König der Türmchen

Seine Bauten bilden die Skyline der Kleinstadt Chur. Mit «Little Dubai» setzt Thomas Domenig seinem Lebenswerk die Krone auf.

Margrit Sprecher

Hier ist alles Chef. Der Ledersessel, der ihn wuchtig umfasst. Die strategisch mit Papieren ausgelegte Schreibtischlandschaft. Und die schiere Grösse des Büros, nicht irgendwo gelegen, sondern im «höchsten Hochhaus Graubündens», wie er am Telefon präzisierte. Natürlich hat er den Wolkenkratzer selbst gebaut. Wie alles andere auch, was auf dem Churer Stadtplan gelb gefärbt ist. Thomas Domenig kennt das ungläubige Staunen der Besucher beim Anblick der grell getupften Karte. Er nimmt es zum Anlass, um seinen mächtigen Körper auf seinem mächtigen Stuhl herumzuschwingen und den Plan zu betrachten, als sehe er ihn zum ersten Mal. Fast ein Drittel von Churs Fläche ist markiert. «Dabei ist das nicht mal der neuste Stand. Die Farbe ist mir ausgegangen.» Wären Thomas Domenigs Bauten Vorposten einer feindlichen Armee – Chur wäre verloren. Im Norden umzingeln seine Hochhäuser die Stadt im Flankengriff. Im Süden kontrollieren zwei brandneue Wolkenkratzer die Aus- und Einfahrt. Auch in der Altstadt hat Thomas Domenig seinen architektonisch wuchtigen Prankenabdruck hinterlassen. Hotels und Banken, Waren- und Parkhäuser – alles von ihm. Im mittelalterlichen Gässchen-Gewirr wirken seine Bauten, als stünden sie mit ausgefahrenen Ellbogen da.

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Keine andere Stadt der Schweiz, ja Europas wurde derart flächendeckend von der architektonischen Handschrift eines einzigen Mannes geprägt, von seinem Geschmack und seiner Vorstellung von Fortschritt. Als schäme er sich darüber, wie alt und verwittert Kathedrale, Rathaus und Martinskirche wirken, wie eng und unbegradigt die Gassen der Altstadt, versteckt er alles hinter einem Betonwall. Die Autos auf der A3 fahren an der Skyline einer amerikanischen Grossstadt vorbei. «Ohne uns wäre Chur noch immer ein Kaff», sagt Thomas Domenig. Dabei ist seine Arbeit noch lange nicht fertig. Sein grösster Coup steht erst bevor. Und der wird das Städtchen auf einen Schlag auf die architektonische Höhe von Dubai katapultieren. 
Schon sein Vater war Architekt. Ein kleiner freilich. «Konnte er mal ein Einfamilienhaus bauen, wurde das gefeiert.» Ihn selbst haben Einfamilienhäuser nie interessiert: «An u huara Stress.» All diese kräfte- und zeitraubenden Zweikämpfe mit «Luxusspinnern, die an ihren Luxusbauten unbedingt grüne Fensterläden haben wollen». Ihn reizte nur das Anrichten mit der grossen Kelle, der grosse Wurf, das Bauen von ganzen Quartieren. 
Bereits im Studium an der ETH Zürich waren seine Hochhäuser doppelt so hoch wie die seiner Mitstudenten. Professor Hans Hofmann riet ihm, seinen Hang zum Grossen in Amerika auszuleben. Thomas Domenig dachte nicht daran. Chur war schöner. In Chur kannte er sich aus. Hier konnte er ein Netzwerk nutzen, das in Sachen Beziehungen sämtliche Rotary- und Old-Boys-Clubs der Welt schlug. Wer hier die Matura macht, ist mit allen wichtigen Politikern, Bankern, Anwälten und Geschäftsleuten Graubündens per Du. Der weiss, wer Geld braucht oder Geld anlegen will. Und vor allem weiss er, wer Boden besitzt. Im Nu hatte Thomas Domenig zu Spottpreisen die halbe Rheinebene zusammengekauft. Hier eine Bauernfamilie, die aufgab, dort eine Erbengemeinschaft, die rasch Geld sehen wollte. Oder ein Geschäftsmann, der pleiteging, weil er öfter beim Frühschoppen als in seinem Büro sass. Den Sinn fürs Geschäft erbte Thomas Domenig von seinem Grossvater. Der Bauer hatte es durch geschickte Zukäufe zum grössten Bodenbesitzer weit und breit gebracht. 
Schon nach seinem ersten Auftrag erkannte Thomas Domenig: «Mit Architektenhonoraren wird man nicht reich.» Geld verdient nur, wer auf eigenem Boden und auf eigene Rechnung baut und die Häuser auch selbst bewirtschaftet. «Es ist der Mietzins, der etwas bringt.» Heute besitzt die Domenig Immobilien rund 6000 Objekte, angefangen bei Wohnungen bis zu Shoppingcentern und Hotels. Die Bilanz schätzt sein Vermögen auf 400 Millionen Franken. Trotzdem hat ihn das Wirtschaftsmagazin aus der Liste der 300 reichsten Schweizer gekippt. Es fand Newcomer wie Josef Ackermann, den ehemaligen Chef der Deutschen Bank, bekannter und interessanter. 
Für die Modernisierung seines Hauptquartiers an der Churer Belmontstrasse dagegen sieht Thomas Domenig keinen Anlass. Wie in den siebziger Jahren zwingen Tröge mit Hydrokulturen zu neckischen Richtungswechseln. Nur mit Ächzen und Stöhnen schliessen sich die Türen der arg geschundenen Aufzüge. Während der ruckelnden Fahrt halten die zusammengepferchten Passagiere den Atem an und blicken bang zur Decke. Ein Schild fordert sie zur sorgfältigen Benützung auf. 
Ebenso vorsintflutlich ist das Telefon auf Thomas Domenigs Schreibtisch; selbst der Lehrling würde das Ding nicht anfassen wollen. Handy und Computer sucht man vergebens. Sein Computer ist die Agenda. «Hier zum Beispiel», sagt er und schlägt wahllos eine Seite auf. Von weitem scheinen die Blätter voller geschwärzter Recht- und Vierecke. Von nahem erkennt man gedrängte Buchstabenhaufen in eckiger, gestochen scharfer Architektenschrift. «Da steht alles Wichtige. Wenn sich der Stadtpräsident nicht mehr erinnert, was er letztes Jahr gesagt hat, kann ich es ihm vorlesen.» 
Auch seine Buchhaltung hat er jederzeit präsent. Sie passt auf ein Notizblock-Blatt. Wie mit dem Lineal ausgerichtet, stehen die handgeschriebenen Zahlen untereinander. Darunter die Addition: 140 Millionen. So viel haben ihn die vor einem Jahr eingeweihten Zwillingstürme City West gekostet. Neben der Ziffer «30 Millionen» steht der Name Sachs. Gunter Sachs? Thomas Domenig nickt. Der Schulfreund, der den Playboy von Brigitte Bardot geschieden hatte, fädelte den Deal ein.
Andere Jungarchitekten starten ihre Karriere mit einer Garage oder dem Umbau eines Wintergartens. Thomas Domenig legte gleich eine Siedlung für 4000 Menschen hin. Jeder siebte Churer zog damals in seine Lacuna. Viel Luft und grüner Rasen ist zwischen den Hochhäusern und baumhohen Kuben, kein Schattenwurf trifft den Balkon des Nachbarbaus. «Der einzige Park, den Chur hat», sagt Thomas Domenig. Sein Vorbild war das Glatttal-Projekt gewesen, die erste moderne Überbauung der Schweiz aus den fünfziger Jahren. Sie bleibt für ihn bis heute das Mass aller Dinge. «Zeitgenössisch», sagt er. «Ohne jeden letzten Schrei mitzumachen.»
Mit zwei Fingern der Linken steuert Thomas Domenig seinen Range Rover durch seine Mustersiedlung; die Lamborghini sind ihm mittlerweile zu unbequem geworden. Dann lässt er das Auto auf dem erstbesten Parkplatz stehen. Dass ein fremder Firmenname auf dem Schild steht, kümmert ihn nicht. Zufrieden wie eine Hausfrau in ihrer sauber aufgeräumten Wohnung schlendert er zwischen seinen Hochhäusern herum, macht bald auf ein Schulhaus, bald auf den Teich aufmerksam. Tatsächlich, auch nach fünfzig Jahren sehen die Häuser noch immer tipptopp aus, so proper wie auf dem Reissbrett. Nirgendwo rinnt «die Sauce die Fassade herunter» wie bei der Billigkonkurrenz. «Spekulanten machen keine Bleche.» Die Betonböden sind 22 Zentimeter dick statt wie heute üblich 14. «Und alles ist solid und so grosszügig, dass ich auch selbst drin leben wollte.» 
Das hat er auch immer getan. Erst bezog er den 24. Stock seines ersten Wolkenkratzers. Jetzt wohnt er in einem seiner 40 Atriumhäuser, deren Waben den Bahndamm säumen. Ein grosser Wohnraum und zwei Schlafzimmer reichen ihm. Einziger Luxus: Das Atrium hat er mit einer Glaskuppel überdacht, damit er auch bei Regen im Liegestuhl unter einer Palme liegen kann. Kostete 150 000 Franken extra. 
Wie schön und gut seine Häuser sind, muss er selbst sagen. Oder schreiben lassen. Die beiden Bände seiner Firmengeschichte wiegen etliche Kilo. Die Fachwelt übersieht Thomas Domenig beharrlich. Keines seiner Werke wurde in einer Architekturzeitschrift gewürdigt, nirgendwo wird er lobend erwähnt. Für die Architektur-Kritiker klont er Renditebauten, die weder einen Bezug zu Graubünden haben noch Rücksicht auf ihre Umgebung nehmen. Geradeso gut könnten sie in Helsinki oder Sao Paulo stehen. Standardisierter Massenwohnungsbau halt wie vieles, was in den letzten vierzig, fünfzig Jahren entstanden ist. Funktional und phantasielos. Bedient den flachen Geschmack des gewerbetreibenden Mittelstandes. Ist mehrheitsfähig wie das Essen in der Kantine oder der Opel Golf. Kritik dieser Art erreicht Thomas Domenig nicht. Erstens ist sie ohnehin von Neid diktiert. Zweitens weiss jeder: «Wer sich im Beruf nicht durchsetzen kann, wird Experte.» Man muss sich nur den «immensen Seich» anschauen, der heutzutage prämiert wird. Bei der Fahrt durch die Stadt deutet seine Pfeife nach links und nach rechts. Hier ein «hässlicher Siech», dort ein glatter Würfel, der aussieht «wie das Haus, das ein Kind zeichnet, wenn man ihm sagt, es solle ein Haus zeichnen». Im neuen Bahnhof «stolpert man laufend über Randsteine und Geleise». Die Postautostation mit ihrem berühmten Glasdach erinnert ihn an «eine grosse Schildkröte». 
Manches konnte er glücklicherweise verhindern. Dazu gehört die Grossüberbauung zweier junger Architekten, Sieger eines von der Stadt Chur ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs. Ein Skandal, fand Thomas Domenig. Und beschimpfte das Projekt so lange öffentlich als «Interniertenlager» und «ein in seiner Phantasielosigkeit nicht zu überbietendes Werk», bis es die Stadt verängstigt auf Eis legte. 
Hemdsärmlige Einschüchterung, auch durch seine schiere körperliche Präsenz, gehört zu Thomas Domenigs wirksamsten Waffen. «Bisch bsoffa?», fuhr er den städtischen Unterhändler an, der ihm die 40 000 Quadratmeter des Churer Pulvermühle-Areals für 2,5 Millionen Franken anbot. «Darauf», erzählt Thomas Domenig, «ging er wieder heim.» Nach einem Jahr kam er wieder. Jetzt kostete das Grundstück noch 1,5 Millionen. Für Thomas Domenig noch immer ein Phantasiepreis. «Wieder ging er heim.» Ein Jahr später wurde ihm das Grundstück – «zum Letzten!» – für 850 000 Franken offeriert. Thomas Domenig kaufte es für 250 000. 
Je grösser allerdings die Distanz zum Churer Epizentrum, desto unwirksamer werden seine Angst und Schrecken verbreitenden Auftritte. Vergeblich stauchte er in der Bündner Herrschaft einen Gemeindepräsidenten zusammen, weil der gewagt hatte, den Schulhausneubau an die Konkurrenz zu vergeben. Statt zu kuschen, entgegnete der Präsident furchtlos: «Der Domenig muss nicht immer alles fressen.» 
Neun Uhr morgens im Sitzungszimmer von Domenigs Hauptsitz. Bereits hat die Pfeife des Chefs die Männerrunde gründlich eingenebelt. Neulingen tränen die Augen, schemenhaft erkennen sie hinter den Rauchschwaden die Griffe der geschlossenen Fenster. Alle haben Ordner und Papierberge vor sich aufgetürmt, auch als Schutzwall, so scheint’s. Nur vor dem Chef liegt lediglich eine Packung Tabak. «Neun Franken zwanzig», sagt er. «Wird auch immer teurer.» 
Thomas Domenig redet mit der selbstverständlichen Ausführlichkeit eines Mannes, den niemand zu unterbrechen wagt. Aufmerksam neigen die Anwesenden den Kopf, bereit, sofort zuzustimmen, sollte ihre Meinung gefragt sein. Einzig Sohn Jon raschelt mit seinen Papieren. Geradezu aufsässig laut wird das Rascheln, wenn der Vater vom «Gas geben» spricht und dabei seine Faust in die Luft stösst.
Die Herren vom EHC-Vorstand haben allen Grund, Thomas Domenig bei Laune zu halten. Sie wollen Geld. Als Einstieg servieren sie ihrem grössten Gönner einen Superlativ nach seinem Geschmack: Das Nachwuchsreservoir des Klubs ist das grösste «vom Bodensee bis Bellinzona». 240 Kinder und Jugendliche trainieren regelmässig auf dem Eis, das sind mehr als bei den Erzrivalen Arosa und Davos. Thomas Domenig nimmt es zur Kenntnis. Doch die Nachwuchsförderung kostet Geld. «Dürfen wir wieder von 160 000 Franken ausgehen?» Thomas Domenig stopft umständlich seine Pfeife. »Das sind 50 000 mehr als bisher. Kommt da was zurück?» Ebenso glatt wie die Erhöhung des Sponsorengeldes geht die erste Frau im Vorstand durch. «Sie wird vor allem für schönere Leibchen sorgen», versichert man ihm. 
Tatsächlich ist für Frauen in Domenigs Männerwelt wenig Platz. Zu Marianne, seit 45 Jahren seine Gattin, fällt ihm nur ein, dass sie eine «sehr bescheidene Person mit einem extremen Gerechtigkeitsgefühl» ist. Sie selbst möchte lieber nichts dazu sagen. Nein, auch nicht in Erscheinung treten. Seine beiden Töchter machten, was Frauen so machen: Das KV und das Lehrerseminar. Dass Laetitia mehrfache Bündner Meisterin im Springreiten wurde, ist zwar o.k., doch nicht besonders wichtig. 
Der EHC ist Thomas Domenigs teuerstes Hobby. Ähnlich wie Constantin in Sion, Hotz in Zürich oder Oehler in St. Gallen hält er sich seine eigene Spielermannschaft. Er baute dem Klub ein Hallenstadion und zog ihn schon etliche Male «aus dem Dreck». Verlierer duldet er keine in seinem Reich; Niederlagen nimmt er persönlich. Einmal warf er nach einem verpassten Sieg einen Aschenbecher aufs Eis. Jetzt ärgert er sich über einen Sportjournalisten, der zu parteiisch über den letzten Match berichtete. «Den Mann werde ich mir vorknöpfen», knurrt er. Und fuhrwerkt an seiner Pfeife herum, als wär’s der Missliebige persönlich. Es wäre nicht sein erstes Vorknöpfen. Schier jeder Journalist, der mit ihm zu tun hatte, hatte schon einen tobenden Domenig am Ohr. Für ihn sind Schreiberlinge da, um Werbung für sein Unternehmen zu machen. Das tun sie meist auch ohne Widerrede. Pflichtschuldig handeln die Bündner Zeitungen jede neue Domenig-Überbauung ab. Und eben liegt auf seinem Schreibtisch der Abzug eines Artikels, den ihm die Südostschweiz zur Korrektur vorlegte. Thomas Domenig zeigt sich zufrieden mit der Hommage zu seinem 80. Geburtstag: «Ich musste nur zwei, drei Zahlen ändern.» 
Umso tiefer traf ihn Roland Hubers Fernsehporträt. Es bleibt bis heute die einzige kritische Auseinandersetzung mit dem reichsten Mann Graubündens. Noch immer, zehn Jahre später, kommt Thomas Domenig über die «dreckigen Pointen» im Film nicht hinweg. Besonders dreckig fand er jene Stelle, wo ein Elefant ohrenschlenkernd auf ihn zuläuft, unterlegt von der Reporterfrage: «So machen Sie wohl Ihre Geschäfte, Herr Domenig?» 
Thomas Domenig hat nie gelernt, auf dem Medienklavier zu spielen. Was Crossmedia bedeutet, weiss er, im Gegensatz zu Stararchitekten wie Peter Zumthor, nicht. Der beherrscht die Kunst, mit gekonnter Gleichzeitigkeit in Zeitungen und Zeitschriften, Kino und Fernsehen aufzutauchen und damit ein Maximum an Publizität zu ernten. Ein Domenig dagegen lafert nicht. Er liefert Fakten, und zwar aus Beton. Zudem ist er kein grosser Kommunikator. Deshalb sagte er auch erst seine Teilnahme am Flimser Architekturpodium ab: «Ich hab so viel am Ranzen.» Dann erschien er trotzdem, dem Veranstalter Reto Gurtner zuliebe, der als Schöpfer der Weissen Arena ein Macher seines Zuschnitts ist. 
Moderator Köbi Gantenbein, Chefredaktor der Architektur-Zeitschrift Hochparterre, hatte auf ein Streitgespräch gehofft, bei dem die Funken stieben. Hier Architekt Domenig, der seine Werke «Gugelhöpfe» nennt. Dort der architektonische Feingeist Robert Obrist, der alte Engadiner Häuser aushöhlt und sie für seine betuchte Kundschaft mit Bodenheizungen, ferngesteuerten Rollläden und geheizten Garagen-Auffahrten bestückt. Doch zum Streit kam’s nicht. Beide einte der gleiche Feind: die Bürokratie. Thomas Domenig möchte nur eines wissen: «Wie läuft der Hase in diesen Grinden?» Die verschärfte Totalrevision der Stadtplanung? «Nackter Horror!» Die Baukommission? «Intergalaktische Unfähigkeit!» Der Aufwand bei Baueingaben? «Purer Wahnsinn!»
Ja, finito die schönen siebziger Jahre, als im städtischen Bauamt 17 Leute arbeiteten und man, sagt Thomas Domenig, mit einem Memo kommunizieren konnte. «In 2 Monaten war eine neue Siedlung genehmigt.» Die Beamten teilten Domenigs architektonischen Geschmack. Je mehr Beton, desto moderner. Wie sie selbst hatte er garantiert weder Aristoteles noch Adorno gelesen. Erst als sich die Bauskandale mehrten, setzten Kritiker einen Stadtarchitekten durch. Nach zwei Jahren war der Spielverderber wieder weg. Einen Grund dafür wollte die Regierung nicht nennen. Doch ganz Chur wusste: Der Domenig steckt dahinter. Heute, klagt Thomas Domenig, beschäftigt das städtische Bauamt 44 Leute. Statt Praktiker wie früher, Bauzeichner beispielsweise, arbeiten dort lauter Hochschulabgänger, die keine andere Stelle fanden. «Logisch, haben sie kein Interesse an der raschen Erledigung eines Gesuchs. Sonst schaffen sie sich ja selbst ab.» 
Die Abneigung ist gegenseitig. «Willst du ein neues Denkmal bauen?», höhnt der Zuständige, wenn Thomas Domenig mit einem Projekt auf dem Bauamt erscheint. Domenig fühlt sich schikaniert, der Beamtenwillkür ausgeliefert. Seine Eingaben bleiben doppelt so lange liegen wie andere. Kein Wunder, muss er hin und wieder kreativ werden. Einen städtischen Angestellten, der sich seinen Plänen besonders hartnäckig widersetzte, schmierte er mit 25 000 Franken. «Ein anderer», sagt er, «gab sich mit einem Kühlschrank zufrieden.» 
Diese Geschichte von der Gier des ersten und der Dummheit des zweiten erzählt er gern öffentlich. Eine andere ebenfalls. Brühwarm erfuhr die Festgemeinde an der Eröffnung des Quader-Shoppingcenters, wie Thomas Domenig zur Baugenehmigung gekommen war: durch Erpressung. Er hatte seinerseits so lange Einspruch gegen ein städtisches Projekt erhoben, bis der Stadtpräsident vor seinen Augen den Wisch wider sein Shoppingcenter zerriss. Das Fernsehen zeigte einen Präsidenten, der bei Domenigs Rede mühsam um seine Fassung rang. Und dann trotzdem klatschte. 
Tatsächlich verachtet Thomas Domenig die Politiker ebenso lustvoll wie die Beamten: «Die haben alle Asthma.» Dass der Stadtrat nur noch 12 Jahre regieren darf, geht auf seine Initiative zurück. «Die nehmen alles zur Kenntnis und unternehmen nichts, um ja zwei Amtsperioden zu überleben.» Das sind lauter Subalterne, die nicht selbständig entscheiden können. Anders als Thomas Domenig, der am Telefon beschliesst, mit 350 000 Franken Defizitgarantie die marode Brambrüesch-Bahn auf Churs Hausberg vor dem Abbruch zu retten. Er stellt kurzerhand eine eigene Verkaufsmesse auf die Beine, die Gela, wenn ihm die offizielle Higa nicht mehr passt. Und er kauft sich, «zusammen mit ein paar andere Idealisten», den Flughafen Bad Ragaz, wenn ihn die Stadt nicht mehr auf dem Rossboden landen lässt. Genauer: «Ich hab bezahlt, und sie machten mit.» 
Doch vor ein paar Jahren ist er, irgendwie, an eine Grenze gekommen. Es ist nicht nur der administrative Sand im Getriebe. Es ist auch der Neid überall. Gerüchte zirkulierten. Einmal soll der Domenig pleite sein, einmal gar tot. Oder es brennt auf Baustellen. Zudem ist Chur praktisch fertig gebaut. Es gibt kaum mehr Grundstücke, die seinen Grössenansprüchen genügen. 
Lange kreiste Thomas Domenig am Steuer seiner Piper über Afrika auf der Suche nach einem neuen Spielplatz. In Namibia wurde er fündig. Die 34 Quadratkilometer grosse Omaruru-Farm war noch völlig unverbaut. Heute ist sie eine Gäste-Lodge und mit 2000 Tieren bestückt. Natürlich ausschliesslich Grosswild: Zebras, Gnus, Elefanten, Springböcke und Wildkatzen. «War ein glatter Siech», sagt er und deutet auf die Geparden-Foto auf seinem Lodge-Prospekt. «Frass sogar Honig. Jetzt ist er ausgestopft.» 
Auch mit den 21 namibischen Ministern kann er es bestens. «Alles Respektspersonen, keine solchen Milchsuppenbrüder wie bei uns.» Grund für seine Begeisterung: In nur zwei Tagen war er im Besitz der Bewilligung für den Bau zweier Wohntürme mitten im verschlafenen Windhoek. Sein Enthusiasmus flaute freilich ab, als sich herausstellte, dass man dort zahlungsunfähige Mieter nicht einfach vor die Tür stellen konnte.
Sein liebstes Tier ist das Nashorn. Es amüsiert ihn, dass sich ein Lebewesen seinem Willen widersetzt und selbst das dickste Gehege durchbricht. «Und was die alles kaputt machen…» Ein stilisiertes Nashorn hält seine Krawattenbändel fest, Nashörner aus jeglichem Material stehen in seinem Büro herum. Auch der pensionierte Mitarbeiter, der ihm zum Geburtstag gratuliert, hat ein Nashorn unter dem Arm. Feiern mag Thomas Domenig freilich nicht gross. Mittags trifft er sich mit ein paar Leuten zum Essen. Freunde hat er keine mehr. Die einzigen beiden Menschen, die ihm wirklich nahestanden, sind tot. Der eine war ein Schulfreund, der andere Garagist. 
Heute lebt Thomas Domenig während der einen Hälfte des Jahres in Namibia. Früher peilte er seine Farm am Steuer der eigenen Maschine an. Heute fliegt er Swiss. Sein internationales Flugbrevet hat er verloren, weil sein Englisch zu schlecht war. Er machte keinerlei Anstalten, es zu verbessern. Auf dem Domenig-Planeten wird Churer Dialekt gesprochen. 
Selbst in den Monaten, in denen sich sein Gravitationsschwerpunkt auf die südliche Hemisphäre verlagert, bleibt Chur in seinem Einflussbereich. «Ich entscheide immer noch», sagt er. Notfalls steht er innerhalb von 24 Stunden in Chur. Einmal ging’s darum, einen lästigen Konkurrenten auszuschalten, einmal winkte ein grosses Geschäft, einmal musste er einen Eishockeytrainer entlassen, der es schaffte, «das Geld sogar mit zugenähten Hosentaschen auszugeben». Wie ein Racheengel tauchte der eben noch so ferne Domenig an der eilends einberufenen Medienkonferenz in Chur auf und diktierte den Sportjournalisten, was er zu lesen wünschte. Norbert Waser, heute stellvertretender Chefredaktor beim «Bündner Tagblatt», erinnert sich: «Noch bevor wir uns gesetzt hatten, donnerte er schon über unsere Köpfe: ‹Wenn mir schon einer ins Nest seicht, müsst ihr nicht noch dazu bisle!›»
Seine Söhne, beide Architekten, freut das Auftauchen des Vaters meist nur bedingt. Er reisst so vieles an, was sie auslöffeln müssen. Dass sie nach dem Studium in den väterlichen Betrieb zurückkehrten, war für alle selbstverständlich. «Zumal junge Architekten damals nirgendwo einen Job bekamen, und daheim konnten sie mich brauchen», sagt Jon. Erst freilich empfand er diese Rückkehr «als Schock. Aber ich war halt naiv.» Alles, was er schön fand, tat der Vater als Spinnerei ab. «Bereits bei meinem ersten Projekt stiess ich auf Granit.» Denn für den Vater zählte nur eines: Funktionell musste es sein und rentabel. Will Jon zeigen, was in ihm steckt, muss er für fremde Herren bauen. Sein «Rocksresort» mit 1400 Betten im Laaxer Skigebiet fand bei der Architekturkritik lobende Worte.
Inzwischen haben sich beide Söhne mit ihrem Vater arrangiert. Ihre Stellung hat ja auch Vorteile. Wo sonst können Architekten heutzutage Jahr für Jahr an die 80 Millionen verbauen? Jon überzieht den Osten Churs, die Sonnenhalden hinter den Spitälern, mit Einfamilienhäusern. Thomas krempelt das Industriequartier City West um. Seit kurzem ragen seine beiden 80 Meter hohen Zwillingstürme fremd und rein aus dem Wildwuchs des Gewerbeviertels. An der Eröffnung versichert der Festredner, der Bau sei «sicher die Idee des Vaters» gewesen. Im «10 vor 10»-Beitrag des Schweizer Fernsehens befragt die Reporterin vor allem Domenig senior. Thomas junior scheint es nicht zu stören. Durchaus bewundernd blickt er im Film zu seinem Vater auf. 
«Ich war beim Konzept dabei, klar», sagt Thomas Domenig jetzt, als die Türme am Horizont auftauchen. Das Shoppingcenter im Parterre ist menschenleer. Die Geschäfte sollen nicht so laufen, wie geplant. Viele mögen es den Domenigs gönnen. Thomas Domenig führt die Leere auf die frühe Morgenstunde zurück. Mit der Gemächlichkeit eines afrikanischen Grosswilds schiebt er sich durch die Gänge, weist auf die Shops bekannter Marken hin und die raffinierte Lichtgestaltung. Im Lift lobt er dessen Geschwindigkeit. Auf dem Dach kurvt er um die dicken Entlüftungsröhren. Dann lehnt er lange am Geländer. Zu seinen Füssen liegen Fabriken, Werkstätten und Garagen, die Hälfte davon in seinem Büro entstanden. Ist er stolz auf sein Werk? Das Wort passt ihm, irgendwie, nicht. Eher abgehakt. Erledigt. «Was gemacht ist, ist gemacht.» 
Und sein grösster Bau steht ja erst bevor. Er deutet auf eine der letzten Grünflächen im Dächergewirr, davor ein winziges Einfamilienhaus. Das Haus muss natürlich weg. Noch weigern sich die Besitzer, ihm das Land zu verkaufen. «Die Frau hängt an den Büschen im Garten.» Doch spätestens in zwei Jahren, schätzt er, ist die Sache spruchreif. Dann errichtet er dort einen dritten, einen eigenen Wolkenkratzer. Die Skizze zeigt ein Gebilde, das sich in graziöser Drehung nach oben zu winden scheint. Wie eine Vase. Oder ist’s ein Schiff mit geblähtem Segel? Wie auch immer: So hat Thomas Domenig noch nie gebaut. Sowas sieht man nur in Dubai. «Little Dubai», bestätigt Thomas Domenig. Neben dieser Kreation wirken die Zwillingstürme seines Sohnes klein und stur wie die Pole eines Steckers. Feinde, die glaubten, er sei längst weg vom Fenster, werden sich ärgern: Der Domenig ist immer noch der Grösste. Und Kritiker, die seine bisherigen Werke als flach und phantasielos belächelten, werden staunen: Wenn er will, kann der Domenig auch anders. Nämlich kühn sein wie ein internationaler Stararchitekt. Nur hat er bisher nicht gewollt. 

 

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