Keine Geschichte #40

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Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage.

Muhamed Beganovic

2014 hörte ich zum ersten Mal, dass es Menschen gibt, die lebendiges Vieh aus Serbien nach Kosovo schmuggeln. Warum schmuggelt man ausgerechnet Vieh? Wie gefährlich ist es? Oder gar politisch? Ich recherchierte mehrere Wochen lang und traf im Netz schliesslich auf Marko. Nach einem längeren Mailverkehr konnte ich ihn endlich überzeugen, mich bei einer Schmuggelfahrt mitzunehmen.

An einem Februarmorgen 2016 sass ich um halb fünf Uhr in der Früh endlich mit ihm im Auto. Marko war zu dem Zeitpunkt dreissig Jahre alt. Dunkle Ringe umrun­deten seine haselnussbraunen Augen. Eine dünne goldene Kette zierte seinen breiten Hals. Hinter uns fuhr ein Lkw mit 34 Lämmern. Nach der Kirche des heiligen Panteleimon, die gut beleuchtet auf einer Erhebung im äussersten Süden Serbiens stand, bogen wir links ab. Die Strasse war so unauffällig wie ein Kontinuitätsfehler in einem Film und führte in den Wald hinein. Marko drehte die Musik leiser und schaltete in den zweiten Gang zurück. Dann in den ersten. Die Strasse mäanderte wie ein Fluss aus Schotter. Links neben der Strasse befand sich ein tiefer Abhang, aber der schien Marko nicht im Geringsten Sorgen zu bereiten. Er blickte permanent nach rechts. Er suchte nach etwas. Die Gefahr. Denn die kam für Marko primär von rechts. Aus dem Wald. Die Gefahr, das ist für ihn die Polizei. Verständlich, denn des Schmugglers natürlicher Feind ist das Gesetz. «Wenn sie hier herumlauern, dann wollen sie Geld», sagte Marko und lächelte dabei. Wer auf dieser Strecke mit einem Lastwagen unterwegs ist, macht sich verdächtig. Markos Aufgabe ist es, Polizeikontrollen abzufangen und die Durchfahrt des Last­wagens zu sichern. Wenn nötig, mit finanziellen Argumenten.

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