Justine van der Leun im Gespräch

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Justine van der Leun, Autorin von Wenn eine Frau schiesst, im Gespräch.

Esther Göbel

Reportagen: Warum begannen Sie vor knapp zwei Jahren, im Fall Nikki Addimando zu recherchieren?

Justine van der Leun: Ich interessiere mich sehr für den grösseren Themenkomplex, besonders auf Frauen bezogen: Menschen, die vor Gericht dafür kriminalisiert werden, dass sie überlebt haben. Am einfachsten kann man dies durch ein Beispiel verstehen – und Nikki ist so ein Beispiel. Ich las von ihrem Fall, ich hatte gerade ein Baby bekommen, konnte nicht mehr reisen für meine Arbeit, aber ihr Fall hatte sich nur einige Stunden von New York entfernt ereignet. Ich lebe in New York, also dachte ich: «Ich schaue mir das einfach mal an.» Aber als ich das getan hatte, wurde die Recherche immer grösser und grösser! Ich habe von Dezember 2018 bis Mai 2020 an diesem Fall und meinem Stück gearbeitet. Nicht immer in Vollzeit, während mehrerer Monate aber schon. Ich wollte ursprünglich nicht täglich ins Gericht fahren. Aber als ich dort war, dachte ich: «Oh Gott, du musst dorthin gehen, du musst das sehen, damit du es verstehen kannst.» Also ging ich weiterhin zur Verhandlung.

 

Als Sie Ihre Recherche begannen, waren Sie in irgendeiner Weise voreingenommen? Also beispielsweise klar auf Nikkis Seite?

Das ist eine interessante Frage: Wann ist man voreingenommen, und ab wann ist man nicht mehr objektiv? Ich denke nicht, dass ich voreingenommen war. Meine Haltung ist – im Gegensatz zu Polizei, Strafverfolgung und selbst der Gesellschaft – eine glaubende. Will heissen: Ich gehe zunächst einmal davon aus, dass es stimmt, wenn jemand sagt «Mir wurde dies oder jenes angetan». Natürlich gibt es Platz dafür, dass sich eine solche Aussage als falsch herausstellt, aber ich begegne der Person vor Gericht nicht mit Misstrauen. Das ist etwas anderes, als voreingenommen zu sein. In Nikkis Fall gab es von Anfang an eine Menge Beweise für das, was sie sagte: dass sie auf schreckliche Weise missbraucht worden sei von dem Mann, den sie getötet hatte. Und meine Recherche bestätigte diese Beweise.

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