Julia & Romeo 1991

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Margarita ist Armenierin, Abulfas ist Aserbaidschaner. Eine Liebesgeschichte aus einem nicht beendeten Krieg.

Swetlana Alexijewitsch

Wenn ich schlafe, verschränke ich noch immer die Arme hinterm Kopf, eine Gewohnheit aus der Zeit, als das Glück noch da war. Ich habe so gern gelebt! Ich bin Armenierin, aber geboren und aufgewachsen bin ich in Baku. Am Meer. Mein Meer! Ich bin weg von dort; die Menschen und alles andere haben mich enttäuscht, ich liebe nur das Meer. Ich sehe es oft im Traum – grau, schwarz, violett. Und die Blitze! Die Blitze tanzen mit den Wellen. Ich schaute gern in die Ferne, wenn abends die Sonne unterging, sie ist abends so rot, dass man glaubt, es müsse zischen, wenn sie ins Meer sinkt. Die Steine, die sich am Tag erwärmt haben, sind wie lebendig. Ich schaute gern aufs Meer, morgens und am Tag, abends und in der Nacht. Nachts kamen die Fledermäuse, vor denen hatte ich grosse Angst. Die Zikaden zirpten. Der Himmel war voller Sterne. Nirgendwo sonst gibt es so viele Sterne. Baku ist meine absolute Lieblingsstadt. Meine liebste Stadt, trotz allem! Meine Mutter und ich gingen gern in die Teestube, roten Tee trinken. Meine Mutter ist jetzt in Amerika. Sie weint und hat Heimweh. Und ich bin in Moskau.

 

In Baku wohnten wir in einem grossen Haus. Es gab einen grossen Hof, da wuchs ein Maulbeerbaum, mit gelben Maulbeeren. Die schmeckten! Wir lebten alle zusammen, wie eine Familie – Aserbaidschaner, Russen, Armenier, Ukrainer, Tataren. Tante Klara, Tante Sara, Abdullah, Rüben. Die Schönste war Silva, sie war Stewardess, ihr Mann Elmir war Taxifahrer. Sie war Armenierin, er Aserbaidschaner, aber das störte niemanden, an Bemerkungen in dieser Richtung kann ich mich nicht erinnern. Wichtig waren andere Kriterien: ob jemand ein guter Mensch war oder ein schlechter, geizig oder grosszügig, ein Nachbar oder ein Gast aus demselben Dorf, derselben Stadt. Alle hatten dieselbe Nationalität – alle waren sowjetisch, alle sprachen russisch.

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