Klimaklage gegen Brüssel

Zehn Familien fürchten um ihre Existenz.

Raffaela Angstmann, Esther Göbel, Daniel Peterlunger, Rocío Puntas und Juliane Schiemenz

Diese Recherche wurde durch den Reportagen-Recherchefonds finanziert.

Es ist ein Sommerabend, wie man ihn sich vorstellt, so erinnert sich Gerd Winter: Er und seine Frau, sein Freund und dessen Familie sitzen vor einem Haus in der Provence, die Winters kommen seit zwölf Jahren immer wieder in die Nähe des Örtchens Grignan, um hier ihren Urlaub zu verbringen. So lange schon kennen sie die Feschets: Lavendelbauer Maurice und seine Frau Geneviève, beide über siebzig, die drei erwachsenen Söhne. Alte Eichen neigen sich über die Abendgesellschaft, als die Hitze des Tages sich endlich legt. Warme Luft umschmeichelt die Besucher, auf dem Tisch stehen Wein, Oliven und Quiche bereit. Es könnte so schön sein in dieser Augustnacht 2017.

Doch dann beginnt Maurice Feschet zu erzählen. Von der Trockenheit, die seine Pflanzen immer öfter heimsucht. Von dem Landregen, der keiner mehr ist, sondern immer öfter zu Sturzregen wird. Von dem weggeschwemmten Boden. Und von seinem Sohn Renaud, der den Hof des Vaters übernommen hat und jeden Tag schuftet, um irgendwie gegen die Wucht der Natur anzukommen.

Gerd Winter hört zu. Auch ihm ist die zunehmende Trockenheit aufgefallen. Als er seinen Freund verabschiedet und ein paar Tage später nach Bremen zurückreist, steht sein Entschluss längst fest: Er wird die Europäische Union verklagen. Schon ein Jahr zuvor hat sich in Winters Kopf die Idee einer Klimaklage gegen die EU festgesetzt. Er kennt sich aus mit der Thematik, arbeitet seit 45 Jahren als Jurist im Umweltrecht. Er berät sich mit Kollegen und Vertretern der NGO Protect the Planet, überlegt, wie man es anstellen könnte. Die Chancen auf Erfolg stehen nicht gut, aber das schreckt Winter nicht ab. Im Gegenteil: Es spornt seinen Ehrgeiz an, seinen Querdenker-Geist. In seinem Leben hat er sich selten daran orientiert, was andere tun. Und so gibt es an seinem Entschluss nichts mehr zu rütteln.

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Winter bringt seine Idee zu Papier. Unter dem Kürzel T‑330/18 klagt er mit einer Anwältin aus Hamburg und einem Anwalt aus London im Namen von zehn Parteien gegen das Europäische Parlament sowie den Rat der Europäischen Union, für die Öffentlichkeit läuft die Klage unter dem Namen «People’s Climate Case». Zu Winters Klienten zählen sein Freund aus Frankreich, ein Jugendverband der Samen aus Nordschweden, weitere Familien aus verschiedenen europäischen Ländern wie das Imkerpaar Conceição aus Portugal, die Betreiber eines Bed and Breakfast aus Italien, ein Bauer aus Rumänien, aber auch eine Familie aus Kenya sowie eine von den Fidschi-Inseln. Am 23. Mai 2018 erreicht Winters Idee das Gericht der Europäischen Union. 67 Seiten Klageschrift, plus 6000 Seiten Materialanhang.

Die Forderung der Kläger: Die EU-Richtlinie 2018/410 sowie die beiden EU-Verordnungen 2018/841 und 2018/842 sollen annulliert werden. Die drei Rechtsakte legen fest, wie viele Treibhausgase die EU von 2021 bis 2030 ausstossen darf und wie viel sie einsparen soll. Der Vorwurf der Klage: Wider besseres Wissen sei die Europäische Union mit ihren Massnahmen hinter dem zurückgeblieben, was möglich und nötig gewesen wäre. Die daraus resultierenden Schäden, hervorgerufen durch den Klimawandel, hätten verschiedene Grundrechte der Charta der EU verletzt: das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf Berufsausübung, Eigentum, Gleichbehandlung der Jungen und Alten sowie von EU-Bürgern und Nicht-EU-Bürgern und das Grundrecht auf den Schutz und die Fürsorge von Kindern. Maurice Feschet und die anderen wollen keinen Schadensersatz. Sie fordern, dass die Europäische Union ihre Reduktionsziele für Treibhausgas-Emissionen bis 2030 überprüft – und erhöht. Von angestrebten 40 Prozent auf 50 bis 60 Prozent im Vergleich zu 1990.

Noch nie zuvor haben Privatpersonen gegen eine supranationale Institution wie die EU eine Klimaklage eingereicht. Doch Winters Idee kommt zu einem günstigen Zeitpunkt: Sie schwimmt auf der Welle des grünen Zeitgeistes, getragen von Fridays for Future, vorangetrieben durch Extinction Rebellion, gestützt vom Pariser Klimaabkommen, bei dem die globale Gemeinschaft sich 2015 darauf einigte, den vom Menschen verursachten Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad, im Idealfall auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Bei der EU-Parlamentswahl im Mai 2019 fuhren die Grünen erstaunliche Ergebnisse ein; in Deutschland etwa wurden sie erstmals zweitstärkste Kraft hinter den Konservativen. Und bei den Schweizer Parlamentswahlen im Oktober waren die Grünen ebenfalls die grossen Gewinner.

Viele Menschen haben seit den beiden vergangenen Hitzesommern Angst: um ihren Lebensraum, den Planeten, vor der ökologischen Zukunft. Es geht beim People’s Climate Case auch um die Frage, ob Winter im Namen seiner Klienten überhaupt auf europäischer Ebene klagen darf. Aber entscheidend ist eine andere Frage. Es ist die nach der Verantwortung: Tut die Europäische Union wirklich zu wenig gegen den Klimawandel? Schützt sie ihre 500 Millionen Bürger nicht ausreichend, gemäss ihrer Pflicht?

 

Es ist nicht leicht, den Lavendel von Maurice Feschet zu finden. Im Juli 2019 haben die Bauern drei Wochen früher als üblich geerntet, die Herde der Hobbyfotografen auf der Suche nach den spektakulärsten Bildern mit den violetten Feldern ist bereits gegen Ende des Monats abgezogen. Nur auf einem Feld sind noch ein paar Erntehelfer an der Arbeit. Das Bild ist kläglich. Der Lavendel scheint viel zu kurz geraten, seine Farbe: grau. Auch die zweite Hitzewelle dieses Sommers lässt die Menschen stöhnen und die Böden austrocknen, was die meisten Lavendelfelder nicht überlebt haben. Auch nicht jene von Bauer Feschet.

Er empfängt zum Kaffee unter den Eichen. Seine Frau Geneviève grüsst im Vorbeigehen, während sie über den Hof eilt, gerade schleppt sie Tomaten und Zucchetti aus dem Garten ins Haus. Für mehr Worte hat sie jetzt keine Zeit. Das Paar ist seit zwanzig Jahren pensioniert, aber beide arbeiten so viel wie noch nie – um am Ende des Monats so wenig wie noch nie auf dem Konto zu haben. Schuld an der misslichen Lage der Familie sei der Klimawandel, sagt Feschet. Deswegen habe er sich Winters Klage angeschlossen. «Die letzten fünf Jahre waren gnadenlos», sagt er, der auf ein halbes Jahrhundert als Lavendelbauer zurückblickt. «Ein Lavendelstrauch blüht normalerweise jedes Jahr, über zwanzig Jahre lang. Jetzt ist er bereits nach vier Jahren am Ende seines Lebenszyklus angelangt.»

Feschet ist kein Alarmist, er schildert die drastischen Auswirkungen des Klimawandels sachlich und präzise: «Aus vier Jahreszeiten werden zwei. Auf einen zu warmen Februar, der die Knospen spriessen lässt, folgen zu kalte Mainächte, die das Wachstum behindern, wenn es wirklich nötig wäre. Die sommerlichen Hitzewellen mit Rekordtemperaturen und ungleichmässigen Niederschlägen geben dem wenigen Lavendel dann den Rest.» So fielen 2017 zwischen April und Oktober lediglich 10 Milliliter Regen pro Quadratmeter. Normal gewesen wären 1000.

Die Lagerhalle hinter dem Hof ist beinahe bis zur Decke mit einem gräulichen Lavendelhügel gefüllt. Der angenehme Duft schlägt einem entgegen, doch schon nach wenigen Momenten röten sich die Augen, kratzt der Hals, beisst die Würze des Lavendels in den Lungen. Die Blüten werden maschinell sortiert und in 20-Gramm-Säckchen abgefüllt; Touristen von der Provence bis hinunter an die Côte d’Azur lieben das Souvenir. «Vor zwölf Jahren ernteten wir 50 Tonnen Blüten, heute weniger als ein Drittel. Damit können wir unsere Kunden nicht mehr ausreichend beliefern», sagt Feschet. In den 1980ern begannen er und seine Frau, Seifen und Öle zu produzieren und Lavendelsäckchen abzufüllen. Sie gründeten eine Firma – es waren goldene Zeiten, der Tourismus boomte: Bis zu 35 Angestellte beschäftigten sie. Zur Pensionierung verkauften sie das Unternehmen, Sohn Renaud ist doch lieber Lavendelbauer.

In der Region rund um Grignan, die landwirtschaftlich geprägt ist von den Reben des kommenden Châteauneuf-du-Pape und in deren Böden wertvolle Trüffeln wachsen, sind die Feschets die einzigen Lavendelbauern, die sich noch auf die Blütenernte für die trockene Verwendung fokussieren. Die anderen Bauern, die sich auf Öle und die Flüssigproduktion für Aromatherapien spezialisiert haben, teilen Feschets Pessimismus nicht. Für sie läuft das Business gut, weil Aromatherapien weltweit boomen. Die Nachfrage wächst. Und sie haben gegenüber ihrem Kollegen einen Vorteil: Für die Destillation können sie die Lavendelblüten ernten, bevor die Trockenheit sie zerstört.

Feschet scheut sich nicht, seine Meinung kundzutun, wenn es um den Klimawandel geht. Das kommt nicht überall gut an. Der Rest der Bewohner Grignans schweigt lieber und geniesst die Dolce Vita des französischen Südens. Oder schaut weg. Oder sagt: «Es läuft doch alles bestens, was beschwert ihr euch?» Das denkt auch der Bürgermeister, Bruno Dusieux. Dem Klimawandel hält er die blühende Ökonomie entgegen. Er hat ein Buch geschrieben, das die Grünen mächtig aufregt, weil Dusieux sich in seinem Werk für Atomkraftwerke starkmacht. In seinem Büro breitet er Grafiken auf dem Schreibtisch aus, die die Korrelation von Temperaturanstieg und Niederschlagsintensität zwischen 2005 und 2015 zeigt. «Wir bekommen ein tropisches Klima!», ruft er triumphierend. Dusieux spricht von besserer Weinqualität und gesteigerter Trüffelproduktion. Es kämen immer mehr Touristen, weil die Zahl der Sonnenstunden pro Saison ansteige und weil dank Instagram die blühenden Lavendelfelder zusammen mit dem Schloss von Grignan für die nötige Werbung sorgten.

Maurice Feschet aber lässt sich von solcher Euphorie nicht beeindrucken. Wie auch? Er kämpft um seine Existenz. Und darum, dass die Menschen endlich aufwachen. «Mich kümmern die künftigen Generationen, ich will, dass die EU etwas unternimmt, bevor es zu spät ist», sagt er. Ganze Regionen würden unbewohnbar werden, wenn der Temperaturanstieg nicht rechtzeitig gestoppt würde. Schon heute sei die Migration ein grosses Problem in Europa, doch nichts im Vergleich zu dem, was noch komme, sorgt er sich. «Wenn der Süden wegen des Klimas immer unbewohnbarer wird, werden noch viel mehr Menschen zu uns kommen», sagt Feschet. «Wie soll das bloss gut gehen?» Er musste nicht lange überlegen, als Gerd Winter ihn fragte, ob er beim People’s Climate Case als Kläger mitmachen wolle.

Dass er und die anderen überhaupt klagen können, liegt an Artikel 263, Absatz 4. Dieser Artikel steht in einem der beiden Gründungsverträge der Europäischen Union, er besagt: Jede Privatperson darf gegen Rechtsakte der Europäischen Union klagen – sofern diese Person im juristischen Sinne individuell genug betroffen ist und der Betroffene einen spezifischen Schaden erlitten hat. Dass neben den Feschets aus Frankreich auch Familien aus Kenya und von den Fidschi-­Inseln klagen, begründet Winter mit dem Gleichheitsprinzip: «Die EU-Grundrechte gelten für alle, die der Hoheitsgewalt der Europäischen Union ausgesetzt sind. Und die Europäische Union übt Hoheitsgewalt aus, indem sie Emissionsrechte zuteilt, deren Auswirkungen letzten Endes überschwappen in andere Länder.»

Doch ob seine Kläger wirklich individuell genug betroffen sind, darüber streitet sich Winter mit der Justiz. Momentan auf oberster europäischer Instanz, also mit dem Gerichtshof der Europäischen Union, denn das Europäische Gericht hat seine Klage in erster Instanz im Mai 2019 abgewiesen. Es sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Schaden der Kläger und den klimapolitischen Rechtsakten der EU. Ausserdem zieht sich das Gericht auf eine paradox klingende Begründung zurück: Weil vom Klimawandel alle betroffen sind, könne keiner im juristisch erforderlichen Sinne individuell betroffen sein.

Unüblich ist diese Interpretation nicht. Sie ist, wie Juristen sagen, ständige Rechtsprechung. Bloss: Lässt sie sich auch beim Klimawandel anwenden? Gerd Winter sagt: «Nein.» Er ist niemand, der zu Übertreibungen neigt. Wer den 76-Jährigen in seinem Arbeitszimmer zu Hause in Bremen in seinem Sessel sitzen sieht, umgeben von raumhohen Bücherregalen, erlebt einen unprätentiösen, fast zurückhaltenden Mann, der sachlich und ruhig spricht, der sich nicht zu Emotionen hinreissen lässt. Doch sollte auch der Gerichtshof der Europäischen Union seine Klage abweisen, wäre das für Winter ein Skandal. Sein Hauptargument: Wenn die EU einen Politikbereich an sich zieht, so wie sie es mit der Umweltpolitik getan hat, soll sie ihn gefälligst auch grundrechtsgemäss im Sinne der Bürger gestalten. «Von der Sache her ist es doch pervers, weil das Gericht damit sagt: Je stärker der Schaden, also je mehr Menschen betroffen sind, desto weniger Rechtsschutz.»

 

Ildebrando Conceição hofft auf ein Einsehen des Europäischen Gerichtshofes. Auch er ist als Kläger beim People’s Climate Case dabei. Conceição lebt im portugiesischen Tomar, rund 100 Kilometer nordöstlich von Lissabon gelegen. Im September 2019 ist die Stadt mit ihren 40 000 Einwohnern noch immer ein Ort der Blumen: Drei Monate zuvor hat hier die Festa dos Tabuleiros stattgefunden, eine Art Erntedankfest, das nur alle vier Jahre gefeiert wird und bei dem die Frauen auf ihren Köpfen riesige Kronen aus Papierblumen in allen erdenklichen Farben balancieren. Die Stadt, ein einziges Blumenmeer. Noch immer hängen Plakate in den Strassen, die den pompösen Kopfschmuck zeigen, mancherorts werden die meterhohen Blütensäulen ausgestellt.

Ausgerechnet diese Blumen – sie sind das Problem von Imker Conceição. Oder besser gesagt: eines seiner Probleme. «Die Wildblumen blühen nicht mehr so, wie sie es früher taten», sagt der 70-Jährige. «Der Frühling bei uns wird trockener. Und wenn die Blumen blühen, fällt manchmal plötzlich starker Regen, der sie zerstört. Meine Bienen finden keine Nahrung.» Die Tiere sind so schwach, dass Conceição und seine Frau zufüttern müssen. Das erhöht ihre Kosten um etwa 2500 Euro pro Jahr. Aber damit ist die Problemliste des Imkers noch lange nicht zu Ende: «Wir haben keine Jahreszeiten mehr, so wie wir sie früher hatten», sagt Conceição. «Der Frühling ist kurz, dann fallen die Temperaturen plötzlich wieder. Die jungen Bienen wachsen, wenn es warm ist, aber sie sind nicht stark genug und sterben in der Kälte.»

Conceição ist sein ganzes Leben lang Imker gewesen, er lebt eine Familientradition, die mit seinem Vater begann. Doch vielleicht können seine Frau und er bald schon nicht mehr von ihrer Arbeit leben. Um das zu verhindern, nimmt er an Winters Klage gegen die EU teil. Conceição war schon immer jemand, der sich engagiert. 15 Jahre lang war er Vorsitzender der Imkervereinigung in seiner Heimat.

Wie schwierig Conceiçãos Situation bereits ist, zeigt sich in Casel Novo, einem kleinen Ort etwa 20 Kilometer von Tomar entfernt. Der Imker besitzt hier ein Grundstück, auf dem die meisten seiner Bienenstöcke stehen. Der Duft von Nadelbäumen erfüllt den Ort, man hört keine Autos, keine Flugzeuge, nur Vogelzwitschern und das Summen der Bienen. «Für mich ist das hier das Paradies», schwärmt Conceição. Aber es gibt einen Eindringling in diesem Paradies: die Asiatische Hornisse. Sie ist vor etwa acht Jahren das erste Mal in Portugal aufgetaucht, im letzten Jahr dann auch in der Gegend um Tomar.

Er streift sich eine weisse Jacke und einen weissen Hut mit Netz über, steckt getrockneten Lavendel in ein Räuchergerät, zündet ihn an, pumpt einige Male, bis dichter Rauch entsteht. Dann geht er zu den Bienenstöcken: Vor dem Eingang jedes Stocks schwirren zwei bis drei Hornissen wie Helikopter in der Luft, sie sind doppelt so gross wie die Bienen, die ängstlich auf einem Haufen um den Ausgang krabbeln. Keine von ihnen traut sich heraus. Wenn es doch eine tut, wird sie direkt von einer der Hornissen getötet. Die Hornisse fliegt dann mit ihrem Opfer zu ihrem Nest. «Sie geben die Bienen ihren Larven zu fressen», klagt Conceição. «Ich habe überall Fallen aufgehängt, aber sie nützen nichts.»

40 000 Bienen leben durchschnittlich in einem der Stöcke, von denen der Imker etwa 350 besitzt. Er nimmt das Holzdach von einem herunter und bläst Rauch mit seinem Räuchergerät hinein, damit die Bienen ruhiger werden. Conceição zieht eine einzelne Wabe heraus, auf der Hunderte der kleinen Tiere krabbeln, ein lautes Summen und Brummen ist zu hören, nicht alle Bienen sind vom Rauch benebelt, manche schwirren um Conceiçãos Hut herum und wollen ihr Haus verteidigen. «Es sind viel weniger Tiere als sonst», sagt er. In manchen Stöcken hat sich die Bienenanzahl durch die Hornissen halbiert, einige musste Conceição komplett aufgeben. Auf der Wabe, die er in seiner Hand hält, klebt nur bei einer einzigen Biene orangefarbener Pollen an den Beinen. Der Rest hat es nicht nach draussen geschafft – oder nicht wieder zurück.

33 Grad Celsius, das ist die Idealtemperatur im Inneren der Bienenstöcke, erklärt Conceição. Ab 35 Grad Celsius hören die Insekten auf zu arbeiten, weil sie nur noch damit beschäftigt sind, den Stock zu kühlen. Das tun sie durch das Fächeln von Luft mit ihren Flügelschlägen oder aber, indem sie Wasser holen – was sie nicht können, wenn die Hornissen vorm Eingang lauern. Wenn sie kühlen müssen, können die Bienen in dieser Zeit keinen Honig produzieren. Conceiçãos Ertrag sinkt stetig. 20 Kilogramm pro Bienenstock waren es früher. Mittlerweile sind es nur noch 8 Kilogramm. Das bedeutet einen finanziellen Verlust von 8000 Euro im Jahr. Schaffen die Bienen es nicht, ihr Haus herunterzukühlen, werden die Waben instabil und sinken in sich zusammen. Und so müssen die Tiere nicht nur mit der Asiatischen Hornisse fertigwerden, sondern auch mit dem immer heisseren Sommer. 2017 litt Portugal unter massiven Waldbränden.

Mit einem schmalen Sperrholzbrett schlägt Conceição eine Hornisse fast tot, sie zuckt noch, er legt sie vor den Eingang eines der Bienenstöcke. Sofort bildet sich ein Pulk von Bienen um sie herum. «Ich lege ihnen manchmal die halb toten Hornissen hin, in der Hoffnung, dass sie vielleicht trainieren, wie sie die Hornissen töten können», sagt er und lächelt niedergeschlagen, als sei ihm die Hoffnungslosigkeit dieser Handlung bewusst. «Wenn ich eine töte, sind sofort drei neue da. Mich macht das alles traurig.»

Conceiçãos Probleme sind ein Mix: Die Asiatische Hornisse kam als invasive Art durch die Globalisierung nach Portugal. Der Klimawandel wiederum hilft den Hornissen, denn er schwächt die Bienen. Sie bekommen Krankheiten und sind anfälliger für Parasiten. «So etwas habe ich noch nie erlebt, seit mein Vater als Imker gearbeitet hat», sagt Conceição. Befreundete Imker aus der Gegend halten seine Teilnahme an Winters Klage für hoffnungslos. «Sie glauben an den Klimawandel, aber nicht an die Gerichte.» Conceição sieht das anders. Die Klage gegen die Europäische Union ist seine letzte Hoffnung.

Doch genau diese Hoffnung sei ein Problem, sagt Bernhard Wegener. Nämlich dann, wenn sie sich nicht erfüllt. «Gerd Winter ist wahrscheinlich der beste Umweltrechtler, den wir in Deutschland haben», sagt Wegener. «Trotzdem glaube ich, dass er einen falschen Weg geht.» Er und Winter kennen sich seit Jahrzehnten, sie trafen sich, als Wegener noch Jura-Student und Winter schon Professor war. Beide bezeichnen sich als Freunde. Zwei Experten, die einander respektieren und sich mögen. Sie diskutieren gern miteinander, manchmal fliegen die Fetzen zwischen ihnen. «Aber eine gute Freundschaft muss das aushalten», sagt Wegener.

Am Anfang, als Winter die Idee zu seiner Klimaklage hatte, fragte er den jüngeren Kollegen, ob er mitmachen wolle. Wegener lehnte ab. Dabei findet er ebenfalls, dass die Europäische Union mehr Klimaschutz betreiben muss. Auch er glaubt an die Wirksamkeit des Einzelnen. «Wir sind uns im Ziel völlig einig», sagt Wegener, «nur nicht über die Frage, wie man es erreicht.» Für ihn ist eine sinnvolle Klimapolitik nicht Aufgabe der Gerichte – sondern der Politik. Er hält die Klage des Kollegen nicht für einen demokratisch legitimierten Weg. Mehr noch: «Ich halte ihn für gefährlich. Da entsteht viel Raum für Frust, der nicht nur individuell ist, sondern der sich eingräbt. Die Leute verlieren den Glauben ans System.» Wegener findet, die Menschen drückten sich mit dem Weg über die Gerichte vor dem, was Demokratie eigentlich ausmache: sich engagieren, für die eigene Sache kämpfen, den Kompromiss suchen. Für ihn wird Politik über den Wählerauftrag gemacht, durch die Parlamente. Bloss haben viele Menschen das Vertrauen in genau diesen Weg verloren – ihnen ist die Geduld abhandengekommen, die es für demokratische Prozesse braucht. Vielleicht, weil sie jetzt spüren: Die Natur tickt in einem anderen Takt.

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Also wenden die Menschen sich an die Justiz. Weltweit gibt es bereits rund 200 Klimaklagen. 2015 etwa zogen knapp 900 niederländische Bürger erfolgreich gegen ihre eigene Regierung vor Gericht, vor kurzem klagte Winters Anwaltskollegin aus Hamburg im Namen dreier deutscher Bauern gegen die Bundesregierung, ohne Erfolg. Wegener findet, solche Klimaklagen seien wie «Gute-Nacht-Geschichten» und würden einen falschen Anreiz setzen. «Sie suggerieren: Hier werden Grundrechte verletzt, dann kriegen wir ein Gerichtsurteil, schon ist die Welt gerettet.» Es sei wie die Hoffnung auf das Schwert des Alexander des Grossen, der damit den Gordischen Knoten durchtrennt, sagt Wegener: die Suche nach der simplen Lösung. «Aber die wird es natürlich beim Klimaschutz nicht geben.»

Kaum jemand, der die wissenschaftlichen Daten zur Kenntnis nimmt, zweifelt heute noch am Klimawandel. Auch nicht die EU-­Kommission. Sie schreibt in ihrem Jahresbericht von 2018: «Die einst so fern erscheinenden Gefahren des Klimawandels sind heute Realität – auch in Europa.» Imker Conceição und die anderen Klägerparteien gehören zu jenen, bei denen sich klar nachweisen lässt, dass die auftretenden Schäden Folgen der globalen Temperaturveränderung sind. Gerd Winter und seine Kollegen haben den genauen Zusammenhang zwischen beidem für jeden ihrer Fälle wissenschaftlich prüfen lassen. «Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Ein-Grad-Zunahme der globalen Temperatur dem Klimawandel zuzuordnen ist. Das heisst übersetzt: Wir wissen es. Es gibt daran überhaupt keine Zweifel», sagt Carl-Friedrich Schleussner vom Institut Climate Analytics in Berlin. «Damit einher geht eine Vielzahl von regionalen Klimaauswirkungen.»

Schleussner und seine Kollegen hatte Winters Team mit der Prüfung der Fälle beauftragt. Nur jene, bei denen die wissenschaftliche Evidenz eindeutig war, konnten beim People’s Climate Case mitklagen. «Attributions-Kausalität», so nennt Schleussner den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den regionalen Veränderungen. Bei den Sami im Norden Schwedens etwa lasse er sich besonders gut zeigen: Weil die steigende Temperatur zu wärmeren Wintern führt, fällt weniger Schnee. Weil die Schneedecke fehlt, gefriert der Boden. Und weil der Boden gefriert, kommen die Rentiere nicht mehr an ihr Futter heran.

Die Sami aber brauchen ihre Rentiere – für das indigene Volk sind sie Teil ihrer Kultur. Schon jetzt leben nur noch rund zehn Prozent der Sami nach der alten Tradition der Rentierzucht. Die, die es sich noch zumuten, ziehen mit ihren Herden durch den kargen Norden, hinauf in die eisigen Berge, durch feuchtes Sumpfgebiet und hügelige Grasflächen. Dorthin, wo nichts mehr ist. Eine Landschaft, geprägt von schroffer Schönheit, verziert mit Flechten, Nadelbäumen, Moosen, Seen und Gletschern. Wo es gilt, nach den Regeln der Natur zu leben: mit dem Rhythmus der Sonne, den Launen des Winds, den Gefahren des Waldes, den Farben des Polarlichts. Die Sami haben eigene Gesänge, die dieses Leben in der Natur beschreiben, verschiedene Dialekte, eigene Wörter. Guhkesvágge etwa, für «langes Tal», oder várásj, für «kleiner Berg».

Der Klimawandel ist nicht ihr einziges Problem. Windparks, Erzgruben und neue Strassen rücken immer näher. Die Weideflächen schrumpfen. Aber durch die steigenden Temperaturen wächst der Druck zusätzlich. Besorgt sehen die jungen Sami, die weiterhin ihre Tradition und mit den Tieren leben wollen, schon jetzt, wie ihre Eltern sich abmühen und Futter hinzukaufen, damit die Tiere im Winter nicht verhungern, und wie die Eltern oft noch in einem Nebenjob schuften, damit die Familie über die Runden kommt.

 

Man muss aber gar nicht so weit in den Norden reisen, um die Folgen des Klimawandels beobachten zu können. Im italienischen Cogne, mit dem Auto etwa 140 Kilometer von Turin entfernt, ist es auch schon so weit. Giorgio Elter, 56 Jahre alt, kniet auf einem seiner Felder in 1760 Metern Höhe und gräbt seine Finger tief in die trockene Erde. Dann schaufelt er sie mit beiden Handflächen zu sich, um versteckte Kartoffeln freizulegen. Davor hat er mit seinem kleinen Traktor die Spur aufgewühlt, um die Kartoffeln aus der Tiefe an die Oberfläche zu holen. Eine brennende Zigarette klebt an seiner Unterlippe, er stoppt und lässt seinen Blick ins Cognetal zum Alpenmassiv Gran Paradiso schweifen. «Ich war nie so zufrieden wie bei dieser Arbeit», sagt er, «das ist alles, was ich brauche.»

 Giorgio Elter lebt hier  mit seiner Frau und den vier Töchtern. Seit dreizehn Jahren führt die Familie ein kleines Bed and Breakfast mit zwei Zimmern sowie ein eigenes Bio-Geschäft im Dorf: selbstgekochte Marmeladen, Öle, Liköre und Gemüse gehören zum Sortiment. Durchquert man Elters vier Hektar grosses Anbauland, erreicht man die Himbeersträucher. Einige tragen winzige, teilweise ausgetrocknete Früchte. Als Junge füllte Elter mehrere Körbe mit Himbeeren, kiloweise erntete er sie. Doch diese Zeiten sind vorbei. Ungewöhnlich warme Winter verkürzen die Ruhephase der Pflanze, die Beeren reifen. Dann zerstört der Frost im April die Blüten. Der Himbeerstrauch muss zum Schutz vor Frost komplett vom Schnee zugedeckt werden. Damit das klappt, plant Elter im kommenden Jahr die Sträucher mit Schnüren am Boden festzubinden. Die finanziellen Risiken zwingen ihn zu Kreativität: Die Himbeeren allein kosten Elter bereits Einbussen von fast 20 Prozent des jährlichen Umsatzes. Und dann ist da noch der ghiacciaio della tribolazione, der «Gletscher des Leids».

Man kann ihn nicht ignorieren, weil er von überall im Dorf sichtbar ist. Stets hat Elter den Gletscher bei seiner Arbeit im Blick. Mittlerweile jedoch müssen er und die anderen Bewohner Cognes dabei zusehen, wie ihr Gletscher mehr und mehr ergraut – und verschwindet. «Er sieht aus, als sei er von einem Pilz befallen, als sei er krank», sagt der Bauer und zeigt auf rotes Gletschergestein in der Ferne, das erst vor vier Jahren sichtbar wurde. Nach Elters Schätzung hat sich die Zunge an dieser Stelle um 100 Meter zurückgezogen.

Über 2000 Meter hält sich die Schneemenge laut italienischen Klimatologen konstant, darunter schneit es allerdings immer weniger. Und weil der Frühling wärmer wird, verschwindet der Schnee im Durchschnitt 15 Tage früher als noch vor 30 Jahren. Wo der Gletscher Gesteine zusammenhielt, drohen jetzt Felsstürze. Auch der Permafrost beginnt zu tauen. Jene, die den Gletscher seit langer Zeit kennen, erinnern sich noch an die Farbe des Eises Anfang der achtziger Jahre: weiss, gespickt mit hellblau. Wo Schnee und Eis schwinden, zeigt sich heute Schwarz: Schutt, dazu Sand aus der Sahara, der sich mit Schneefällen aus dem Süden hier ablagert.

In den Alpen steht das Schlimmste nicht erst bevor – es ist bereits in vollem Gange: Hier schreitet der Klimawandel doppelt so schnell voran wie im globalen Durchschnitt. Seit 1800 ist die Temperatur um zwei Grad angestiegen, im 20. Jahrhundert gingen 60 Prozent des alpinen Eises verloren. Auch die gefrorenen Wasserfälle in der Region, die viele Touristen zum Eisklettern nutzen, werden in warmen Wintern gefährlicher. Elter beobachtet seit Jahren, dass sie nicht mehr dieselbe Dicke bilden wie früher. Das hat auch direkte Konsequenzen für sein Bed and Breakfast: Die Zahl der Wintergäste sinke, sagt Elter. Bei abnehmendem Schnee und weniger Frosttagen auch kein Wunder. Örtliche Experten schätzen zwar, dass dafür im Sommer mehr Touristen aus den heisser werdenden Städten in die kühleren Berge flüchten werden. Das könnte den Schwund im Winter auffangen. Aber sicher ist das nicht.

Elters jüngste Tochter Maria hat in diesem Jahr ihren 18. Geburtstag gefeiert. Längst steht auch sie an manchem Freitag auf der Strasse statt auf dem Schulhof und kämpft für mehr Klimaschutz. Maria ist die Pessimistischste der Familie. Sie hat Angst, dass schon jetzt jeder Schritt zu spät sein könnte. Giorgio Elter sagte sofort zu, als er von der Klimaklage hörte. Auch, weil er sich schuldig fühlt. «Ich bin Teil der Generation, die nicht fähig war, auf nachhaltige Art zu leben», sagt er. «Wenn meine Töchter mein Alter erreichen, wird es für sie viel schwieriger sein, in dieser Welt klarzukommen.» Mit der Klage will er sich auch solidarisch zeigen mit jenen, die schon jetzt noch stärker unter dem Klimawandel leiden als er und seine Familie.

Wer über Klimapolitik nachdenkt, landet schnell beim Thema Gerechtigkeit. Und bei der grossen Frage der Moral. Weil Klimaschutz auch eine Frage der fairen Verteilung ist. Global gesehen, beträgt der Anteil der Europäischen Union an den Treibhausgas-Emissionen heute nur rund zehn Prozent. Kann die EU sich deshalb zurücklehnen? Müsste sie mehr machen, weil sie historisch gesehen der zweitgrösste Emittent ist, direkt hinter den USA? Oder ist das, was sie tut, nicht schon deshalb ausreichend, weil es mehr ist als das, was die meisten anderen tun – dafür aber ein Big Player wie die USA aus dem Pariser Abkommen austritt?

Die EU verfolgt im weltweiten Vergleich eine besonders ehrgeizige Klimapolitik, sie gilt als Vorbild. Ihre selbstgesetzten Ziele für das Jahr 2020 hat sie schon jetzt übertroffen. 2017 wurde ausserdem der Emissionshandel reformiert: Mittlerweile dümpeln die Preise für ein CO₂-Zertifikat nicht mehr bei fünf oder sechs Euro, sondern haben sich bei etwa 25 Euro eingependelt, was für die Unternehmen den An­­reiz erhöht, tatsächlich CO₂ einzusparen. Ab 2021 wird sich die Menge an Treibhausgasen, die im Rahmen des Emissionshandels ausgestossen werden dürfen, zudem drastischer verringern als bis dato. Und doch steht mit dem People’s Climate Case jene Frage wie ein Elefant im Raum: Stimmt Winters Vorwurf, also hätte die Europäische Union mehr tun können – hätte sie mehr tun müssen?

«Im Vergleich mit anderen Industriestaaten macht die EU mehr, aber gemessen an dem, was global notwendig wäre, macht sie sicherlich zu wenig», sagt Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik, die in Berlin sitzt. Geden hat zahlreiche Aufsätze zur EU-Klimapolitik verfasst, unter anderem in Oxford und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich geforscht, er ist einer der Leitautoren für den 6. Sachstandbericht des Weltklimarates. Der ist die verschriftlichte Antwort der globalen Forschergemeinde auf den Klimawandel. 2018 veröffentlichte er einen Sonderbericht, ein Alarmzeichen an die Regierenden dieser Welt und eine Bestätigung dessen, was man in Paris als Meilenstein der internationalen Klimapolitik gefeiert hatte: Eine Begrenzung der Temperaturerwärmung auf allerhöchstens zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter reiche nicht aus, um die Welt vor grössten Schäden zu bewahren. Der Sonderbericht forderte eine Zielsetzung von 1,5 Grad. Und Massnahmen. Jetzt.

Das aber ist genau das Problem der globalen Klimapolitik: Sie hat sich darin verfangen, immer neue Ziele zu formulieren, in einem möglichst breiten Konsens Absichten zu äussern, um möglichst viele mit ins Boot zu nehmen – und bleibt die notwendigen Massnahmen schuldig. Es ist wie in einer WG: Alle wissen, dass dringend durchgewischt werden müsste, weil blosses Kehren nicht mehr reicht. Jeder äussert seine Absicht, bald den Lappen in die Hand zu nehmen, um den Dreck endlich zu besiegen. Am Ende aber wischt nur einer oder zwei – und die WG wird noch dreckiger. Dabei hatten doch alle die gleiche Absicht, war man sich doch irgendwie einig gewesen.

Es macht daher wenig Spass, mit Oliver Geden zu sprechen. Weil er die Dinge klar sieht und auch so benennt. «In Paris hat man ein hochgradig inkonsistentes Abkommen verabschiedet», sagt er. «Das, was die Länder an Emissionsminderungen versprochen haben, führt zu einer 3-Grad-Temperaturerwärmung bis Ende des Jahrhunderts, aber man hat einen grossartigen Marketingeffekt geschafft, nämlich 1,5 Grad draufzukleben. Ich würde sagen, es gibt keine Regierung eines Industrielandes auf der ganzen Welt, die 1,5 Grad ernst nimmt.» Um das Ziel noch einzuhalten, müsste die Weltgemeinschaft ihre heutigen Emissionen in nur elf Jahren halbieren, sagt Geden. In der weltweiten Summe steigen die Treibhausgas-Emissionen allerdings an, Paris-Abkommen hin oder her. Laut einem Bericht des Uno-Klimasekretariats vom September 2019 haben bisher nur 56 Länder eine konkrete Strategie entwickelt und implementiert, wie sie ihre nationalen Ziele einhalten können. Geden hat über die Jahre gelernt, die Distanz zu seiner Arbeit zu wahren. Aber manchmal, das gibt er zu, denkt er: «Leute, ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!»

 

Rumänien, Siebenbürgen, am Fuss der Karpaten. Südlich der Kleinstadt Cugir zweigt von der Hauptstrasse ein Weg in die bewaldeten Berge ab. Er ist nur mit Pferd, Traktor oder 4-WD-Auto zu bewältigen. Auf dem Waldweg ist es dunkel und steinig, manchmal schlammig, oft steil. Es riecht modrig, die Luft ist kühl. Nach einer guten halben Stunde Schleichfahrt über dreihundert Höhenmeter: eine grosse Lichtung, blauer Himmel. Die Sonne brennt auf gelbe Hügel und alte Häuser mit rostigen Wellblechdächern. Fünf Pferde schauen über einen Zaun. Hier wohnt Kläger Petru Vlad, 52, mit seiner Familie. Auch sie kämpfen gegen die EU.

In der Mitte zwischen Adria und Schwarzem Meer schiebt die bogenförmige Bergkette der Karpaten ostwärts ziehenden Regenwolken einen Riegel vor. Doch die Regenmenge nimmt stetig ab, gestiegen ist dafür die Durchschnittstemperatur: plus 1,1 bis 2 Grad Celsius innert 50 Jahren. In den Wintern fällt deutlich mehr Schnee, die Sommer werden heisser. Das ist der messbare Klimawandel im Zentrum Rumäniens, im Herzen Transsilvaniens, unweit der Region, wo einst Graf Drăculea gegen das Osmanische Reich kämpfte. Bauer Vlad lebt weiter nördlich, im Gebiet Calene.

Eine kreischende Motorsäge zerstört die Stille. Holzsägen zum Kochen und Heizen ist hier traditionsgemäss Männerarbeit, Vlad scheint also zu Hause zu sein. Und das ist eigenartig: Die Wiesen sind kurz gemäht – für seine Kühe und Schafe gibt es hier nichts zu fressen. Kein Halm ist höher als ein paar Zentimeter, eine Folge des Klimawandels. Eine Herde ist denn auch nirgends zu sehen. Nur gackernde Hühner sind zu hören, ein angeketteter Hund bellt, ein zweiter mit offenen Wunden jagt heran: Ein Wolf hat ihn kürzlich übel zugerichtet. Auch Braunbären gibt es viele in der Region. Im renovationsbedürftigen Zwei-Zimmer-Haus ohne Wasseranschluss – Wasser wird vom Bach im steilen Tal hochgetragen oder das Regenwasser genutzt – wohnen Vlads Schwiegermutter Inana, 71, und die Schwägerin, 39, mit ihren drei Kindern, darunter das mit 17 Jahren älteste, Onana, an der Motorsäge. Inana bestätigt: «Vlad ist nicht da. Die Familie und die Tiere sind noch in Recea.»

Das Gebiet Recea liegt 1,5 Fahrstunden entfernt und knapp 500 Meter höher, es ist die «Sommeralp», wo es noch Futter gibt. Jeweils Ende Mai, Anfang Juni beginnt der Umzug auf diese Weiden, eine Tradition der Butter, Käse, Kälber und Lämmer produzierenden Bauern, weil weiter oben mehr Regen fällt. Aber etwas sei heute anders, sagt Inana seufzend: «Normalerweise wäre Vlad Ende August zurück. Jetzt haben wir schon Ende September, und er bleibt noch zwei Wochen. Denn hier ist kein Gras nachgewachsen, weil zwei Monate lang kein Tropfen fiel. So geht das schon seit Jahren, alles wird extremer. Und daran wird die Klage nichts ändern! Das kann nur Gott.»

Recea, zirka 1300 Meter über Meer. Baumlose, sanfte Hügelzüge wellen in alle Himmelsrichtungen. Zweihundert Häuser und Hütten sprenkeln das von langen Zäunen durchzogene Hochland. Mit kurzen Pfiffen treibt Vlad seine Schafherde den Hang hoch, weg von seinen 14 Simmentaler Kühen und 4 Kälbern. Drei Hunde helfen ihm, die Schafherde zusammenzuhalten. Plötzlich greift Vlad blitzschnell und gezielt in die langhaarige, wollige Masse und packt ein Lamm: Fleisch für die restliche Zeit im Hochlager. Vor Vlads Sommerhaus warten seine Ehefrau Ana, 34, die meist kein Wort sagt, sowie die Kinder Petru, 6, Maria, 5, und Andrei, 2. Petru geht schon zur Schule – je eine Stunde Fussmarsch hin und zurück – wenn die Familie unten im Winterhaus wohnt.

Vlads Haus, eigentlich eine kleine Holzhütte ohne Wasser und Strom, besteht aus einem einzigen Zimmer mit zwei Betten. Darüber hängen, wie in rumänischen Bauernhäusern üblich, Wandbehänge und mit Tüchern dekorierte Bilder von Jesus. Ein Schrank, darauf eine winkende Barbiepuppe, Streichholzschachteln und Kleinkram, in der Ecke ein alter Kochherd. Eine Türe führt in die Vorratskammer, wo wegen der Mäuse mehrere Plastiksäcke mit Gemüse von der Decke hängen. Vlad sagt lachend: «Hier ist alles bio, Geld für irgendwelche Pestizide haben wir nicht.» Schweine streichen grunzend um die Hütte.

Wenn Vlad spricht, dann laut. Es klingt, als wolle er streiten, obwohl dem nicht so ist. Die Lachfalten um seine graublauen Augen sind ständig in Bewegung, auch als er sagt: «Ich habe von der EU von Anfang an nicht viel erwartet ausser Blabla. Deshalb die Klage. Vielleicht kommt ja etwas in Bewegung.» Rumänien trat der Europäischen Union 2007 bei. Seither seien die Preise für nahezu alles gestiegen, sagt Vlad. Beim Verkauf von Tieren habe er jetzt viel Papierkram zu erfüllen, früher sei es einfacher gewesen. «Wegen der Hitze werden die Tiere öfter krank und geben rund 30 Prozent weniger Milch, somit gibt es weniger Käse und Butter», sagt Vlad. «Meine Einnahmen sinken. Aber die Ausgaben steigen, denn wegen des Klimawandels und der Trockenheit wächst zu wenig Gras. Für den Winter muss ich Futter zukaufen, trotz EU-Unterstützungsgeld, das beim Futterhändler und als Steuer beim Staat landet, bin ich am Ende bei null.» Vlad konnte zehn Heustöcke anlegen, nötig wären gut zwanzig. So viel gibt das Land jedoch nicht mehr her. «Ob die Klage erfolgreich ist oder nicht, ist egal, es ändert kurzfristig nichts – vielleicht aber später für meine Kinder», sagt er. «Für sie klage ich.»

Er nimmt einen Schluck warmes Bier und schaut hinunter ins Tal. Wenige Kilometer Luftlinie entfernt liegt Cugir, das in der Ceausescu-­Zeit derart wichtige Rüstungsfabriken besass, dass die Stadt auf keiner Landkarte verzeichnet war. Heute bauen in Cugir Hightech-Roboter Automatik-Getriebe für Mercedes-Fahrzeuge, die zum Klimawandel beitragen. An der gleichen Strasse verkauft Lidl billig importierte, schneeweisse Butter. Vlads Bio-Butter ist gelb. Er, selbst aufgewachsen auf einem Hof, sagt, dass er gerne Bauer sei, trotz aller Schwierigkeiten. «Ich weiss, unsere Existenz ist bedroht. Aber mit den Tieren höher steigen geht nicht, über uns ist nur der Himmel. Ich mache einfach weiter, was bleibt mir anderes übrig?»

Von den rumänischen Karpaten bis ins europäische Machtzentrum Brüssel sind es rund 2000 Kilometer. Jos Delbeke, 65 Jahre alt, sass lange Zeit in den Zimmern der EU-Kommission, die letzten acht Jahre bis zu seiner Pensionierung 2018 auf dem Chefsessel der Abteilung Klima: als Generaldirektor des Klimakommissariats. Die Kommission ist innerhalb der EU jener Ort, an dem Rechtsvorschriften und Strategien ersonnen und umgesetzt werden. Nur wenige haben die europäische Klimapolitik so mitgestaltet und geprägt wie Delbeke, viele nennen den studierten Ökonomen den Vater des europäischen Emissionshandels. Er hat mit allen verhandelt: den Skandinaviern, die eine progressive Klimapolitik fahren, den Deutschen, die immer an ihr heissgeliebtes Auto denken, den osteuropäischen Staaten, die weniger erpicht sind auf Klimaschutzfragen als die anderen Mitgliedsstaaten. Er gilt als offen, zugänglich. Ein sympathischer Mann im gutsitzenden Anzug und mit wachem Blick, einer, der zuhört.

Delbeke nähert sich von einer anderen Seite dem Problem Klima an, als etwa Gerd Winter oder Oliver Geden es tun. Nämlich von einer pragmatischen Seite, die unter dem Motto Machbarkeit steht. Deswegen sagt Delbeke bei einem Treffen in einem Studentencafé in der belgischen Stadt Leuven, wo er lebt und an der Universität doziert, Sätze wie: «Wir müssen einen ganzen Tanker in eine andere Richtung lenken, nämlich unsere Industriegesellschaft, und das braucht Zeit», oder «Wenn man den Leuten zu oft erzählt, es bleibe keine Zeit mehr, und immer höhere Ziele fordert, kreiert man ein Gefühl von ‹Was bringt es denn noch, wenn es sowieso nichts mehr nützt?›.»

Den europäischen Emissionshandel sieht Delbeke nach wie vor als Erfolg – trotz anfänglicher Kritik: zu niedrige Preise pro Zertifikat, ein überschwemmter Markt, als Nebeneffekt eine Art Ablasshandel zwischen Grossverschmutzern aus westlichen Ländern und solchen aus ärmeren. «Mein Job war es, alle EU-Länder zusammenzubringen. Und das haben wir geschafft. Am Anfang sagten die Polen noch: ‹Ihr könnt euren Emissionshandel ohne uns machen!›» Delbeke denkt in politischen Mehrheiten, vor allem aber in Kompromissen. Auf die Frage, wieso es im Zuge der Emissionshandel-Reform von 2017 immer noch keinen Mindestpreis für CO₂-Zertifikate gibt, wie Klimawissenschaftler es empfehlen, sagt er: «Das ist eine Sichtweise, die man in den skandinavischen Ländern, in Deutschland, den Benelux-Staaten oder Frankreich findet – aber was ist mit dem Rest Europas? Mit Polen, Rumänien, Ungarn? Wenn Sie heute in diese Länder gehen, hören Sie dort: ‹Wir haben noch andere Themen auf dem Teller›.»

Den Vorwurf, die EU habe wichtige Zeit verplempert, will er auch nicht gelten lassen: «Nein, wir haben sicher keine Zeit verschwendet.» Trotzdem sind die Emissionen in der EU innerhalb der vergangenen vier Jahre in einigen Sektoren angestiegen. «Wir waren sehr grosszügig mit der Industrie, das stimmt», räumt er ein. «Es war Teil des Deals, und jetzt müssen wir ihn festzurren!»

Nur eine Sache macht Delbeke Sorgen: der Populismus. «Die Klimadebatte ist sehr ideologisch geworden. Vor fünf Jahren war das noch nicht so. Die Fronten verhärten sich.» Hier jene, die Greta Thunberg verehren – dort die, die sie verachten. Hier die Forderer – dort die Blockierer. Hier die mahnenden Wissenschaftler – dort die Schulterzucker. «Was wir aber brauchen, ist Demokratie», sagt Delbeke. «Auch wenn es ermüdend ist.»

Wie ermüdend, das wissen die Feschets aus Frankreich, die Elters aus Italien, Familie Vlad aus Rumänien, die Sami im hohen Norden und Imker Conceição nur zu gut: Momentan bleibt ihnen nichts ausser Warten. Darauf, dass der Gerichtshof der Europäischen Union eine Entscheidung trifft. Lehnt er die Klage in zweiter Instanz ab, scheitert Winters Versuch – seine Klage würde im Nichts versanden. Dann bliebe den Klägern wieder nur die Hoffnung auf die Politik. Die neue EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen fordert europaweit Klimaneutralität bis 2050, spätestens dann also soll die EU nur noch so viele Treibhausgase emittieren, wie sie andernorts einsparen kann. Neu ist diese Idee allerdings nicht: Davon wollte auch der Ex-­Klima­kommissar Miguel A. Cañete die Regierungschefs Europas überzeugen. Doch als er beim EU-Gipfel im Juni dafür warb, konnten die Mitgliedsstaaten sich mal wieder nicht einigen. Von dem angestrebten Bekenntnis blieb am Ende in der Gipfelerklärung lediglich eine einzeilige Fussnote – die in der ersten Fassung auch noch vergessen worden war.

Zumindest eine Sache dürfte Gerd Winter eine gewisse Befriedigung verschaffen: Ursula von der Leyen hat angekündigt, die Reduktionsziele bis 2030 noch einmal zur Diskussion zu bringen, von 40 auf mindestens 50 Prozent – es wäre genau das, was Klage T‑330/18 von der EU fordert.

 


 

Vorbild

In der Schweiz vollzieht sich seit Jahren das, worum in Deutschland zuletzt erbittert gestritten wurde: Seit 2008 gibt es in der Schweiz eine Art «CO₂-Steuer» auf alle fossilen Brennstoffe (z. B. Heizöl, Erdgas), Autobenzin und Diesel sind bislang noch ausgenommen. Jeder Schweizer Bürger zahlt die Abgabe automatisch beim Kauf der Brennstoffe: Eine Tonne CO₂ kostet 96 Schweizerfranken. Der Sinn der Lenkungsabgabe: Wer viel CO₂ produziert, muss dafür bezahlen – so soll umweltfreundliches Verhalten gefördert werden. Die Abgabe ist mit einer Zweckbestimmung verknüpft, weswegen sie keine Steuer ist: Ein Drittel des Geldes, das der Staat durch die Abgabe jährlich einnimmt, wird in Gebäudesanierungen und einen Technologiefonds investiert, der restliche Teil wird an die Bevölkerung und an die Unternehmen zurückgezahlt. Jeder Schweizer Bürger erhält den gleichen Betrag zurück. Die Rückerstattung erfolgt über das AHV-Rentensystem und reduzierte Krankenkassenprämien.

 

Autoren

Zum ersten Mal machte sich die Reportagen-Redaktion auf den Weg zu einer Recherche. Juliane Schiemenz, die Imker Conceição in Portugal besuchte, sagt: «Mit eigenen Augen zu sehen, wie die Hornissen vor den Bienenstöcken in der Luft hängen und auf ihre Opfer, die Bienen, warten, hat mir klargemacht, dass wir ein echtes Problem haben durch Globalisierung und Klimawandel.» Daniel B. Peterlunger fuhr nach Rumänien und berichtete: «Bei unserer ersten Begegnung sagte Petru Vlad zum Übersetzer: ‹Ich war in Brüssel und Bukarest und sprach mit vielen Leuten. Jetzt kommst du mit einem Journalisten aus der Schweiz. Das bringt doch alles nichts.› Nach einem Gläschen Schnaps begann Vlad doch zu reden.» Stadtbewohnerin Raffaela Angstmann realisierte bei ihrer Recherche in Italien, dass sie Landluft dringend nötig hatte, als sie ihren Protagonisten auf 1760 Metern fragte, ob das Rauschen in der Ferne von einer Strasse oder einem Wasserfall stamme (es war ein Wasserfall). Rocío Puntas folgte dem Geruch des Lavendels in die Provence. «Während wir zu Mittag ein Tomatengericht assen, erzählte mir Feschet, wie schnell die Tomaten in diesem Jahr gewachsen waren, aber sie schmeckten fade – dasselbe hatte mir mein Vater tags zuvor über seine andalusischen Tomaten erzählt. Noch so ein Aspekt des Klimawandels: fades Gemüse!» Und Esther Göbel, die nach Brüssel und Bremen zu den Experten reiste, sagt: «Wirklich mal jemanden zu treffen, der durch seine Arbeit das abstrakte Gebilde EU verkörpert, fand ich besonders spannend.»

 

Mehr zum Klimawandel:

Reportagen #15  — Gekaufte Wahrheit  — von Anita Blasberg und Kerstin Kohlenberg

Raffaela Angstmann, Esther Göbel, Daniel Peterlunger, Rocío Puntas, Juliane Schiemenz unterwegs: