Iranischer Catwalk

Schahrsad trägt eng anliegende Hosen und einen kurzen Mantel: Für die Teheraner Sittenpolizei ein klarer Fall.

Amir Hassan Cheheltan

Kurz nachdem sich das Türschloss gedreht und meine Frau ihren Fuss in die Eingangshalle gesetzt hatte, klingelte das Telefon. «Ich gehe ran», verkündete sie. Aus der Art, wie die Begrüssung stattfand, und vor allem aus ihrer Tonart konnte ich erahnen, dass das Gegenüber zu unserem engeren Bekanntenkreis gehörte. Und gleich danach wurde klar, dass die Gesprächspartnerin Frau Almassi war, unsere Nachbarin aus dem oberen Stockwerk, denn meine Frau sagte: «Frau Almassi, regen Sie sich bitte nicht auf! Warum weinen Sie denn?» Und fügte noch hinzu: «Bitte, kommen Sie doch auf einen Sprung herunter, dann sehen wir weiter.» 
Sie legte den Hörer auf. Ich konnte nur erahnen, dass sie in einer brenzligen Lage steckte. Da meine Frau wusste, dass ich zu Hause war und ihrem Telefongespräch wohl zugehört haben könnte, erklärte sie, vermutlich in meine Richtung gewandt: «Sie haben ihre Tochter auf der Strasse festgenommen.» 
Klar, natürlich war das eine bedrohliche Lage, aber war sie denn die Obfrau unserer Gemeinde? Und während ich noch meine Gedanken in Worte fassen wollte, schallte es auch schon aus der Halle: «Wenn man in schlechten Zeiten nicht zu seinen Nachbarn gehen kann, an wen soll man sich sonst wenden?»
«Weisst du, nachdem deine Hände die ganze Zeit im Rachen der Leute gesteckt und diese ihren Schleim in dein Gesicht gespuckt haben, kommst du jetzt todmüde nach Hause; musst du dich da auch noch um die Probleme der Nachbarn kümmern?», sagte ich kleinlaut. 
Sie wollte nicht antworten oder kam nicht mehr dazu, denn es läutete an der Tür, und Frau Almassi setzte schluchzend ihren Fuss in unsere Wohnung. Gezwungenermassen erhob ich mich von meinem Schreibtisch und ging in die Halle. Kaum sah sie mich, regte sich erneut ihr Zorn, und sie sagte weinend: «Sie haben angerufen und gesagt, dass ihr Vater oder ihre Mutter sich rasch dorthin begeben sollte, mit ihrem Personalausweis und auch dem ihrer Tochter. Ebenso mit einem geeigneten Kleidungsstück für die Tochter. Ich sagte, es gäbe keinen Vater mehr, der läge im Herzen des Friedhofs begraben, lasst sie frei, damit sie nach Hause kann, mein unschuldiges Kind. Ich konnte einwenden, was ich wollte, und dass ihr Kleid doch nicht anstössig war, sie gaben darauf keine Antwort und legten am Ende auf.» 

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Danach schnäuzte sie sich ordentlich und wischte alles mit ihrem Taschentuch ab. «Schaut bloss, was für ein Dasein sie uns beschert haben! Sie zerren unsere Töchter mitten auf der Strasse in ein Auto, verschleppen sie und stellen tausend Sachen mit ihnen an.» Wir sagten beide unisono: «Nein, so einfach geht das nicht!» Es war klar, dass wir das zu ihrer Beruhigung gesagt hatten, denn sie antwortete prompt: «Das sagen aber alle.» 
Sie hatte recht. Seit fünfunddreissig Jahren lebten wir in diesem Zustand. Mehr oder weniger wurden die Frauen wegen ihrer Bekleidung angegriffen: «Entweder Kopftuch oder Kopfnuss» gehörte zu den ersten Slogans, die gegen Frauen ohne vorschriftsgemässe Kleidung eingesetzt wurden. «Das ist doch nichts Neues, seit fünfunddreissig Jahren passiert dies jeden Tag vielen Mädchen und jungen Frauen unseres Landes», warf ich ein. Ich hatte dies gesagt, um sie zu trösten, aber meine Frau fügte schnell hinzu, wie wenn ich damit den Status quo verteidigt hätte: «Das bedeutet doch nicht, dass wir so etwas auf die leichte Schulter nehmen oder als etwas Belangloses ansehen sollten.»
Es war klar, dass Frau Almassi eine solche Auseinandersetzung als unergiebig ansah, weshalb sie hinzufügte: «Das ist das erste Mal, dass meine Schahrsad diesen Wölfen in die Hände gefallen ist. Ich fürchte, dass sie sich vom Schrecken kaum erholen wird, mein armes Mädchen.»
«Machen Sie sich keine Sorgen», sagte ich, «sie ist doch kein Kind mehr; immerhin ist sie schon vier-, fünfundzwanzigjährig.» Eilfertig korrigierte sie mich: «Nein, dreiundzwanzig!» – «Ausgezeichnet! Kann denn ein dreiundzwanzigjähriges Mädchen nicht auf sich aufpassen?» Hier mischte sich meine Frau wieder ein: «Das hängt ganz davon ab, mit wem man es zu tun bekommt.» – «Um welche Uhrzeit hat sie denn das Haus verlassen, und wohin wollte sie gehen? Wissen Sie das?», fragte ich. «Sie verliess das Haus vor ungefähr eineinhalb Stunden; sie wollte mit ihrem Freund Nader in ein Konzert gehen.»
Ihr Freund Nader! Also hier lag das Problem. Wie wenn Frau Almassi meine Gedanken lesen könnte, fügte sie sofort hinzu: «Ihre Freundschaft mit diesem Jungen ist eine einfache und normale Freundschaft, die schon zehn Jahre andauert.» Meine Frau sagte: «Das ist genau das, was die überhaupt nicht begreifen. Für die endet doch alles im Unterleib, und in Tat und Wahrheit fängt auch alles dort an.» Danach lächelte sie höhnisch: «Wie wenn die in diesem Land nichts anderes zu tun hätten, als sich um den Unterleib der Frauen zu kümmern.» 
Das war einer jener spruchreifen Sätze, die meine Frau ab und an wiederholte. In Wahrheit, wenn man genau hinsah, konnte man bemerken, wie sich das, was man mit Moral bezeichnete, um nichts anderes als gerade eben dies drehte. Zu Beginn der Revolution, nachdem sie das Kopftuch als einen existenziellen Teil der Körperbedeckung der Frauen für offiziell erklärt hatten, kam die Reihe an die Beamtinnen, von denen die meisten «nackt» zur Arbeit erschienen. Nun wurde der islamische Mantel zur Zwangskleidung, danach folgte die Abschaffung der Röcke und die Einführung der Hosen und anschliessend das Verbot von Schuhen mit Stöckelabsätzen, die angeblich die Männer verwirrten, da das klappernde Geräusch der Absätze zum Samenerguss der Männer führen könnte. 
Frau Almassi ergänzte: «Wie auch immer, sie verlangten von mir geeignete Kleidung, woraus ich schliessen kann, dass sich alles um die Art und Weise ihrer Bekleidung dreht.» – «Was hatte sie denn an, als sie das Haus verliess?», fragte meine Frau. Frau Almassi dachte ein wenig nach und antwortete schliesslich: «Ich habe nicht aufgepasst … Ich kann mich nicht genau daran erinnern. Wie immer halt: Jeans und einen sommerlichen Mantel, vielleicht auch … Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern.» – «Wie war sie denn aufgemacht? Ihre Haare oder ihr Gesicht?», erkundigte ich mich. «Ich habe nichts Ungewöhnliches an ihr entdecken können. Sie ist grundsätzlich gegen Übertreibungen.» 
Es schien ganz so, wie wenn es nichts mehr zu fragen oder zu wissen gäbe; wir schauten uns einige Augenblicke gegenseitig an, bis Frau Almassi meinte: «Ich rief meinen Bruder an; er war nicht zu Hause. Sein Handy beantwortete er ebenfalls nicht. Meine Mutter traute ich mich erst gar nicht anzurufen. Wenn ich ihr das erzählt hätte, wäre sie an Ort und Stelle zusammengebrochen. Ich fürchte mich, alleine hinzugehen. Dazu verstehe ich deren Sprache nicht.»
«Ich verstehe ihre Sprache auch nicht, aber ich begleite Sie. Ziehen Sie sich um, wir gehen», setzte meine Frau hinzu. Frau Almassi: «Gott vergelt’s Ihnen, Frau Doktor! Sie sind immerhin ein Doktor dieses Landes, auf Sie wird man hören.» Meine Frau, von der ich wusste, wie ihr Herz unter dieser Bande litt, antwortete: «Die hören nicht mal auf Gott, geschweige denn auf mich.»
Danach schwang sie ihre Tasche um den Arm und stand ausgehbereit vor Frau Almassi. Diese lief zur Wohnungstüre: «Ich bin ebenfalls fertig. Warten Sie einen Moment, ich hole nur noch meine Tasche.» – «Vergessen Sie nicht, ein geeignetes Kleid für Schahrsad mitzunehmen, das sie verlangt haben», rief ihr meine Frau nach.
Frau Almassi zögerte und drehte sich zu meiner Frau, wie wenn sie von ihr Hilfe erwartete. «Eine Hose und einen langen Mantel, die natürlich beide genügend breit und lose sein müssen, in dunkler Farbe; nehmen Sie noch ein grosses Kopftuch oder eine maghnae(1) mit.» Frau Almassi erwiderte bestürzt: «Aber sie hat überhaupt keine solchen Kleider.» – «Dann nehmen Sie welche von sich», half ihr meine Frau nach. Die Bestürzung von Frau Almassi nahm zu: «Aber sie mag doch meine Kleider nicht.» Nun erwiderte meine Frau, der man ihre Ungeduld ansah: «Wenigstens hier spielt ihr Geschmack keine Rolle. Es ist die Regierung, die unsere Kleidervorschriften erlässt.» 
Die politische Erklärung meiner Frau schien sie schliesslich zu überzeugen, und dann kam ich an die Reihe: «Wissen Sie überhaupt, wo wir hinfahren sollen?» – «Zum Hauptquartier der Polizei für sittliche Sicherheit; das ist nicht weit von hier», antwortete sie. Und verliess die Wohnung. Ich wusste nicht, was ich zu sagen oder was ich zu tun hatte. Meine Frau setzte sich an den Küchentisch und stützte ihren Kopf in die Hände. Diese Geste war mir vertraut: Immer wenn sie vor einer schwierigen Situation stand, tat sie dies. 
«Es wäre nicht schlecht, wenn ich dir eine Tasse Tee zubereiten würde.» – «Ich glaube aber nicht, dass wir Gelegenheit dazu haben werden.» Trotzdem stellte ich den elektrischen Wasserkocher an und begab mich zum Umkleiden ins Schlafzimmer. Von unterwegs rief ich ihr zu: «Ich begleite euch.» – «Nicht nötig», seufzte meine Frau. «Ich könnte wenigstens fahren, und du könntest deinen Tee im Auto trinken», schlug ich vor. 
Meine Hand war noch nicht im Kleiderschrank, als ich auch schon die Stimme von Frau Almassi vernahm: «Ich bin bereit, Frau Doktor.» Ich antwortete noch aus dem Zimmer: «Ich begleite euch.» Als ich herauskam, warteten beide bereits auf der Türschwelle, Frau Almassi mit einer kleinen Tasche am Arm, meine Frau ein Glas Tee in der Hand. 
Am frühen Abend sind die Strassen von Teheran verheerend. Aber ich fuhr wie jemand, der eine Kranke ins Krankenhaus bringen sollte, glich mich darum der Fahrweise meiner Mitbürger an und fuhr in einem Zickzack durch die Strassen, so dass wir in zweiundzwanzig Minuten vor dem Hauptquartier der Sittenpolizei ankamen. Erstaunlicherweise protestierte meine Frau nicht wegen meiner Fahrweise. 
Vor dem Eingangstor gab es ein kleines Gedränge. Meine Frau, die durch jenes Glas Tee, das sie zu süssen vergessen hatte, allem Anschein nach wieder munter geworden war, stieg flink aus dem Auto und erliess in ihrer üblichen Chef-Manier ein, zwei Befehle: «Steigen Sie aus, Frau Almassi. Und du geh und park das Auto irgendwo und komm schnell zu uns zurück.» Frau Almassi gehorchte sofort und stieg aus, aber ich sagte mit unglücklicher Stimme: «Wo soll ich jetzt nur eine Parklücke finden?!» Meine Frau liess das kalt. Sie nahm Frau Almassi wie ein kleines Kind bei der Hand und ging auf den Gehsteig zu. Kaum hatte sie das getan, rügte mich ein ungeduldiger Polizist, der auf der Strassenseite die Strasse überwachte: «Fahren Sie schon los, mein Herr, Sie halten den ganzen Verkehr auf.»
Ich fuhr los. Polizei für moralische Sicherheit! Ein Titel, der auf einem Riesenschild an der Brust des Gebäudes prangte. Aus so einem Titel konnte wirklich niemand darauf kommen, was sich dahinter verbirgt und auf was er verweist. War die Sicherheit von Schahrsads Sitte in Gefahr und wurde sie deshalb festgenommen, um sie zu beschützen, oder hatte sie die moralische Sicherheit der Teheraner in Gefahr gebracht und war wegen dieser verbrecherischen Handlung festgenommen worden? Ich wusste, dass die zweite Auslegung der Realität entsprach, aber wie bringt ein junges Mädchen die moralische Sicherheit ihrer Mitbürger nur in Gefahr? Vermutlich mit einer unpassenden Verhüllung oder mit dick aufgetragener Schminke oder gar mit flegelhaftem Benehmen, das sich einer jungen Dame nicht ziemt. Ich wusste, dass ich die Antworten auf meine Fragen recht bald erhalten würde, und ich gebe zu, dass ich sogar ein wenig gespannt darauf war. Dies war das erste Mal, dass sich meine Wege mit einem solchen Ort kreuzten. Nachdem ich während der ganzen fünfunddreissig Jahre sowohl von Freunden als auch von Familienangehörigen und Mitarbeitern darüber gehört hatte, konnte ich jetzt unter Einhaltung eines vernünftigen Abstands mit ruhiger Beobachtung des Geschehens alles genauestens in Augenschein nehmen, denn in Tat und Wahrheit hatte das Ganze ja nichts mit mir selbst zu tun. 
Glücklicherweise löste sich nicht unweit vom Hauptquartier der Sittenpolizei ein Auto aus einer Parklücke am Strassenrand, so dass ich seinen Platz einnehmen konnte. Fünf Minuten später erreichte ich den Ort. Ich durchschritt die Menge, die sich am Gehsteig und am Rande der Strasse gegenüber dem Gebäude eingefunden hatte, als sich plötzlich ein, zwei Schritte vor mir eine Frau und ein Mann mittleren Alters und sehr besorgt beim Eintritt ins Gebäude einem ungeduldigen Wachposten gegenübersahen, der aus dem Wachhäuschen neben der Eingangstüre heraustrat und sie mit tadelnder Stimme anherrschte: «Wohin?» Der Mann antwortete wie ein Verlierer: «Man hat uns angerufen und beauftragt, uns sofort hierhinzubegeben.» 
Der junge Posten, für gewöhnlich in der Pose eines Siegreichen, streckte ihnen seine Hand abwehrend entgegen, ohne in ihre Gesichter zu sehen, was bedeutete, dass sie etwas zurücktreten sollten. Der Mann gehorchte aufs Wort, aber die Frau blieb standhaft stehen, ja ich hatte das Gefühl, dass sie ihren Hals weiter aufrichtete. Das Gesicht des jungen Manns aus der Provinz verfinsterte sich noch mehr und zeigte an, dass der Ungehorsam der Frau ihm nicht verborgen geblieben war; er öffnete ein dünnes Heft, und fragte: «Wie ist ihr Name?» Der Mann, der sich nicht traute, weiter nach vorne zu kommen, beugte sich nach vorne und fragte in heuchlerischem Ton: «Was befiehlt er?» 
Der junge Provinzler, der den Kugelschreiber spielerisch durch die Finger gleiten liess, beantwortete die Frage des Mannes nicht und starrte mit wartender Miene und der Pose eines ranghohen Offiziers auf die Frau. Die Frau drückte durch einen zornigen Blick auf ihren Mann ihre Unzufriedenheit aus, erhob alsdann ihren Kopf und brachte einen Namen über ihre Lippen, worauf sie hinzufügte: «Sie ist unsere Tochter.» Dies stiess sie in einer Art Stolz hervor; diese Tonart und dieses Benehmen schienen den jungen Provinzler zu peinigen, denn er versetzte: «Ist doch klar, dass Sie sie nicht richtig erzogen haben.» 
Der Mann erwiderte im gleichen Ton wie vorher: «Vermutlich gibt es da ein Missverständnis.» Die Frau entgegnete dem jungen Mann aus der Provinz: «Sie sind nicht befugt, darüber zu urteilen.» Und betrat mit langen, geraden Schritten das Gebäude. Ihr Mann warf einen entschuldigenden Blick in Richtung Wachposten und schüttelte bedenklich seinen Kopf als Zeichen seines Mitgefühls. Ich kenne diese Geste, die im Klartext heissen soll: Schau, was ich unter dieser Frau alles erdulden muss. Er lief seiner Frau hinterher. Der junge Provinzler setzte vor einen Namen ein Kreuz und schrieb dazu: zwei Personen. Dann schaute er ihnen mit gesenkten Augenlidern wütend hinterher. 
Ich hatte das Gefühl, dass für mich alles leichter geworden sei, obwohl ihm das Benehmen dieser Frau ziemlich die Laune gedrückt hatte. Ich trat vor und zeigte auf das Heft in seiner Hand: «Schahrsad Almassi.» Er betrachtete die Namensliste, seine Aufmerksamkeit wurde immer noch von der Abfuhr beansprucht, die ihm die Frau verpasst hatte. Er fand den Namen und sagte mir zugewandt: «Vor Ihnen haben bereits zwei Frauen als ihre Verwandten das Gebäude betreten.» – «Ja, aber eine von ihnen war die Nachbarsfrau.» Ganz bewusst beinhaltete meine Antwort, dass ich ihr Vater sei. Während er noch die Liste betrachtete, nickte er. Vermutlich war dies ein Zeichen, dass mir nichts im Wege stünde, oder ich legte es immerhin so aus. Auf jeden Fall ging ich hinein, und er protestierte nicht. Hinter mir warteten noch weitere Leute auf die Erlaubnis, das Gebäude zu betreten. 
In der unteren Halle gab es ein weiteres Chaos. Männer wie Frauen trugen alle eine Tasche bei sich und sassen wartend rund um die Halle auf eisernen Bänken; einige verärgert, einige traurig, einige zornig. Sämtliche seelischen Verfassungen der Bürger während dieser fünfunddreissig Jahre in Iran könnten mit diesen drei Worten beschrieben werden. 
Ich zog es vor, in einer Ecke zu stehen, auch wenn ich in Wahrheit keine andere Wahl hatte, da ich in meiner nächsten Umgebung keinen leeren Platz zum Sitzen sah. Aber plötzlich merkte ich, wie das Paar, dessen Auseinandersetzung mit dem Beamten vor der Eingangstüre des Gebäudes meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, in meiner Nähe stand und mit leiser, aber heftiger Stimme miteinander diskutierte. Ich hörte heraus, wie der Mann sagte: «Frau, man darf den Tiger nicht am Schwanz packen!» Sie konterte: «Wenn es um Moral und Ideale geht, dann sind wir es, die denen erklären müssen, dass sie nicht gut erzogen worden sind. Welche Moral verträgt sich mit der Unterschlagung von 300 Milliarden Tuman, Tortur oder Vergewaltigung in Gefängnissen?»
Ich entfernte mich von ihnen und wendete meinen Kopf erneut auf der Suche nach meiner Frau und Frau Almassi. Die Türen, die rund um die grosse Halle angebracht waren, öffneten sich fortlaufend, einige gingen hinein, andere kamen heraus, während ständig Namen über den Lautsprecher durchgesagt wurden. Manchmal verliess ein Mädchen oder eine junge Frau in Begleitung von ein, zwei Verwandten eine dieser Türen, andere liefen ihnen entgegen und erkundigten sich neugierig nach dem, was sich in diesen rätselhaften Räumen hinter verschlossenen Türen abgespielt hatte. Die Antworten waren jedes Mal kurz und zweideutig. Ich hörte, wie jemand von ihnen meinte, dass man sehr bestimmt auftreten müsse. Aber ein anderes Mädchen gab zu bedenken: «Man muss Kompromisse schliessen, sonst schlägst du dort Wurzeln.» 
Ich drehte meinen Kopf immer noch auf der Suche nach ihnen, als mich Frau Almassi rief, und kaum hatte ich ihr den Kopf zugewandt, sah ich sie alleine und fragte sofort: «Und wo ist meine Frau?» – «Sie ist gegangen, um mit einem der zuständigen Direktoren zu sprechen.» – «Worüber denn?», fragte ich naiv. Sie wich mir aus: «Schliesslich muss man dieses Land ja in Ordnung bringen.» Ich machte eine Anspielung: «Ich glaube nicht, dass meine Frau das ganz alleine fertigbringt.»
Natürlich nicht alleine, aber die Frauen dieses Landes werden es eines Tages schaffen, dessen bin ich mir sicher. In diesen Jahren hat die Regierung alle politischen Parteien und Gruppierungen, sämtliche Berufsverbände, alle und alles aufgelöst. Die einzige Kraft, die in dieser Stadt ihr Dasein weiterfristet, ist der stumme Widerstand der Frauen durch zivilen Ungehorsam. 
«Und wo ist Schahrsad?» Sie öffnete beidseitig ihre Hände und meinte resigniert: «Ich habe mich angemeldet, es heisst, sie würden meinen Namen über die Lautsprecher ausrufen.» Meine Frau kehrte zurück, offensichtlich verärgert; hoffnungslos schüttelte sie den Kopf: «Es gibt in diesem Gebäudekomplex keinen Einzigen, mit dem man ein vernünftiges Wort wechseln kann.» – «Hast du noch nicht bemerkt, dass der Druck auf die Frauen mehr ein politischer Akt als ein moralisch-ideelles Verhalten ist? Die nehmen die Verhüllung der Frauen doch nur zum Anlass, damit eine ganze Schwadron Polizisten in heikle Stadtteile ausrückt, um ihre Stärke allen Bürgern unter die Nase zu reiben. Das ist eine offensichtliche Zurschaustellung der Macht zur Verstärkung der Unterdrückung.» Sie war mit mir einig: «Klar doch, wenn sie nur ein wenig von Moral und Idealen verstünden, hätten sie es nicht nötig, die Leute so mit Lügen abzuspeisen.» 
In der Zwischenzeit wurde der Name von Frau Almassi von den Lautsprechern ausgerufen. Meine Frau strich ihr ermutigend über den Rücken und meinte unter Hinweis auf die Leute im Saal: «Sehen Sie die? Sie sind nicht allein, jeden Tag teilen Tausende Ihr Schicksal.» Sie wiederholte nun meine Worte, von denen ich spürte, dass sie auf Frau Almassi Eindruck machten, weil sie die Hände meiner Frau für eine Weile in ihren Händen hielt, dankbar lächelte und dazu nickte: Ihre Augen blickten allerdings noch voller Sorge und aufgeregt. Dann trennte sie sich von uns. 
Wir folgten ihr beide, bis sie ins Zimmer ging; dann fragte ich meine Frau: «Glaubst du, dass unsere Begleitung ihr etwas hilft?» Sie schüttelte verneinend ihren Kopf: «Der verantwortliche Sachbearbeiter war nicht einmal bereit, mit mir zu sprechen. Sobald er gemerkt hat, dass ich keine Verwandte ersten Grades bin, zeigte er mir die Tür.» – «Ich glaube aber, dass es richtig war, mit ihr zu gehen.» – «Sie hat in dieser Situation wirklich seelische Unterstützung gebraucht; du hast ja gesehen, wie schlecht sie beisammen war», bestätigte sie. 
Es war mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit Frau Almassi uns verlassen hatte, und sie war immer noch nicht zurückgekehrt. Zwei, drei Leute, die nach ihr aufgerufen worden waren, waren mit ihren Töchtern zurückgekehrt und schon gegangen, aber wir warteten immer noch. Meine Frau lief etwas entfernt von mir ständig auf und ab und schaute auf ihre Uhr. In dieser Zeit brachten sie zweimal jeweils eine ganze Horde festgenommener Mädchen ins Gebäude und ins obere Stockwerk, und meine Frau hatte sie jedes Mal bis zur letzten Person mit den Augen verabschiedet; ich konnte sehr deutlich ihren Zorn in den Bewegungen ihrer Hände, in ihren Blicken und sogar in der Art und Weise ihres Abschreitens erkennen. Und zuletzt brachten sie noch eine andere grosse Gruppe, alle in Besuchskleidung: Es stellte sich heraus, dass sie an einer Hochzeit mit gemischten Geschlechtern festgenommen worden waren; sie hatten sogar die Mitglieder eines Ensembles mitgenommen, die ihre Instrumente in den Händen hielten und sich neben den ehrenwerten Gästen aufgestellt hatten. 
Schliesslich kam meine Frau auf mich zu und sagte aufgeregt: «Je länger ich an diesem verruchten Ort bleibe, desto mehr rege ich mich auf. Ich weiss nicht, was sie Schahrsad und Frau Almassi angetan haben.» – «Es wäre nicht schlecht, wenn du dich nach ihnen erkundigen würdest.» – «Ich will nicht mehr in die Augen von dem Kerl sehen.» 
Nun waren bereits etwa fünfundvierzig Minuten seit dem Aufruf von Frau Almassi vergangen. Ich wusste, dass der Ablauf bis hierher ausgereicht hätte, damit meine Frau für eine Woche mit Kopfschmerzen niederlag. «Wie wär’s, wenn ich ginge und nach ihnen fragte?» – «Das ist ein guter Vorschlag, zumal sie ja glauben, du seist der Vater», erwiderte sie sofort. Dann zeigte sie mit dem Finger auf die Tür, durch die ich einzutreten hatte, und begleitete mich bis auf zwei Schritte dorthin. 
Als ich eintrat, sass ein weiterer bärtiger Provinzler, der forschend seinen Blick auf mich gerichtet hielt, an einem Tisch. Ich sagte: «Schahrsad Almassi. Ihre Mutter ist schon oben. Es scheint, dass es besonders lange dauert.» Er wies mir mit dem Finger, die Treppe zu nehmen. Ich stieg die Stufen hoch, und kaum wendete ich mich auf dem Treppenabsatz nach oben, kam mir auch schon Frau Almassi bis zum Treppenansatz entgegen. «Sagen Sie ihr doch wenigstens etwas!» 
Ich kam im oberen Stockwerk an, der einen im Verhältnis kleinen Flur aufwies, während gleichzeitig mit mir aus der gegenüberliegenden Tür ein fleischiger, plumper Kerl heraustrat und sich verstört an seinen Tisch setzte. Ich fragte Frau Almassi: «Was ist denn passiert?» Der Mann, der unsere Diskussion mitverfolgte, mischte sich ein: «Bringen Sie Ihre Tochter zur Vernunft, sonst sehe ich mich gezwungen, ihre Unterlagen ans Gericht weiterzuleiten.» 
Frau Almassi raunte mir zu: «Sie behauptet, eher würde sie sich in Stücke reissen, als sich fotografieren zu lassen.» Ich hatte schon davon gehört, dass die Gefangenen abgelichtet würden, um das Bild ihren Unterlagen beizulegen, etwas, was ich als sehr normal empfand. «Wo ist sie? Ich werde mit ihr reden», sagte ich stattdessen. Frau Almassi warf mir einen dankbaren Blick zu und zeigte auf das gegenüberliegende Zimmer. «Um Himmels willen, überzeugen Sie sie; jede, die hier eingeliefert wird, muss es zulassen, dass man sie fotografiert.» 
Schahrsad sass mutterseelenalleine auf einer eisernen Bank. Ich weiss nicht, wie mir geschah. Hatte es etwas mit den nackten Wänden des Zimmers und der eingeschlossenen Gewalt im Raum zu tun oder mit der tiefen Einsamkeit dieses jungen Mädchens, das sich bei meinem Anblick artig erhob und mich begrüsste: Ich spürte, ich müsse sie in die Arme nehmen und sie beschützen. Sie kam einen Schritt auf mich zu und erzählte: «Zwei Stunden sind bereits vergangen, und ich habe sämtliche Anschuldigungen und Drohungen erduldet. Schon kurz nachdem sie mich ins Auto verfrachtet hatten, wiederholten sie mehrere Male, dass ich heute Nacht ihr Gast sein werde, dabei betonten sie die Wörter ‹Nacht› und ‹Gast›. Ich weiss, was in deren kranker Phantasie zugeht, dennoch biss ich die Zähne zusammen und schwieg. Aber das hier übersteigt endgültig meine Geduld!» Sie nahm von der Sitzbank eine weisse Tafel, auf der stand: «Meine schlechte Verschleierung ist der Beweis für lasterhaftes und unzüchtiges Verhalten», und sagte: «Sie verlangen von mir, dass ich diese Tafel vor meine Brust halte..» 
Ich war sprachlos. Ich hatte mir vorgenommen, meine Ruhe zu bewahren und bis zum Schluss stiller Zeuge des Geschehens zu bleiben, aber nun wurde ich mit einer grossen Ungerechtigkeit konfrontiert. Schahrsad sagte: «Zuerst legten sie mir ein weisses Blatt vor und verlangten, dass ich alles über den jungen Mann, der mich begleitete, von Anbeginn schreiben solle. Ich verstand wirklich nicht, was sie meinten. Jedes Mal, wenn ich eine Erläuterung wollte, schrien sie mich an, ich solle alles von Anfang an schreiben. Schliesslich kam einer auf mich zu und erklärte mir, wann und wo wir zum ersten Mal Bekanntschaft geschlossen, an welchen Orten und zu welchen Anlässen wir uns getroffen und was wir einander dabei gesagt hätten. Also, ich kann mich doch an all das nicht mehr erinnern: Seit zehn Jahren bin ich mit Nader befreundet, und wir haben uns seitdem tausendmal gesehen und uns über tausend Dinge unterhalten. Dann drückten sie mir ein Blatt in die Hände, auf dem bestimmte Fragen standen; darin fragten sie nach den intimsten Dingen in meinem Leben: Ob ich auch alkoholische Getränke zu mir nehmen würde, wann ich zum ersten Mal sexuellen Verkehr mit ihm gehabt hätte und wie oft dies der Fall war, oder sie fragten, wann ich meine Jungfräulichkeit verloren hätte. Während der ganzen Zeit haben sie mich gedemütigt, und nun verlangen sie auch noch, dass ich ihnen ein erniedrigendes Bild von mir als Dokument überlasse.» 
Danach presste sie vor lauter Zorn ihre Zähne aufeinander: Für einen Moment erfasste mich ein jäher Schrecken. Was für ein Schicksal wartet auf diese Männer, wenn sie der Zorn Millionen Jugendlicher in diesem Land trifft? Ich ertrug es nicht, ihr in die Augen zu sehen, und fragte, während ich nach wie vor meine Blicke gesenkt hielt: «Was für ein Kleid hattest du denn bei der Festnahme an?» Sie lachte höhnisch: «Genau das Kleid, das Sie an mir sehen.» Einen rosafarbenen Mantel, der ihr bis ungefähr zehn Zentimeter über das Knie reichte, eine eng anliegende Hose, die die Beine vollkommen bedeckte, einen blauen Schal zum Bedecken der Haare, dessen Enden sie sich über die Schultern geworfen hatte, und selbstverständlich waren ihre blonden Haare sichtbar. 
Ich verliess das Zimmer. Der Mann am Schreibtisch warf mir einen zornigen Blick zu und ordnete die Blätter auf seinem Tisch; daraus zog er ein Blatt hervor und drückte es mir in die Hand. «Es kommt selten vor, dass ich so einem dickköpfigen Mädchen wie diesem hier begegne. Einige dieser Fragen hat sie auch nicht beantwortet.» Ich nahm das Blatt entgegen und warf einen Blick darauf. Die Vergehen waren oben aufgelistet: die Kürze des Mantels und eng anliegende Hosen. Auf der zweiten Zeile stand, dass sie während der Festnahme ein junger Mann begleitete, der keinerlei Verwandtschaftsverhältnis zu ihr hatte. In den unteren Zeilen wurde dann nach Merkmalen wie Geburtsdatum und -ort, Nummer des Personalausweises, Handynummer sowie Wohnadresse gefragt. Noch weiter unten verpflichtete sich die Beschuldigte, von nun an die islamischen Vorschriften zu beachten, die Gesetze der Scharia zu ehren und mit der vollkommenen islamischen Verschleierung in der Öffentlichkeit aufzutreten. Alle Verpflichtungen wiederholten sich dreimal, welche die Beschuldigte jeweils unterschreiben und mit ihrem Fingerabdruck bekräftigen sollte. Aber bei den Fragen über die Jungfräulichkeit stand keine Antwort. 
An dieser Stelle sprach mich der fleischige, plumpe Kerl erneut an: «Im Übrigen erfolgt noch eine Bestrafung von einer Million Tuman für die Begleitung eines fremden Mannes.» Ich fragte etwas gemein: «Ist es nicht erstaunlich, dass in solchen Fällen das Vergehen allein den Frauen zugeschrieben wird?» – «Keine Sorge, den Herrn haben wir ebenfalls vorgeladen. Er wird morgen hierherkommen.» Ich fügte sofort hinzu: «So war das nicht gemeint. Sie sind sich doch überhaupt nicht fremd, sondern seit Jahren sehr gut miteinander befreundet.» – «Die Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Jungen, die sich na-mahram(2) sind, hat im Islam keinen Platz», erwiderte er mit einem hämischen Grinsen. 
Er hielt inne und fuhr dann in einem verurteilenden Ton fort: «Wieso haben Sie als Muslim Ihrer Tochter solche offensichtlichen Regeln nicht beigebracht? Wieso haben Sie nicht bemerkt, dass dies eine Intrige der Zionisten ist, um unsere Jugend in den Sumpf westlicher Kultur hinabzuziehen?» Ich setzte ein bitteres Lächeln auf: «Ich glaube nicht, dass wir es nötig haben, in den westlichen Kultursumpf hinabgezogen zu werden; wir haben selbst genug Sümpfe zur Verfügung.» Ich zeigte dabei mit einer Handbewegung auf meine Umgebung. Er warf mir als Antwort einen zornigen Blick zu und sagte drohend: «Vergessen Sie nicht, dass gemäss den bestehenden Gesetzen auf schlechte Verhüllung als Strafe das Auspeitschen steht.» Er betonte dabei besonders «Auspeitschen». 
Wir steckten in einer schwierigen Lage. Frau Almassi näherte sich mir mit einem flehenden Blick und bat mich mit unterdrückter Stimme: «Bitte, beenden Sie diese Angelegenheit auf irgendeine Weise; ich möchte auf keinen Fall, dass Schahrsad hier die Nacht verbringt.» Sie war blass geworden und zitterte: Mein Gott, diese Frau ist nahe daran, einem Herzschlag zu erliegen. Ruhig antwortete ich: «Sorgen Sie sich nicht, das ist nichts Schlimmes, ich werde es schon richten.» Ich fragte mich nur, wie? 
Ich gab Frau Almassi recht: Es kursierten verschiedene Geschichten und Gerüchte über junge Mädchen, die festgenommen wurden und die Nacht in Untersuchungshaft verbrachten. Ich betrat das Zimmer und stellte mich gegenüber Schahrsad auf, schaute ihr lange Zeit in die Augen und sagte schliesslich leise: «Fünfunddreissig Jahre sind seit Ausbruch der Revolution vergangen, und es ist ihnen nicht gelungen, ihre Lebensweise dem Mittelstand dieser Gesellschaft aufzudrängen. Ich bin sicher, dass sie wenigstens in den Grossstädten und besonders in Teheran von dieser Klasse umstellt sind. Jede ihrer Handlung ist in Wirklichkeit eine Verteidigungsmassnahme. Glaube mir, sie sind es, die in die Falle gegangen sind.» 
Ich war mir sicher, dass sie ebenfalls über diese Dinge nachgedacht hatte, ich spürte, wie sich ihre Gesichtszüge glätteten. Sie nickte: «Offen gestanden, ich bin in letzter Zeit zur gleichen Lösung gelangt.» Ich nahm die Gelegenheit beim Schopf: «Dann vertraue mir, meine Tochter!» Sie lächelte liebevoll: «Es hat sich zuvor noch keine Gelegenheit ergeben, um Ihnen das zu sagen: Sie und Frau Doktor gehören zu den ehrenwertesten Menschen, die ich in meinem ganzen Leben gekannt habe.» 
«Ich möchte dich jetzt um etwas bitten, und zwar von ganzem Herzen.» Ich weiss nicht, was in meiner Stimme lag. Väterliche Milde? Etwas, von dem ich wusste, dass sie es entbehrte. Oder der kompromissfreudige Ton eines Menschen, der sich vor Gewalt fürchtete. Sie legte ihre Hände in meine: «Sie wollen uns noch den Rest unseres Stolzes mit solchen Vorwänden zerstören. Wie weit können wir sie gewähren lassen?» – «Du musst diesen Streit mit dem geringsten Schaden zu Ende bringen. Vergiss nicht, dass in diesem Augenblick unser Gegner in diesem Schachspiel ein wilder Gorilla ist; unter solchen Umständen macht Siegen keinen Sinn. Du musst jetzt hier hinausgehen, um die Bedingungen des Spiels zu deinen Gunsten zu ändern.» Sie lächelte kraftlos und nickte, um kurz darauf zu sagen: «Was immer Sie wollen.»
Vielleicht hatte dieser Entschluss grosse psychische Schwierigkeiten für sie zur Folge, was ich durchaus verstand, aber ich wollte in jenem Moment nicht daran denken, darum zögerte ich nicht: «Bitte fülle das Formular aus.» Sie gehorchte sofort. Sie nahm das Blatt entgegen, beantwortete die restlichen Fragen und unterschrieb und ging notgedrungen wegen des Stempelkissens für den Fingerabdruck in den Flur hinaus. Ich hörte ihre Stimme, als sie sagte: «Ich bin für die Fotoaufnahme bereit.» 
Nach allem, was geschehen war, war es klar, dass nun alles schnell ging: Frau Almassi hinterliess ihren Personalausweis als Kaution, um ihn am nächsten Tag mit der Bezahlung von einer Million Tuman Bussgeld wieder zurückzuerhalten, Schahrsad wechselte ihre sträflichen Kleider gegen die Kleider, die ihre Mutter mitgebracht hatte, und wir gingen gemeinsam zu meiner Frau einen Stock tiefer. Schahrsad erschien nun sehr gefasst und ruhig, auch wenn sie in den weiten Kleidern ihrer Mutter etwas lächerlich aussah. Sie küsste meine Frau und entschuldigte sich bei uns für das, was vorgefallen war. Danach meinte Frau Almassi: «Lasst uns gehen.» 
Wir bewegten uns auf die Tür zu; ich verstand nicht, was Frau Almassi meiner Frau zuflüsterte, als sich meine Frau unversehens zu Schahrsad drehte und sie fest in ihre Arme nahm. Ich hörte gerade nur so viel, dass sie ihr sagte: «Ich entschuldige mich in meinem Namen, im Namen deiner Mutter und im Namen aller Mütter, die in einer solchen Epoche ein Kind zur Welt brachten, bei dir und bei allen anderen Kindern.» Vermutlich hatte Frau Almassi meiner Frau etwas über den Text auf der Tafel erzählt, das sie in solcher Weise aufgewühlt hatte. 
Nun sind einige Monate seit diesem Ereignis vergangen, ich sehe Schahrsad manchmal auf der Treppe oder gegenüber dem Haus oder gar in der Parkgarage: Sie ist immer noch die gleiche schöne, fröhliche und lebhafte Schahrsad, doch kam es kaum vor, dass das Gespräch auf jene besagte Nacht kam; manchmal necke ich sie damit, achte auf die Länge ihres Mantels und frage: «Glaubst du nicht, dass dieser Mantel zwei, drei Zentimeter über deinem Knie ist?» Sie lacht aus vollem Herzen und meint: «Er reicht mir ausnahmsweise genau bis zum Knie. Wetten Sie mit mir?» 
Aber vor einigen Tagen hatte sie meiner Frau erzählt: «Noch immer, wenn ich die Streifenwagen der Polizei für moralische Sicherheit auf der Strasse sehe, erbeben alle Knochen in meinem Leib.» – «Fürchtest du sie immer noch?» Sie schwieg eine Weile: «Frau Doktor, ich habe keine Angst vor denen. In solchen Augenblicken spüre ich einen unbändigen Zorn. Dieser Zustand hingegen beängstigt mich sehr.»

(1) Kopftuch, das sowohl Haare als auch Nacken und Halspartie der Frau bedeckt. Wird ähnlich einer Wollmütze über den Kopf gezogen, lässt jedoch das Gesicht bis zum Kinn frei.

(2) fremd; nicht zum engsten Familienkreis gehörend. 

Aus dem Persischen von Farsin Banki

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