Irrland

Wie Irland in nur zwanzig Jahren reich, wieder arm und gescheiter wurde.

Margrit Sprecher

Die Annonce in Irlands grösster Tageszeitung klang gefasst. «Zu verkaufen: ein kleines Land. Bevölkerung: 4,5 Millionen – ungefähr. Die Zahl wechselt täglich, seit so viele auswandern. Intelligentes Volk, das sich allen kulturellen Veränderungen anpassen wird, die der neue Besitzer verlangt. Wetter: nicht grossartig, aber wenigstens haben wir keine Erdbeben, Tsunami und Hitzewellen. Zudem sorgt der Regen für viel Grün und ein perfektes Bier. Nachteile: Enorme Schulden, verursacht durch frühere Regierungen. Dazu kommen 67 Milliarden Euro Verpflichtungen, die uns eine Handvoll Bauunternehmer hinterlassen haben. Der Betrag steigt unablässig, ebenso die Arbeitslosenziffer. Unser grösstes Problem: nur eineinhalb Millionen Erwerbstätige, um den gigantischen Schuldenberg abzutragen. Wir hoffen natürlich, dass uns ein allfälliger Interessent erlaubt, weiterhin unsere Muttersprache, Englisch, zu sprechen und den Linksverkehr beizubehalten.»

Was die Annonce verschweigt: Sollte der Interessent das Land schon früher bereist haben, erkennt er es kaum wieder. Bereits im Flugzeug wird er über die breiten Ringe um viele Ortschaften rätseln – als hätte ein gigantischer Laster sein Reifenprofil in Wiesen und Weiden gestanzt. Doch das Profil besteht aus lauter Bungalows, immer den gleichen. Mal sind sie bonbonrosa, mal wurstfarben angestrichen, mal liegt der Erker links, mal rechts von der Tür. Hier flankiert ein Gipsadler die Auffahrt, dort ein Löwenhaupt. In diesem abgezirkelten Vorgarten liegt ein grellbuntes Plastik-Kinderauto herum, im nächsten ist es ein Kindertraktor. Jedes fünfte irische Haus wurde in den letzten zehn Jahren gebaut. 

Über unzählige andere Bauten legte sich die Schockstarre der Rezession noch vor ihrer Fertigstellung. In den Baugruben sammelt sich das Regenwasser. Durch offene Dachgebälke heult der Sturm, schwarz gähnen die Fensterhöhlen. Längst sind die Zufahrtsstrassen wieder mit Gestrüpp überwuchert. Hin und wieder stehen bewohnte Häuser zwischen den Bauruinen. Die Besitzer haben den offenen Strassenschacht mit Plastikbändern umrandet. Der Kanaldeckel, der zwei Handbreit über den provisorischen Belag hinaus ragt, ist gelb markiert. Strassenbeleuchtung gibt’s ebenso wenig wie Hausnummern, Läden, öffentlichen Verkehr oder gar Schulen. «Hier», sagt Leonhard Watson und deutet auf einen zubetonierten Platz, «hat er uns einen Kinderspielplatz versprochen.» Fäkaliengeruch liegt in der Luft. Manchmal bleibt’s nicht beim Geruch. Manchmal fliesst die braune Brühe mitten durch die Strasse. «Immer Toilettenpapier an den Schuhen», lautet der meistgehörte Vorwurf in den 3000 Geisterstädten, die in ganz Irland verstreut liegen.

Leonhard Watson, der Sprecher der Mount Errigal View Residence, kämpft seit vier Jahren um die Fertigstellung seiner Siedlung. Auf der Gemeinde kann man seine Klagen nicht mehr hören, sagt er. Zu viele andere Selbsthilfegruppen fordern ebenso wütend Abhilfe. Und die Bauunternehmer lassen sich nicht mehr belangen. Sie sind längst über alle Berge, sind bankrott, werden von der Interpol gesucht oder haben ihr Geld in Steueroasen in Sicherheit gebracht. Sean Dunne, beispielsweise, lebt jetzt in Amerika. An seiner Hochzeit auf der Onassis-Jacht war die halbe irische Regierung anwesend. Geflohen ist auch Michael Lynn. In Irland liess er 250 Millionen Euro Schulden, 20 Karton französischen Wein und einen Staubsauger zurück. John Fleming brachte es gar auf über eine halbe Milliarde Schulden. Einen Notgroschen von 230 Euro in der Tasche, erklärte er sich in London als bankrott. Nach englischem Recht gelten seine Schulden nach einem Jahr als getilgt. Schliesslich hat jeder eine zweite Chance verdient.

«Nur 180 Männer ruinierten Irland», titelte griffig die «Irish Daily Mail». Und fragte: «Wie bloss kriegten sie 67 Milliarden Euro von den Banken?» Dass diese Banken jetzt verstaatlicht sind, ist für den irischen Steuerzahler kein Trost. Im Gegenteil. Jetzt muss er sie bezahlen, bluten für Spekulation und Luxusleben der «Helikopterklasse», wie die Bauunternehmer genannt werden. 40 000 Euro will der Staat in den nächsten vier Jahren aus jedem Haushalt pressen. Dabei haben heute schon 805 000 Iren nach dem Bezahlen ihrer Rechnungen noch ganze 20 Euro pro Woche übrig. «Da muss man sich entscheiden», sagt die Kioskverkäuferin an der Dubliner O’Connell Street: «Leiste ich mir am Freitag ein Bier, oder leg ich das Geld lieber zur Seite, falls ein Kind krank wird?»

Im Pub wird der Fernseher auf Stumm geschaltet, wenn der Nachrichtensprecher die neusten Spar-Schocker der Regierung verliest. Bibliotheken, Flughäfen, Polizeiwachen, Postämter, Schulen und Spitäler geschlossen. Mindestens zwölf Monate dauert die Wartefrist auf ein freies Bett im Krankenhaus. Versicherungen und Hypotheken schlagen bereits zum zweiten Mal dieses Jahr auf. Renten und Betreuungsgelder wurden drastisch gekürzt, die Steuern für die niedrigste Einkommensklasse verdoppelt. Neue Liegenschafts- und Wassergebühren treffen Hütten wie Herrenhäuser. «Sogar meinen Zuschuss für Alleinlebende haben sie von 7 auf 6 Euro pro Woche gesenkt», sagt Jim O’Donnell. 

Die Tür zu seinem Cottage ist windschief und knarzt, vor der kalten Feuerstelle stehen Autositze mit gebrochenen Spiralfedern. Die Wände sind schwarz vom Schimmel. Seit Tagen ist das Rauschen von der Bucht herauf ein einziges Donnern. Brecher um Brecher rast die Felsen hinauf und fliesst in gischtigen Rinnsalen wieder die Abstürze hinunter. Die Erde bebt unter dem Ansturm des Atlantiks; handtellergrosser Salzschaum fliegt durch die Luft. «Der schlimmste Sommer seit fünfzig Jahren», sagt Jim O’Donnell. Und dies, fügt er grimmig bei, nicht nur in Sachen Wetter. «Irland war mal eine gute Firma, bevor es von Verbrechern überfallen und von Idioten finanziert wurde.» 

Früher trieb er seine Schafe über die Hochmoore Donegals. Eine Sicherheitsnadel hielt seine Jacke zusammen, eine Schirmmütze aus ausgebleichtem Tweed beschattete seine weissen Bartstoppeln. Entgegenkommende grüsste er lässig wie ein Staatsmann. Heute hat er, wie andere Farmer, seine Schafe «in die Fabrik» gebracht. So umschreibt man hier feinfühlig den Schlachthof. Das lohnte sich nicht mehr, seit bei Lidl zwei Kilo Lammgigot aus Neuseeland 9 Euro kosten. Dafür besitzt er jetzt einen Esel. Zwar können irische Bauern mit Eseln so wenig anfangen wie Mittelmeer-Anrainer mit Elchen. Doch weil die EU einen Esel so hoch subventioniert wie sechs Schafe, stehen die angepflockten Tiere im ganzen Land herum und fressen im Kreis.

Sicherheiten verlangte die Bank keine. Warum auch?

Vor den kleinen, blinden Cottage-Fenstern verdeckt ein Neubau seine Aussicht. «Drei Badezimmer», spottet Jim O’Donnell. Und eine Landhaus-Küche aus Eiche. «Ein Wunder, dass kein rosa Champagner aus dem Hahnen fliesst.» Sein Sohn Jimmy bekam die Hypothek ohne einen Cent Eigenkapital: 650 000 Euro und 50 000 Euro cash für die Einrichtung, die Hochzeit mit 200 Gästen und ein paar weitere Extras. Sicherheiten verlangte die Bank keine. Warum auch: Die Häuserpreise stiegen zuverlässig jährlich um 15 Prozent. Jimmy, Fischer von Beruf, trug Tommy-Hilfiger-Pullover und fuhr einen Toyota Land Cruiser. Das Geld für das Auto stammte von einer weiteren Hypothek-Erhöhung. Eine reine Formsache. Die Bank schob ihm den Scheck so selbstverständlich über den Schalter wie die Post Briefmarken. Jimmys Frau, Verkäuferin in der Total-Tankstelle, pflegte im Dezember, wie halb Irland, mit Sonderflügen zum Christmas-Shopping nach New York zu jetten. Der Zoll schätzte die Einkäufe der Shopperinnen auf eine Milliarde Dollar jährlich. 

Letztes Jahr schloss die Tankstelle. Auch Jimmy wurde arbeitslos. Still rosten die grossen Fangschiffe in Irlands grösstem Fischereihafen Killybegs vor sich hin. Im Verkaufsstand an der Mole liegen verloren ein paar Zuchtlachs-Tranchen und Fisch aus der Türkei auf dem Eis. Häufiger als in der Hafenbar ist Jimmy jetzt auf der Allied Irish Bank zu finden. In der Schalterhalle hängen zwei neue Plakate. Auf dem einen steht: «Achtung: Eine Anlage kann nicht nur an Wert gewinnen, sondern auch verlieren.» Auf dem andern: «Wer seine Hypothekarschulden nicht bezahlt, riskiert den Verlust seines Hauses.» Für viele kommt diese Binsenweisheit zu spät. Vor 300 000 irischen Häusern hängt das «For Sale»-Schild. Bereits stehen 100 000 Namen auf den Wartelisten für Sozialwohnungen. Das sind doppelt so viele wie vor drei Jahren. 

Am grössten ist die Obdachlosen-Not in Dublin. Und am längsten die Schlangen vor den Sozialämtern. Am Bishop-Platz stehen die Menschen bis weit um die Ecke für die Arbeitslosenunterstützung an. Wer es vor Schalterschluss ins Innere schafft, blickt auf kafkaeske Labyrinthe, durchsetzt mit Schreibtisch-Inseln, auf denen das Papier überquillt. Fast eine halbe Million Iren haben mittlerweile den Job verloren. Bald werden es noch mehr sein. Denn weiteren 38 000 Firmen droht das Aus.

Goldman Sachs schickt ihre Angestellten ins Kapuziner-Zentrum

Vor vier Jahren sahen Dublins Warteschlangen anders aus. Bei «Brown Thomas» an der schicken Grafton Street setzten 500 Irinnen ihren Namen auf die Warteliste für die neue, 5000 Euro teure Hermes-Tasche. Im «Conrad», wo es weder Suppen noch Nachspeisen unter 20 Euro gab, musste tagelang im Voraus gebucht werden. Jetzt kostet hier, mitten im Bankenviertel, alles die Hälfte. Dafür ist die Nervosität an den Tischen grösser. Kaum jemand spricht beim Lunch mit seinen Nachbarn. Der Blick der Banker und Bankerinnen bleibt während des Essens – Salat mit Hahnenwasser – unverwandt auf ihr Smartphone gerichtet. Nur nichts Wichtiges verpassen.

Andere Dubliner Restaurants hat die Rezession ganz weggefegt. Aus der berühmten «Temple Bar» wird demnächst ein «McDonalds». «Last order» steht mit Kreide auf der altehrwürdigen Mauer. Im «Capuchin Day Centre» dagegen kann man sich über Gästemangel nicht beklagen. Manche treibt der Hunger eine Stunde zu früh an die Bow Street. Die Strasse ist so lang, gerade und grau, dass sie wie eingemauert scheint. «Hier», sagt der junge Mann jedes Mal munter, wenn er mit kräftigen Armen einen blauen Plastikbeutel auf die Strasse schwingt. Auch die Männer, die den Sack schnappen, sind meist jung und das Anpacken gewohnt. Einige freilich, wie die junge Frau in Designerjeans und mit Sonnenbrille, könnten durchaus im «Conrad» speisen. Sie schlendert wie zufällig vorbei und verschwindet so rasch, als wäre sie nie da gewesen. 

Tausend Pakete mit Tee, Milch, Zucker, Brot, Büchsenbohnen und Pommes Chips verteilt das «Capuchin Day Centre» an diesem Mittwoch. Der Helfer im Lager kommt kaum nach mit dem Aufschlitzen der Grosshandels-Packungen. Andere Freiwillige füllen im Speiseraum die Teller von Obdach- und Arbeitslosen. 500 Menschen erhalten hier täglich ein Frühstück, ebenso viele stehen zum Lunch an.

Die Familien essen in einem gesonderten Abteil. Eine Kordel trennt es vom Hauptlokal ab – ein Hauch von Restaurant-Feeling. Die Kleinsten sollen die Not nicht mitbekommen, die Eltern sich nicht für ihre Armut schämen müssen. «Das ist ja nichts, was man seinen Kindern zeigen möchte», sagt Alan Bailey, freiwilliger Helfer und pensionierter Polizist. Er trägt eine blaue Schürze und schöpft Suppe. «Hauptsache – warm.» Weitere Helfer schneiden Roastbeef und Truthahn, häufen Kartoffelstock und Karotten auf die Teller. Am Teekessel hantiert ein smarter junger Mann mit nass gegeltem Haar und Dauer-Optimismus im Gesicht. «Von Goldman Sachs, ja», lächelt er. Die Investment-Bank, eine der Auslöserinnen der globalen Finanzkrise, schickt regelmässig ihre Angestellten ins Kapuziner-Zentrum. Wer täglich mit Millionen hantiert, soll wieder den Wert eines Cents schätzen lernen. Alan Bailey will nichts von Heuchelei wissen. Er sieht es pragmatischer. «Sie spenden ja auch, und dies ziemlich viel.»

Nicht nur Goldman Sachs spendet – ganz Irland tut es. Zu gegenwärtig scheint den Iren die eigene grosse Hungersnot, als 1845 ein Pilz die Kartoffelernte vernichtete. Eine Million Menschen verhungerten. 1,5 Millionen Iren mussten ihre Heimat verlassen, um zu überleben. Niemand half ihnen, am wenigsten ihre Kolonialmacht England. 

Auf jedem Supermarkt-Parkplatz, bei jeder Sportveranstaltung stehen die Freiwilligen und schütteln diskret ihre Sammelbüchsen. Keine Kasse, ob im Pub oder Dorfladen, ohne drei, vier bunt beklebte Blechdosen für Asthma- und Leprakranke, Autisten, Krebsstationen, Waisenhäuser oder Somalia. Mit 700 Millionen Euro Entwicklungshilfe bleibt Irland, trotz eigener Not, das sechstgrösste Geberland der Welt pro Kopf. Jetzt sind neue Hilfsorganisationen dazugekommen. Im Selbstmordprophylaxe-Zentrum kümmert man sich um Menschen, die nach ihrem finanziellen Ruin keinen andern Ausweg sehen. Besonders gefährdet sind Bauern und Taxifahrer. In einer einzigen Woche nahmen sich jüngst drei Dubliner Taxifahrer das Leben. Der Grund dafür ist offensichtlich. Auf den Standplätzen kommt die endlose Reihe gelber Wagen kaum vom Fleck. Dafür flitzt, aus Spargründen, halb Dublin – mit fliegenden Krawatten und Haaren – auf Velos über die Plätze und schlängelt sich an den Autokolonnen vorbei. 

Neu um Spenden bitten auch Tierheime. Elftausend Hunde wurden letztes Jahr ausgesetzt; ihre Besitzer konnten sich das Futter nicht mehr leisten oder verloren ihr Haus. Zehntausend Pferde, in der Boom-Zeit als Statussymbol gekauft, erlitten das gleiche Schicksal. Plötzlich galoppierte ein Hengst um den Verkehrskreisel; im Garten frass eine abgemagerte Stute die Astern, auf den Abfallhalden Dublins weiden Dutzende von Fohlen. Und in Ballymon, Dublins Ghetto, entdeckten Jugendliche einen neuen Zeitvertreib: Sie spannen eingefangene Pferde vor einen Karren und liefern sich blutige Duelle. 

«Flashing» heisst der neue Vorstadtsport. «Joy Riding» nennt sich die ländliche Variante. Statt Tiere benutzen die Joy-Rider Abbruchautos. Heulend jagen sie ihre durchgerosteten Blechkisten über abgelegene Schaftrieb-Pfade, krachend sackt die Karosserie in Löcher. Wanderern hilft nur der rettende Sprung in die Brombeerhecke. Die Autotüre ist mit Draht festgemacht, die Frontscheibe wie ein Spinnennetz gesplittert. Bleich grinst der Fahrer hinter dem Glas, die Mädchen im Fonds klammern sich mit beiden Händen fest. Nach zehn Minuten kommt der Joy-Rider wieder – diesmal von der andern Seite. Die eine Hälfte der Kühlerhaube ist inzwischen weg. 

2010 kostete in Donegal ein Horrorunfall acht jungen Männern das Leben. Bei der Beerdigung legten ihre Freunde Autofotos auf die Särge. Es war, erklärten sie, das Liebste, was die Toten hatten. 

Nirgendwo sind tödliche Unfälle häufiger, Armut und Arbeitslosigkeit grösser als in Donegal. Nur flüchtig hatte der keltische Tiger seine Pfoten ins karge, nordwestliche Gebiet gesetzt. Davon zeugen auch die Strafverhandlungen. Ionisch inspirierte Säulen versuchen, dem Gerichtsgebäude von Letterkenny so etwas wie Würde zu verleihen. Zu viel Aufwand, so scheint’s, angesichts der Fälle, die zwischen den lustlos gestrichenen Wänden verhandelt werden. Eine Frau hat im Supermarkt Schuhe für ihre sieben Kinder gestohlen. Ein Mann liess bei einer Tankstelle einen Kohlensack für 7 Euro mitlaufen. Sämtliche vorgeladenen Jugendlichen sind arbeitslos wie ein Drittel aller Iren zwischen 16 und 25. Die Schreinerlehre – abgebrochen, weil der Boss Konkurs machte. Das Eisenwarengeschäft, die Auto-Waschanlage, der Videoladen – alle bankrott. 

Wer Angeklagter und wer Zuschauer ist, erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Die Vorgeladenen sitzen mitten im Publikum. Erst wenn ein junger Mann mit beiden Händen ans Ohr greift, sieht man die Handschellen. Diese Sitzordnung verstärkt – ob Absicht oder nicht – den Eindruck: Auch Sünder gehören hier noch immer zur Gesellschaft. 

Richter Paul Kelly scheint die Meinung zu teilen. Milde waltet er seines Amtes. Lieber verurteilt er zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit als zu 12 Monaten Gefängnis. «Die helfen niemandem», erklärt er, ans Publikum gewandt. Dafür müssen die Verurteilten Besserung geloben. Sie tun es gekonnt, mit gesenktem Kopf. Zerknirscht, wie beim Beichten gelernt, bereuen sie ihren «grossen Fehler». Nie mehr werden sie im Vollrausch einem Polen zwei Zähne ausschlagen. Nie mehr Batterien und Treibstoff aus einem Traktor klauen. Nie mehr betrunken, ohne Fahrausweis, ohne Versicherung, mit übersetzter Geschwindigkeit Auto fahren. Befriedigt schaut die Gemeinde zu, wie dem reuigen Sünder die Handschellen aufgeschlossen werden. Zehn Minuten später steht er wieder vor dem Gerichtsgebäude. Umringt von grinsenden Kollegen, greift er zur ersten Zigarette. 

Auf der Rückfahrt prasselt der Regen auf das Hochland, düsteres Zwielicht, trübe Wassermassen überall. Dann, plötzlich, strotzen die Regenbogen wie Pfauenräder, die Pfützen auf der Strasse blenden, die Tropfen auf den Drähten glitzern, das Blau des Himmels leuchtet. Der Mann auf dem schwarzen Moor schaut nicht auf, gebückt arbeitet er dahin. Seine Schaufel sticht scharfe Ränder in die dunkle, fette Erde, formt Ziegel um Ziegel. Zum Trocknen legt er sie in ordentlichen Reihen zu Pyramiden aneinander. Jetzt sehen die Hänge aus wie bestickt. 

Jahrelang kümmerten sich viele Iren nicht mehr um ihre Torffelder. Die Erd-Schrunden vernarbten, violettes Heidekraut wucherte darauf. Zu mühsam die Arbeit. Zu dreckig die Hände. Zu umständlich das Feuern. Und zu deutlich die Erinnerung an die Not von früher, als man sich keinen Strom leisten konnte. 1980 noch lebte ein Drittel aller Iren unter der Armutsgrenze. Das Telefon funktionierte auf dem Land nur tagsüber und sonntags nur eingeschränkt. Autostrassen gab’s keine, Industrie kaum. Das passte nicht nur der katholischen Kirche, das war auch ganz im Sinne der Regierung. Beiden schien nach dem Abschütteln des englischen Jochs die Wiederbelebung von irischer Sprache und Kultur wichtiger als Wohlstand und Industrialisierung. Arm und katholisch – damit liess sich jeder Ire hinreichend beschreiben. 

Jetzt lugen wieder, wie früher, die Torfsäcke aus den Schuppen, und um die irischen Häuser streicht der würzige Torfrauch. Denn 260 000 Haushalte können ihre Strom- und Gasrechnungen nicht mehr bezahlen. Und bereits steht die nächste Preiserhöhung ins Haus. Die halbstaatliche ESB fackelt nicht lange: Nach der dritten Mahnung sitzt die irische Familie frierend im Dunkeln. 

Im Moët-et-Chandon-Zelt an den Galway-Pferderennen kennt man solche Sorgen nicht. Der Champagner kostet 180 Euro und wird nur flaschenweise abgegeben. Den Wunsch nach einem einzigen Glas quittiert die schwarz gekleidete Serviercrew mit gelangweiltem Wegschauen. 

Draussen riecht es nach frisch geschnittenem Gras und Pferden; hier drinnen nach «Donna Karan». Nur gedämpft dringen die «Go! Go! Go!»-Rufe der Massen und das Donnern der näher kommenden Pferdehufe ins Zelt. Milchiges Licht fliesst auf Ciaras Chinchilla-Cape und Chloé-Top. Gesicht und Décolleté sind auf jene sanfte Art gebräunt, die mehr als zwei Wochen Mittelmeer benötigt. Ciara kommt direkt aus ihrer Sommerresidenz in Portugal. Früher benutzte sie für den Galway-Trip, den Höhepunkt des irischen Gesellschaftslebens, das Firmenflugzeug ihres Mannes. Dieses Jahr flog sie ab Faro mit der Billig-Linie Ryan Air. «Grauenhaft!», stöhnt sie. Mitpassagiere, die drei Lagen Kleider überzogen, um Koffergebühren zu sparen. Und eine bornierte Hostess, die unbedingt ihre Einsteigekarte sehen wollte. 

Das Champagnerzelt ist halb leer. Aber, sagt Ciara, es ist ja auch sonst nichts wie früher. Ihre Nachbarin in Quinta do Lago – der Badeort ist fest in irischer Hand – versucht seit längerem diskret, ihr Ferienhaus zu verkaufen. Ciaras Sohn hatte Mühe, genügend Schulkameraden für seinen dreiwöchigen Ferien-Trip zu den schönsten Golfplätzen Europas aufzutreiben. Ciaras beste Freundin kann nicht mehr schlafen, aus Angst, sich Dalkey nicht mehr leisten zu können und das Gesicht zu verlieren. Sie versteht’s. Die Privatschulen im Süden Dublins gehören zu den wenigen Stätten Irlands, wo die Welt für ihresgleichen noch in Ordnung ist. Selbst mitten in der Rezession begann in einem Mädcheninstitut die Mathematik-Prüfungsfrage mit dem Satz: «Wenn acht Mädchen eine Villa in Portugal haben, und 13 Mädchen haben eine in Frankreich …» 

Das deutlichste Zeichen für Irlands Niedergang sieht Ciara im Ausbleiben der Helikopter. 2007 fielen die Hubschrauber der Bauunternehmer wie Hornissenschwärme auf Ballybrit, Galways Rennplatz, ein. 360 Stück waren es an einem einzigen Tag. 60 zählte man 2011, und dies während der ganzen Rennwoche. Frank Daly hat sichtlich ernst gemacht. «Die Flugzeuge der Investoren sind gegroundet», hatte er stolz dem von Sparmassnahmen gebeutelten, irischen Volk versichert. Die Teufelsaustreibung ist gelungen.

Auf dem Höhepunkt besass er 65 Pferde. Zu Fall brachte ihn ein Schmetterling.

Frank Daly ist Boss der Nama. Auftrag der 2009 gegründeten Staatsbank: retten, was zu retten ist. Die Trümmer der zusammengekrachten Immobilienreiche einsammeln und zu Geld machen. Inzwischen sitzt die Nama auf 8500 Gebäuden jeglicher Art. Dringend loswerden möchte sie Shoppingcenter und Palladio-inspirierte Villen – bei der irischen Upperclass besonders beliebt –, Parkhäuser und Hafenanlagen, Kinos, historische Abteien und 143 Hotels der gehobenen Klasse – alles, was die Bauunternehmer in den Boom-Jahren zusammengerafft und ihrem Imperium einverleibt hatten. Etliche Käufe hatten Schlagzeilen gemacht. So bezahlten vier Entrepreneure für ihr Stammlokal, das winzige O’Connell-Pub in einer Seitengasse von Galway, 14 Millionen Euro. 

Viele Geschäfte wurden an den Pferderennen von Galway eingefädelt. Der Eintritt ins Zelt der irischen Regierungspartei Fianna Fáil kostete zwar 400 Euro. Dafür konnten die Entrepreneure live mit dem Finanzminister, genannt Champagner-Charlie, chatten und Ministerpräsident Bertie Ahern auf die breiten Schultern klopfen. Immer leicht zerknautscht wirkend, als hätte er in seinen Kleidern geschlafen, immer jovial («Nenn mich Bertie»), bewies er stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Baubranche. «Inzestuöse Treffen» nannte die Oppositionspartei Fine Gael diese Begegnungen. Und «Property Porn». Tatsächlich kam man sich sehr nahe: Millionen Euro flossen auf die Privatkonti der Regierungsspitzen. Den Kontakt erleichterte, dass beide Partner häufig aus bescheidenen, ländlichen Verhältnissen stammten. Sie waren robust und selbstbewusst, sprachen die direkte Sprache aller Selfmade-Männer und teilten die leise Verachtung für Intellektuelle und Papierkram. Ministerpräsident Bertie Ahern hatte sich vor seinem Einstieg in die Politik vor allem um Sportvereine gekümmert. Sean Fitzpatrick, Boss der Anglo Irish Bank und erste Anlaufstelle aller Kreditsuchenden, war durch die Buchhalterprüfung gefallen. Und Stephen Harris hatte als Velohändler Konkurs gemacht, bevor er ganz Galway mit Hunderten von Häusern überzog. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere besass er ein Gestüt mit 65 Pferden, das auf eine Milliarde Euro geschätzt wurde. Zu Fall brachte ihn ein Schmetterling. Die letzten Exemplare der bedrohten Gattung flatterten just über jenem Sumpf herum, auf dem er einen 50 Millionen Euro teuren Supermarkt zu errichten gedachte. Die Umweltbehörden legten ihr Veto ein. Die Expertise eines von Harris bezahlten Fachmanns über das endgültige Aussterben der Gattung kam zu spät. Die Immobilienblase war geplatzt. Der keltische Tiger miaute nur noch kläglich vor sich hin. 

Das Sumpfland ist gerettet, viele andere Landschaften sind es nicht. Die Bagger der Bauunternehmer ebneten moosüberwachsene Steinmäuerchen und geschwungene Brücken ein. Sie warfen die mächtigen Bäume um, deren Kronen über den gewundenen engen Strässchen zusammenwuchsen. Und sie schleiften in den Städten historische Bauten und ganze Quartiere, um Platz für Bürohochhäuser zu schaffen. Pittoreskes konnte sich nur halten, wo man sich aus touristischen Gründen Geld davon versprach. So kuscheln sich im Zentrum von Galway noch immer ein paar winzige Häuser so eng aneinander, wie das die Fremden mögen. Frisch poliert glänzen die messingen Türklinken der Geschäfte, die Schaufenster-Umrandungen strotzen in sattem Rot, Grün und Gelb. Und alle zwanzig Meter steht eine neue Musikantengruppe auf dem Kopfsteinpflaster und singt «Molly Malone». 

Doch schon wenige Schritte hinter dem Eyre-Platz sind die Gebäude heruntergewohnt, Türen und Fenster zugebrettert, die Rollläden verrostet und verbogen. Geschlossen das venezianische Kaffee und der Bodyshop, das Blumen- und das Antiquitätengeschäft. Die vergilbten «Zu vermieten»-Kartons hängen so schief, als würde sich das richtige Hinhängen nicht mehr lohnen. Und durch die leeren Gassen treibt der Wind Plastikfetzen und Kartonbecher.

Nur eine Branche boomt wie nie zuvor: die Apotheken. Fröhlich wie auf einem Vergnügungspark morsen ihre grünen Kreuze hinaus in den trüben Sommer. Lautlos gleitet die Schiebetüre zur Seite, gewährt Einlass in die weiss schimmernde Kathedrale voller Tuben und Töpfe. Die Medikamente gegen Stress, Depressionen, Schlaflosigkeit und Angstzustände liegen griffbereit bei der Kasse. Eine Milliarde Euro bezahlte der Staat letztes Jahr für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle. Das ist doppelt so viel wie im Jahr zuvor. 

Neu im Apothekensortiment war diesen Sommer ein Gratis-Zentimeterband zum Messen des Taillenumfangs. 38 Prozent Iren sind in den Boom-Jahren übergewichtig, weitere 23 Prozent gar fettleibig geworden. Mütter brachten ihre Kinder mit dem Landrover zur Schule, Schafbauern trieben ihre Herden mit dem Quattro zusammen. Zu Fuss ging man nur noch auf dem Golfplatz und im Shoppingcenter. Den Rest gaben der Figur Foie gras zum Lunch und der Fünfgänger beim Spesendinner. 

Jetzt wird gefastet. Die Iren tun es mit der gleichen religiösen Entschlossenheit, mit der sie auch sparen. «Take the pain now so we can feel good again», titelte ein Leitartikel. Sinngemäss übersetzt: Geh jetzt durchs Fegefeuer, damit du bald erlöst wirst. 122 000 Iren und Irinnen zerschnitten ihre Kreditkarte – führe uns nicht in Versuchung. Die Ferien verbrachte man dieses Jahr zu Hause. Im Supermarkt macht man einen Bogen um Schaumwein, Parmaschinken und Roquefort und kauft nur das Nötigste. Die Folge: Eben erklärte sich die drittgrösste Supermarkt-Kette des Landes als zahlungsunfähig. 

In Athen, Rom und Madrid protestieren die Bürger auf der Strasse gegen die drastischen Sparmassnahmen. In Dublin bleiben die Strassen ruhig. Brav, wie sie das in ihrer 800-jährigen, von Fremdherrschaften und der katholischen Kirche beherrschten Geschichte gelernt haben, geben sich die Iren selbst die Schuld für ihr Unglück. Kein anderes Volk hat pro Kopf mehr Mercedes gekauft als sie, niemand Kindergeburtstage aufwendiger gefeiert. Im Garten stand ein aufblasbares Plastikschloss, als Geschenk gab’s ein Pony. Das Apartment in Bulgarien und Rumänien hatte man erstanden, ohne genau zu wissen, wo die Länder lagen. Selbst im Caravanpark von Ballinacarrig wurden die Wohnwagen so lange mit Marmor und Tropenholz aufgemöbelt, bis 300 000 Euro teure Residenzen daraus geworden waren. Jetzt senken sie den Kopf und beten: «Vergib uns unsere Schuld». Sogar in der neuen Wassersteuer sehen sie eine Art verdiente Strafe. Zu gedankenlos eben hatten sie ihren Rasen gewässert, ihren Swimmingpool gefüllt, ihr Auto nach jeder Golfpartie gewaschen.

Hin und wieder freilich verschafft sich der Volkszorn Luft. An der Aktionärsversammlung der Bank of Ireland rief der Rentner Gary Keogh: «Ihr seid niedriger als Ungeziefer!» und warf mit Eiern nach dem Management. Kaum war er aus dem Saal geführt worden, stand die 80- jährige Mary Clark auf: «Ihr seid des Altenmissbrauchs schuldig! Ihr habt uns Alte beraubt!» 

Weil hier Dublin ist, leuchtet das Bier honiggelb aus der Düsternis

Ungewohnt aufmüpfig benimmt sich das «Mope» – so die Abkürzung für den frisch gekürten Ausdruck «most oppressed people ever» – seit diesem Sommer auch gegenüber der katholischen Kirche. «Rattennest» wurde der Vatikan in der «Irish Sunday Times» beschimpft, nachdem erneut Pädophilie-Skandale mit Hunderten von Geschädigten die Republik erschüttert haben. «Elitär, unfähig, volksfern und narzisstisch», doppelte ein wütender Ministerpräsident Enda Kenny nach – kein trendiger Liberaler, sondern bekennender Katholik. Innerhalb von 48 Stunden erwog Irland die Ausweisung des päpstlichen Nuntius, die Annullierung des Papstbesuches im nächsten Jahr und die Abschaffung des Morgengebets im Parlament. 

Dabei war Irland einst Roms treuester Vasall gewesen. «Das katholischste Land auf Erden», hatte Papst Paul VI gelobt. Diesen Juni fand in Dublin der erste Weltkongress der Atheisten statt. Organisator Michael Nugent sitzt im Pub McTurcaills an der Tara Street, umringt von Gleichgesinnten. Der schwere Vorhang um ihre Tische ist halb zugezogen, dahinter schimmern im Schein von Kerzen bleich die Stirnen. So werden in Opern Verschwörungen dargestellt. Doch weil hier Dublin ist, leuchtet das Bier honiggelb aus der Düsternis, und Lachsalven quittieren als besonders abstrus empfundene Vorstellungen der Kirche. 1980 noch benötigte ein verheirateter Mann in Irland ein ärztliches Rezept, um in der Apotheke ein Kondom zu kaufen. Noch immer gehören praktisch alle Friedhöfe der Kirche, die sich weigert, Anders- oder Nichtgläubige zu bestatten. Und erst letzte Woche hatte der Bischof von Elphin Scheidungskinder öffentlich als «geborene Verlierer» bezeichnet. Mittelalter? «Bronzezeit!» spottet Michael Nugent. 

Die Atheisten haben allen Grund zur Fröhlichkeit. Ihre Sache läuft gut. Immer wieder flammt im Halbdunkel der Bildschirm eines iPad mit wichtigen Zahlen auf. Vor dreissig Jahren bezeichneten sich 39 000 Iren als keiner Religion zugehörig. 2006 waren es bereits 180 000. Bei der jüngsten Volkszählung 2011 werden es, so schätzen sie, 250 000 sein. Nur eine Frage der Zeit also, bis aus Irland ein säkularer Staat ohne konfessionell ausgerichtete Schulen und Spitäler wird. 

Nicht nur im McTurcaills-Pub wächst die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auch in den Pubs rund um Dublins Finanzdistrikt. Die dem irischen Volk angelegten finanziellen Daumenschrauben zeigen erste Wirkungen. Schon wächst die Wirtschaft wieder, die Zinsen für irische Staatsanleihen sind erstmals unter 10 Prozent gesunken. Und David Daly, der dem Staat 457 Millionen Euro schuldet, leistete sich wieder einen Bentley. «Wir müssen den Investoren ihren Lebensstil lassen, wenn sie ihn bezahlen können», hatte der Nama-Boss erklärt. Auch die Nama trägt zu ihrem Einkommen bei. Sie bezahlt jedem zur Zusammenarbeit bereiten Bankrotteur ein Salär von über 200 000 Euro im Jahr. Schliesslich braucht sie ihr Know-how, um den danieder liegenden Immobilienhandel wieder in Schwung zu bringen. 

Nicht einfach, dem Volk, das ab 1. Januar 2012 unter unzähligen neuen Steuern und Gebühren ächzen wird, solche Zusammenhänge zu erklären. Geschweige denn jenen 300 000 Iren, die in der Krise ihr ganzes Vermögen verloren haben. Den Männern, die uns ins Unglück stürzten und noch immer herumstolzieren, als wäre nichts gewesen, nun auch noch den Butler bezahlen?, fragen sie sich. Aber bitte, ganz leer geht auch das Volk nicht aus. Die Nama hat ihm ein Bild geschenkt. Seit Juli hängt es in der Nationalgalerie von Dublin. Es heisst «Rückkehr vom Markt» und zeigt eine alte und eine junge Frau, die in einem Kahn über einen Fluss rudern. «600 000 Euro!» brüstete sich die Nama, ist ihr Geschenk wert, das sie der Privatgalerie eines Bankrotteurs entrissen hat. 

Der Zutritt zum Gemälde in der Nationalgalerie ist gratis. Schon am frühen Morgen stauen sich die Iren vor dem Geschenk, betrachten es andächtig wie ein Altarbild. Es hängt in der Ecke, ist recht schmal und bei weitem nicht so reich gefirnisst wie die andern Werke im Raum. «Ein bisschen klein», meint schliesslich eine Frau. «Und ein bisschen wenig», ergänzt ihr Mann. 

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