Jerusalem-­Syndrom

In keiner anderen Stadt der Welt dreht sich das Leben so exzessiv um Religion wie in Jerusalem. Zwischen besessen und beseelt verläuft oft nur ein schmaler Grat.

Dmitrij Kapitelman

Die wohl am inbrünstigsten beschriene Stadt aller Zeiten ist verschwiegen an diesem Dezemberabend. Kleinlaut fast. Zumindest innerhalb der majestätischen Steinmauern der Altstadt. Ohne dass dort eine sakrale Stille herrschen würde, eher ein angespanntes Schweigen. Sobald die Händler ihre Souvenirshops verriegelt haben, wird es leer in den dichten, hügeligen Steinhausgässchen Jerusalems. Aus den Funkgeräten der israelischen Soldaten, die grüppchenweise alle paar Strassenzüge postiert sind, scheppern kurze Durchsagen. Es ist der 18. Dezember 2017. Zwölf Tage sind vergangen, seit der amerikanische Politikdarsteller Donald Trump ankündigte, das geteilte Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen zu wollen. Im jüdischen Westjerusalem brennt das siebte Chanukka-Licht, im Osten die palästinensische Wut über die gottlose Bevormundung. Die sogenannte arabische Welt hat Tage des Zorns ausgerufen. Jerusalem, es fiebert mal wieder. Und wenn es fiebert, erhitzen sich die Glieder der Menschheit. Von Bali bis Berlin brennen Reden, Schwüre, Fahnen. Und Lebenslichter brennen aus. 

Währenddessen stinkt die Via Dolorosa, die Strasse des Schmerzes, durch die Jesus sein Kreuz schleppte, nach dem Urin der notgeilen Katzen, die überall in den Gassen der Altstadt krächzen. Gegenüber vom Geburtshaus der Jungfrau Maria stehen zwei leere Kühltruhen mit Langnese-Werbung. Etwas weiter tauschen Arabisch sprechende Bauarbeiter Gullideckel aus. Das ist also der Ort, der die Menschheit seit Jahrhunderten verrückt macht? Wo Jesus sein letztes Abendmahl zu sich nahm, bevor er temporär verstarb, fortan in der Grabeskirche aufgebahrt. Wo der Prophet Mohammed den Felsendom zurückliess, um ins Himmelsreich aufzusteigen. Wo die Juden ihren Tempel wussten, an dessen letztem verbliebenem Gemäuer, der Klagemauer, sie weiterhin beten. Und wo sie selbst seit 2004 eine sehr grosse und oft beklagte Mauer gebaut haben, um sich abzuschotten. 

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In einer Viertelstunde kann man per Heiligtumhopping die Wahrzeichen dreier Weltreligionen ablaufen. Und mit nur einem Aufenthalt in dieser Stadt den Verstand verlieren. Oder Gott finden. Oder den Verstand verlieren und zu Gott finden. Oder Gott und somit überhaupt erst Verstand finden. Oder Gott dabei zusehen, wie er den Verstand verliert. Die Wechselwirkung dieser Fundverlust-Verlustfunde ist umstritten in Jerusalem. Aber unbestreitbar existent.

Es gibt eine pathologisch anerkannte, nur in dieser Stadt auftretende Psychose: das Jerusalem-Syndrom. Überwältigt von der Allgegenwärtigkeit des Himmlischen, beginnen manche Touristen, egal welcher Konfession, sich selbst für eine heilige Figur zu halten. Einen Engel, Apostel, manchmal gleich den jeweiligen wiedergeborenen Messias. Erst verzichten sie auf Schlaf, dann auf Körperpflege und letztlich überhaupt auf ihre bisherige Steuernummernexistenz. In Bettlaken gehüllt, streifen sie durch die Stadt und verkünden Psalmen, die eigene Wiedergeburt, bisweilen das nahende Ende. Wobei aus der Fachliteratur nicht hervorgeht, ob der Krankheitsauslöser wirklich die himmlische Allgegenwärtigkeit dieser Stadt ist – oder der scheinbare, enttäuschende Mangel daran: die herrenlosen Langnese-Truhen, die Gullideckel-­Wartungsarbeiten. So oder so, meist lassen sich die selbsternannten Erlöser mit mittelstarken Beruhigungsmitteln und klinischer Fürsorge zu Individuen zurückpflegen. Wahnwitziger erscheint ohnehin, dass ausgerechnet der für Millionen Gläubige weltweit heiligste Flecken Erde, Jerushalayjm, etymologisch die Gründung Gottes, ebenso Stadt des Friedens, de facto niemals Frieden findet. Diese Tatsache ist sozusagen ein kolossaleres Jerusalem-Syndrom, das theologische Trauma, für das noch kein Beruhigungsmittel, keine Therapie gefunden werden konnte. 

Um den gesunden Menschenverstand also und das Verständnis von Gott in Jerusalem soll es im Folgenden gehen. Um vermeidliche Irrtümer und Erleuchtungen, Krämpfe und Erlösungen, Wunder und Unwunder, die sich Tag um Tag in dieser einzigartigen Stadt fortschreiben – als wären sie so natürlich mit erschaffen worden wie die Menschen selbst.

In gewisser Weise ist Jerusalems grösste psychiatrische Klinik, Kfar Shaul, von mentaler Aufgeräumtheit umzingelt. Am westlichen Rand der Stadt stehen ihr jeweils zwei Synagogen und zwei jüdisch-­orthodoxe Religionsschulen gegenüber, in denen ebenso täglich wie unbeirrbar Weltbilder einstudiert werden. Fragt man die Jeshiwa-­Schüler nach der nur wenige Meter entfernten Klinik, winken sie unwillig ab. Als wäre diese ein unliebsamer Eindringling weltlicher Verirrung.

Hinter dem gut bewachten Eingang liegt kein Klinikklotz, sondern ein ehemaliges Dorf, voll verstreuter Häuschen und Schleichwege – Israels Armee nahm die zuvor arabische Wohnsiedlung 1948 ein. Na ja, eigentlich liegt zuallererst ein Mann mit dem Gesicht im Dreck eines Rasenvorsprungs, neben einer Palme. Der Verschmutzung seiner Kleidung nach zu urteilen, schon relativ lange. Gleich daneben hockt ein Grüppchen Patienten schwermütig auf einer Holzbank und hört traurige Musik, die wie Max Raabe auf Hebräisch klingt.

Ein paar Meter weiter ertönen aus dem Klinikinneren martialische Schreie – der kleine Fitnessraum. Einen Raum weiter, im sogenannten Resozialisierungscenter, sitzt ein Mann mit Vollbart und roten verkrusteten Augen allein am Rechner und sieht sich Angebote für Kreuzfahrten in die Karibik an. Dr. Gregory Katz arbeitet als leitender Arzt in Kfar Shaul. 1989 emigrierte er von Moskau nach Jerusalem. Aus zionistischer Überzeugung, wie der hagere Anfang-fünfzig-Jährige mit müder, aber konzentrierter Stimme sagt. Aus der Überzeugung also, dass das jüdische Volk am Berg Zion, dem Ursprungsort seines Glaubens, leben sollte. Aber davon sei nur noch Rudimentäres übrig und religiös sei er ohnehin nie gewesen. «Damals in Russland schienen mir die Juden besonders, irgendwie erleuchteter, zu etwas bestimmt. Das praktische Leben hier hat mir gezeigt, dass Juden Menschen sind wie alle anderen auch. Und eine Idee immer nur eine Idee bleibt.» Katz hat das Jerusalem-Syndrom nicht direkt entdeckt (erste Texte, die ähnliche Symptome schildern, gab es bereits im 16. Jahrhundert), aber massgeblich medizinisch beschrieben. Und er hat so viele Jerusalem-­Syndrom-Patienten behandelt wie kein anderer. Wobei auch das eher eine überschaubare Anzahl ergibt. Früher waren es etwa fünf bis sechs Fälle jährlich. Die ganz reine Form, bei der eine zuvor psychisch unauffällige Person in Jerusalem manisch wird, tritt ohnehin extrem selten auf. In der Regel Typ B: Menschen mit bereits bestehender Vorerkrankung, die sich in Jerusalem intensiviert. «Insgesamt ist das eine verschwindende Krankheit. Die Pilgernden können sich bei Google Street View die Altstadt genau anschauen. So bleibt der Schock bei Ankunft aus. Zudem reisen sie viel mehr, sind gebildeter, glauben nicht mehr so unmittelbar an Religion und Wunder.»

Die letzte Patientin habe er vor etwa einem halben Jahr behandelt. Eine ältere britische Touristin, Protestantin, die sich für eine Heilige hielt und den Nahostkonflikt beenden wollte. «Ein recht schwerer Fall, weil bei ihr eine bipolare Störung vorlag. Und sie felsenfest überzeugt war, eine direkte Verbindung zu Gott zu haben.»

«Aber wie erklärt man einem Menschen glaubhaft, dass er keine direkte Verbindung zu Gott hat? Wie schliesst man das argumentativ aus?» – «Das zu erklären, ist unmöglich. Bei Anfällen geben wir Medikamente.»

«Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass die Medikamente die Erklärungsarbeit übernehmen?» – «Philosophisch kriegen sie das Problem nicht gelöst. Aber im Einzelfall ist es meist praktikabler. Sicher, ein religiöser Mensch glaubt, dass Gott alles sieht und dass er unter seiner Obhut steht. Nach dem Gebet spürt er eine gewisse Ekstase, spürt eine seelische Bindung zu Gott. Dafür gibt es ja das Gebet. Aber wenn jemand Stimmen von Gott hört, die ihm konkrete Kommandos geben, beispielsweise sich auszuziehen, dann sind das Halluzinationen.»

«Würden Sie sagen, dass die meisten Menschen in Jerusalem ein gesundes Verhältnis zu Religion haben?» «Sie können sich nicht vorstellen, wie unterschiedlich die Menschen sind. Wir dürfen nicht richten. Ein Mensch, der in einer ultraorthodoxen Familie aufgewachsen ist, sieht die Welt auf eine bestimmte Weise. Gut – nicht gut; es ist eine andere Welt. Ja, die jüdische Religion gibt besonders viele konkrete Bestimmungen vor. Das kann Basis für Manien sein. Allerdings gibt es Studien, die belegen, dass religiöse Menschen seltener an psychischen Krankheiten leiden. Seltener Suizid begehen, mehr Motivation spüren, nach körperlichen Krankheiten schneller wieder gesund werden.»

«Andererseits hat Religion massgeblich dazu beigetragen, dass die Stadt des Friedens stets umkämpft blieb. Nun geteilt ist. Zu Selbstmordanschlägen und einem scheinbar unlösbaren Konflikt.»

«Ja, aber das ist ein grundsätzliches Problem von Ideen. Gruppenideen wie Religion oder Nationalismus bringen immer Auseinandersetzungen. Wer an einen bestimmten Gott glaubt und danach lebt, wird in Konflikte mit Andersglaubenden geraten. Sicher, man kann Zyniker werden und an nichts glauben. Dann wird es leichter, und es gibt diese Widersprüche nicht. Aber kann ein Mensch überhaupt ohne Ideen leben? Ich bezweifle es.»

Nach einer kurzen Denkpause schiebt Katz nach: «So ambivalent ist der Mensch nun mal beschaffen.»

«Und Ihre Idee? Sie sind ein nicht gläubiger Jude. Und ein Zyniker scheinen Sie auch nicht zu sein, Herr Katz.»

«Ich lebe von den Resten meines Humanismus.»

Weil Humanismus gut, aber Metallscanner manchmal besser sind, steht stets ein Dutzend Security-Männer am Eingang von Jerusalems Hauptbusbahnhof. Wenige Tage ist es her, dass ein junger Palästinenser einem der Männer sein Messer in die Brust rammte. Vielleicht der Beginn der befürchteten dritten Intifada. Oder nur der übliche, als alltägliche Angst internalisierte Grundgreuel der zerrissenen Stadt.

Und doch flackert auch das glückliche, albern unbeschwerte Jerusalem immer wieder auf. Der Familienvater mit Schläfenlocken, der sich an der Ampel zu seinen Kindern auf dem Rücksitz umdreht, um ein Lied mitzusingen und zu klatschen. Der Mönch, der Kekse kauft. Der Rabbi, der gottgefällig zu den stadtweit sehr verbreiteten Lottobuden schreitet, um sich ein Los beim Rubbel-Roulette zu kaufen. Der kleine Ali, der in einer der unbelebten, dafür schön steilen Gassen der Altstadt auf seinem Feuerwehrwagen hinunterschiesst, angefeuert von seinen beiden Schwestern, die im Chor skandieren: «Ali, Ali!»

In fünfzig Meter Luftlinie zum grandios unerschrockenen Feuerwehr-­Ali steht die Erlöserkirche, umgeben von lauter Händlern, die ihre religiösen Reliquien loswerden wollen: Kreuze, Ikonen, angemalte Holz­eier, Schmuck. Sie alle schimpfen auf Trump, der ihnen ausgerechnet zur Weihnachtszeit die Touristen verschreckt habe. 

Und dann gibt es da noch ein unsagbares Viertel, das keiner will. Und wenn im Jerusalemer Rathaus zuletzt doch von Kafr Akab die Rede war, dann um darüber zu diskutieren, ob das Viertel nicht ausgegliedert und den palästinensischen Autoritäten überlassen werden sollte – die ebenfalls nicht sonderlich begierig darauf scheinen. Bis 2004 war Kafr Akab eine unauffällige bürgerliche Siedlung mit 12 000 vor allem muslimischen Einwohnern. Dann errichtete Israel die Grenzmauer, und Kafr Akab lag plötzlich im Westjordanland. Dennoch weiterhin offiziell zu Jerusalem zählend und sogar Steuern zahlend. Was dazu führte, dass die Stadtverwaltung sich kaum mehr um den Bezirk kümmerte – und ein Bauboom in dem verwilderten Niemandsland einsetzte, der die Einwohnerzahl verfünffachte. 

Über die Hauptstrasse des unsagbaren Viertels, die Ramallah Road, drängen sich ebenso inflationär hupende wie willkürlich fahrende Autos. Am Himmel stapeln Baukräne weitere Hochhäuser auf. Das Bunteste in diesem trostlos wirkenden Betonberg sind die vielen Kinder und die Müllhalden am Strassenrand. «Sie befinden sich gerade am freiesten Ort der Welt. Wenn Sie nach einem Mord untertauchen wollen, kommen Sie nach Kafr Akab. Keiner fragt, wer Sie sind oder woher Sie kommen. Hier gibt es keine Verkehrsregeln, keine Polizei, keine Justiz», sagt der 69-jährige Munir Zagheir. Das Nachbarschaftskomitee hat ihn als Repräsentanten gewählt. Wenn der Quasi-Bürgermeister von Jerusalems unsagbarem Viertel in Weissglut gerät – über die einsturzgefährdeten Häuser, die marginale Wasserversorgung, die ausgeraubten Schulen und die Drogendealer –, bilden sich münzgrosse Speichelreste in seinen Mundwinkeln. Die er ebenso entschlossen zurückdrängt wie seinen ständigen Husten. 

Einer von Zagheirs grössten Amtserfolgen bestand darin, vor dem israelischen Verwaltungsgericht eine Grundreinigung Kafr Akabs zu erstreiten. «Ich habe dem Richter klargemacht, dass ich die Hunde und Katzen von den Müllhalden fernhalten kann. Nicht aber die Vögel. Die mit den Bazillen dann über die Apartheidsmauer nach Westjerusalem fliegen.» An der Wand im Empfangsraum seines Hauses hängt ein Porträt des ältesten Sohnes und von Scheich Ahmad Yasin, Mitbegründer der Hamas. Dementsprechend deutlich sind Zagheirs Positionen – aber vollkommen unversöhnlich sind sie nicht. Grenzen von 1967, Ostjerusalem als Hauptstadt des souveränen Staates Palästina, dann Frieden. Mal redet er mit strahlenden grünen Augen davon, dass nur wer Blumen sät, auch Blumen ernten kann. Dann mit fahlen Augen von Soldaten gegen die Besatzung und Gasmasken. 

Als vor einigen Wochen über die Ausgliederung seines Viertels beratschlagt wurde, lud man Zagheir ins israelische Parlament ein: «Ich habe ihnen gesagt: Nie im Leben! Weil es bei der Auslagerung nicht darum geht, das Leben in Kafr Akab zu verbessern. Das ist bloss ein demografisches Manöver, um die Wählerschaft zugunsten der orthodoxen Juden in Jerusalem zu verschieben.»

«Ist Kafr Akabs Elend das Ergebnis eines religiösen Konflikts?»

«Nein, der Konflikt ist, dass die Rechten die Religion missbrauchen. Wir Moslems wissen doch, dass Jerusalem allen drei Religionen zusteht. Warum sollten wir die Stadt nur für uns beanspruchen? Unser aller Lehrer Jesus Christus predigte der Welt schon: Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.»

Zagheir präsentiert Fotos des Viertels, ohne Genehmigung errichtete Gebäude, die Jerusalems Behörden mittlerweile selbst für Privatschulen und Kliniken anmieten würden, sagt er. Fünf dieser Hochhäuser sollen nun abgerissen werden. Zagheir will dem Reporter sein Viertel zeigen, auf dem Weg durch dieses wird er von wahnsinnig vielen Menschen gegrüsst. Er kennt sie alle, die Schulkinder, Schawarma­schneider, Zigarettenhändler und die Krüppel. «Salam Abu», «Salam alaikum», aus dem heruntergekurbelten Fenster. Ein sehr beliebter Mann, an einem sehr lieblosen Ort. Wer will, kann in Zagheir an diesem Ort einen Propheten sehen.

Die vom Abriss bedrohten Häuser werden weiterhin trotzig fertiggestellt. Quader an Quader. Ob sie bleiben, wissen weder die Bauarbeiter noch die Möbelverkäufer an der Ecke, die die ebenfalls spekulierenden Einwohner dennoch fleissig mit Ledersofas versorgen. An einigen Balkonen trocknet bereits Wäsche, im siebten Stock baumeln zwei Vogelkäfige. 

«Wenn Sie mich nun entschuldigen, ich habe noch etwas Geschäftliches zu erledigen», sagt Zagheir nach einem kleinen Rundgang.

«Darf ich fragen, was?»

«Nun, ich muss in eine Näherei.»

«Eine Näherei?»

«Ja, Entwürfe von Schuluniformen ansehen. Ich bin eigentlich Designer.»

Aus dem Rechtevertreter von 58 000 Menschen und dem Hamas-­Anhänger ist zwanzig Minuten später ein Schuljackenbetrachter geworden. Im benachbarten Aram inspiziert er die nach amerikanischem Baseballstil designten Jacken penibel. 400 Stück für die Abschlussklasse der Rhashadia School. Umstellt von den ebenfalls hochfokussiert jackenevaluierenden Männern der Näherei. Die Frauen verharren im Hinterraum an den Nähmaschinen, der kargen, aber vollständig videoüberwachten Werkskammer. Schliesslich weist Zagheir an, die roten Kragen besser zu vernähen. 

Auf der Rückfahrt nimmt der Quasi-Bürgermeister eine Abkürzung durch das Flüchtlingslager Kalandia. Ein Lager, das seit über fünfzig Jahren existiert und inzwischen infrastrukturell einer Stadt gleicht. Vielen Palästinensern ist es deshalb zum Sinnbild für die nakba geworden, die Vertreibung. 

Zagheir wird wieder allseits wärmstens begrüsst. 

«Sie hätten gern, dass ich auch hier der Boss werde», kommentiert er seine Popularität.

«Und werden Sie es?»

Zagheir schweigt ein paar Sekunden. Hustet. Drückt den Husten wieder entschlossen in die Lunge zurück.

«Vielleicht. Aber es ist sehr fordernd, von den Menschen geliebt zu werden.»

«Inwiefern?»

«Man muss aufrecht sein. Die Menschen lieben wie sich selbst. Ehrlich und wahrhaftig bleiben. Aber wer dies beherzigt, wird auch siegreich sein.»

«Und Sie verfügen über all diese Tugenden?»

«Meine Religion hat sie mir beigebracht.»

Zagheir kommt an eine Kreuzung, eng wie eine Streichholzschachtel. Drei Lkw aus drei Richtungen, sein klappriger Toyota in der vierten. Keine Verkehrszeichen, keine Regeln. Man verständigt sich per Hand und manövriert, irgendwie, während der Mittagsgesang des Muezzins durch die unsagbare Gegend hallt. 

Zwei Stunden später wird es auf der Rammallah Road keine Verständigung geben. Zuerst Ekstase, als 5000 Menschen mit Palästina­fahnen auf den verhassten Grenzpunkt zumarschieren. Zum Tag des Zorns, mit Schildern, auf denen steht, dass Jerusalem für immer Palästina gehöre. Um das mitzuerleben, kommen die Bürger Kafr Akabs stolz aus ihren Teppichläden, Autowerkstätten auf ihre unautorisierten, einsturzgefährdeten Balkone. Filmen mit ihren Handys und singen lauthals. Bald brennen Barrikaden, und die Jugendlichen Kafr Akab werfen schreiend Steine auf Soldaten. Bevor sie israelisches Tränengas aus jener Luft atmen, die kurzzeitig mit Enthusiasmus getränkt war. 

Omri Schmulewitz sitzt vor seinem Macbook im HaMiffal-­Café in Westjerusalem, das nichts vom wenige Kilometer entfernten Tag des Zorns mitbekommen hat. «HaMiffal» war vor kurzem ein leerstehendes Gebäude, nun ist es zur Residenz für Künstler aus aller Welt hochgehipstert worden. Gerade präsentiert eine irische Malerin Arbeiten, die sie mit geschlossenen Augen zeichnete, gleichzeitig die Gesichter fremder Menschen abtastend. Schmulewitz organisiert im «HaMiffal» alles, was mit Musik zu tun hat. Arrangiert die Akustik und spielt selbst etliche Instrumente. Nebenbei betreibt er ein Fundraising für ein biomedizinisches Startup. Aber seine eigentliche Berufung im Leben, der Grund, warum Schmulewitz überhaupt nach Jerusalem kam, hat mit biomedizinischen Methoden nichts zu tun. Sondern eher mit psychologischen. Er will der neue Messias werden.

«Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich seit meiner Erleuchtung nicht das Gefühl hätte, der eine zu sein. Eine Stimme in meinem Kopf sagt immer wieder: Du hast die Gabe, du musst die Botschaft verkünden!»

Schmulewitz ist ein hochgewachsener, modisch gekleideter Anfang-dreissig-Jähriger mit schwarzer Lockenmähne, Hakennase und ansteckend offenem Schelmenlächeln. Dazu spürbare Geistesgegenwart, rhetorische Eloquenz und Selbstironie. Also das Gegenteil eines in Bettlaken wandelnden, manischen Jerusalem-Syndrom-Faslers, möchte man meinen. Seine Erleuchtung, oder die «Erweckung zur psychomagic», wie Schmulewitz sie bezeichnet, habe sich auch nicht an einer heiligen Stätte, sondern in einer psychotherapeutischen Praxis ereignet, wo er sich einer Therapie unterzog. Eigentlich kommt er aus einem betuchten Vorort Tel Avivs. Aus einem bildungsrationalen Elternhaus voll philosophisch beschwerter Bücherregale und mit einem oft bespielten Konzertflügel im Wohnzimmer mit Glasfront. «Wo ich selten Liebe spürte und zum Skeptiker erzogen wurde.» Auch deswegen habe er während der Therapie versucht, das offenbar unnütze, Nähe suchende Kind in sich zu ermorden. «Es hockt aber auf der Spitze eines Dreiecks. Und egal wie ich es auch versuche, ich schaffe es nicht hoch zu ihm. Ich weiss, wenn ich falle, sterbe ich. Ich bin zwischen den Welten gefangen. Ich werde unheimlich depressiv, setze mich hin, versuche, eine Zigarette zu rollen, und stürze ab. Doch in diesem Moment erscheinen Engel über mir und fangen mich auf. Ich nehme drei tiefe Atemzüge, die drei besten Atemzüge meines Lebens. Ich realisiere, dass ich es schaffen kann. Beginne wieder aufzusteigen, langsam, Atemzug um Atemzug. Nun aber, um das Kind in mir zu umarmen. Und ich begreife: Das ist das Dilemma der Menschheit. Die Spitze und der Abgrund, die Last und die Schwerelosigkeit, das zeitfordernde Schöpfen und das elend schnelle Zerstören.»

Seither versteht Schmulewitz das Leben als einen magischen Traum, den ein jeder durch Liebe prägen könne. Sehr wohl reflektierend, dass vieles um ihn herum mit Vorliebe tötet: «Rational betrachtet ist die Welt unerträglich. Und war es schon immer. Gott ist aber genau die Idee, die dich vor dieser Unerträglichkeit errettet. Dich mit offenen Augen träumen lässt.»

Schmulewitz möchte einen abendlichen Spaziergang in die Altstadt unternehmen. Auf dem Weg dorthin prangen an vielen Gebäuden Plakate mit der Aufschrift: «God bless Trump». Das achte Chanukka-­Licht ist entzündet, und die Mamilla Mall, die zur Altstadt führend noch einmal Edelboutiquen auffährt, ist voll bunter Lichterketten und Portemonnaieträger. «So you think, so you think you can tell heaven from hell?», covert ein grauhaariger Orthodoxer Pink Floyd auf seiner Gitarre. Schmulewitz biegt ohne Hast in eine der stillen Seitengassen ein. Zufällig die winzige Kirche der Aramäer, der ersten Jünger von Jesus, anlaufend. Zufällig für den unerweckten Betrachter, aber Schmule­witz will darin ein Zeichen sehen. 

«Es gibt keine Zufälle. Ich sollte diesen Ort heute sehen. Erinnert werden, dass auch die grossen Religionen vor ein paar tausend Jahren von Menschen mit Erleuchtungen gegründet wurden. Und keiner von ihnen sonderlich beliebt war zu seiner Zeit. Abraham hat seine Familie verlassen, um den epischen Weg in das gelobte Land anzutreten. Jesus war ein Jude, der sich hinstellte und allen widersprach. Dafür wurde er ermordet. Selbst Buddha kam aus einem streng religiösen Umfeld und erklärte irgendwann: Ihr redet alle Mist. Religion braucht jemanden, der die dekadent gewordene Orthodoxie von Zeit zu Zeit überwindet.»

Schmale Stufen führen auf ein Dach, von dem die goldene Kuppel des Felsendoms fast greifbar scheint. Eigentlich ist es ein ganzes Dächerareal, es heisst, man könne die Altstadt vollständig über die verbundenen Dächer überqueren. Hinter der Aksa-Moschee erstreckt sich der Tempelberg, und über beiden thronen mildgoldene Sterne. In solchen Augenblicken gibt es vielleicht keinen Ort der Welt, der mehr Welt ist als Jerusalem. Schmulewitz setzt sich zum Meditieren hin. Etwa zwanzig Meditationsminuten später fährt er fort:

«Ich habe in den letzten Monaten so viele Zeichen erhalten und erkannt. Ich denke an etwas, schlage die Kabbala wahllos auf, und genau das, woran ich dachte, steht dort geschrieben. Immer wenn ich einen düsteren Gedanken habe, klopfe ich dreimal auf Holz, um ihn zu vertreiben. Das macht man so im Judentum. Als ich das neulich im Keller meiner Eltern getan habe, bildete sich aus diesen Punkten plötzlich ein dreidimensionaler Davidstern um mich herum.»

«Haben Sie manchmal Angst, die Kontrolle zu verlieren? Sich selbst nicht mehr zu erkennen vor lauter Erleuchtung?»

«Ich habe mich schon sehr verändert. Und ein wenig macht es mir Angst. Andererseits ist das ja auch der Sinn einer Erweckung. Natürlich ist Gott in den Menschen, und natürlich besucht uns der Messias gelegentlich.

«Und jetzt sind Sie es?»

«Vielleicht bin ich es. Aber zu glauben, dass man DER EINE sei, ist gleichzeitig infantil. Ich habe die Gabe, mein Ego nicht. Und solange ich mein Ego nicht überwunden habe, halte ich mich zurück. Von den selbstsüchtigen, den falschen Propheten haben wir wirklich schon genug.»

Donnerstags, einen Tag vor dem Sabbat, sind die Nächte der meistbesungenen Stadt der Welt am bassigsten. Die Ben-Yehuda-Strasse ist nur so gespickt mit Goldkehlen, Breakdancern, Trommlern, Jongleuren und überquellenden Bars, die ihre Anlagen um die Wette aufdrehen. Aufgetakelt, dosenwodkafroh, rauchschwanger: Fast mallorquinisch kann diese Meile sein. Obwohl die Stadt immer weniger säkulare Bewohner zählt. Sowohl die orthodoxen jüdischen als auch die muslimischen Mütter Jerusalems gebären durchschnittlich 6,5 Kinder, die donnerstags eher nicht feiern gehen werden. Zum einen gebären sie so exponentiell, weil der jeweilige Gott ihnen vorgibt, fruchtbar zu sein. Zum anderen, weil mit der Gruppengrösse auch die Stimmmacht bei Wahlen wächst. Hinzu kommt, dass viele orthodoxe Juden weltlichen Broterwerb ablehnen und sich ganz dem Studium der Heiligen Schrift widmen wollen. Auch deshalb ist die ruhmreichste Stadt der Welt statistisch die ärmste im Heiligen Land. Donnerstags jedenfalls feiern die, die tagsüber arbeiten und tendenziell verhüten.

Ein wenig von der Hauptschlagader entlegen, in einem Hinterhof mit kleinem Regenbogenfähnchen, liegt die Video-Bar. Jerusalems einzige Bar, wenn nicht überhaupt einziger Ort, für Homosexuelle. Bewusst in der Nähe einer Polizeistation, falls wieder Molotow-Cocktails fliegen. Zum Eingang der Video-Bar kommen ab und an Nachtschwärmer, die kurz stehen bleiben und wieder gehen. Um später wieder zu kommen, etwas näher heranzutreten und erneut hastig abzudrehen. Ein paar dieser Donnerstagsbürger finden erst beim dritten Anlauf den Mut, auch wirklich einzutreten. An der Wand knutschen Batman und Robin, im hinteren Teil ist ein kleiner Dancefloor. Britney Spears singt vom «taste of your poison paradise». Arabisch und Hebräisch werden so fröhlich durchmischt wie nur selten in dieser Stadt gesprochen. Warum auch nicht? Schwer vorstellbar, dass die religiös Ausgestossenen aller Seiten sich in der Video-Bar wegen des Zugangs zur Al-Aksa-Moschee in die Langhaartoupets kriegen. 

Alona, heute eher Frau als Mann, in Leopardenmantel, rotem Lippenstift und High Heels, verhindert, dass von der Familie verstossene Schwule Selbstmord begehen. Sagt sie zumindest, auf der Veranda der Bar rauchend. «Ich bin die Queen der orthodoxen Schwänze in Jerusalem, ihr Hoffnungsschimmer. Glaub mir, es gibt verdammt viele verkappte Schwule unter den Orthodoxen.»

«Und wie lernen Sie sie kennen?»

«Muss ich nicht. Sie kennen mich und kommen auf mich zu. Ganz schüchtern im Alltag, oft beim Einkaufen auf dem Mahane-­Yehuda-Markt. »

«Und dann?»

«Dann gebe ich ihnen, wonach sie sich so sehr sehnen. Ich finde sie sexy in ihren schwarz-weissen Kostümchen. Mit ihrer Jungfräulichkeit.»

«Das klingt, als würden Sie ein ziemlich freies, queeres Leben in Jerusalem führen, Alona.»

«Ich komme überall zurecht, auch in Jerusalem. Ich bin einfach ich, ich habe keine andere Wahl.»

«Ach ja?», mosert Joat, Alonas Begleiterin. Ebenfalls eher stark geschminkte Frau als Mann, einen voluminös violetten Flauschschal um das goldene Kleid drapiert. Das wiederum einen recht übergewichtigen und glatzköpfigen Körper umspannt.

«Wenn du so frei bist, warum gehst dann nie in diesem Outfit zur Arbeit? Oder zumindest mal geschminkt?»

«Das muss ich nicht», antwortet Alona, die als Sicherheitsmann in einem öffentlichen Gebäude Jerusalems arbeitet. Der Dancefloor ist inzwischen lückenlos eingetanzt und die Rummachquote pro Song mit Jerusalems religiöser Geburtenrate vergleichbar.

Ob einer der Tänzer heimlich im Morgengrauen nach Mea Shearim, dem ältesten ultra-orthodoxen Viertel Jerusalems, zurückschleichen wird? Weit wäre es nicht zwischen den Welten, zu Fuss nur zehn Minuten. Schnell vorbei am Ortseingangsschild, das Fremde dazu auffordert, nicht einzutreten. Wer diese Schwelle dennoch übertritt, sieht ein von der Moderne kaum angerührtes jüdisches Leben. Zwischen baufälligen, wild verkabelten Häuschen und wüst vermüllten Strassen, in denen doch Ordnung herrscht. Ein Leben in fürsorglich engen, aussenweltbereinigten Gemeindegassen. Wo Kinder, Kinder und noch mehr Kinder Hand in Hand flanieren, manche Mütter sich gänzlich verhüllen. Über dem Gesicht tragen sie einen Schleier, vom Körper ist ebenfalls nichts zu sehen. Hier kennt jeder jeden, hier kann ein Donnerstagsschleicher nicht lange unerkannt bleiben. Selbst wenn kurz vor Sabbat grosse Hektik herrscht. Weil jeder noch seinen Feiertagsfisch und seinen Kringel einheimsen will. Kompliziertere Konsumwünsche sollte man nicht hegen, weder Britney Spears’«Toxic»-Song noch einen Fernseher kriegt man in Mea Shearim einfach so. Um 15 Uhr 43 gehen überall im Viertel Lautsprecher an. Melancholisch beschwingte hebräische Musik schallt durch Mea Shearim und verlautbart den Beginn des Sabbats. Nun wird das Viertel abgeriegelt, um einen Tag lang noch ungestörter mit Gott, mit sich und untätig zu sein. Wie schön muss diese Musik klingen, wenn sie einem das Leben lang die herrliche, strikt vorgeschriebene Pflichtlosigkeit verkündet hat? Wie schwer es wohl ist, von hier fortzugehen und sie nie wieder zu hören, um nicht nur Donnerstagnacht ein heimlich freier Sünder zu sein?

«Diese Stadt reisst jedem die Maske vom Gesicht. Sie duldet kein Verstellen», bestätigt Pater Nikodemus Schnabel. Priester und Leiter der Dormitio-Abtei, eines Benediktinerklosters am Berg Zion. Seit sechzehn Jahren in Jerusalem, 1978 in Stuttgart geboren, gemäss dem Amtsgelübde bis ans Lebensende an seinen Orden im Nahen Osten gebunden. Und genau hier wollte Pater Nikodemus auch hin. Seine Abtei steht dort, wo Jesus sein letztes Abendmahl zu sich nahm. Eine Stätte der tiefen Besinnung, hoch erhoben über dem alltäglichen Lärm der heiligen Stadt. «Um fünf Uhr morgens, während der ersten Gebete bei Sonnenaufgang, ist Jerusalem gerade durch die Tiefreligiösen zum Verlieben. Dann hat Jerusalem kein Syndrom und ist überhaupt nicht therapiebedürftig.»

Wären da nicht die Brandanschläge auf sein Kloster. Oder die Schmierereien an der Fassade, die allen Christen den Tod verheissen. Die nahegelegenen Siedlungen der radikal-religiösen Hügeljuden, de­rentwegen eine permanente Polizeistation vor Ort eingerichtet werden musste. «Ich verstehe, warum Jerusalem eine perfekte Stadt ist, um Atheist zu werden. Im Alltag, wenn ich die Klostermauern verlasse, werde ich oft angespuckt, angerempelt, getreten. Die Radikalreligiösen rufen gern mal: ‹Hau ab nach Rom!› Hier ist nichts egal, hier liegt alles blank. Auch ich.»

Das unmittelbar sichtbare Gesicht von Pater Nikodemus ist dennoch ein sehr offenes, weiches, rotwangig lebenslustiges. Man kann sich den erst 39-jährigen Pater auch als Stimmungsmacher an einer Biertheke vorstellen, wenn er mit kehligem Einheizerlachen Hände schüttelt und Witze reisst. Ein Eindruck, der sich sofort verflüchtigt, sobald der Pater im einfühlsamen Ton des Seelsorgers vorträgt.

«Und welches Gesicht sahen Sie im Spiegel, als Jerusalem Sie demaskierte?»

«Ich sah und sehe meine Abgründe. Manchmal will ich denen, die mich anspucken, einfach in die Fresse hauen. Aber wenn ich die Gottsuche ernst nehme, mit dem Gedanken, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, dann ist Gottsuche auch Menschsuche. Wer bin ich also, dass ich mit einem Menschen fertig werde? Dass ich einen Menschen in eine Schublade stecke?»

Auch mit jenen, die im Spiegel plötzlich eine Gottheit sehen und bei Dr. Katz landen könnten, will der Pater nicht fertig werden. «Die haben wir immer wieder da. Die tun ja keinem was, hüpfen rum, brabbeln, ziehen sich vielleicht komisch an. Aber wenn die Kirchen diese Leute ausstossen, wo sollen sie denn hin?» Schwierig werde es allerdings schon, wenn die mühselig Beladenen im Garten des Klosters zu Komfort finden und so gar nicht wieder gehen wollen. 

In wenigen Stunden wird Pater Nikodemus die Weihnachtsmesse abhalten. Als wohl einziger Katholik weltweit vor einer grösstenteils jüdischen Zuhörerschaft predigend. Währenddessen feiert Bethlehem bereits, der Geburtsort Christus, eigentlich nur neun Kilometer, aber auch einen weitläufig zu umfahrenden Grenzwall entfernt. Eine Parade auf dem Marktplatz, wo sich Geburtskirche und die Omar-­Moschee Auge in Auge gegenüberstehen. Eine Big Band in militärisch anmutenden Uniformen spielt «Jingle Bells» mit arabischer Akzentuierung. Nur scheint das palästinensische Bethlehem gerade eher nicht so empfänglich für Weihnachtslieder aus Trumpistan. Ein Plakat mit lila angezogenem Nikolaus wünscht Merry Christmas, ein noch grösseres darüber erinnert daran, dass Jerusalem ewige Hauptstadt Palästinas bleibt. Die Stadtbewohner verfolgen ihre Parade mit einer seltsamen Mischung aus Pflichtbewusstsein, Schaulust und Irritation. Zwischen den Reihen drängen sich minderjährige Kaugummi- und Regenschirmverkäufer. Um die Reihen herum kreisen angespannte palästinensische Soldaten und eine Vielzahl internationaler Kamerateams. Um alle peitscht ein feindseliger Wind, der auf die eigentlich milde Wintersonne pfeift.

Je weiter man sich vom theoretisch feierlichen Marktplatz entfernt, in Richtung Jerusalem, in Richtung militarisierter Trennwand, desto spürbarer wird, wie wenig Bethlehem nach Feiern zumute ist. Der auf das Fest pfeifende Wind hat am Abend dank zahlreichen Regengüssen ein Pfützenmeer in die Altstadt geweht. Dennoch ist die Dormitio-Abtei zur mitternächtlichen Messe von Pater Nikodemus voll bis auf den letzten Platz. Auch Omri Schmulewitz, der sich zutraut, das Geburtstagskind zu beerben, ist gekommen. Lauscht mit geschlossenen Augen, ein Steinchen an seine Stirn haltend, das sein drittes Auge symbolisieren soll. Mal beseelt lächelnd, dann wieder etwas verzagt. Pater Nikodemus gewinnt das jüdische, überraschend junge Publikum schnell für sich. In weiss-goldener Robe von seiner Kanzel scherzend: «Ich bin nicht hier, um Sie zu konvertieren. Wenn der Messias erscheint, können wir ihn ja fragen, ob er zum ersten Mal komme. Wenn ja, haben Sie recht, wenn nicht, wir.» Der Pater verkündet, dass Gott nicht nur überwachend und rachsüchtig sei. «Sondern voll von Liebe und Leidenschaft. Ja, allmächtig, aber ein Gott des Friedens, des Lichts und der Vergebung.»

Schmulewitz vergibt dem Pater anschliessend, dass die Messe «zu Mainstream» war. Und auch dem Publikum sieht er nach, dass es nicht hingebungsvoll genug Andacht hielt, nebenbei Handyfotos knipsend. «Aber das ist vielleicht auch nur mein Ego, das kritisiert. Wovon soll der Pater auch sprechen, wenn nicht von Liebe und Vergebung? Religion sollte nichts Kompliziertes sein.»

Ein paar Kilometer weiter stehen die Strassen des unsagbaren Viertels Kafr Akab unter Wasser. Einen halben Meter hoch. Die Tage des Zorns sollen fortgesetzt werden. Dr. Gregory Katz wird in ein paar Stunden mit den Resten seines Humanismus in der Arzttasche zur Arbeit gehen. In der vergöttertsten Stadt der Welt ist heute kein Feiertag.

 


Besondere Orte

Jerusalem ist nicht die einzige Stadt, der ein bestimmtes Syndrom zugeordnet wird. Sehr «bezaubernd» etwa ist das Florenz-Syndrom: Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Schriftsteller Stendhal beschrieben, soll es vor allem Künstler befallen, die sich in Florenz angesichts der allumgebenden Kunst auf einmal ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst werden – und als Folge dessen Symptome wie Atemprobleme und Herzrasen entwickeln. Bekannter ist das sogenannte Stockholm-­Syndrom, bei dem die Geisel während einer Geiselnahme Sympathien für den Entführer entwickelt. Den umgekehrten Fall gibt es allerdings auch: Der Geiselnehmer entwickelt positive Gefühle für seine Geisel. In einem solchen Fall spricht man vom Lima-Syndrom. Weniger extra­vagant, aber nicht weniger ernst, ist das New-York-Syndrom, das paradoxerweise keinen Verlust des Realitätssinnes, sondern gerade dessen Gewinn beschreibt. Hinter der psychischen Verstimmung verstecken sich jene Existenzängste und Depressionen, die sich bei jungen Menschen einstellen, die voller Hoffnung auf den amerikanischen Traum und ein erfolgreiches Leben nach New York gehen – um dann festzustellen, dass sich ihr Traum so einfach doch nicht verwirklichen lässt. Bei diesem Syndrom wird der Träumer also zum Realisten. Und genau deswegen, man kann es ihm nicht verübeln, seelenkrank.

Besonderer Humor

Nie wurde das Jerusalem-Syndrom auf solch herrlich komische Weise ad absurdum geführt wie in dem Klassiker Monty Python’s Life of Brian: In der Satire von 1979 wird der junge Brian wider seinen eigenen Willen zum Messias (v)erklärt, dabei will er nur die schöne Judith für sich gewinnen – ansonsten will er seine Ruhe. Bitterböse endet der Film mit dem Song Always Look on the Bright Side of Life, während Brian und ein Dutzend anderer Verurteilter an Kreuzen baumeln. Der Song wurde ebenso berühmt wie der Film, Letzteren wählte das British Film Institute trotz vielen Kontroversen unter die hundert besten britischen Filme.

Autor

Dmitrij Kapitelman, 31, hat Jerusalem bis jetzt dreimal in seinem Leben besucht – und die Stadt als «wahnsinnig anstrengend» empfunden. Aber tatsächlich auch als einen besonderen Ort: «Es ist schwer zu verbalisieren», sagt er, «aber du spürst an diesem Ort viel unmittelbarer als anderswo, wie bedeutsam Religion für Menschen sein kann.» Kapitelman ist selbst jüdischer Abstammung, sagt aber von sich, er sei «hebräisch geprägter Atheist».

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