Keine Geschichte

Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage.

Christian Schmidt

Mir schwebte der ultimative Text über «Die Zelle» vor. Also über die Basis des Lebens. Das Gerüst unserer Existenz. Und damit über die Art und Weise, wie Zellen kommunizieren: In ihrem Innern wie auch im Austausch mit der Umgebung laufen in jeder Sekunde Millionen Kommunikationsvorgänge ab. Faszinierend. Aber da Normalität journalistisch nicht interessant ist, sollte der Text vor allem von Missverständnissen bei diesem grossen Geplauder handeln. Und wie sich diese Missverständnisse anschliessend wieder korrigieren lassen. Das wollte ich an Violas Beispiel zeigen. Viola hat Pharmakologie studiert, wohnt im Schweizer Kanton Schaffhausen, hat Kinder und liebt Blumen. Zwei Jahre lang war ich in Kontakt mit ihr, nun sende ich ihr nur noch ab und an eine Whatsapp-Nachricht. Um zu erfahren, wie es um sie steht.

Dass ich mir Viola ausgesucht hatte, war kein Zufall. Viola wie auch ich sind von Missverständnissen bei der Zellkommunikation betroffen. In ihrem wie auch in meinem Innern hat eine Zelle eines Tages bei der Teilung falsch von einer anderen Zelle abgeschrieben. Ein kleiner Fehler. Der sich anschliessend milliardenfach multiplizierte. Das Ergebnis: Krebs.

Während ich viele Monate lang im Krankenhaus liegen, mehrere Runden Chemotherapie sowie ein halbes Dutzend Ganzkörperbestrahlungen über mich ergehen lassen und zum Abschluss noch fünf Wochen in einem Isolierzelt ausharren musste, sollte Viola ihren Tumor quasi on the go loswerden. Sie hatte Aussicht auf eine neue, sensationelle Behandlungsmethode.

 

Carl June, Professor für Immuntherapien an der Universität von Pennsylvania, hat die neue Technik entwickelt. Er filtert T-Zellen, Teil des Immunsystems und entscheidend im Kampf gegen den Krebs, aus dem Blut, um ihre kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern. Um die T-Zellen in die Lage zu versetzen, die Krebszellen zu erkennen, hat June nun eine zusätzliche «Antenne» auf ihrer Aussenhülle montiert, die ihnen die Kontakt­aufnahme ermöglicht. June ist also eine Art Jesus, der Blinde zu Sehenden macht. Und auch wieder nicht, weil «Kontaktaufnahme» ein Euphemismus ist: Wenn alles gut geht, killen die T-Zellen die Krebszellen.

Junes Technik funktioniert super. Einzelne seiner Patienten stehen innerhalb von 24 Stunden vom Totenbett auf. Unglaublich. Bei anderen dauert es etwas länger, aber stets rettet er vor allem diejenigen Patienten, für die es sonst keine Hoffnung mehr gab, zumeist Kinder.

 

Als eine der Ersten in der Schweiz sollte Viola von Junes Erfindung profitieren. Ihr Tumor hatte auf die traditionellen Behandlungsweisen nicht oder nicht genug reagiert. Im Frühjahr 2019 flogen Violas T-Zellen von Zürich über Deutschland in die USA, in einem auf minus 192 Grad Celsius gekühlten Tank. Dort wurden sie behandelt und in einem wochenlangen Prozess vermehrt. Anschliessend kamen sie auf dem gleichen Weg zurück in die Schweiz.

Während die Zellen und ihre neuen Antennen noch ein letztes Mal geprüft wurden, war Viola bereits auf dem Weg ins Krankenhaus. «Hoffe, dass es jetzt rundläuft, bin ziemlich nervös», schrieb sie. Wenn die Zellen funktionierten, würde sie ein zweites Leben bekommen. Am 27. Juni war es so weit. Ich drückte die Daumen und zündete eine Kerze für sie an.

 

Als ich Viola das nächste Mal traf, war sie zuversichtlich: «In meinem neuen Leben bin ich jetzt 28 Tage alt. Die T-Zellen sind am Arbeiten, ein gutes Zeichen.» Wir sprachen über die Schneckenplage in unseren Gärten, zu milde Winter und gedeckte Apfelkuchen. Zwei Wochen später klang es anders. Viola schrieb: «Lieber Christian, mein Befund ist leider doch nicht gut. Ich warte auf Details, melde mich.» Nochmals zwei Wochen später war alles klar: «Lieber Christian, keine Ahnung, wo anfangen. Das CT hat gezeigt, dass der Tumor sehr gewachsen und gar nicht weg ist. Die Bilder sind erschreckend.» Die Ärzte hätten eine Vermutung für das Versagen. Ihre T-Zellen seien von den früheren, erfolglosen Therapien wahrscheinlich so sehr geschwächt, dass sie nicht mehr anzugreifen vermögen. Sie schob nach: «Ich muss das jetzt zuerst verarbeiten.»

 

Seither ist ein Jahr vergangen. Mit ihrer Einwilligung wird Viola jetzt experimentell behandelt. Tatsächlich wächst ihr Tumor nicht mehr; er wird aber auch nicht kleiner. «Na ja», so ihr Kommentar, nüchtern und abgeklärt wie immer.

 

Vor einigen Monaten habe ich Viola mitgeteilt, dass ich die Recherche über sie abbreche. Inzwischen haben so viele Medien über Junes Technik berichtet, dass sie keine Sensation mehr ist. Zudem interessiert sich die Welt seit inzwischen über einem Jahr weit mehr für ein anderes medizinisches Thema. Auch haben wir ganz andere Kommunika­tionsprobleme zu lösen, staatlich gesteuerte Fake-News etwa oder die Art, wie weisse Menschen mit schwarzen umgehen. Und da ist noch ein weiterer gewichtiger Grund: Ich selbst habe genug vom Thema. Wegen meiner eigenen Geschichte kann ich mich nicht mehr so intensiv und so lange mit Krebs auseinandersetzen. Nach zehn Jahren ohne Rückfall will ich auf zu neuen Horizonten. «Schade, aber verstehe ich gut», antwortete Viola. Wir beschlossen, in Kontakt zu bleiben. Und so schicke ich ihr nun ab und zu ein Blumenbild aus meinem Garten oder von einer Bergwanderung. Ohne zu fragen, wie es ihr geht. Das scheint sie nicht zu mögen. Meistens meldet sie sich ein paar Tage später. Die Verzögerung verunsichert mich zwar, aber bis heute ist immer eine Antwort gekommen. Die jüngste: «Wow, ist wunderschön, vielen Dank. Hatte heute wieder Therapie. Das tut jetzt richtig gut. Ganz liebe Grüsse, Viola.»

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