Iranischer Catwalk

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Schahrsad trägt eng anliegende Hosen und einen kurzen Mantel: Für die Teheraner Sittenpolizei ein klarer Fall.

Amir Hassan Cheheltan

Kurz nachdem sich das Türschloss gedreht und meine Frau ihren Fuss in die Eingangshalle gesetzt hatte, klingelte das Telefon. «Ich gehe ran», verkündete sie. Aus der Art, wie die Begrüssung stattfand, und vor allem aus ihrer Tonart konnte ich erahnen, dass das Gegenüber zu unserem engeren Bekanntenkreis gehörte. Und gleich danach wurde klar, dass die Gesprächspartnerin Frau Almassi war, unsere Nachbarin aus dem oberen Stockwerk, denn meine Frau sagte: «Frau Almassi, regen Sie sich bitte nicht auf! Warum weinen Sie denn?» Und fügte noch hinzu: «Bitte, kommen Sie doch auf einen Sprung herunter, dann sehen wir weiter.» 
Sie legte den Hörer auf. Ich konnte nur erahnen, dass sie in einer brenzligen Lage steckte. Da meine Frau wusste, dass ich zu Hause war und ihrem Telefongespräch wohl zugehört haben könnte, erklärte sie, vermutlich in meine Richtung gewandt: «Sie haben ihre Tochter auf der Strasse festgenommen.» 
Klar, natürlich war das eine bedrohliche Lage, aber war sie denn die Obfrau unserer Gemeinde? Und während ich noch meine Gedanken in Worte fassen wollte, schallte es auch schon aus der Halle: «Wenn man in schlechten Zeiten nicht zu seinen Nachbarn gehen kann, an wen soll man sich sonst wenden?»
«Weisst du, nachdem deine Hände die ganze Zeit im Rachen der Leute gesteckt und diese ihren Schleim in dein Gesicht gespuckt haben, kommst du jetzt todmüde nach Hause; musst du dich da auch noch um die Probleme der Nachbarn kümmern?», sagte ich kleinlaut. 
Sie wollte nicht antworten oder kam nicht mehr dazu, denn es läutete an der Tür, und Frau Almassi setzte schluchzend ihren Fuss in unsere Wohnung. Gezwungenermassen erhob ich mich von meinem Schreibtisch und ging in die Halle. Kaum sah sie mich, regte sich erneut ihr Zorn, und sie sagte weinend: «Sie haben angerufen und gesagt, dass ihr Vater oder ihre Mutter sich rasch dorthin begeben sollte, mit ihrem Personalausweis und auch dem ihrer Tochter. Ebenso mit einem geeigneten Kleidungsstück für die Tochter. Ich sagte, es gäbe keinen Vater mehr, der läge im Herzen des Friedhofs begraben, lasst sie frei, damit sie nach Hause kann, mein unschuldiges Kind. Ich konnte einwenden, was ich wollte, und dass ihr Kleid doch nicht anstössig war, sie gaben darauf keine Antwort und legten am Ende auf.» 

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.
Amir Hassan Cheheltan unterwegs:
Themen
Region
Amir Hassan Cheheltan
Amir Hassan Cheheltan
Amir Hassan Cheheltan