Keine Geschichte #23

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Längst nicht alle Krimbewohner sind mit den neuen Verhältnissen einverstanden, aber sie haben Angst, etwas zu sagen. Sie schweigen, arrangieren sich, wie sie das aus Sowjetzeiten noch gewohnt sind, und hoffen.

Dmitrij Gawrisch

Ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. Solange die Laternen und Leuchtreklamen vor dem Fenster flimmern, hält er Schritttempo. Aber dann! Kaum ist Kiew in der Nacht verschwunden, brechen ungezähmte Pferdestärken aus dem verbeulten Metall der Lokomotive. Td-td ruckelt und ächzt der ganze Zug, td-td td-td nimmt er Fahrt auf, als wäre er ein abhebendes Flugzeug, nur um gleich wieder aufzusetzen und scharf abzubremsen. Und immer wieder die Kurven, in die sich der Wagen derart flach legt, dass er beinahe von den Schienen rutscht. Im Schlafabteil halten sich die beiden Reisenden mit der einen Hand am Griff fest, mit der anderen klammern sie sich über die Liegen hinweg aneinander, und sie, die an den Komfort der Schweizer Bundesbahnen («Sanatorium auf Schienen») und der Deutschen Bahn gewohnt ist, murmelt mit Blick auf ihren wachsenden Bauch: «Wir wollen nicht sterben», und er antwortet: «Du wolltest doch auf die Krim.»

Wie Schwemmholz treiben sie noch stundenlang auf der Oberfläche des Schlafs, bis auf einmal Sonnenstrahlen durch den Vor­hang dringen und eine fremde Landschaft winkt: abgeerntete Felder, reifüberzogene Steppe, hie und da eine Pappel, herbstlich vergilbt. Entlang des Bahnsteigs in Dschankoi, dem Einfallstor zur Krim, Mützen, Mäntel und Münder, die Wolken ausatmen. Der Zug nimmt es wieder gemächlich, knapp zwei Stunden später rollt er auf die Minute genau in seinen Zielbahnhof ein, Krims Hauptstadt Simferopol.

Auf dem Bahnsteig wird das Paar schon erwartet. Von Witali, dem Bruder seiner Tante. Ein echter Kerl. Auf der Krim tragen echte Kerle schwarze Lederjacken und blaue Jeans. Wenn sie stehen, dann breitbeinig, wenn sie gehen, dann rauchend. Nach der holprigen Nachtfahrt auf der ukrainischen Breitspur glaubten sie die Abenteuer überstanden. Aber dann! Witali drückt das Gaspedal seines Hondas durch, mit hundertsechzig Sachen brettern sie durch die Steppe, durch Dörfer und Städtchen, die schneller im Rückspiegel verschwinden, als ihre Namen entziffert sind.

Im Nu erreichen sie die Küste und brausen an Fischern vorbei, in der Ferne verschmelzen Fregatten mit dem Dunst. Nach weiteren Kilometern auf der Landstrasse biegt Witali in eine Nebenstrasse ein, von der Neben­strasse in eine Seitenstrasse, von der Seiten­strasse in eine Zufahrtsstrasse, Asphalt wird zu Schotter, Schotter zu Lehm und Pfützen, Lehm und Pfützen zu Matsch, es habe geregnet, viel geregnet, erläutert der ansonsten schweigsame Witali das Offensichtliche, im Herbst regne es viel auf der Krim, aber in der kommenden Woche solle das Wetter besser werden, vielleicht hätten sie ja Glück.

Das Schwarze Meer sei launisch und in seinen Launen unberechenbar, besonders im Herbst. Besonders im Herbst sei mit dem Meer nicht zu rechnen, eiskalt sei es und müde wie Olivenöl oder aber wütend, Gischt speie das Herbstmeer wie ein Drache Feuer, so dass keiner trocken zurückkäme, der seine Strände betrete. Den Frühling abzuwarten, hat die Tante dem Paar geraten. Stürmisch sei der Herbst, bedrohlich der Himmel, und erst der Wind! Wenn der Tag Sturm beschere, wenn die Tropfen der Schwerkraft trotzten und senkrecht ins Gesicht schlügen, wenn Beine bei jedem Schritt in der Erde versänken, wenn sie zu Hause festsässen, weil draussen die Welt zugrunde geht, was dann?

Aber sie konnten die Tante überzeugen, dass sie schon zurechtkämen, und jetzt wohnen sie in ihrer Pension, in Peschanka, einer Ferienhaussiedlung unweit von Jewpatorija. Weil kein Mensch bei Verstand im Herbst auf die Krim kommt, sind sie die einzigen Gäste. Sie beziehen das schönste Appartement, mit Balkon und Blick aufs Meer. Es beginnen beschauliche Tage. Sie machen lange Spaziergänge am Strand, der ihnen ganz allein gehört. Sie streifen Socken und Schuhe ab und netzen ihre Füsse. Sie graben flache Steine aus und versuchen zu schiefern. Sie sammeln Muscheln und Hühnergötter, weil ein bisschen mehr Glück nie schaden kann. Sie ziehen angespülte Quallen aus der Brandung und bewerfen sich mit ihnen. Sie tauschen Sonnenbrillen und betrachten die Welt in neuen Schattierungen. Sie experimentieren mit Blenden und Verschlusszeiten und knipsen Bilder, von ihr, von ihm, von ihnen beiden zusammen, von ihrem Bauch, von den Wellen, den Möwen, vom Wind, vom Himmel, von den verstreuten Bierflaschen und Tetrapacktüten. Sie streicheln Welpen und lassen sich von deren Müttern die Finger ablecken, nachdem sie ihre Karotten mit ihnen geteilt haben. Und einmal fällt ihnen auf dem Nachhauseweg eine Melodie ein, dann werfen sie ihre Taschen und Rucksäcke ab und tanzen im Sonnenuntergang.

Ende Oktober 2013 verbringen sie zehn Tage auf der Krim. Auf dieser Halbinsel von der Grösse Albaniens mit ihren zwei Millionen Einwohnern, weit von jeder Weltgeschichte entfernt. Es regnet kein einziges Mal.

Jetzt, eineinhalb Jahre später, lernt das Kind laufen. Ein junges Leben, sorglos brabbelnd in einer bedrohten Welt. Ein Blutbad in Kiew, Krieg um Donezk und Lugansk, Tausende Tote, Hunderttausende auf der Flucht. Und dazwischen, in den jüngsten Wirren europäischer Gegenwart zur Fussnote geschrumpft, die Krim, in Nacht und Nebel von Bewaffneten gestürmt und der Russischen Föderation angeschlossen. Heute liegt die Krim in einer anderen Zeitzone als der Rest der Ukraine, die Nachtzugverbindung zwischen Kiew und Simferopol ist unterbrochen.

Witali, der Bruder der Tante, ist nicht mehr nur ein echter Kerl, er ist jetzt auch ein echter Russe. Auch ihre Eltern, die Mutter Lehrerin, der Vater Ingenieur in Rente, im Dorf Krimskoje haben sie ein Haus mit Garten, haben neuerdings russische Pässe. Die Pension, in der wir beschauliche Tage verbrachten, gehört nun Witali: Als Neurusse muss er weniger fürchten, dass der Besitz enteignet wird. Die Einnahmen stehen weiterhin der Tante zu. Nur: welche Einnahmen? Bis auf russische Zwangsurlauber, die Erinnerungen an die düstersten Sowjetzeiten wecken, fährt keiner mehr auf die Krim. Nicht einmal Reporter. Den Redaktionen ist die Krim keine Geschichte mehr wert.

Die Tante hat seit der Machtübernahme die Krim, ihren Geburts- und Herzensort, nie mehr besucht, sie bleibt in Kiew in ihrem selbstgewählten Exil, die einzige verbliebene ukrainische Staatsbürgerin ihrer Familie. Wenn sie mit ihrer Mutter telefoniert, finden sie, obwohl beide Russisch sprechen, keine gemeinsame Sprache: Die Tante spricht von Besatzung, ihre Mutter von Befreiung, die Tante von Untergang, ihre Mutter von Aufbruch, «ihr blutrünstigen Faschisten», wirft ihr die Mutter schliesslich an den Kopf, die Grenze zwischen Zitat aus dem russischen Fernsehmonopol und eigener Meinung längst verschwommen, und die Tante legt auf.

Am 17. März 2015 jährte sich der Anschluss der Krim zum ersten Mal. Zeit für eine Bilanz? Den Einwohnern der Krim waren von den neuen Machthabern Schutz und Wohlstand versprochen worden. Schutz ist wertlos, wenn keine Bedrohung vorhanden ist. Was aber ist mit dem Wohlstand? In der restlichen Ukraine sind in Russland hergestellte Waren besonders gekennzeichnet, verboten sind sie nicht. Auf der Krim sucht man ukrainische Produkte vergebens. Sie wären auf dem Landweg sicher lieferbar. Stattdessen müssen russische Nudeln und Tomaten auf dem Seeweg über die Strasse von Kertsch eingeführt werden. Da genügt manchmal ein Sturm, damit sich eine Fähre verspätet, und schon gähnen in den Supermärkten auf der ganzen Halb­insel die Regale vor Leere. Wer trotzdem etwas erhascht, muss dafür tief ins Portemonnaie greifen: Um die Hälfte hätten sich Lebensmittel im letzten Jahr verteuert, gibt die Regionalverwaltung zu, russischer als die meisten Russen und damit eher bereit, solche Zahlen nach unten zu korrigieren als nach oben. Bezahlt wird bar, wie in den Siebzigern: Den ukrainischen Banken wurde auf der Krim die Lizenz entzogen, und für jene in russischem Besitz ist das Geschäft zu unsicher.

Trotzdem finden sich in Simferopol am Jahrestag der Besatzung Tausende, die ihre Dauerwellen, ihre Leopardenleggins, ihre Lederjacken auf die Strasse tragen. Wie irre Fussballfans haben sich manche die Gesichter weiss-blau-rot angemalt, weiss-blau-rote Schleifen ins Haar geflochten oder sich die Fingernägel in den Farben der Okkupanten lackiert. Selbst unter Fahne werden sie nicht müde, Fahnen zu schwenken, «Russland, Russland» zu lallen und auf Transparenten Putin zu preisen, weil er sie heim in sein Reich geholt hat.

Vor dem Krieg gab es einen Witz. Ein halbverhungerter ukrainischer Strassenköter hat die Schnauze voll. Er beschliesst, der Verheissung eines besseren Lebens zu folgen und nach Russland auszuwandern. Aber schon einen Tag später kehrt er zurück. «Was ist passiert?», fragen die anderen Hunde. «In Russland», erklärt der Heimkehrer, «da gibt es auch nur Knochen zu fressen. Aber in der Ukraine darf ich wenigstens bellen.»

Längst nicht alle Krimbewohner sind mit den neuen Verhältnissen einverstanden, aber sie haben Angst, etwas zu sagen. Sie schweigen, arrangieren sich, wie sie das aus Sowjetzeiten noch gewohnt sind, und hoffen. Derweil bleiben die Nächte auf der Krim gespenstisch still.

 

Als Abonnent steigen Sie bei Reportagen wegbereitend ein und können diesen und alle weiteren Artikel hier auf der Website lesen. Ausserdem ermöglichen Sie ganz direkt, dass unsere Autorinnen und Autoren, abseits der ausgetretenen Pfade spannende Geschichten aufspüren können.

Mehr aus dieser Reihe