Keine Geschichte #38

Diese Geschichte steht nur Abonnenten zur VerfügungLock icon

Kann man eine Sprache lernen, indem man sie lädt wie ein Programm?

Florian Leu

Wenn sich die Navy Seals, eine Einheit der US-Armee, auf einen Auslandeinsatz vorbereiten, lernen sie eine Sprache in sechs Wochen. Früher brauchten sie sechs Monate, doch heute steht ihnen ein mind gym zur Verfügung, ein Fitnessstudio für den Geist. Ein Gerät darin ist die Schwebekammer, auf Englisch isolation tank oder flotation chamber. Das Ding erinnert an eine Raumkapsel, per Knopfdruck hebt sich der aero­dynamische Deckel, und man kann einsteigen. Man liegt in knietiefem Wasser, das so salzig ist, dass man darin schwebt. Wenn sich der Deckel surrend wieder geschlossen hat, befindet man sich in völliger Dunkelheit. Weil die Kammer schalldicht ist, hört man auch nur sich selbst: Puls und Atem. Das Wasser und die Luft haben Körpertemperatur. Vielleicht war man zuletzt als Embryo so wenigen Reizen ausgesetzt. Man erlebt, was Astronauten und Touristen am Toten Meer vorbehalten war: Schwerelosigkeit. Das Hirn, sonst damit beschäftigt, die Gravitation in Schach zu halten, ist auf einmal entlastet, wenn nicht arbeitslos. Wie bei der Meditation oder in Flow-Zuständen ver­ändert sich das Betriebsklima im Kopf. Nach etwa zehn Minuten erzeugt das Hirn vor allem Alphawellen statt Betawellen. Das Zeitgefühl verschwimmt, die Lernfähigkeit nimmt zu. Die Soldaten nutzen diesen physiologischen Vorgang. Sie steigen mit Unterwasserkopfhörern ins Becken. Sobald sie in einem Zustand der Entspannung angekommen sind, erklingen Wörter und Sätze der gewünschten Sprache.

Sie möchten weiterlesen?

Wir stehen für herausragende literarische Reportagen. Dafür benötigen wir die Unterstützung unserer Abonnentinnen und Abonnenten. Mit einem Reportagen-Abonnement investieren sie in das Schaffen von Autorinnen und Autoren, die sich für das Kleine Zeit nehmen, um das Grosse zu erfassen.

Mehr aus dieser Serie