Keine Geschichte

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Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage.

Jana Avanzini

Ruedi steht schon vor dem Haus, als ich um die Ecke biege. Er winkt und weist mich in die Parklücke ein. Sein graues Haar ist frisch gewaschen, Seitenscheitel, gestrickter Pullunder über dem hellblauen Hemd. An der Haustür führt er seine Klingel vor. Sie trötet ohrenbetäubend, und Ruedi freut sich wie ein Junge. Das sei nicht bloss Spielerei, sondern auch praktisch: Ruedi hört nicht mehr gut. Auch sein Gedächtnis hat nach einem Schlaganfall gelitten, Namen und Jahreszahlen fallen ihm oft nicht mehr ein. Die Führung durch sein Museum beginnt Ruedi im Wohnzimmer. Mobiliar aus dem abgebrannten Windsor-Palast, Gemälde von Albert Anker, eine Wand voller antiker Gewehre und Pistolen. Doch das ist erst der Anfang. Wenige Meter unter unseren Füssen bewahrt Ruedi die echten Schätze auf. Immer wieder bekommt er deswegen Besuch.

 

Ruedi war zweimal verheiratet, jetzt lebt er allein. Er hat zwei erwachsene Kinder und inzwischen auch zwei Enkel. Aufgewachsen auf einem kleinen Bauernhof, wollte Ruedi eigentlich Jurist werden. Doch das Geld reichte nur für sechs Jahre Grundschule. Trotzdem klingt die Lebensgeschichte des Achtzigjährigen wie ein Abenteuerroman. Er hat für Kuba Schiffe gehoben, mit Fidel Castro diniert, Lady Di im eigenen Hotel bewirtet und für Russland Flugzeuge gebaut. Er besitzt Berge von historischen Zeugnissen, Vitrinen voller Taschenuhren, seltene Pflanzen von einer Insel bei Madagaskar und einige fahrtüchtige Oldtimer aus der Zeit vor den Weltkriegen, alles auf fünf riesige Räume verteilt. Ich bin beeindruckt. Zweifle zwischendurch. Doch Fotos und Dokumente belegen die Geschichten.

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