Jasmin verliert im Feuer fast ihr Leben

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Sie erfährt erst danach, was Glück bedeutet.

Lea Wagner

Rumtrödeln kann tödlich sein. Hätte ich damals nur ein paar Minuten länger gebraucht, wäre ich heute wahrscheinlich tot. Es begann 2012 mit einem Filmprojekt: Ein Kumpel, gelernter Kameramann, suchte eine Regisseurin für seine Abschlussarbeit. Er fragte mich. Ich hatte keine Ahnung von Film, sagte aber zu. Drehen wollten wir in dieser Stadt in Kanada, über die ich schon viel gehört hatte: Fort McMurray. Ein hässliches Nest mitten im Nichts, neben knochigen Bäumen und Wintern mit minus 40 Grad gibt es dort nur eine Hauptstrasse, dafür aber Öl und Gas im Überfluss. Und damit Geld, 4-mal so hohe Löhne wie sonst üblich. Von überallher kommen Menschen, die meisten ohne Familie, nur um zu schuften. 16-Stunden-Arbeitstage sind hier genauso häufig wie Depressionen, Hautausschläge oder Atemwegserkrankungen. Du atmest in diesem Kaff keine Luft, du atmest Dreck. Es riecht wie an einer Tankstelle, immer. Wenn du morgens mit einem weissen T-Shirt aus dem Haus gehst, ist es abends schwarz. Bei Regen bilden sich neongelbe Pfützen. Was ich in diesem Shithole wollte? Verstehen, wieso man einen so hohen Preis für ein bisschen Wohlstand zahlt.

Kurz nach unserer Ankunft lud man uns auf eine Party ein. Da stand in der Küche ein Typ mit einem Bier in der Hand, Michael, ich sah ihn zum ersten Mal. Er war irgendwie anders: inszenierte Theaterstücke an der Uni, lebte in einer WG und verdiente seinen Lebensunterhalt in einem Baumarkt. Obwohl er auf den Ölfeldern sehr leicht sehr viel mehr Kohle hätte machen können. Wir trafen uns mehrmals auf ein Date, einmal kochte ich für ihn Pasta mit Tomatenpesto, selbstgemacht. Einige Wochen später – ich war längst wieder in Deutschland – schrieb er mir auf Facebook: «Das Pesto schmeckt nicht ohne dich.» Ich zögerte nicht lange, flog zurück und zog bei ihm ein.

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