganzen Region an Ruhr und Rhein sei die Kohle passé, keine Stahlproduktion mehr, weniger Brauereien, hohe Arbeitslosigkeit, neue Jobs in der Informationstechnologie.

Mir klangen Fredi Bobics Worte vom Vorabend über das langlebige Vereins-Image im Ohr: Schalke seien die Malocher und die Kicker, die aufopfernd kämpften. Dieses Jahr hätten sie das selten gezeigt. Vier Runden vor Schluss war Schalke abstiegsgefährdet, während Dortmund mit schnellem Angriffsfussball um den Titel spielte. Ein Druck-Derby stehe bevor, hatte Bobic Tabellenstand und Stimmung zusammengefasst.

Es rüttelte und ruckte. Der Zug hielt. Wir waren in Dortmund angekommen.

 

Vier Stunden vor dem Ruhrpott-Derby regierte Gelb-Schwarz in Hauptbahnhof und Stadt. Das Perron ein Fangewirr, aus den Gängen Gesänge. In der Halle verschob sich das Gedränge zum Ausgang, während von den Bahnsteigen Nachschub eintraf, schwungweise Menschen in BVB-Trikots, Name und Nummer ihres Lieblingskickers auf dem Rücken. Die gelbe Schlange am Taxistand wuchs und wuchs. Nebenan parkten 20 Polizeiautos oder mehr, eine amtliche Wagenburg im karnevalesken Treiben. Aus den Kneipen drangen Gesänge, auch die Bedienung trug Spielershirts. An vielen Ecken tranken und skandierten Männer im Verein – die Welt der Hardcore-Fans ist männlich bestimmt, hier war es in aller Deutlichkeit zu sehen. 

Die Gebäude wirkten kalt, die vielen Baustellen eine geballte Abweisung. Es war feucht, die Stadt war grau, der Himmel auf zehn Meter heruntergezogen. An einem solchen Tag erschien es mir beim Gang durch die Gassen nicht verwunderlich, dass ihre Bewohner dringend Ablenkung brauchten. In der Schalke-Stadt Gelsenkirchen, dachte ich, wird es nicht anders sein, sie verzeichnet das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland, 16 203 Euro im Jahr.

Neben mir rezitierte ein Alter im Trikot des Stars Marco Reus den Ruhrgebietsspruch: «Woanders is' auch scheisse!»

In diese Welt bringt der Fussball die Farben. 

Unweit des Stadions steht das Gebäude von Borussia Dortmund, in dem die Geschäftsstelle waltet. Es ist hochkantig, dunkelgrau, von viel Glas unterteilt. Oben prangt das Vereinsemblem BVB 09 schwarz auf gelb.

Sebastian, einer der Fan-Beauftragten, holte mich unten bei den drei Empfangsdamen ab. Im Treppenhaus, in den Gängen, in den Räumen hingen Fotos früherer Stars und Spiele. Am Kaffeetisch erhielt ich den BVB-Schal, um den ich gebeten hatte, dazu ein Arbeitsticket mit Zutritt zu den Bereichen 1, 2, 3 sowie zwei Gutscheine für die Kioske, denn die Versorgungsstellen unter den Rängen nehmen kein Bargeld, sondern einzig eine Chipkarte zur Bezahlung. 

Ruhig beantwortete der junge Mann meine Fragen, während er gewiss, jedoch unmerklich dem Derby entgegenfieberte. Der Beziehung zu den Anhängern widmet der Club grosse Aufmerksamkeit. Er organisiert Tagungen für Fan-Delegierte, im Fan-Rat sind auch die systemkritischen Ultras vertreten. Ja, die Treue des Publikums sei ein enorm wichtiger Faktor für den Verein, eine börsennotierte Aktiengesellschaft. 2005 war die Existenz des Vereins wegen Überschuldung auf Messers Schneide gestanden, nun sind 50 000 Dauerkarten verkauft. Weltweit bestehen 850 offizielle Fanclubs, der erste 1974 gegründet, als die umfassende Mediatisierung des Fussballs begann. Mittlerweile kommen nicht wenige Gruppen aus England zu den Spielen angeflogen, weil sie hier Preise und Stimmung finden, wie es sie auf der Insel nicht mehr gebe.

Das Merchandising bringt einiges ein, jährlich über 30 Millionen bei einem BVB-Gesamtumsatz von etwa 500 Millionen Euro. Auch die Französisch sprechende Grossfamilie, dachte ich mir, würde solche Artikel kaufen. Im Bahnhof gab es Hüte, Schals, Becher, Teller, Spielkarten, Nippes aller Art, Salzstreuer, Taschenmesser, das ganze Leben bis zur Bettwäsche mit dem schwarz-gelben Logo. Fan ist der Mensch nicht nur im Stadion.

Wir machten uns auf, Sebastian führte durch die Gänge. Auf den alten Fotos gingen die Männer mit Rock und Hut zum Fussball, ihre Zugehörigkeit war äusserlich kaum erkennbar. Eventisierung und Kommerzialisierung und vor allem die vielen Transfers, die den Teams von Saison zu Saison neue Gesichter verleihen, machen nunmehr Signale der Identifizierung unerlässlich.

Ein Spiegel der Gesellschaft? Einer neoliberalen, die alle Räume besetzt? Eher ein Brennglas, sagte Sebastian. Auf den Tribünen scheinen soziale Unterschiede verwischt. Wer auf die VIP-Lounge schaut, erkennt sie freilich schnell. Schichtenspezifisch aber lassen sich Vereinszugehörigkeiten heute schwerlich zuordnen. 1971 hatte ein Fernsehbericht drastisch eine Trennung behauptet. Studenten würden die Borussia bevorzugen, hingegen: «Wer in der Woche den Mähdrescher fährt, will samstags Schalke sehen.»

Wir erreichten den Signal Iduna Park, wie das frühere Westfalenstadion nun nach einem Konzern für Finanzdienstleistungen und Versicherungen heisst. Dafür kassiert der BVB geschätzt fünf Millionen Euro pro Jahr. Das Stadion sei nun völlig sicher, sagte Sebastian, das Publikum habe sich seit den wilden Jahren des Hooliganismus verändert, der letzte öffentlichkeitswirksame rassistische Vorfall sei 2014 zu beklagen gewesen. Der Ordnerdienst funktioniere besser, so dass die Polizei jetzt mit einem zu grossen Aufgebot auftrete. 

Sie leitete uns im grossen Bogen um, da ein Kordon zu Fuss und zu Pferd einen Abschnitt absperrte. Aus dem Gewühl, in dem es nach Zigaretten, Fritten und Wurst roch, gelangten wir durch eine streng kontrollierte Schleuse unter die Tribüne. Neben Rettung und Feuerwehr parkten abseits aller Hektik die beiden Spielerbusse, einer blau und einer schwarz-gelb. Traut ruhten sie nebeneinander, als würden sie stille Zwiesprache halten. Geradezu unaufgeregt sah das aus, während rundherum die Anspannung zu greifen war. 

Um wie viel es diesmal gehe, betonten alsbald meine Nachbarn in der gelben Wand. Gut eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff waren sie angerückt, um sich ihren Stammplatz zu sichern, da blieb viel Zeit zum Reden. Mich Neuankömmling machten sie mit dem – neben den Titeln, die ich wohl kennen würde – wichtigsten Kapitel der jüngsten Vereinsgeschichte bekannt. Zuvor hatten sie mir ohne weiteres ein Bier in die Hand gedrückt. Wer hier steht, gehört dazu.

Der 12. Mai 2007, das Datum wussten sie im Schlaf, stehe für die Mutter aller Derbys. Damals hatte man den Schalkern die Meisterschaft versaut, wie sie sagten. Am vorletzten Spieltag waren die Blauen bestens platziert gewesen, da aber hatte die Borussia überraschend, nach einer schlechten Saison, 2:0 gewonnen – und über dem Schalke-Stadion ein Flugzeug mit dem Sprachband «Ein Leben lang keine Meisterschale in der Hand» kreisen lassen. 

Aus der launigen Erzählung klang allerdings die Befürchtung heraus, es könnte nun eine historische Parallele mit umgekehrten Rollen bevorstehen. Die Blauen würden gewiss alles dransetzen, heute den Titelgewinn zu vermasseln.

Mir schien die Angst unbegründet. Die Borussia war begeisternd erfolgreich aufgetreten, wenn auch nicht mit der Unwiderstehlichkeit wie im Herbst, als sie mit neun Punkten Vorsprung vor Bayern München die Tabelle angeführt hatte. Schalke hingegen lag praktisch darnieder.

Ein Derby aber läuft, wie wir eindrücklich erfahren sollten, nach eigenen Gesetzen ab. 

 

Plötzlich wildes Gepfeife, ein schriller Orkan, Sprechchöre «Absteiger, Absteiger». Es war kaum zu vernehmen, dass die kleine Gästetribüne gegenüber dagegen anzusingen versuchte. Die Spieler von Schalke 04 waren zum Aufwärmen auf den Rasen gelaufen.

Ein Bärtiger mit Brille wandte sich mir zu und erzählte dem ganzen Umkreis, im Gymnasium habe seinerzeit ein Dortmunder Junge, der beste Schüler, extra die Klasse wiederholt, um nicht im Jahr 2004 Abitur machen zu müssen und sein Leben lang ein 04 im Zeugnis stehen zu haben.

Applausbeben und Vereinshymne aus 70 000 Kehlen, als die Borussen-Elf aus dem Tunnel unter der Osttribüne kam. Ihr Elan brachte das ganze Stadion in Schwung. Nachdem sich das Toben gelegt hatte, fragte ich einen Blonden vor mir, wie viele Derbys er schon erlebt habe. Dies sei das erste in der gelben Wand, sagte er. Wie das, ob er zugezogen sei? Nein, nein, er sei ein Dortmunder, habe jedoch erst kürzlich die Dauerkarte vom Vater geerbt. Dauerkarten, insbesondere für diese Tribüne, könne man nicht kaufen, man dürfe sie an die besten Freunde nicht weitergeben, nur im engen Familienkreis.

Die Kicker unten auf dem Rasen stimmten sich körperlich ein, die Fans lautlich: «Wir woll'n den Dörbisieg, wir woll'n den Dörbisieg.» Riesige Fahnen wehten, Schals wurden hochgehalten. Bierkäufer schoben sich durch die Reihen, «Herrenhandtasche» stand auf einem Sechserpack aus Karton. Man redete. Ansonsten fremde Menschen besprachen sich.

Die Fans und ihre Fahnen, sagte ein Glatzkopf hinter mir, das sei halt eine Beziehung voll Stolz und Liebe. Er erinnere sich mit Schaudern an 2006, da hatten die [Obszönität hier nicht zitiert] Blauen das 60 Meter lange Banner der gelben Wand geklaut. Dafür, lachte der Dicke, habe man ein paar Jahre später eine BVB-Flagge auf der feindlichen Arena, auf Schalke, gehisst.

«Die Blauen sind die Feinde, jawohl die Feinde», sagte ein Zwei-Meter-Mann. Kevin Grosskreutz, aus dem eigenen Anhang in die Nationalmannschaft aufgestiegen, habe erklärt, er hasse Schalke wie die Pest und sollte sein Sohn Schalke-Fan werden, müsste er sofort ins Heim.

Schräg links vor mir, eine Stufe tiefer, standen zwei Frauen. Ob sie meinten, dass Frauen auf den Rängen nach wie vor deutlich in der Minderzahl seien? Mittlerweile seien sie viele, eine Macho-Macht fühlten sie nicht, waren sie sich einig. Wie der Match ausgehen werde? Heikel heikel, der Titel so nah, die Meisterschale zum Greifen, ein enger Match, «wir werden drücken, und die werden Nadelstiche setzen, aber die Jungs werden alles raushauen», kannten die beiden Frauen die gängigen Phrasen. Den Abstieg wünschten sie den Schalkern nicht, sonst gäbe es ja im nächsten Jahr kein Derby.

«Wir werden immer mehr, Halleluja», sang die gelbe Wand, und beim Einmarsch der Teams die Anleihe aus Liverpool: You never walk alone.

Der Schiedsrichter pfiff den Match an. Während der gesamten Spielzeit ebbten die Chöre nie ab.

Borussia drängte, Schalke stand tief in der Abwehr. Nach feiner Kombination erzielte Mario Götze per Kopf das 1:0 für den BVB. Becher flogen, Bier sprühte von hinten oben auf mich. Das fing gut an, war man sich hoffnungsfroh einig. Nach Videobeweis glich Schalke alsbald per Elfmeter aus – ob es Hand war, debattierten die Kneipentische bis spät nachts. Dann gingen die Blauen in Führung, 1:2. Kurz nieselte es Bier, diesmal aus trauriger Empörung. Die gegnerischen Torschützen gab weder der Sprecher noch die Videowand an, die Bildschirme im Stadion zeigten Schalkes Treffer nie, auch nach dem Match nicht. Diese Erinnerung galt es sofort zu tilgen.

Die heimische Elf lag zurück, umso stärker sangen und skandierten die Fans. Die Blauen auf der anderen Seite ebenso.

In der Halbzeitpause stand angespannte Enttäuschung auf der Tribüne. Die Innenverteidigung spiele schlecht, sagte einer im Götze-Trikot, «die Ente kackt hinten». Ich drängte mich raus, die Treppe hinab in den offenen Bereich unter den Rängen. Vor den Toiletten und Kiosken warteten so lange Schlangen, dass es hoffnungslos schien, sich hier oder da anzustellen. Als ich wieder hinaufkam, hatten sie mir das Plätzchen freigehalten.

Für meine Umgebung entwickelte sich der Match in der zweiten Halbzeit fatal. Ein Platzverweis, eine Bierdusche; ein Gegentor, ein Biernieseln, das Notizbuch nass, die Schrift verschwommen. Ein zweiter Platzverweis, ein Biersprühen; mit neun Dortmundern gegen elf Schalker ein Ruck der Hoffnung, der Anschlusstreffer, eine Bierdusche. Dann das 2:4 zum Endstand. Die Gesänge setzten dennoch nicht aus, sie klangen verzweifelt.

Mit dem Schlusspfiff senkte sich die Traurigkeit auf die gelbe Wand. Ein einziger Nörgler jammerte, er gab jedem und allen die Schuld, den Spielern, dem Schiedsrichter, dem Trainer, der Vereinsleitung, dem Ball, dem Videobeweis, «ausser Spesen nix gewesen», beendete er seine Formeltirade. 

Niemand hörte auf ihn. Viele schauten beklommen aufs Spielfeld, als lasse sich dort das Geschehene umkehren. Drüben sang das blaue Gewoge der Gegentribüne: Oh, wie ist das schön.

Ich stieg in den offenen Bereich unter den Rängen hinab. Toiletten und Kioske waren nun zugänglich. Die Videoschirme wiederholten die Borussia-Tore, dazwischen Werbung für das ganz Andere, die Kitzbüheler Alpen. Und es wirkte kitschig, dass kurz die Sonne durch die schwarze Wolkenwand strahlte.

 

Das Stadionareal zu verlassen, gestaltete sich schwierig. Massenströme trafen aufeinander, verkeilten sich, Polizei sperrte ab, im Getümmel verlor ich die Himmelsrichtung.

Nach Umwegen erreichte ich die Eckkneipe Semmler, in der ich mich mit dem Journalisten Jörg verabredet hatte. Den Eingang flankierten heftig debattierende Männer, im Lokal dröhnte Stimmengewirr, Bildschirme zeigten auch hier die BVB-Tore, als könnten sie die Enttäuschung heilen.

Jörg ist im Viertel aufgewachsen, seit seiner Kindheit geht er zu den Spielen. Nach den Matchs sitzt er mit seiner Gruppe beim Semmler.

Die Kellnerin nannte er beim Vornamen, er bestellte Bier für uns beide. Nach dem ersten tiefen Schluck sagte er, die Derbys möge er nicht mehr, man erkenne potenziell, wie Bürgerkriege entstehen. Von der gelben Wand aus hätte ich ja das Spruchband drüben bei den Blauen nicht sehen können, im TV sei es deutlich zu lesen gewesen und nun in allen sozialen Medien: «Immer noch 'ne Bombenidee, Freiheit für Sergej W.», so hatte der Schalke-Sektor den Mordanschlag auf das Borussia-Team gutgeheissen, ja erneut in Erwägung gezogen, und war für den Attentäter Sergej W. eingetreten. 

Am 11. April 2017 waren drei Sprengsätze mit Stahlstiften gegen den BVB-Bus auf dem Weg zu einem Champions-League-Match explodiert. Todesopfer waren nur deswegen nicht zu beklagen, weil die stärkste Bombe so hoch angebracht war, dass sie über den Bus hinwegsauste. Die Stars erlitten ein schweres Trauma, einer trug – wie auch ein Polizist – körperliche Verletzungen davon. Sergej W. wollte derart Aktiengewinne erzielen; das Gericht verurteilte ihn wegen versuchten Mordes aus Habgier. Und Schalker Fans fanden diese Tat nun gut und nachahmenswert.

Während die Kellnerin Bier um Bier servierte, jeweils einen Strich auf dem Deckel zog, ging Jörg in die Vergangenheit zurück. Seit 1949 gebe es die Ruhrpott-Derbys zwischen den zwei Vereinen, deren Stadien 35 Kilometer voneinander entfernt sind. Zuvor war Schalke mehrmals Deutscher Meister geworden, die Borussia zweitklassig gewesen. Jörg erzählte vom Stadion Rote Erde, von der tollen Elf der sechziger Jahre, von Dortmunds Zuschauer-Vorteil als Stahlstadt mit Hinterland, in der es urbaner zugehe als in Gelsenkirchen, wo nach und nach die Kohlezechen gesperrt hatten. Dort haben polnische Grubenarbeiter und ihre Kinder den Fussball getragen, mit dem «Schalker Kreisel» in den dreissiger Jahren die beste deutsche Elf gebildet. Der BVB aber sei immer offener gewesen, schon 1992 habe er Asylbewerbern freien Eintritt gewährt. Beim Bier geriet die historische Chronologie etwas aus der Reihe, unser Gespräch mäanderte um den Fussball von gestern und heute. 

Die Gruppe der Freunde verabschiedete sich. Das Lokal war nun schütterer besetzt, von anderen Tischen hörten wir Derby-Nachbetrachtungen herüberschwappen, ob es Elfmeter gewesen sei, ob Platzverweis, ob der Titel beim Teufel. Die Niederlage schmerzte, dagegen wirkten Ironie und Selbstbewusstsein. Wolle man Meisterfotos anschauen, sagte Jörg, nehme der Dortmunder die Digitalkamera, der Schalker aber frage den Opa nach dem Album. Die Antinomie lebt mit der Übertreibung.

Nach dem letzten Strich auf den Bierdeckel gab mir der altgediente Journalist leise im holzgetäfelten Ambiente den Verein als Fetisch mit auf den Weg. Ausgerechnet 2004, wie Schalke 04, war bei Jörg Krebs diagnostiziert worden, mit den schlechtesten Blutwerten sass er dennoch im Stadion, und ausgerechnet 2009, wie BVB 09, wurde ihm die Heilung attestiert.

Als wir aus der Semmler-Eckkneipe traten, regnete es. Nachts weckten mich ein paar Mal, bis vier Uhr früh, wilde, laute Stimmen. Unten auf der Strasse, auf der sie nie allein zu gehen schienen, schmetterten sie das BVB-Lied.


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