Katharina sucht ihr Ich zwischen Punk und Plattenbauten

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Dunkelhäutig, Ostdeutsche, Arbeiterkind – eine Frau, die immer anders ist.

Christoph Dorner

Wir fuhren mit dem Regionalzug: Potsdam, Magdeburg, Halberstadt. Raus aus Berlin, durch die lichte Weite Brandenburgs und vorbei an den verrosteten Industrieanlagen Sachsen-Anhalts, hinein ins Dunkelgrüne. Die Frau, mit der ich im Zug sass, hiess Katharina. Sie war 34 Jahre alt, lebte in Berlin und schrieb an ihrer Doktorarbeit in Literaturwissenschaft. Auf der Fahrt redete sie vor allem über Punk.

Wernigerode, Katharinas Heimatstadt, lag auf einmal vor uns, anmutig und traumversunken, zwischen Feldern und Hügelland. Der Brocken, höchster Berg im Norden Deutschlands, Festungsphantasie der Nazis, militärisches Sperrgebiet und Horchposten des sowjetischen Geheimdienstes im geteilten Deutschland, ein teutonischer Mythos, bedichtet von Goethe, Heine und Fontane, verbarg sich an diesem Herbsttag hinter grauen Wolken. Das Städtchen faszinierte mich, vielleicht, weil ich ahnte, dass Katharinas Geschichte wenig zu dieser heimeligen Atmosphäre passen würde. In Wernigerode gibt es eine zum romantischen Schloss ausgebaute Burg mit spitzen Türmen. Von Wald umschlossen, hängt sie über der Stadt wie ein Gemälde der Romantik. Es gibt ein Rathaus aus dem 13. Jahrhundert und enge Gassen mit gedrungenen Fachwerkhäusern. Vom Bahnhof aus bringt eine pechschwarze Dampflokomotive im Jahr über eine Million Menschen auf den Berg, wo der «Faust» als Rockoper aufgeführt wird. Als Kulisse für eine ziemlich deutsche Vorstellung von Heimat ist Wernigerode das geworden, was Politiker gerne eine «ostdeutsche Erfolgsgeschichte» nennen.

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