Ist hier Europa?

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26 Südkoreaner schaffen einen Kontinent in acht Tagen. Ein Durchhaltebericht zwischen Kimchi und Gucci.

Hoo Nam Seelmann

Bevor Frau Kim zu sprechen beginnt, holt sie jedes Mal ihr blaugeblümtes Taschentuch hervor und wickelt es sorgfältig um das Mikrofon. Das Unbehagen, das sie vor unsichtbaren, womöglich internationalen Krankheitskeimen empfindet, ist deutlich zu sehen. Es ist ein kleines, ständig zelebriertes Ritual der Reiseleiterin Kim, einer hageren Frau Ende vierzig. Auf Reisen alt geworden, hat sie es über die Jahre als ihre persönliche Überlebensstrategie entwickelt. Sobald sie fertig ist, begrüsst sie ihre Gäste: «Sie werden Highlights der europäischen Kultur kennenlernen.»

Seit 20 Jahren reist Frau Kim mit koreanischen Touristen durch Europa. An einem frühen Abend Ende Juli ist sie mit 26 Gästen in London Heathrow angekommen. Mit ihrer in die Höhe gestreckten blauen Fahne geht sie auf einem Pfad voran, der, von den Einheimischen fast unbemerkt, an alten Monumenten, Museen, Hotels, Restaurants, Busparkplätzen, öffentlichen Toiletten und Kaufhäusern entlang für Touristen aus Ostasien angelegt ist. «Wir werden kaum mit Einheimischen in Berührung kommen, wenn wir unterwegs sind. Wir werden auch nicht sehen, wie die Menschen wirklich leben», sagt Frau Kim mit sichtlichem Bedauern. Das Plätschern ihrer weichen Stimme bildet den Rhythmus der Reise. Als fürchte sie, jemand könnte etwas verpasst haben, wiederholt sie oft das letzte Wort so, dass ihre Sprache eine eigentümliche Melodie erhält. Kaum sitzt man im Bus, beginnt sie zu sprechen. Meist bemerkt sie nicht einmal, dass alle wegen der Zeitverschiebung und Übermüdung längst eingeschlafen sind. Sie erzählt unermüdlich über Geschichte, Kunst und Lebensweisen der Europäer, aber auch von schrecklichen Erlebnissen mit Dieben, Betrügern und Todesfällen.

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