Im letzten Augenblick

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Die Lebensmüden von Nanjing zieht es zur grossen Brücke. Doch dort steht Herr Chen.

Michael Paterniti

Die Brücke im Nordwesten von Nanjing spannt sich in einer Länge von knapp sieben Kilometern über den mächtigen Jangtsekiang. Doch von der Zufahrt aus, wo mich der Taxifahrer absetzte, glich sie eher einer gespenstischen Erscheinung, die sich im Monsundunst auflöste und in ein Nirgendwo führte. Es war ein irritierender Anblick, diese halbe Brücke, die, wie von einem Surrealisten gemalt, im Nichts endete. Etwas Unheimliches ging von ihr aus, etwas Unberechenbares, obwohl sie fest und massiv in der Erde verankert war. Später fand ich heraus, dass sie aus 500 000 Tonnen Zement und einer Million Tonnen Stahl besteht, eine doppelstöckige Konstruktion mit vier Fahrspuren auf dem oberen Geschoss und zwei Eisenbahngleisen auf dem unteren, täglich benutzt von Tausenden Fahrzeugen und Menschen. Doch jetzt wurde sie von den Wolken erfasst, und ein scharfer Schwefel- und Fischgestank lag in der Luft. Es regnete Bindfäden. Die Brücke schimmerte noch etwas und verschwand dann vor meinen Augen, als hätte es sie nie gegeben.

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