Jasmine

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Sie liebten und hassten sich. Von der Sehnsucht eines Mädchens nach seiner toten Schwester.

Erwin Koch

Jasmine, die nie ans Telefon geht, geht ans Telefon, 19. Dezember 2007, Mittwoch, es hat geschneit, Jasmine ist zwölf, allein zu Hause.

Ich bin’s, sagt Sarah, die grosse Schwester.

Ja?, fragt Jasmine.

Ich habe Leukämie – Blutkrebs.

Sarah legt auf, Jasmine, zwei Jahre jünger, rennt zur Nachbarin und bastelt am Lastwagen aus Karton, den sie ihrem Onkel an Weihnachten schenken will.

Sarah hat Blutkrebs.

Am Abend sitzt Jasmine neben der Mutter, Rigiweg 4, Leukämie, wenn früh entdeckt, sei gut heilbar, sagt Mami, die Wahrscheinlichkeit, dass Sarah wieder gesund wird, ist sehr hoch, neunzig Prozent, übermorgen beginnen sie mit der Therapie, zuerst Cortison, dann –

Gut, sagt Jasmine und legt sich vor den Fernseher.

Jasmine, ich bin morgen bei Sarah im Spital, gehst du zur Grossmutter?

Gut.

Am Schlüsselbein, erzählt Mami, hat Sarah jetzt einen Port-a-Cath, einen Langzeitkatheter, einen Schlauch, der in Sarahs Vene führt. Damit die Ärzte, wenn sie Sarah die vielen Medikamente geben, Sarah nicht jedes Mal neu stechen müssen.

Sarah.

Sarah.

Im Sommer waren sie in Amerika, Mutter, Vater, Sarah, Jasmine, sechs Wochen lang, New York, Las Vegas, Bryce Canyon, Monument Valley, Grand Canyon, Death Valley, San Francisco, Los Angeles, Universal Studios, Disneyland, Jasmine, Nacht für Nacht, schlief neben der Mutter, Sarah neben dem Vater, einmal sollte Sarah neben Jasmine, goht’s no?, neben der schlafe ich nicht.

Der Vater schreibt: Geschätzte Verwandte, Bekannte, Kolleginnen,
Kollegen und Freunde aller Art, wir müssen uns diesem Kampf stellen,
und wir wollen und werden ihn gewinnen! Schliesst uns ein in eure Gedanken, Hoffnungen, Gebete oder in was auch immer, 23. Dezember 2007, 23:40.

An Heiligabend fahren Jasmine und die Eltern nach Luzern, Kinderspital, Spitalstrasse, die Grosseltern sind da, einige Freunde, Sarahs Götti hat einen Weihnachtsbaum gebaut, dünnes Holz, bezogen mit grünem Filz, Kugeln hängen daran, Schokolade, Stille Nacht, heilige Nacht. Und Jasmine, die weiss, was Sarah zur Bescherung erhält, lacht vor Freude auf, als die Grosse endlich ihr Geschenk aufreisst, eine Kamera.

Am 28., redet der Vater, beginnt die eigentliche Chemotherapie.

Dann bekommt Sarah Medikamente, die die Krebszellen in ihrem Körper vernichten, erzählt Mami.

Okay, sagt Jasmine, langes braunes Haar, eine Spange im Mund.

An Neujahr ist Sarah zu Hause, müde liegt sie auf dem Sofa und zappt durch die Programme, wenn ich wieder gesund bin, will ich zwei Katzen, ein Männchen und ein Weibchen.

Spielen wir ein bisschen Klavier?

Keine Lust, sagt Sarah.

Nie hast du Lust.

Ich habe Krebs, schreit Sarah.

Manchmal setzen sie sich zu dritt ans Klavier, die Mutter links, Sarah rechts, Jasmine dazwischen.

Als ihr klein wart, stieg keine ohne die andere ins Bad. Bärte aus Schaum klebtet ihr euch ins Gesicht. Als ihr klein wart, zwei und vier Jahre alt, half die Grosse der Kleinen auf den Stuhl und hielt sie fest.

Sarah will nicht, dass Jasmine im Haus ist, als die Coiffeuse kommt und ihr Haar kürzt, fünf Millimeter.

Wenn du möchtest, Sarah, dann schneide ich mein Haar so kurz wie du, sagt die Mutter.

Mami bringt Sarah ins Spital.

Prednison. Vincristin. Daunorubicin.

Mami holt Sarah im Spital.

Sarah hat jetzt immer Hunger, Sarah lässt keine Kochsendung aus, Die Küchenschlacht, Teufels Küche, Das perfekte Promi-Dinner, Sarah, die nie kochte, steht jetzt in der Küche und kocht, was ihr schmeckt.

In ihrem Bett hat Jasmine einen Hund aus treuem Stoff, Teddy.

Einmal klingelt es an der Tür, Jasmine rennt los, Scheisse, lärmt Sarah, mach erst auf, wenn ich mein Kopftuch anhabe.

Scheisse, schreit Sarah, mach nicht so laut.

Scheisse, jetzt will ich Verbotene Liebe und nichts anderes.

Jasmine, das sind die Medikamente, sagt Mami, die Sarah so machen.

So war sie schon immer, sagt Jasmine.

Stimmt nicht, sagt die Mutter.

Stimmt doch.

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