Kein Aloha für Syngenta

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Wie der Basler Agrarkonzern versucht, den Bewohnern einer Insel die Demokratie zu rauben.

Michaël Jarjour und Julie Zaugg

Bernard Carvalho greift sich den Zettel mit den Namen darauf, den ihm seine Stabschefin reicht, fährt mit seinem Finger über die obere Hälfte der Namen und stoppt in der Mitte. «Die untere Hälfte ist raus.» Ersten Auszählungen nach ist die Wahl seines neuen Gemeinderates viel besser gelaufen, als der Bürgermeister es sich gewünscht hatte. Sein Gesicht zeigt die Freude eines Kindes, das soeben mit einem Streich davongekommen ist. «Das wird einige schockieren», sagt er noch immer grinsend und bemüht sich um staatsmännische Haltung. Er zieht ein weisses Tuch aus seiner Tasche, wischt sich eine grosse Menge Schweiss von der Stirn, steckt das Tuch zurück, richtet seinen Rücken auf und wirft mit beiden Händen die Glastür zum Bürgerzentrum auf. Seine Wahlparty ist in vollem Gange. Auf der Bühne greifen zwei Männer in die Saiten und lassen spanische Gitarrenmusik erklingen. Unter einem Dach orange- und türkisfarbener Ballons singt eine schöne, alte Frau eine fröhliche Version des Broadway-Songs On A Clear Day You Can See Forever. Auf einem Banner hinter ihr steht geschrieben: Carvalho – Action with Aloha. An langen Holztischen essen Dutzende seiner Anhänger ein spendiertes Dinner. Ein paar Köpfe drehen sich zur Tür, wo Carvalho seinen mächtigen Körper in den Saal wuchtet. Kein Zweifel: Das wird sein Abend werden.

Die letzten 18 Monate sind aufreibend gewesen. Bürgermeister Carvalho hat sich mit allen Mitteln gegen eine Revolte gestemmt, wie sie die Hawaii-Insel Kauai noch nie zuvor gesehen hatte. Angezogen vom idealen Klima und einer der fruchtbarsten Erden weltweit, begannen während des letzten Jahrzehnts Firmen wie Syngenta, Dow oder BASF die Pazifikinsel Kauai in das grösste Gen-Pflanzen-Labor der USA zu verwandeln. Auf über 10 000 Hektar forschen sie nach neuen Sorten. An keinem andern Ort der USA führen diese Firmen mehr Feldversuche durch. Carvalho hat sie mit offenen Armen empfangen und bisher mit allem verteidigt, was in seiner Macht stand. Das wurde nötig, weil die Inselbewohner der verarmten Westseite rebellierten. In den Fokus der Volkswut geriet insbesondere Syngenta. Den Agro-Giganten aus Basel kennt hier jedes Kind, man ist der Meinung, dass er Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt rücksichtslos Pestizide spritzt und sich nicht um die Gesundheit der Bewohner schert und dass der Konzern mit Millionen an Spendengeldern die Politik zu seinen Gunsten beeinflusst. Ihre Hoffnung setzten die Biotech-Gegner in einen schillernden ehemaligen Senator aus Honolulu, Gary Hooser. Er wollte im Gemeinderat der Insel die Macht der Konzerne mit einem neuen Gesetz begrenzen, für das die Gemeinde von Syngenta vor Gericht gezerrt wurde. Am heutigen Wahlabend, es ist der 4. November 2014, wird sich zeigen, ob er im siebenköpfigen Rat die Macht behalten kann. 

Der Abend hat erst angefangen, die Stimmen sind noch längst nicht fertig ausgezählt. Es strömen immer mehr Unterstützer zu Carvalho, als wir seine Wahlparty in Kauais Hauptort Lihue durch die Hintertür verlassen, um zur nächsten zu gehen. Der Highway 56 ist gesäumt von Palmen und führt auf einer kurvigen Strasse am Meer entlang in den Norden, zur Wahlveranstaltung der leidenschaftlichsten aller Syngenta-Gegner. Noch schöner ist nur der Anblick aus der Luft: Fliegt man von Hawaiis Hauptinsel Oahu auf Kauai, glaubt man zuerst an eine Illusion im Pazifik. Kauai ist fast kreisrund mit dem 1598 Meter hohen Berg Waiʼaleʼale in der Mitte. Vor sechs Millionen Jahren hat sich Kauai als erste der hawaiianischen Inseln aus dem Meer gestemmt. An manchen Tagen hängt ein leichter Nebel über dem Gebirge, nur um sich in wenigen Minuten zu verziehen und den Blick auf eine tropische Idylle freizugeben. Die hügelige Landschaft ist mit einem Teppich aus sattem Grün überzogen, dann und wann unterbrochen von rostroten Flecken. Es wächst Kaffee, Palmen überall, Ananas, Mangos, an manchen Stellen stürzen sich Wasserfälle in 900 Meter tiefe Schluchten. Kein Wunder, nennen die Einheimischen ihre Heimat stolz die Garteninsel. Trotz der einen Million Besucher, die jedes Jahr auf die Insel strömen, ist sie noch nicht vom Tourismus überlaufen. 

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