Jerusalem-­Syndrom

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In keiner anderen Stadt der Welt dreht sich das Leben so exzessiv um Religion wie in Jerusalem. Zwischen besessen und beseelt verläuft oft nur ein schmaler Grat.

Dmitrij Kapitelman

Die wohl am inbrünstigsten beschriene Stadt aller Zeiten ist verschwiegen an diesem Dezemberabend. Kleinlaut fast. Zumindest innerhalb der majestätischen Steinmauern der Altstadt. Ohne dass dort eine sakrale Stille herrschen würde, eher ein angespanntes Schweigen. Sobald die Händler ihre Souvenirshops verriegelt haben, wird es leer in den dichten, hügeligen Steinhausgässchen Jerusalems. Aus den Funkgeräten der israelischen Soldaten, die grüppchenweise alle paar Strassenzüge postiert sind, scheppern kurze Durchsagen. Es ist der 18. Dezember 2017. Zwölf Tage sind vergangen, seit der amerikanische Politikdarsteller Donald Trump ankündigte, das geteilte Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen zu wollen. Im jüdischen Westjerusalem brennt das siebte Chanukka-Licht, im Osten die palästinensische Wut über die gottlose Bevormundung. Die sogenannte arabische Welt hat Tage des Zorns ausgerufen. Jerusalem, es fiebert mal wieder. Und wenn es fiebert, erhitzen sich die Glieder der Menschheit. Von Bali bis Berlin brennen Reden, Schwüre, Fahnen. Und Lebenslichter brennen aus. 

Währenddessen stinkt die Via Dolorosa, die Strasse des Schmerzes, durch die Jesus sein Kreuz schleppte, nach dem Urin der notgeilen Katzen, die überall in den Gassen der Altstadt krächzen. Gegenüber vom Geburtshaus der Jungfrau Maria stehen zwei leere Kühltruhen mit Langnese-Werbung. Etwas weiter tauschen Arabisch sprechende Bauarbeiter Gullideckel aus. Das ist also der Ort, der die Menschheit seit Jahrhunderten verrückt macht? Wo Jesus sein letztes Abendmahl zu sich nahm, bevor er temporär verstarb, fortan in der Grabeskirche aufgebahrt. Wo der Prophet Mohammed den Felsendom zurückliess, um ins Himmelsreich aufzusteigen. Wo die Juden ihren Tempel wussten, an dessen letztem verbliebenem Gemäuer, der Klagemauer, sie weiterhin beten. Und wo sie selbst seit 2004 eine sehr grosse und oft beklagte Mauer gebaut haben, um sich abzuschotten. 

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