Im Kopf des Zauberers

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Gabriel García Márquez wird zur Romanfigur, die er selber schuf.

José Camacho

Soeben hatte ich in Cartagena de las Indias ein seltenes Exemplar einer Jubiläumsausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit ergattert. Dies in der leisen Hoffnung, dass es meinem Begleiter Jaime, dem Bruder von Gabriel García Márquez, endlich gelingen würde, eine Widmung des wichtigsten Autors spanischsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts für mich zu besorgen. Aber in dem Moment, in dem wir den Buchladen verliessen, bereitete mir Jaime die grösste Überraschung meines Lebens: Gabito, wie ihn seine Fangemeinde liebevoll nennt, erwartete uns, nur wenige Strassen entfernt, in seinem Haus. Augenblicklich überfiel mich eine Ängstlichkeit und Nervosität, wie ich sie in all den Jahren meiner akademischen Karriere noch nie gekannt hatte. 

Die Villa, die ich schon von meinen vergangenen Reisen her kannte, hatte sich zu einem richtigen Wohnsitz gemausert, einem Heim voller Pflanzen mit vielen verschwiegenen Winkeln. In der oberen Etage erwartete uns Mercedes Barcha, die Frau des Autors und Mutter seiner beiden Kinder. Sie hatte sich eine ruhige, zeitlose Schönheit bewahrt und eine Milde, die aber erst sichtbar wurde, nachdem sie mich ausgefragt, fast schon ins Verhör genommen hatte, als sei ich kein Literaturprofessor, sondern ein Spion des Geheimdienstes. Nachdem ich diese erste Bewährungsprobe also bestanden hatte, betraten wir ein grosses, einladendes Wohnzimmer. Auf dem überdimensionierten Sofa sass, allein und gedankenverloren, der Literat mit einem Glas Weisswein in der rechten Hand, die Füsse über Kreuz, was den Blick auf ein Paar weisse, blitzblanke Stiefel im eleganten Karibikstil freigab. Es war recht dunkel – nicht nur, weil die Abenddämmerung hereinbrach, sondern auch, weil diese kühle, intime Atmosphäre des Halbschattens so gewollt war. Nichts überraschte mich mehr als der Frieden, den dieses Autorengenie ausstrahlte, wie er seinen Gedanken nachhing, während sein Bruder Jaime die Vorstellung übernahm. Gabriel García Márquez sah genau so aus, wie man ihn von den vielen Fotos aus den Nachrichten und Bibliografien des Nobelpreisträgers kennt – die etwas unordentlichen Haare, der enorme Schnauzbart, der warme, eindringliche Blick in seinen Augen und natürlich sein unwiderstehliches, einnehmendes Lächeln. Die Wärme, Höflichkeit und Menschlichkeit dieses Schriftstellers, den sein Gedächtnis immer öfter im Stich liess, waren kaum in Worte zu fassen. Alles in ihm rief nach Bedächtigkeit, nach einer väterlichen Umarmung, nach leise preisgegebenen Vertraulichkeiten. 

Den grössten Teil meines akademischen Schaffens an der Universität Sevilla hatte ich Gabriel García Márquez gewidmet. Mehrere Male war ich zur Erforschung klassischer und kolonialer Quellen in seinem Werk an die kolumbianische Karibikküste gereist, und die Hoffnung, dem Autorengenie einmal gegenüberzusitzen, schwand angesichts seines fortgeschrittenen Alters mit jedem neuen Versuch. Und nun sass ich da und fühlte mich augenblicklich zurück in meine Kindheit versetzt. 

1979 las ich zum ersten Mal Hundert Jahre Einsamkeit. Obwohl ich noch ein kleiner Junge war, stürzte ich mich auf diese Lektüre und verschlang das Buch innerhalb weniger Tage. Ich liess mich in eine eigentümliche, wahnsinnige Welt entführen, die manchmal den traurigen Geschichten vom Spanischen Bürgerkrieg und der unerbittlichen Diktatur Francos ähnelte, die mir meine Grossmutter Patrocinio Salazar abends erzählte. Natürlich war Macondo, der Ort des Romans, wo die Familiensage der Buendías ihren Anfang und ihr Ende nimmt, nicht nur ein Ort der Universalliteratur, ein mystischer Topos, in dem die Naturgesetze umgekehrt wurden und das Unmögliche nicht nur möglich, sondern nötig wurde. Es war auch eine Gemütsverfassung und ein Zufluchtsort für Millionen von Lesern, die in der einen oder anderen Figur ihre eigenen Verwandten wiedererkannten. Dadurch entstanden unglaubliche Verbindungen und Analogien, die einen wirklich an die magische Kraft der Literatur glauben liessen, wenn Leser jedweder Herkunft, Klasse, Kultur oder Religion aus allen Ländern der Erde sich auf die gleiche Art und Weise von der Schrulligkeit der Familie Buendía begeistern liessen.

 

Solche lebendigen Szenen schienen unmittelbar 

Hundert Jahre Einsamkeit entsprungen zu sein  

 

Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1967 hat sich Hundert Jahre Einsamkeit in ein beispielloses Literaturphänomen verwandelt, das den Boom der lateinamerikanischen Prosa nutzte, um die beste Literatur der Welt ins Rampenlicht zu rücken. Der Roman schaffte es, die Geschichte Lateinamerikas mit ihren schmerzhaften Anfängen, den Überfällen durch Piraten, den Bürgerkriegen und den Anführern aus der Zeit vor den Diktaturen nachzubilden. Der kolumbianische Autor erzählt die Geschichte des Kontinents durch die Saga der Familie Buendía. Dabei bewegt er sich zwischen Psychologie und Soziologie, setzt die Naturgesetze ausser Kraft, spielt mit historischen Anachronismen und macht den Leser mit Mythen und Legenden bekannt, die der Atmosphäre von Phantasie und Unwirklichkeit, welche sich durch das gesamte Werk zieht, eine besondere Textur verleihen. Der Roman hatte so gewaltigen Einfluss, dass García Márquez als wichtigster Autor spanischer Literatur nach Cervantes galt und Hundert Jahre Einsamkeit als einflussreichstes Werk nach Don Quijote bezeichnet wurde.

Zum ersten Mal besuchte ich den kolumbianischen Küstenort Barranquilla im Jahr 1994. Einen ganzen Monat lang wandelte ich auf den Spuren des jungen Gabriel García Márquez. Ich besuchte den Sitz der Zeitung El Heraldo, wo er den Beruf des Journalisten und Autors erlernt hatte. Ich durchstreifte und fotografierte wie ein Besessener alle sinnbildlichen Orte, an denen García Márquez jemals gewesen war – die Cafés, in denen er sich mit den Mitgliedern der Barranquilla-Gruppe getroffen hatte, die Buchläden, in denen er Bücher gekauft oder einfach nur über Literatur diskutiert hatte, die Kinos, Theater, Parks, die er aufgesucht hatte. Ich versuchte, die sentimentalen Erinnerungen des berühmten Schriftstellers zu kartografieren, und die Geräusche der Plätze, die Stimmen der Küste, die Sprache des Volkes, die Gerüche der Früchte und der Restaurants und das nicht endende Gewimmel der Menschen auf der Strasse unter der sengenden Sonne verankerten sich fest in meinem Gedächtnis. Dennoch fiel es mir trotz den vielen biografischen Verweisen schwer, die Welt Macondos mit der pulsierenden Stadt Barranquilla zu verknüpfen. Im Gegensatz dazu war es sehr leicht, Nachklänge dieser Prosawelt an anderen sinnbildlichen Orten wie Santa Marta, Cartagena de las Indias oder Islas del Rosario zu finden, einem faszinierenden Fleckchen Erde, wo der Tourismus mit einer Art Ästhetik des Verfalls einhergeht – Häuschen aus Messing oder Bambusrohr und Dächer aus Wellblech, unbefestigte Strassen, Bananenfelder, Gärten voller Früchte und viele ziellos dahinschlendernde Menschen auf der Suche nach ein paar Münzen, die sie einen weiteren Tag durchs Leben bringen. Solche lebendigen Szenen schienen unmittelbar dem Buch Hundert Jahre Einsamkeit entsprungen zu sein.

Diese erste Reise hinterliess einen sehr tiefen Eindruck bei mir. Der Zufall, oder vielleicht eine kosmische Konstellation des magischen Realismus, führte mich in den Touristenort Rodadero in Santa Marta. Genauer gesagt fand ich mich vor dem Wohngebäude Huasipungo wieder, wo Jaime García Márquez zusammen mit seiner Frau Margarita Munive und seiner kleinen Tochter Patricia lebte. Und da stand ich nun, ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, kurz davor, meine Doktorarbeit über die klassische Welt des grossen kolumbianischen Literaten abzuschliessen, und wollte den Bruder des Nobelpreisträgers besuchen. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Brüdern verblüffte mich, auch wenn Jaime sich gegen einen Schnauzbart entschieden hatte, um Verwechslungen auf der Strasse zu vermeiden. Aber auch die Schlichtheit meines Gastgebers, seine ausgesprochene Grosszügigkeit, das blitzartige Bündnis, mit dem wir, obwohl wir uns erst wenige Stunden kannten, Freunde fürs Leben wurden, seine unerschöpfliche Konversationsfähigkeit, seine anziehende Persönlichkeit und seine messerscharfe Intelligenz als Beweis dafür, dass der Geist von Aracataca in einer einzigen Familie wohnte, liessen mich immer wieder aufs Neue staunen. 

Gabriel García Márquez lernte ich nicht kennen, da er zu diesem Zeitpunkt in Kuba unterwegs war, wo er versuchte, in einem Konflikt mit Häftlingen und Dissidenten des Castro-Regimes zu vermitteln. Im Nachhinein betrachtet, fand ich auf dieser Reise nach Barranquilla, ins Herz der Macondo-Welt, alle Zutaten für eine vollkommen neue Erfahrung. Eingehüllt in die drückende Feuchtigkeit der Karibik und benebelt von ihren fruchtigen Aromen, begriff ich, dass alle vom Schreibtisch in Sevilla aus durchgeführten Untersuchungen sich radikal von dem unterscheiden mussten, was ich «Tropenklischee» nennen will, genau deshalb, weil die Grossartigkeit des Gabriel García Márquez nicht allein darauf beruht, dass er wie kein anderer die Literatur der Tropen und der Karibik repräsentiert. Ganz offensichtlich war die Grösse von García Márquez vor allem in seiner universalen Dimension begründet, in seiner überraschenden Fähigkeit, in seinem Werk ebenso verschiedenartige wie notwendige literarische Einflüsse einzubringen und zusammenzufassen. Dabei durften die Klassiker wie Sophokles, Plutarch, Sueton oder Julius Caesar nicht fehlen, die berühmten Abenteurer und Entdecker wie Marco Polo, Christoph Kolumbus, Álvar Núñez Cabeza de Vaca oder Antonio Pigafetta oder die grossen Meister der «lost generation», wahrhafte Virtuosen der Kompositionstechnik – allen voran Faulkner. Und die erforderliche Präsenz der grossen Vertreter der europäischen Erzählkunst wie James Joyce, Virginia Woolf oder Franz Kafka ermöglichte es ihm, sein besonderes Gespür für die Fiktion und seine Beziehungen zur Realität zu stärken. Vielleicht war das der Grund dafür, dass Jaime García Márquez, ein Ingenieur und heimlicher Poet, sich für meine Forschungen zum Einfluss der klassischen Welt auf die Prosa seines Bruders interessierte. 

Zwei Jahre später, 1996, kehrte ich an die kolumbianische Küste zurück. Ich hatte meine Doktorarbeit im Gepäck und den Kopf voller Ideen über die klassischen und kolonialen Quellen, die García Márquez in seinem Roman Der Herbst des Patriarchen über einen Diktator verwendet hatte, bei dem er sich laut eigenen Angaben von Dutzenden Diktatoren aus der Vergangenheit hatte beeinflussen lassen, um den überraschenden Momenten und den Schrulligkeiten der realen historischen Figuren möglichst nahe zu kommen, die diese Figur in das «mythologische Tier Lateinamerikas» verwandelt hatten.

Auch bei dieser Gelegenheit traf ich noch nicht auf den Schriftsteller. Mit Ligia, einer seiner jüngeren Schwestern, durchstreifte ich die entferntesten Winkel von Cartagena de las Indias und verschaffte mir Daten und Materialien von unschätzbarem Wert für meine zukünftigen Forschungen, zum Beispiel Fotografien, persönliche Briefe, literarische Notizen oder Entwürfe verschiedener Dinge, die Gabriel García Márquez in jungen Jahren aufs Geratewohl geschrieben hatte. Mit Ligia betrat ich schliesslich die erst kurz zuvor fertiggestellte Villa des grossen Schriftstellers. Mitten in diesem Haus fiel meine Aufmerksamkeit auf die kleine Bibliothek, die ich nur zu gerne fotografiert hätte, was die Haushälterin natürlich zu verhindern wusste. Hier, so wurde mir erklärt, stünden nur einige wenige Bücher, die der Autor nicht mehr benötige – Bücher, bei denen sich jeder Forscher die Hände gerieben und die Lippen geleckt hätte, denn dort zwischen den Regalbrettern befanden sich, voller farbiger Markierungen, die Biografien von Simón Bolívar, die Schriftstücke des Befreiers, zahlreiche Abhandlungen über die Unabhängigkeit, Geschichtsbücher des 18. Jahrhunderts sowie eine vollständige Kollektion der Lebenswege von Heiligen, ein Kompendium mit Regeln und Vorschriften für Exorzisten aus der Kolonialzeit und verschiedene Lexika, darunter eines über perfekte Verbrechen. Offenbar stand dort ein beträchtlicher Teil des Materials, das der Schriftsteller beim Schreiben seiner beiden letzten Romane, Der General in seinem Labyrinth und Von der Liebe und anderen Dämonen, verwendet hatte. Ich wurde in dieser bibliografischen Fundgrube derart von meinen Emotionen überwältigt, dass ich die Erläuterungen über die Struktur des Hauses, die Aufteilung der Zimmer, die Innenhöfe und Gärten, das Speisezimmer oder den Kinosaal kaum noch zur Kenntnis nahm. Und obwohl ich mir nur heimlich Notizen über diesen Schatz in den Bücherregalen machen konnte, war ich mir vollkommen darüber im Klaren, dass der Autor genau so, wie ich es in meiner eigenen Doktorarbeit nachgewiesen hatte, intensive Nachforschungen betrieb, bevor er eine seiner Geschichten in Druck gab.

In diesen drei Monaten an der Küste Kolumbiens suchte ich bei verschiedenen Gelegenheiten das Haus in Aracataca auf, das in den Monaten zuvor renoviert und herausgeputzt worden war. Vermutlich sollten so mehr Kulturtouristen angelockt werden, die sich für die Mythologie des Nobelpreisträgers begeisterten. Beim Durchqueren der Strassen und kleinen Plätze von Aracataca mithilfe seines besten Fahrers hatte der unermüdliche Jaime García Márquez keinerlei Mühe, dieses arme, aber fröhliche Dorf voller Staub und Insektenlärm mit jenem literarischen Macondo gleichzusetzen, das Kolumbien im Mittelpunkt des lateinamerikanischen und westlichen kulturellen Lebens ansiedelte. Jaime schien stets mit der gleichen Überschwänglichkeit, mit der er uns auch mit seinen Geschichten umgarnte, unter dieser unberechenbaren, mörderischen Sonne zu leben, immun gegen die Verschlafenheit der Siesta, unempfindlich gegen die Unebenheiten des Bodens und taub gegen die Beschwerden seiner Mitmenschen. Seine Spaziergänge waren voller Anekdoten, voller eindeutiger Anspielungen auf diese oder jene Person, er schien sie über die Tyrannei des Buches hinaus zu beleben und erinnerte sich mit seinem sprunghaften Gedächtnis an die erstaunlichsten Vorgänge, die zwischen den magisch-realistischen Splittern hervortraten.

 

Der berühmte Autor löste sich in Luft auf, als 

habe ihn der Zigeuner Melquíades verzaubert 

 

Bis zu meiner Rückkehr nach Kolumbien im Februar 2010 für ein Projekt über die Literatur des Drogenhandels vergingen fast fünfzehn Jahre. Aufgrund dieser Forschungen besuchte ich die Stadt Medellín, wo ich erfuhr, dass ein Treffen mit García Márquez aussichtslos sei: Der Schöpfer von Macondo zeigte sich immer seltener in der Öffentlichkeit, und die Schnitzer seines Gedächtnisses hinterliessen Spuren bei ihm als Autor und Mensch. Nachdem ich mich so viele Jahre seinem Werk und seinem Leben gewidmet hatte, nachdem ich geglaubt hatte, fast alles über seine Literatur zu wissen, nachdem ich seine Gedanken durch seine Texte gelesen hatte, war es eine Ironie des Schicksals, dass der berühmte Autor sich nun vor meinen Augen in Luft auflösen sollte, als habe ihn der von ihm geschaffene Zigeuner Melquíades aus Hundert Jahre Einsamkeit verzaubert. Schuld daran waren die bösen Streiche des Alters und des besagten löchrig gewordenen Gedächtnisses, die ihn zeitweise geistig abwesend sein liessen wie José Arcadio Buendía, die Hauptfigur des Romans. Trotz den entmutigenden Informationen, die ich erhalten hatte, beschloss ich, an die Küste zu reisen. 

Jaime García Márquez war sogleich ausser sich vor Freude, als er erfuhr, dass ich in Kolumbien sei und mich anschicke, ihn in seinem Haus in Cartagena de las Indias an der Strandpromenade, am Ufer eines von Geisterschiffen durchkreuzten Meeres, aufzusuchen. Dort erwartete er mich an diesem 12. Februar zusammen mit seiner Frau Margarita und ihrer Tochter Patricia. Nach einem wunderbaren Essen spazierten wir durch den alten Stadtkern, der zu Zeiten Philipps II. die «Perle Amerikas» genannt wurde. Cartagena de las Indias ist nach wie vor eine der schönsten Städte des südamerikanischen Kontinents. In den schmalen Strassen findet man Schutz vor der sengenden Sonne, die Holzbalkone sind voller Pflanzen und Blumen, und die zweigeschossigen Häuser mit den bunten Fassaden erstrahlen in allen denkbaren Farben – Indigoblau, Kirschrot, Pistaziengrün, Kanariengelb oder Erdbeerrosa. Es ist, als ob die Häuser aus Andalusien und der Extremadura in die heissblütige Karibik verpflanzt worden wären und die Architektur aufgrund dieses Glücks in einer Explosion der Farben verrücktspielen würde. Zu diesem Festspiel der Farben gesellen sich noch die vielen Düfte der Blumen und Früchte, der appetitanregende Geruch der Restaurants und vor allem das Aroma von Guaven, das wie eine Identitätsmarke der tropischen Kultur alles zu durchdringen scheint.

Gabriel García Márquez sass in der kühlen, intimen Atmosphäre des Halbschattens und war sehr glücklich über unseren Besuch. Mehrmals fragte er mich, aus welchem Sevilla ich stamme, um unmittelbar darauf seine Freude über die Erinnerungen, die er mit der Hauptstadt Andalusiens und ihren offenen, gastfreundlichen Bewohnern verband, zum Ausdruck zu bringen. Trotz den verheerenden Auswirkungen seiner Krankheit hatte García Márquez immer wieder Momente absoluter geistiger Klarheit, vor allem, wenn er entspannt war. Seine Beiträge zu unserer Unterhaltung waren voller feinsinnigem Humor und erfüllt mit einem Geist, der erahnen liess, dass zwischen den Gedächtnislücken nach wie vor enorme geistige Fähigkeiten vorhanden waren, die trotz den Aussetzern keinen Zweifel an seinem messerscharfen Verstand liessen, und dass er in diesen Momenten vor Genialität nur so strotzte. In diesen Augenblicken machten mir die Aussetzer des Schriftstellers oft Angst und versetzten mich in einen Zustand der Beklemmung. Er bezog sich auf Dinge, die für uns nicht sichtbar waren, und durchstreifte in seiner eigenen Villa ferne Orte, als ob er an der Hand des Zigeuners Melquíades durch die Strassen von Macondo spazierte. Irgendwie wurde ich, ohne es zu wollen, zu einer Art Voyeur mit ungehindertem Blick auf die eher unbekannte Seite des grossartigen Schriftstellers. 

In einem Moment dieser Unterhaltung voller Wiederholungen und stillschweigender Gesprächspausen bat Jaime seinen Bruder, mir eine Widmung in mein Exemplar von Hundert Jahre Einsamkeit zu schreiben. Gabo nahm einen blauen Filzschreiber und begann, etwas auf die erste Seite meines Buches zu kritzeln, aber nach nur wenigen Augenblicken hielt er inne, lächelte seinen jüngeren Bruder an, und die beiden brachen in lautes Gelächter aus, als sie sahen, was passiert war. Der berühmte Autor war bei der Widmung durcheinandergekommen und hatte den gleichen Satz zweimal geschrieben: 

 

Für Pepe Camacho, 

der mich daheim besuchte, 

der mich daheim besuchte

Selbstverständlich konnte die Widmung so stehen bleiben. Es war, als ob sie ein kleines Lied von drei Versen im Stil der Zusammensetzungen aus der beliebten spanischen Lyrik sei. Dennoch gab der Sohn des Telegrafisten aus Aracataca, den heimtückischen Sticheleien der Vergesslichkeit zum Trotz, sich nicht mit dieser Zeile zufrieden, die er als unpassenden, seinen Ruf als Meister der Romane verunglimpfenden Fehler empfand. Nach einigem Kopfzerbrechen fand er eine Lösung. Er strich die dritte Zeile durch und führte die beiden vorhergehenden weiter:

 

Für Pepe Camacho, 

der mich daheim besuchte, 

der mich daheim besuchte, 

als sei er mein langjähriger Freund, 

was er auch ist.

Während dieses halbstündigen Beisammenseins gab es funkensprühende Momente, von denen jeder Literaturliebhaber schon einmal geträumt hat, es gab Bekundungen, Vertraulichkeiten, halblaut ausgesprochene Geheimnisse und Enthüllungen, die keiner von uns Teilnehmern je vergessen wird. Später, als wir uns langsam zum Gehen bereitmachten, trat Gabo oben an das Geländer und sagte zu mir: «Pepe, ich beschäftige mich neuerdings damit, Dinge zu erfinden», als ob er sich anstelle von Handlungen und wunderbaren Geschichten mit den seltenen und sonderbaren Artefakten und Trödelsachen angesteckt hätte, die Melquíades und seine Zigeunertruppe in den Dörfern an der Küste verkauften, dieser Küste, die in den letzten fünfzehn Jahren auf mich gewartet hat. Überraschenderweise hatte dieser Schriftsteller, der sich voll und ganz der Literatur verschrieben hatte, vergessen, dass er Autor war. Er hatte das Bewusstsein, Gabriel García Márquez zu sein, geboren vor vierundachtzig Jahren im glühenden Aracataca, in einer dunklen Ecke des Hinterhofs seiner Erinnerung beiseitegelegt. Ich war gerade noch dazu in der Lage, ihm mit vor Ergriffenheit gebrochener Stimme zu sagen, dass er der grösste Erfinder sei, den die spanische Sprache jemals gesehen habe. Und kaum hatten wir die Villa durch das grosse Portal verlassen, brachen all die hoffnungslosen Tränen aus mir heraus, die ich in meiner Brust trug, seit ich zum ersten Mal Hundert Jahre Einsamkeit gelesen hatte, und die all meine literarischen Emotionen mit den aufwühlenden Erinnerungen meiner Grossmutter Patrocinio vereinten.

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