Ist hier Europa?

26 Südkoreaner schaffen einen Kontinent in acht Tagen. Ein Durchhaltebericht zwischen Kimchi und Gucci.

Hoo Nam Seelmann

Bevor Frau Kim zu sprechen beginnt, holt sie jedes Mal ihr blaugeblümtes Taschentuch hervor und wickelt es sorgfältig um das Mikrofon. Das Unbehagen, das sie vor unsichtbaren, womöglich internationalen Krankheitskeimen empfindet, ist deutlich zu sehen. Es ist ein kleines, ständig zelebriertes Ritual der Reiseleiterin Kim, einer hageren Frau Ende vierzig. Auf Reisen alt geworden, hat sie es über die Jahre als ihre persönliche Überlebensstrategie entwickelt. Sobald sie fertig ist, begrüsst sie ihre Gäste: «Sie werden Highlights der europäischen Kultur kennenlernen.»

Seit 20 Jahren reist Frau Kim mit koreanischen Touristen durch Europa. An einem frühen Abend Ende Juli ist sie mit 26 Gästen in London Heathrow angekommen. Mit ihrer in die Höhe gestreckten blauen Fahne geht sie auf einem Pfad voran, der, von den Einheimischen fast unbemerkt, an alten Monumenten, Museen, Hotels, Restaurants, Busparkplätzen, öffentlichen Toiletten und Kaufhäusern entlang für Touristen aus Ostasien angelegt ist. «Wir werden kaum mit Einheimischen in Berührung kommen, wenn wir unterwegs sind. Wir werden auch nicht sehen, wie die Menschen wirklich leben», sagt Frau Kim mit sichtlichem Bedauern. Das Plätschern ihrer weichen Stimme bildet den Rhythmus der Reise. Als fürchte sie, jemand könnte etwas verpasst haben, wiederholt sie oft das letzte Wort so, dass ihre Sprache eine eigentümliche Melodie erhält. Kaum sitzt man im Bus, beginnt sie zu sprechen. Meist bemerkt sie nicht einmal, dass alle wegen der Zeitverschiebung und Übermüdung längst eingeschlafen sind. Sie erzählt unermüdlich über Geschichte, Kunst und Lebensweisen der Europäer, aber auch von schrecklichen Erlebnissen mit Dieben, Betrügern und Todesfällen.

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Die Route heisst «London-in / Rome-out». Die Koreaner bilden acht Tage lang eine Gruppe, ohne sich vorher gekannt zu haben. Für Europäer mögen alle koreanischen Touristen mit Kameras gleich aussehen; am äusseren Erscheinungsbild und an der Verhaltensweise ist hingegen zu erkennen, dass sie den gehobenen sozialen Schichten angehören. Drei Ehepaare sind dabei und sieben Familien; ein Grossvater mit dem Enkel, eine Mutter mit der Tochter, eine Studentin mit ihrem jüngeren Bruder. Das jüngste Kind ist 6 Jahre alt und der älteste Mann 70. «Das ist eine typische Mischung in den Sommermonaten», sagt Frau Kim. Die Eltern wollen ihren Kindern Europa zeigen. Sie sollen mit eigenen Augen sehen, was sie nur aus Büchern kennen. Geschichte Europas ist in Korea ein wichtiger Schulstoff. Oft hört man unterwegs: «Oh, es sieht anders aus, als in den Büchern steht!» Frau Kim sagt auch aufmunternd: «Kinder aufgepasst! Das kommt an den Prüfungen.»

Unter den Gästen gibt es einen Gynäkologen, einen Kameramann, einen Zahnarzt; Gymnasiallehrer, Fernsehtechniker, IT-Ingenieure und Rentner. Die Reise mit dem Veranstalter «Lotte Tours» kostet 4000 Franken, das entspricht etwa zwei Monatslöhnen eines koreanischen Arbeiters. Den Namen wählte der Firmengründer, der anfänglich mit Kaugummi und Keksen handelte, nach der Lektüre von Goethes Liebesgeschichte «Die Leiden des jungen Werther».

Bei der ersten Begegnung zeigt sich Europa hässlich. Das Hotel, an dem der Bus anhält, heisst «Park Inn», am Eingang locken vier Sterne. Ein verzweigter Betonbau im Niemandsland zwischen Flughafen und London. Es ist eine Bettenburg mit 885 Betten und ein wahrer Umschlagplatz von Bustouristen. Noch im Bus beugt Frau Kim der Verwirrung bei der Zimmersuche vor: «Das erste Stockwerk in Korea heisst in Europa Erdgeschoss und das zweite Geschoss in Korea ist hier das erste.» Im Zimmer blättern die Farben ab, die Storen lassen sich nicht schliessen, da das Seil abgerissen ist. Im Hinterhof sieht man eine lange Reihe von Containern mit schmutziger Wäsche. Frau Kim ruft in jedem Zimmer an, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Auf dem Parkplatz vor dem Hotel spaziert ein älteres Ehepaar, beide Ende sechzig. Die Frau, zum ersten Mal in Europa, blickt verwundert um sich und fragt: «Ist hier Europa?» Europa muss ihr wie ein Enigma erscheinen, das sie nicht enträtseln kann.

Mit viel Neugierde probieren die Koreaner das erste englische Frühstück. Das ungeschickte Hantieren mit Messer und Gabel zeigt, dass sie Fremde sind. Die meisten Erwachsenen trinken Kaffee und sprechen darüber, wie schlagartig das Kaffeetrinken in Korea Mode geworden ist. Pünktlich zur Abfahrt erscheint die lokale Reiseführerin. Sie erzählt viel über London und England: römische Eroberung, Gründung der Universitäten, kalkhaltiges Wasser, konservative Gesinnung der Engländer. Der Bus fährt am Trafalgar Square vorbei und dann der Themse entlang. Die Tate Modern taucht auf. «Wenn man aus Korea kommt, fällt es auf, dass die Strassen nicht überfüllt sind und alles ruhig und nicht hektisch zuund hergeht», sagt die Reisefüherin. «Die britischen Polizisten lernen extra langsam zu gehen.» Die Gruppe darf an der Tower Bridge hinaus. «Ich gebe Ihnen 20 Minuten.» Alle eilen an den Fluss und die Fotoapparate surren. Ein 13-jähriger Schüler hat Durchfall und verspätet sich. Der Bus fährt am Big Eye vorbei, das sich langsam dreht.

Von London besichtigen die Koreaner nur die Fassade. Für die Abbey und den Tower reicht die Zeit nicht. Zudem sind die Eintrittspreise von 16 Pfund zu hoch. Die Gruppe darf am Big Ben aussteigen und eine Runde drehen. Auf dem Gehweg stehen viele Zelte von Menschen, die für irgendetwas protestieren. Hinter einem Zelt steht: «North Korea, Open Border Now!» Ein Koreaner hungert seit 30 Tagen inmitten Londons für die Wiedervereinigung. Blass und gelb liegt er in seinem kleinen Zelt. Er sei mit seinem Fahrrad durch 110 Länder geradelt. Nun sei er hier, um für Korea etwas zu erreichen. Einige aus der Gruppe gehen vorbei und blicken scheu hinüber, ohne ihn jedoch anzusprechen. Der Buckingham-Palast und die Wachablösung kommen an die Reihe. «Es ist alles so fremd», sagt die Studentin, die mit ihrem jüngeren Bruder zum ersten Mal in Europa ist. «Dabei habe ich viel über Europa gelesen und gehört. Die Realität ist aber so anders. Verwirrend ist vor allem, dass die Menschen alle gleich aussehen.»

Im Bus erzählt Frau Kim, dass Koreanerinnen neulich im Frühjahr mit grossen Säcken ausgerüstet in die Londoner Parks ausschwärmten, um die zarten Sprösslinge des Farns zu pflücken. Getrocknet gelten sie in Korea als Delikatesse. Bald bemerkten es die Briten, die Empörung war gross. «Koreaner stehlen das Futter unserer Rehe!», titelte eine Zeitung. Danach mussten sie das Sammeln aufgeben. Alle lachen. Einer ruft: «Rehe fressen doch keine Farne.»

Im Britischen Museum bekommt jeder ein Audiogerät. Ägyptische Mumien, der Stein von Rosetta, römische Mosaiken und der Parthenonfries, bekannt als «Elgin Marbles», werden angeschaut. Die griechische Mythologie ist in Korea Unterrichtsstoff und vielen geläufig. Eine Mutter bemerkt: «All das, was wir sehen, ist doch nicht britisch, sondern stammt aus anderen Ländern!» Die Reiseführerin erklärt: «Die Briten begannen früh, Dinge zu sammeln und zu bewahren, was ihre Stärke ausmacht.» «Vieles ist auch Raubgut», bemerkt ein älterer Mann.

Mit dem Zug über die Grenze zu fahren, finden die Koreaner aufregend, da Korea keine begehbare Landesgrenze hat. Mit dem Eurostar fahren sie nun vom Bahnhof St. Pancras nach Paris. Frau Kim holt, bevor sie sich niederlässt, zwei ihrer Reiseutensilien hervor, die sie wie ihr blaugeblümtes Taschentuch ständig mit sich trägt. Es sind eine kleine, rosa gemusterte Decke, die sie über ihre Beine ausbreitet, und ein hellgrünes Kissen, das sie zwischen sich und den Sitz schiebt. Sie seufzt und murmelt: «Das lange Sitzen macht mich wirklich krank.» Die stoische Ruhe, die sie sonst an den Tag legt, zeigt in solchen Momenten sichtbare Risse. Ihr hagerer Körper scheint an ihrem Beruf sehr zu leiden. Dann erzählt sie, dass das Wichtigste die straffe Organisation sei, um das Programm reibungslos durchziehen zu können. Die Europäer seien sehr langsam, daher sei es wichtig, geeignete Partner zu suchen und das Personal auf die Bedürfnisse der Koreaner hin zu trimmen. «Wenn wir zum Essen kommen, muss es bereits auf dem Tisch stehen, damit wir zum nächsten Programmpunkt rechtzeitig kommen. Klappt etwas nicht, entsteht ein Chaos, da das Programm extrem dicht ist. Das verstehen die Europäer nicht. Es kostet viel Überredungskunst, damit sie uns entgegenkommen.» Trotz ihrer Bewunderung für die europäische Kultur sieht sie wenig Helles für die Zukunft des Alten Kontinents. «Sollte Europa den Anschluss verlieren, liegt das einzig an der Langsamkeit», sagt sie.

Es ist noch hell in Paris, als die Koreaner ankommen. Frau Kim sagt: «Nun sind wir im wahren Europa angekommen. Grossbritannien gehört eigentlich nicht richtig dazu. Paris ist das Zentrum.» Das Hotel «Mercure Orly» liegt weit draussen vor der Stadt. Das Frühstück ist französisch einfach und das gesamte Personal ausländisch. Das Apfelmus und die eingelegten Pflaumen erregen Aufmerksamkeit. Alle probieren sie, denn solche Pflaumen gibt es in Korea nicht. Eine Frau sagt, während sie das Apfelmus kostet: «In Korea essen nur Babys solchen Brei.» Der Kaffee sei stärker als in Korea und verursache Magenschmerzen, sagen einige. Der Bus für Paris kommt samt dem Fahrer aus Portugal und ist alt und schmutzig. Die Sitze sind bunt und verschlissen. Der junge Fahrer heisst Michelangelo und spricht nur holprig Französisch. Frau Kim sagt, dass billige Arbeitskräfte aus ärmeren europäischen Ländern in wohlhabendere wanderten. Die Löhne seien niedrig, weshalb man von «1000-EuroLeben» spreche.

«Paris ist eine romantische Stadt an der Seine, die Stadt der Liebe und der Kunst. Vor allem Frauen träumen davon, nach Paris zu kommen», sagt Frau Kim, die hier einige Jahre Filmmusik studiert hat. Eine lokale Reiseführerin, eine Malerin, wartet am Eiffelturm. Die Schlange am Eingang ist sehr lang. Die afrikanischen Souvenirverkäufer bedrängen die Koreaner, die verunsichert zurückweichen. Die spektakuläre Sicht von oben auf die Stadt wird mit Begeisterung quittiert. «Dass die Franzosen schon so früh so etwas bauen konnten, ist bewundernswert», sagt eine Frau. Die Reiseführerin spricht von Napoleon III., der Paris seinen sichtbaren Stempel aufgedrückt habe. Danach fährt man zum «Palais de Chaillot», um, wie die Führerin sagt, die «schönsten» Fotos vom Eiffelturm zu machen. «Was bleibt, sind doch nur Fotos», ruft sie noch nach.

Die Weinbergschnecken in Knoblauch-Kräutersauce werden als französische Spezialität in einem italienischen Restaurant zu Mittag angeboten. Das Kosten dieser Vorspeise wird im Reiseprospekt als ein Stück authentischer Europaerfahrung gepriesen. Das Personal spricht etwas Koreanisch. Im Restaurant sind ohnehin nur koreanische Gäste. Eine Gruppe von Schülerinnen amüsiert sich über die Schnecken, ohne diese wirklich zu essen. Eine Lehrerin erklärt und macht vor, aber mit der Zange können die Mädchen trotzdem nicht hantieren und einige Schnecken landen auf dem Boden, worauf die Mädchen kichern. Der Kameramann erzählt leicht zerknirscht: «Meine Frau hat die Reise gebucht und ich wusste gar nicht richtig, wohin sie geht. Ich hatte keine Zeit, mich darum zu kümmern. Erst am Flughafen erfuhr ich, dass die Reise durch vier Länder führt. Eine solche Reise ist doch ein heller Wahnsinn.» Dann bestellt er einen Krug Rotwein, schenkt zuerst dem ältesten Mann der Gruppe ein und danach allen, die trinken wollen. Sein Glas bleibt jedoch leer, bis der Tischnachbar es füllt. Denn in Korea heisst es, dass der Wein, den man sich selber einschenkt, nicht schmeckt.

In Versailles erfahren die Koreaner die Geschichte Ludwigs XIV., ebenso vom traurigen Schicksal Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes. Eine grosse Menschenmasse schiebt sich endlos durch das Schloss und den Garten. Der Kameramann sagt: «Der Glanz und die Herrlichkeit der europäischen Königsschlösser unterscheiden sich sehr von unserem Schönheitssinn. Man spürt hier direkter die Macht, die hinter diesen Bauten steht.» Vor dem Schloss verkaufen Afrikaner Plastik-Eiffeltürme «Made in China». Einer spricht etwas Koreanisch und hat Glück. Einige kaufen ihm etliche gold- und silberfarbene Mini-Eiffeltürme ab.

Im «Coréen» wird zu Abend gegessen. Alle freuen sich auf das vertraute Essen. Viele haben vom ersten Tag an Magenprobleme. Frau Kim sagt: «Im Ausland büssen die Koreaner immer viel an Vitalenergie ein, weil uns das Essen nicht bekommt. Aber leider können wir in Europa nicht oft zu koreanischen Restaurants gehen, da sie nur selten richtig koreanisch kochen.» Es gibt scharfen Poulet-Eintopf, Kimchi, Reis und verschiedene Gemüse. Wie in Korea darf man Reis und Gemüse ohne Aufpreis nachbestellen. Der raumfüllende Geruch weckt Heimatgefühle. Es wird viel mehr als sonst gegessen. Anschliessend folgt eine Fahrt zum Montmartre. Der Hügel mit der weissen Kirche ist laut Reiseprospekt der Inbegriff des romantischen Ortes. Die Koreaner dürfen etwas herumschlendern. Die Gymnasiallehrerin lässt sich für 40 Euro porträtieren. Auf dem Bild sieht sie jung und fremd aus, als habe der europäische Maler keinen Zugang zum asiatischen Gesicht gefunden. Sie sagt, sie habe sich diesen Ort romantischer, etwas wilder vorgestellt, aber alles wirke sehr kommerzialisiert. Um 22 Uhr beginnt die Schifffahrt auf der Seine. Es ist kalt und regnerisch. Als der Eiffelturm bunt glitzert und tanzt, ist die Begeisterung gross. Auf dem Schiff sind nur Touristen aus Asien: Kore aner, Japaner, Chinesen und Inder. Die Stadt zeigt sich im nächtlichen Licht sanft und melancholisch.

Der nächste Tag beginnt mit einem kleinen Unfall. Der Feuerlöscher im Bus explodiert. Eine weisse Wolke steigt im Innern des Busses auf und bedeckt viele Sitze und den Boden. Alle müssen wieder aussteigen, bis die Wolke sich gesetzt hat und der Staub weggewischt ist. Die Frau des Gynäkologen hat viel abbekommen, worüber ihr Mann sehr erbost ist. Sie ist eine auffällig schöne Erscheinung, unbestritten die schönste Frau in der Gruppe. Durch ihren hellen Teint, die langen schwarzen Haare und die elegante Gestalt hebt sie sich deutlich von den anderen ab. Jede ihrer Gesten verrät, dass sie sich ihrer Schönheit und der Aufmerksamkeit anderer bewusst ist. Ihr schlichtes, dunkelgrünes Kleid, das sie an diesem Morgen trägt, ist nun voller Staub. Frau Kim telefoniert aufgeregt und fordert einen neuen Bus. Der ist jedoch auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Michelangelo wischt das Gröbste mit einem Tuch weg.

Besuch des Louvre, eine Stunde Zeit. Es wimmelt von Touristen. Das Audiogerät wird verteilt und zugleich vor den Zigeunern gewarnt, die vor dem Museum herumstehen. Frau Kim sagt, sie sei schon zweimal bestohlen worden. Das Wort «Zigeuner» weckt bereits Ängste bei den Koreanern, obgleich sie nie einem wirklich begegnet sind. Die Reiseführerin sagt: «Der Louvre beginnt mit Raub. Napoleon hat aus den eroberten Ländern unermessliche Schätze aller Art mitgebracht. Diese bilden die Grundlage des Museums.» Vor der «Mona Lisa» stehen so viele Menschen, dass man gar nicht ans Bild herankommt. Die Mutter mit der Tochter ruft: «Man sieht ja gar nichts!» und versucht, ihr Kind im Schlepptau, sich durch die Menge einen Weg zu bahnen. Die meisten schauen das Bild nur aus der Ferne an. Es fehlt die Zeit, das berühmte Lächeln der Diva aus der Nähe zu sehen. Dabei war sie als einer der Höhepunkte der Reise angekündigt.

Notre-Dame wird ausgelassen. Frau Kim sagt, der Bus könne nicht in die Nähe fahren und das Laufen beanspruche zu viel Zeit. Die meisten kennen Victor Hugos Roman Der Glöckner von Notre-Dame und den Film. Shopping im Luxus-Kaufhaus Printemps gehört zur Tour. Eine Stunde Zeit. In edel aufgemachten Abteilen werden Luxusmarken angeboten. «Die Chinesinnen kaufen die Läden leer», sagt Frau Kim. «Früher wurden koreanische Käufer sehr umworben, aber heute kümmern sich alle Geschäfte nur um chinesische Kunden.» Es scheint, dass die Liebe zu europäischen Luxusmarken alle Ostasiatinnen vereint. Der Gynäkologe hat viel eingekauft. Das meiste ist für seine schöne Frau, ein Mantel von Burberry und eine Tasche von Chanel. Reichtum und Schönheit ergänzen sich. Zu Mittag isst man in einem schlechten chinesischen Restaurant, das «La Muraille D’Or» heisst. Das Interieur ist so kitschig, dass es schmerzt. An den Wänden hängen grosse Bilder mit pummeligen Pandabären und fliegenden himmlischen Musikantinnen in bunten Kleidern. Als sei dies nicht schon genug, prangen daneben billige chinesische Landschaftsbilder; sie sind ein Affront gegenüber der stillen und erhabenen Schönheit der klassischen ostasiatischen Malerei. Der Versuch, kulturelle Identitäten zu konstruieren, gebiert leider solche Ungeheuer.

Der TGV fährt vom Gare de Lyon nach Lausanne. Erst jetzt beginnen sich einzelne Gäste der mitreisenden Landsfrau und Journalistin gegenüber zu öffnen – was erstaunen mag, angesichts komplizierter asiatischer Höflichkeitsregeln aber ganz normal ist. Der Gymnasiallehrer, der in der Schule Sozialkunde unterrichtet, erzählt, dass er ein sehr idealisiertes Bild von Europa hatte und nun eine grosse Ernüchterung erlebe. «Ich sehe, dass es hier auch viele Probleme und Konflikte gibt, Migration und Arbeitslosigkeit. Unterwegs sah ich viele alte Menschen allein auf den Parkbänken sitzen. Von der Vereinsamung im Alter in Europa habe ich viel gehört.» Nachdenklich blickt er ins Dunkel der europäischen Nacht hinaus. Der Gynäkologe berichtet von seinem Staunen, dass Franzosen dort rauchten, wo ein Rauchverbot gelte. «Ich dachte, in Europa werden Gesetze beachtet, aber die Europäer scheinen sie nicht ernst zu nehmen.»

Pünktlich kommt der Zug in Lausanne an. Ein schöner neuer Bus aus Italien wartet am Bahnhof und bildet einen starken Kontrast zum schmutzigen Bus in Paris. Enrico, der Busfahrer, ist ein adretter junger Mann mit Krawatte, der das charmante Lachen eines Südländers im Gesicht trägt. Mit dem Bus geht es nach Interlaken. Frau Kim beginnt, über die Schweiz zu erzählen: «Die Schweiz ist der Garten Europas, gehört aber nicht zur EU, sondern ist neutral. Die Schweiz war 300 Jahre lang wegen der Söldner bekannt, bis zu deren Abschaffung 1812. Die Schweizer verkauften ihr Blut. Das Bankgeheimnis ist weltbekannt. Darum bringen die Reichen der Welt ihr Geld in die Schweiz. Die Schweiz ist ein sauberes Land, die Luft ist klar und alles wohlgeordnet. Heidi kennen Sie ja und auch die gute Schokolade. Die Menschen wohnen in Chalets. Interlaken liegt zwischen zwei Seen, die wunderschön sind.» Während Frau Kims Erzählung ohne Unterlass dahinfliesst, sind bis auf wenige alle eingeschlafen. Kurz nach 22 Uhr trifft der Bus am Hotel «Du Lac» in Därligen am Thunersee ein. Frau Kim hat es als ein kleines, romantisches Hotel am See beschrieben. Es ist dunkel, leiser Regen setzt ein. Mit grosser Erwartung betreten die Koreaner das Hotel, aber an der Rezeption ist niemand. Höchst erstaunt blickt Frau Kim um sich. Auf dem Tisch liegt eine Liste mit Zimmernummern und Schlüsseln. Die Koreaner beginnen zum ersten Mal auf der Reise leise zu murren. Frau Kim telefoniert hektisch herum. Die Kinder legen sich auf die Treppe und schlafen. Frau Kim verteilt in der Not eigenhändig die Schlüssel. Der Aufzug ist jedoch ausser Betrieb, so dass die Gäste selber die Koffer hinaufschleppen müssen. Nach 20 Minuten erscheint die verantwortliche Person, ein Inder. Alle sind zu müde, um zu protestieren. Das schöne Bild von der Schweiz, das Frau Kim gemalt hatte, verflüchtigt sich.

Das Hotel sei im Juli an einen Koreaner verkauft worden und wegen der Übergabe seien die Dinge noch nicht gut geregelt, entschuldigt sich Frau Kim am nächsten Morgen. Neben dem Inder, der nur Englisch spricht, bedient eine Vietnamesin am Frühstückstisch, die kaum Deutsch versteht. Es sei sehr schwierig, ein geeignetes Hotel für Gruppenreisen in der Schweiz zu finden, sagt Frau Kim. Vom Bahnhof Interlaken Ost beginnt die Fahrt zum Jungfraujoch, zum Höhepunkt der Europa-Tour. Frau Kim wirkt müde und übernächtigt. Der Vorfall von gestern drückt auf ihr Gemüt, ebenso die Sorge um das Wetter. Sie weiss, dass das Image von Lotte Tours darunter leidet, wenn Erwartungen der Kunden enttäuscht werden. Im Zeitalter des Internets weiss niemand, wann ein Blog im Netz auftaucht. Als «Lotte»-Frau identifiziert sie sich mit der Firma und opfert sich dafür auf, alle zufriedenzustellen. Der Kontrolleur, ein unglaublich dicker Mann, sagt auf Koreanisch: «Zeigen Sie bitte Ihre Fahrkarten» und dann auch «Danke» nach dem Abknipsen, was herzliches Lachen bei den Koreanern auslöst. Auf die Frage, wo er Koreanisch gelernt habe, sagt er ganz verwundert: «Koreanisch? Ich weiss von nichts.» Der Grossvater bemerkt: «Es ist die Macht des Geldes.» Das Wetter ist grossartig. Die Wolken verziehen sich und der Himmel ist blau. Die schneebedeckten Berge leuchten hell in der Sonne. Die Koreaner sind endlich auf dem ersehnten «Top of Europe», dem Jungfraujoch. Eiger, Mönch und Jungfrau zeigen sich in ganzer Pracht. Die Koreaner bemerken, dass überall Bildschirme von Samsung an den Wänden hängen. Ein älterer Mann bemerkt: «An solchen Dingen bemerkt man, wie weit es Korea gebracht hat.» Das Mittagessen wird im Restaurant «Eiger» auf dem Jungfraujoch eingenommen. Im Saal sind überall Schweizerfahnen und Kantonswappen. Das Personal besteht aus Chinesen und Italienern. Es gibt Silserli, was in Korea unbekannt ist, aber allen gut schmeckt, dann Gemüsesuppe, Hackbraten mit Nudeln und Gemüse, Glace als Nachtisch. Das meiste bleibt ungegessen. Einer älteren Frau wird es schlecht und sie übergibt sich in der Not in die Tüte, in der sich die gekauften Geschenke befinden. Blass sitzt sie nun da und sagt, dass der Boden unter ihr wanke. Auch auf der Fahrt zum Bahnhof «Grund» zeigt sich die Schweiz von der märchenhaft schönen Seite. Das satte Grün der Wiesen leuchtet in der Sonne, schöne Chalets liegen verstreut darauf. Der Grossvater sagt: «Gäbe es solche Fleckchen in Korea, hätte längst jemand darauf einen Golfplatz gebaut.» Frau Kim sagt: «Ich bin froh, dass das Wetter so schön war. Die Berge zeigen sich nur Menschen, denen sie sich zeigen wollen. 80 Prozent der Touristen sehen die Berge nicht.» Die Begegnung zwischen Mensch und Natur hat in Korea eine mystische Dimension. Der Taoismus lehrt, dass die Natur sich nur jenen Menschen wahrhaftig offenbart, die sich ihrer würdig erweisen. Unter den koreanischen Touristen gilt die Schweiz als das schönste Land Europas. Die Berge bleiben als unverrückbare, reale Grösse in der Erinnerung der Koreaner, während die vielen europäischen Städte zu einer amorphen Gestalt zusammenfliessen und sich nur schwer in Erinnerungen verorten lassen.

In Interlaken wird in «Kirchhofer’s Casino Gallery» eingekauft. Die Mehrheit der Kunden stammt auch hier aus China. Frau Kim sagt: «Die chinesische Gruppe ist ein herumlaufender Geldtopf.» Sie bekommt einen Gutschein für eine Tasse Kaffee und sitzt unter der Kastanie eines Cafés. Auf seltsamen Bahnen verläuft der Warenkreislauf um den Globus: Während die Europäer Billigprodukte aus China kaufen, nehmen die Chinesen mit Vorliebe die teuersten Luxusmarken von Europa mit nach Hause. Ein Koreaner schenkt seiner Frau eine Uhr für 2300 Franken. «Wissen Sie, warum die Schweizer im Wohlstand leben und die halbe Welt ihr Geld ins Land bringt?», fragt Frau Kim später im Bus. Die Antwort finde man am Löwendenkmal in Luzern, das im Andenken an 760 Söldner errichtet worden sei. Diese starben am 10. August 1792 inmitten der Französischen Revolution, um die verwaisten Tuilerien zu verteidigen. Die Schweizer waren die Leibgardisten des Königs Ludwig XVI. Frau Kim sagt: «Treue, Aufrichtigkeit, Vertrauen sind die Tugenden der Schweizer. Bescheiden und sparsam sind sie ohnehin. Sie essen sogar das Gehäuse von Äpfeln auf. Bis heute stellen sie darum die Gardisten für den Papst im Vatikan.»

Am späten Nachmittag geht die Fahrt weiter über den Gotthard nach Mailand. Frau Kim sagt, dass jenseits der Alpen Italien liegt, wo es sonnig ist, die Menschen das Leben geniessen und gern Wein trinken. Selbst die Farben leuchteten dort heller. Es ist schon spät, aber eine kleine Runde wird gedreht, um den Dom, die Scala und die Galleria Vittorio Emanuele II. zu sehen. Bevor der Bus das Hotel erreicht, erklärt Frau Kim die Besonderheiten des italienischen Hotels. Dort gebe es ein Alarmseil in jedem Bad. Man solle bitte nicht daran ziehen. Es handle sich um ein Bidet, das bei den Koreanern viel Rätselraten verursacht habe. Heute kenne man es ja, aber früher hätten die koreanischen Touristen darin Obst gekühlt oder Wäsche gewaschen. Frau Kim sagt: «Es ist ohnehin zu gross für die asiatischen Hintern, zum Wäschewaschen eignet es sich am besten.» Das Hotel «Ora City» ist neu und schön, mit einem bepflanzten Innenhof.

«Ich esse kein Brot mehr», sagt Frau Kim beim Frühstück. Nur Obst und Joghurt hat sie auf dem Teller. Sie habe fürs Leben schon genug gegessen. Es ist schwer auszumachen, wogegen sie sich auflehnt. Ist es bloss gegen das europäische Brotessen oder gegen ihr Leben als Reiseleiterin? Ihre dünne Gestalt lässt darauf schliessen, dass sich ihr Körper gegen etwas stemmt. Die Fahrt geht weiter nach Venedig. Frau Kim beginnt zu erzählen: «Die italienischen Männer sind als gute Liebhaber bekannt.» Eine koreanische Autorin habe bereits in den fünfziger Jahren geschrieben: «Liebe ist inklusiv, wenn man nach Italien reist.» «Gibt es hier keine sexuelle Belästigung?», fragt eine besorgte Mutter. Die typische italienische Landschaft sei geprägt von hügeligen Weinbergen und Zypressen, sagt Frau Kim. An der Raststätte «Banli Grill» steht geschrieben: «Prova il caffè al Ginseng, 1 Euro 40». Eine Frau fotografiert das. Asien begegnet man an den seltsamsten Orten. Frau Kim erzählt über Byzanz, die Ostkirche und die Seidenstrasse, um die Bedeutung Venedigs zu erklären. «Damals galt ‹Made in China› als das Beste», fügt sie hinzu.

Zu Mittag gibt es gutes chinesisches Essen: Suppe, gebratenen Fisch, Weisskohlgemüse, Rindfleisch mit Zwiebeln, Schweinefleisch, Garnelen, Wassermelonen und Tee. Während der Hochsaison werden hier täglich 900 Personen verköstigt. Frau Kim sagt: «Es findet eine Schlacht um Hotels und Restaurants in der Hochsaison statt. Man muss wie eine Spezialtruppe beim Militär agieren, um überhaupt etwas zu bekommen. Seit die Chinesen vermehrt reisen, ist es fast unmöglich geworden. Die Japaner meiden möglichst Hotels, in denen die Koreaner unterkommen, und die Koreaner meiden die Chinesen. Es findet ein mörderischer Verdrängungswettbewerb statt. Die Chinesen nehmen ein ganzes Hotel, in dem früher die Koreaner untergekommen sind, für sich unter Vertrag. Die Europäer verdienen genug, wenn sie sich nur um Chinesen kümmern. Daher hat sich die Lage für uns verschlechtert.»

In Venedig wartet der lokale Reiseführer, ein Mann, der seit 15 Jahren in Rom lebt. Müde sieht er aus und ausgelaugt. Er ist früh aus Rom mit einer anderen Gruppe gekommen. Sein Programm spult er teilnahmslos ab: den Dogenpalast, die Seufzerbrücke, die wegen Restaurierung verhüllt ist, den Markusplatz. Die Markuskirche wird auch innen besichtigt. Die goldenen Mosaiken beeindrucken die Koreaner sehr und auch die besondere Atmosphäre der Kirche. Die Geschichte von den in Schweinefleisch eingewickelten Gebeinen des Heiligen Markus erregt Verwunderung. Selbst die Koreaner sehen, dass die Stadt unter der Masse der Touristen ächzt. Die Mutter, die mit der Tochter eine Gondelfahrt gemacht hat, sagt enttäuscht: «Es war gar nicht romantisch. Zu voll ist es überall.» Zu jeder Mahlzeit gibt es nun Spaghetti, worunter der Kameramann sehr leidet. «Koreanische Nudeln mag ich, aber diese Spaghetti sind schrecklich.» An diesem Tag gehen alle früh zu Bett.

Die Erschöpfung kommt schleichend, doch unweigerlich. Je mehr Tage der Reise vergehen, desto deutlicher sieht man den Koreanern die Ermüdung an. Die Aufmerksamkeit lässt sichtbar nach. Je mehr Städte sie anschauen, desto verworrener werden die Eindrücke von Orten und Landschaften. Das vorgängig Gelesene und Gehörte deckt sich nur wenig mit den realen Eindrücken der Reise. Das alte Ehepaar sagt: «Alles sieht so ähnlich aus, die Kirchen und Häuser. Müssen wir das auch noch anschauen?» Die Städte Europas zerfliessen zu einer zähen Masse fremder Kultur zusammen, die man schwer auseinanderhalten und entziffern kann. Und so wird das viel belächelte Fotografieren zum Versuch, der ephemeren Gestalt Europa wenigstens eine reale Dimension zu geben. Denn längst ist den meisten klar: Auch die Sehnsucht nach einer authentischen Erfahrung lässt sich nicht in der Hektik des touristischen Programms erfüllen. Florenz und Rom sind noch zu absolvieren.

«Hier liegt die Wiege der italienischen Renaissance. Berühmte Maler und Künstler sind in Florenz geboren», erzählt Frau Kim. Die Italiener seien den Koreanern sehr ähnlich, in Charakter und Temperament. Der Dom, der Glockenturm und die Taufkapelle werden besichtigt. Für die Uffizien ist keine Zeit. Die David-Statue, die unechte, wird besichtigt und auch das Dante-Haus. Die drei wichtigsten italienischen Autoren seien Petrarca, Dante, Boccaccio, sagt die lokale Führerin, eine ältere Frau, die unter der Hitze leidet. In der Hochsaison würden täglich 30 bis 40 koreanische Gruppen durch Florenz ziehen.

Der letzte Tag in Europa beginnt mit der Stadtrundfahrt. «Rom ist die Stadt, die man sehen soll, bevor man stirbt», sagt Frau Kim. «Leider haben wir nur einen Tag Zeit dafür.» Es geht bis zum Abflug hektisch zu. Das Kolosseum wird nur von aussen besichtigt. Die Macht des Römischen Reiches könne man ahnen, sagt die Führerin für Rom. Es wird allmählich heiss, und die Leute wollen nicht mehr gehen. Frau Kim erzählt, wie ein koreanischer Reiseführer an Hitzeschlag starb, als er nach einem verirrten Touristen suchte. Halt an der Fontana di Trevi und der Spanischen Treppe, die Führerin sagt: «Sie alle kennen den Film ‹Roman Holiday› mit Audrey Hepburn und Gregory Peck. Hier sass sie und ass Eiscreme, als er sie traf.» Das Pantheon, die Pferderennbahn, die Bocca della Verità, das Kapitol und das Forum Romanum werden abgehakt. Die Karten für das Vatikan-Museum sind zum Glück reserviert. Bevor man ins eigentliche Museum eintritt, werden im Innenhof vor einer Abbildung das Jüngste Gericht und die Schöpfungsgeschichte Michelangelos erklärt. Die Sixtinische Kapelle ist so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Die europäische Bilderwelt vergangener Epochen hinterlässt trotzdem einen tiefen Eindruck. Nach der Besichtigung der Peterskirche fährt die Gruppe direkt zum Flughafen. Frau Kim warnt vor den Dieben: «Im Nu verschwinden Taschen und Koffer. Die Diebe lauern besonders auf Luxusmarken. Sie kennen sogar die Abflugzeiten der Korean Airlines. Wenn ein Bus voller Asiaten ankommt, heisst es, ein kleines Kaufhaus sei eingetroffen.»

Plötzlich erscheint den Koreanern die eigene Heimat als ein Sehnsuchtsort, ein sicherer Hafen, zu dem sie nun zurückkehren. An ihren müden Blicken lässt sich nicht ablesen, ob Europa im Bewusstsein festere Konturen gewonnen hat. Frau Kim faltet ihr blaugeblümtes Tüchlein in der Hand und begrüsst die ankommenden Gäste. 

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