Keine Geschichte #41

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Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage.

Esther Göbel

Ich weiss nicht mehr, was ich mir eigentlich dabei gedacht hatte. Obwohl, das stimmt nicht. An einiges kann ich mich doch noch erinnern: Ich hatte mir Männer mit frisch gedrehten Würsten in der einen und Messern in der anderen Hand vorgestellt, mit Bäuchen kugelrund, über die sich verschwitze T-Shirts und Metzgerschürzen spannen, dazu Pfannen voller Frikadellen. Fressbuden hatte ich mir vorgestellt und Imbisswagen, die zehn und noch mehr Sorten Mettbrötchen verkaufen würden, einen Mettigel-Contest, und als Highlight vielleicht ein Hackbrötchen mampfendes Übergrössen-Model, dessen Décolleté wabern würde, während es sich genüsslich im Bikini in eine Badewanne voller Hack gleiten liesse, als Werbe-Gag! Oder ein Fleischkünstler, der aus Mettmasse Kunstwerke formen und danach im Wett­bewerb gegen einen Zuschauer auffressen würde, während die Zuschauermenge mit ihrem Bierdunst-Atem Anfeuerungsrufe brüllen würde! All das hatte ich mir vorgestellt, als ich vom «Ersten deutschen Hackfestival» gelesen hatte, das ausgerechnet in der Nicht-Weltmetropole Osnabrück stattfinden sollte. Perfekt für eine absurde Reportage!

Die Mett- und Hackberge in meinem Kopf wuchsen zu einer Masse heran, die sich, je länger ich sie gedanklich knetete, zu einem Coup formierte. Zu einer Geschichte, die aufgrund ihres Gegenstands kaum an Kuriosität zu überbieten war und die in meinem Kopf zwischen Ekel und Scham hin und her rollte wie ein Fleischbällchen in einer Pfanne, übergossen mit einer Sauce aus Grössenwahn. Die Geschichte würde sich von selbst schreiben, ich war mir sicher, als ich an einem Samstagmorgen um 7 Uhr 20 in den ICE von Berlin nach Osnabrück stieg. Über ferne Länder, menschliche Dramen oder wissenschaftliche Trends schreiben, das konnte ja jeder, das sollten die anderen Reporter doch machen, die – wie schade für sie – die gesellschaftliche Tragweite des Hackfestivals leider nicht erkannten. Aber ich, ich hatte verstanden. Ich würde eine Geschichte über den Fetisch unserer Ernährungskultur aufs Papier knallen, mit besagtem Festival als letzter Bastion der Ursprünglichkeit, was mich in der Reporter-Hackordnung ein ganzes Stück nach oben katapultieren würde. Ich dachte an den Autor David Foster Wallace, von mir heiss verehrt, und wie er einmal einen grossartigen Text über ein Hummerfestival geschrieben hatte. Genau so würde meine Story auch werden! Bestimmt. Oh, du schönes Mettbrötchen!

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