Keine Geschichte #43

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Nicht jede Idee eines Reporters führt zu einer grossartigen Reportage. Aber diese führte nach Mekka.

Muhamed Beganovic

Wie zwei Sardinen schwammen meine Gattin und ich als Teil eines mächtigen Schwarms in Richtung der Al-Haram-Moschee in Mekka. Die Strasse mäanderte wie ein Fluss, der nach ein paar hundert Metern in ein riesiges Menschenmeer mündete. Vor, neben, hinter und auf den Stockwerken oberhalb von uns drehten sich hunderttausende Menschen gegen den Uhrzeigersinn um die Kaaba. Sie und wir waren als Pilger nach Saudiarabien gereist. Schon seit Jahren hatten meine Frau und ich diese Reise antreten wollen, so wie sie jeder Muslim einmal in seinem Leben machen soll.

Eine Woche nach meiner Mekka-Reise setzte ich mich in den Zug und fuhr nach Schnellroda in Sachsen-Anhalt. Das rechte konservative Institut für Staatspolitik (IfS) hatte meine im Vorfeld verschickte Anmeldung akzeptiert und mir die Teilnahmebestätigung für ihre jährliche Sommerakademie zukommen lassen. Das im Jahr 2000 gegründete IfS «forscht» zu rechten (meta-)politischen Themen, gibt Studien heraus und veranstaltet Akademien, mit dem Ziel, «eine heranwachsende Elite politisch auszubilden». Ich wollte wissen, wer diese Menschen sind, die an den Akademien teilnehmen, mit ihnen sprechen. Im «Schäfchen», der mittlerweile berühmt-berüchtigten einzigen Kneipe und Pension in Schnellroda, tagte die Akademie. War ich vor wenigen Tagen noch selbst als Pilger unterwegs gewesen, sah ich mich jetzt von Pilgern anderer Couleur umgeben: Um mich herum sassen Burschenschafter, Identitäre, fanatische AfD-Wähler, Pegida-­Anhänger, Erzkonservative, Neue Rechte und recht neue Heimatverteidiger. Ich selbst trug eine Glatze wie ein Neonazi. Aus rituellen Gründen hatte ich während der Mekka-Reise meinen Kopf kahl rasiert.

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