Julio versteht Kartoffeln

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In den Bergen Perus hegen Bauern einen Schatz aus Hunderten Sorten jener Knolle, die eins in Europa Millionen vor dem Hungertod bewahrte.

Eliezer Budasoff

Julio Hancco baut dreihundert Kartoffelsorten an und erkennt jede einzelne an ihrem Namen: Schwiegertochters Träne, Roter Schweinedreck, Kuhhorn, Gestopfte Mütze, Harte Pantoffel, Gefleckte Pumapfote, Schwarze Lamanase, Schweinehoden, Meerschweinchenfötus, Babyfutter zum Abstillen. Es sind keine lateinischen Namen, sondern solche, die die Bauern wählen, um die Kartoffeln zu klassifizieren, je nach Aussehen, Geschmack, Charakter und ihrer Beziehung zu anderen Dingen. Fast alle Kartoffelsorten, die Hancco in mehr als viertausend Meter Höhe auf seinen Äckern in den peruanischen Anden von Cusco produziert, haben ihren Namen. Manchmal pflanzt er eine neue Kartoffelsorte an, dann kann der Herr der Kartoffeln ihr einen neuen Namen geben. Puka  Ambrosio – puka  bedeutet auf Quechua rot –, eine Sorte, die nur bei ihm angebaut wird, hat Hancco zu Ehren eines seiner Neffen so benannt, der bei einem Sturz von einer Brücke ums Leben gekommen ist. Ambrosio Huahuasonqo war ein freundlicher Bauer, fügsam wie Kartoffelpüree, der seinem Onkel überallhin folgte und die Leute mit seinen Spässen für sich einnahm. Sein Quechua-Spitzname beschrieb sein Wesen: Huahuasonqo  heisst übersetzt «Herz eines Kindes». Die Kartoffel, die seinen Namen trägt, ist länglich, zart, leicht süsslich, mit hellgelbem Fleisch und einem roten Ring in der Mitte. Sie ist eine der Lieblingskartoffeln von Hancco, einem Landwirt, der nur Quechua spricht und selbst einen lateinischen Namen trägt: Julio bedeutet «mit starken Wurzeln».

An einem Frühlingsabend hebt Julio Hancco in seinem Haus die Hand, gross und runzelig wie Baumrinde, und zeigt auf den Teller auf dem Tisch.

«Iss, Sohn», sagt er in seinem gebrochenen Spanisch. «Iss, Sohn, das ist Kartoffel.»

Im Haus von Hancco – einem fensterlosen Steinraum mit einem alten Tisch und einer Kochstelle – ist es so dunkel, dass man nicht sehen kann, ob er das lächelnd oder mit ernster Miene sagt. Seine Frau sitzt auf einem Bänkchen, das auf dem blanken Erdboden steht, und rührt im Topf Brühe um. Auf dem Esstisch kühlt eine Portion Kartoffeln der Sorte Puka  Ambrosio ab. Sie sind köstlich, aber die meisten Peruaner werden sie nie zu probieren bekommen. Wir wissen, dass der Ursprung der Kartoffel in Peru liegt und dass die Landwirte in den Anden über dreitausend Sorten anbauen, aber wir wissen fast nichts über sie. Wir wissen, wo ein iPhone hergestellt wird, wer der reichste Mann der Welt ist, welche Farbe die Oberfläche vom Mars hat, wie der Sohn von Messi heisst, aber über die Lebensmittel, die wir tagtäglich essen, wissen wir fast nichts. Wenn es zutrifft, dass wir sind, was wir essen, dann wissen die meisten von uns nicht, wer sie sind.

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