Kriegsspiele in Bayern

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Die Nato übt den neuen kalten Krieg. Unser Autor war undercover mittendrin.

Alexander Schnell

Die Sonne steht hoch am Himmel, und unten auf der Erde gibt es einfach nichts zu tun. Nur eine einzelne Frau macht Meter. Sie schiebt einen Kinderwagen die staubige Dorfstrasse rauf und runter. Die Frau ist dick, sie watschelt, und dazu summt sie ein Wiegenlied. Als sie den Kinderwagen an mir vorbeischiebt, so watschelnd, summend und sonnenverbrannt, da kann ich nicht anders, als hineinzuspähen. Er ist leer. 

Als Nächstes gäbe es zu berichten, dass Maschinengewehrfeuer aus Südwesten zu hören ist, Schützenpanzer auf der Umgehungsstrasse vorbeidonnern, die nervtötend surrende Drohne über unserem Dorf plötzlich verschwindet und ich irgendwann anfange, ihren lieblichen Klang zu vermissen. Vielleicht werde ich ja gerade verrückt. Dann kehrt die Drohne zurück. Ich weiss nicht, wann genau. Im Dorf hängen sieben Uhren – und jede einzelne ist stehen geblieben. 
Aber ich denke, ich werde an dieser Stelle lieber nicht weiter vom Krieg berichten. Jetzt noch nicht. Ich werde zurück zum Anfang springen. Zu diesem Moment, als unser aller Leben in seiner bisherigen Form vorbei war – also zu dem Tag, an dem sie uns unsere Smartphones nahmen.

Es passiert auf einem unwirtlichen Parkplatz irgendwo in Bayern, gegen fünf Uhr morgens. Wir müssen die Apparate in braune Couverts gleiten lassen, unsere Namen darauf schreiben und sie in weisse Plastikkörbe legen. So unvermittelt soll ein jeder sein Selbst abgeben, dass manche sich gar nicht von diesen Körben wegtrauen. Aber, aber, aber ... Ich hatte doch gar keine Zeit, mich von mir zu verabschieden! 

Ratlos und von einer schlaflosen Busnacht zermürbt, stehen wir da, etwa 250 Menschen. Ich höre nur einzelne Worte, Satzfragmente, Seufzer. Es sind viele Arbeitslose, einige Rentner, Studenten. Wirre Haarknäuel, müde Blicke, Sportschuhe an unsportlichen Füssen, Bomberjacken. Kein Querschnitt der Gesellschaft, eher ein Streifschuss an ihrem Arsch. 

Manche aber scheinen all das schon zu kennen, einige lächeln sogar, irgendwie entrückt, oder wissend. Sie haben der Welt wohl verziehen, dass sie jetzt hier sind. Der Mensch ist ein anpassungsfähiges Tier.

 

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