Keine Geschichte

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Eine Kohlezeichnung und eine Signatur: «38 Henri Matisse»

Barbara Bachmann

Es war ein Sonntagvormittag im Frühjahr 2019, als mir mein Freund von einer Kohlezeichnung erzählte. Seit über 60 Jahren bewahre sie Hanni, seine 80 Jahre alte Tante, auf. Das Motiv der Frau auf einem Sofa liegend gefiel ihr nie. Sie behielt es nur wegen des Rahmens – eine einfache, schmale Einfassung aus billigem Holz, die sie aus irgendeinem Grund chic fand. Die Zeichnung verdeckte sie mit einem Blumenmuster, ausgeschnitten aus einer Illustrierten. So blieb sie jahrelang verborgen, selbst Hanni vergass sie. Irgendwann entdeckte sie das Bild darunter wieder. Als es auch mein kunstinteressierter Freund einmal zufällig zu Gesicht bekam, fand er es wunderschön. Vor allem aber erstaunte ihn die Signatur am unteren rechten Rand: «38 Henri Matisse».

«Vermutlich der Druck eines Originals», entgegnete ich an jenem Sonntag. «Nein», sagte er. Hanni habe das Bild Ende der fünfziger Jahre von ihrer Chefin geschenkt bekommen, einer wohlhabenden und kunstinteressierten Pensionsbesitzerin in einem Südtiroler Touristen- und Künstlerort. Diese habe es vom Maler selbst erhalten, so hatte es ihm Hanni erzählt. Mein Freund liess das Werk von lokalen Kunstkennern prüfen und überzeugte sich unter der Lupe selbst von dem handgezeichneten Strich. Bei jedem Satz schlug mein Reporterherz nun schneller. Könnte es sich bei Tante Hannis Bild am Ende um einen echten Matisse handeln? Tage später standen wir in Hannis Wohnzimmer vor dem Bild. «Glaubst du, es könnte echt sein?», fragte Hanni meinen Freund und zog an ihrer Zigarette. «Möglich wäre es.» Plötzlich fand sie das Bild nicht mehr hässlich. Irgendwie gefiel es ihr auf einmal sogar.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.

Mehr aus dieser Serie