Italien sucht 700 Namen

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Vor Sizilien kentert ein Schiff mit Flüchtlingen. Professorin Cattaneo holt sie aus der Anonymität.

Sandro Mattioli

Die Luft flirrt über der Betonfläche vor der Halle, ein Kühllastwagen parkt an deren Rand. Am Fahrzeugheck leuchtet das Emblem des Roten Kreuzes. Ab und an bläst der Wind an diesem heissen Tag einen Fetzen Gestank herüber, vergleichbar dem von Kuhdung, nur süsser. Es ist der Geruch des Todes. Seit kurzem werden hinter den Mauern dieser Halle massenweise Leichen gewaschen, geröntgt, begutachtet, die persönlichen Dinge und alles, was die Menschen bei sich trugen, erfasst und dokumentiert. Werden Tätowierungen, Narben und Knochenbrüche gesucht, Gebisse fotografiert, Kleidungsstücke und Schmuck gesammelt. All das dient dem Versuch, systematisch Informationen zusammenzutragen, die helfen können, diese Toten zu identifizieren. Gerichtsmediziner aus ganz Italien beteiligen sich an dem Projekt. Kühllastwagen wie dieser bringen die Toten, immer wieder neue.

Eine Frau ist es, die die Gerichtsmediziner anleitet, Cristina Cattaneo. In ganz Italien ist die Forensikerin bekannt, seit sie ihre Arbeit in einer populären Fernsehsendung vorgestellt hat. Sie sieht nicht aus wie eine Rechtsmedizinerin, schon gar nicht wie die Leiterin von Italiens wichtigstem Forensiklabor. Eher wie jemand, der sich zufällig in diese Halle verirrt hat. Ihr wuseliges Haar ist in mehreren Tönen blond gefärbt, dazu schlüpft sie manchmal in eine bunte, bequeme Pluderhose. Lederbändel zieren ihren Arm. Die grazile 52-Jährige, selbstbewusst und bescheiden, drängt sich nicht in den Vordergrund. Cattaneo ist eine Koryphäe ihrer Disziplin: Sie hat in Mailand das Labor für forensische Anthropologie und Zahnkunde, kurz Labanof, zur Hochform geführt. Dass die Italiener verstärkt über unbekannte Tote und deren Schicksal sprechen, ist ihr Verdienst. Cattaneos Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie sie selbst sind in der ganzen Welt bei Fachkonferenzen gefragte Redner; die Chefin arbeitet sogar als Beraterin von Interpol und dem Internationalen Roten Kreuz. Vor allem aber kämpft sie seit Jahren dafür, dass tote Flüchtlinge mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und somit eine Art letzte Ehre erfahren. «Wir dürfen nicht zulassen, dass es Tote erster und zweiter Klasse gibt», sagt sie. 

Nun hat sie mächtige Unterstützung bekommen: die italienische Regierung, die Europa aufrütteln will. Weil es bei Cattaneos Arbeit nicht um irgendwelche Tote geht, die nichts miteinander und mit Europa zu tun haben. Sondern um ehemals verzweifelte Menschen, die hofften, es bis nach Europa zu schaffen, dem verheissungsvollen Kontinent.

Der Weg zu der Halle, in der Cattaneo und ihr Team arbeiten, ist mit Gittern abgegrenzt. «Attenzione, area riservata» warnen daran angebrachte Schilder, «sich zu nähern, ist untersagt». In gleich vier Sprachen verbieten sie das Aufnehmen von Fotos. Kaum einmal schimmert das Blau des Meeres irgendwo zwischen den Gebäuden durch. 

Hier, umgeben von Zäunen und Mauern, im Schutz von hochbewaffneten Soldaten, auf einer Nato-Basis an der sizilianischen Ostküste nahe der kleinen Stadt Melilli, hier will Italien eine neue Politik in die Wege leiten, will Italien Europa zwingen, hinzusehen. In einer Halle, die erdbraun ist wie die von der Sonne verbrannten Flächen drumherum, erdbraun wie die Verwaltungsgebäude nebenan, erdbraun wie die Tarnuniformen der Soldaten, die hier Dienst tun. 

Die Aktion ist perfekt durchorganisiert: An einem Ende des Betonkubus verschwinden die Lastwagen in der Halle, am anderen Ende, drinnen, öffnen sich die Türen der Anhänger. Die Leichensäcke werden herausgeholt, auf die Tische der Pathologen gelegt, die Reissverschlüsse aufgezogen. Dann machen die Gerichtsmediziner sich an die Arbeit; sie sammeln «Post-mortem-Daten.»

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