Innocents Dilemma

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Das Blut seiner Liebsten klebt an den Händen seines besten Freundes. 

Lena Niethammer

Es war im April 1994. Verstanden, was gerade in seinem Ruanda vor sich geht, hat Wellars an jenem Tag nicht. Als die Hutu-Miliz in sein Dorf kommt mit eisernem Blick und Waffe über der Schulter, da fürchtet er sich. Er sieht sie Häuser anzünden, sieht, wie die Menschen anfangen vor diesen Männern zu fliehen. In Scharen hetzen sie den Hügel hinauf, um Schutz in der katholischen Kirche zu suchen. Auch Wellars rennt los, den anderen hinterher, doch sein Bruder stellt sich ihm in den Weg. «Komm bitte her!», sagt dieser. «Ich will dir etwas zeigen.» Wellars gehorcht. «Sieh dir unser Dorf an! Schau genau hin. Siehst du nicht, dass nicht alle Häuser brennen? Siehst du denn nicht, dass sie sie aussortieren? Es sind Tutsi-Häuser, die brennen. Los, geh wieder nach Hause.»
Und weil es für ihn als Teil der ethnischen Gruppe der Hutu keinen Grund mehr gibt zu fliehen, setzt sich Wellars vor sein Haus. Tutsi, denkt er. Seine Nachbarn sind Tutsi, manche seiner Freunde ebenso. Wenn es knapp wird, teilen sie Essen und Wasser mit ihm, gelegentlich ein Bananenbier. Wellars hat nichts gegen sie. Eigentlich. Wären da nicht die Geschichten. Die Lehrer in der Schule haben ihm beigebracht, es sei Vorsicht angesagt, wenn es um Tutsi geht. Nie werden sie dir alles erzählen, auch wenn sie dich ihren Freund nennen, hiess es.
Manch einer im Dorf glaubt, dass die Tutsi Kanister mit Öl horten, um darin irgendwann Hutu-Körper zu braten, manch anderer, dass sie sich heimlich treffen, um Löcher zu graben, Löcher, die mal zu Gräbern werden sollen. Die Anspannung war immer spürbar, doch seitdem das Radio verkündete, das Flugzeug des Präsidenten sei am sechsten April abgeschossen worden und er habe nicht überlebt, ist sie unübersehbar. Waren die das, die Tutsi?, wird nun gefragt. Wenn ja, was kommt dann als Nächstes? 
«Ey du! Kleiner Mann!» Eine Gruppe Hutu-Milizen reisst ihn aus seinen Gedanken. Einer von ihnen schaut Wellars an und fragt: «Warum sitzt du hier nur rum und hilfst deinem Land nicht?» Wellars überlegt. Warum zögern? Diese Männer kämpfen für Ruanda, für die Regierung, für Gerechtigkeit. Gegen Tutsi, weil sie Staatsfeinde sind. Wellars sieht es auf einmal ganz klar: Diese Männer sind nicht beängstigend, sie sind bewundernswert. Wahre Patrioten. Vielleicht ist das seine Chance auf ein Leben als Held. Macht ruft. Er steht auf. Gemeinsam begeben sie sich auf die Jagd. Später werden sie einen Tutsi erwischen, und Wellars wird seine Machete zum ersten Mal zum Töten benutzen.  

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