Komplizin in Jemen

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Die Kriegsreporterin im Dilemma zwischen Wahrheit und Propaganda.

Francesca Mannocchi

Qais ist sichtlich angespannt, als er sich dem Passbüro an der Grenze zwischen Oman und Jemen nähert. Er trägt die Dishdasha, das lange Männergewand der Arabischen Halbinsel, einen Turban und ein Paar abgenützter schwarzer Pantoffeln.

In einer Hand hat er eine ockerfarbene Mappe voller Papiere, mit der anderen umklammert er ein Plastikköfferchen, worauf die von der Zeit verwischten Buchstaben das Wort Travel Agency, Reisebüro, erkennen lassen.

Er kommt auf uns zu. Qais wird in Jemen die Verantwortung für unsere Unversehrtheit in den nächsten fünf Tagen übernehmen. Vorausgesetzt, die Prozedur im Passbüro geht gut aus.

Wir, das sind der Fotograf Alessio und ich. Unlängst sind wir von Rom nach Salalah in Oman geflogen, dann vom Flughafen bis hierher zur Grenze gefahren.

Qais lächelt. Er möchte unser Vertrauen gewinnen, denke ich.

Wir betrachten uns einen langen Moment. Qais ist ein Unbekannter. Ein Unbekannter, der uns in dieses feindliche Gebiet führen wird.

Um das tun zu können, muss er lügen, muss ich lügen.

Er lächelt noch immer. Bedecke bitte dein Gesicht, sagt er.

Ich folge seinen Instruktionen. Ziehe die Abaya an, das schwarze Gewand, das den Körper der Frau von oben bis unten bedeckt. Verberge mein Gesicht hinter einem Tuch.

Wird denn alles gut gehen, Qais?, frage ich ihn.

Er lächelt, doch die Linie seiner Lippen neigt sich nach unten, als fürchte er zu viel Optimismus und hätte gleichzeitig Angst, seine Sorge zu zeigen.

Inschallah, sagt er. So Gott will. Und fügt hinzu, wenn es nicht gut ginge, würden die schlimmsten Konsequenzen sowieso mich treffen.

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