Krimkrieg 1854

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Der erste Kriegsreporter der Moderne berichtet über einen geostrategischen Konflikt, der heute wieder aktuell ist. 

William Howard Russel

Anfang September 1854 schiffte sich eine 50  000 Mann starke alliierte Expeditionsmacht, bestehend aus britischen, französischen und türkischen Regimentern, im Schwarzmeer­hafen Warna nach der Krim ein, wo sie am 14. September in der Bucht von Jewpatorija (nördlich von Sewastopol) landete.

An diesem öden, einsamen Strand, den kurz zuvor nur Möwen und Wassergeflügel bevölkert hatten, ging es um zwölf Uhr bereits äusserst lebhaft zu. Vom einen Ende bis zum anderen blitzten Bajonette und leuchtete ein Meer roter Uniformröcke und messingbeschlagener Tschakos. Die Luft war erfüllt vom Summen englischer Stimmen, in die sich laute Kommandos mengten. Sehr vergnüglich war es, das Beladen und Entladen der Schiffe zu beobachten. Kutter, von acht bis zwölf Matrosen gerudert, mit einem Last­kahn oder einer türkischen Pinasse im Schlepptau, gingen bei einem Dampfer oder Transportboot längsseits, in dem die Truppen auf ihre Ausschiffung warteten. Als Erste gingen die Offiziere von Bord, ein jeder in voller Feld­aus­rüstung, über der Schulter die Provianttasche, in der sich Pökelfleisch befand (viereinhalb Pfund vor dem Kochen) und eine grössere Menge Zwieback. Das war seine Verpflegung für drei Tage. Ausserdem hatte jeder Offi­zier seinen Mantel dabei, den er sich zusammengerollt um den Leib schlang, eine Feldflasche für Wasser, eine Ration Brandy, so viel Leibwäsche, wie er verstauen konnte, seine Feldmütze und in den meisten Fällen einen Revolver. Der gemeine Soldat hatte Decke und Mantel zu einer Art Tornister zusammengewickelt, in dem sich ein Paar Stiefel befand, ein Paar Socken, ein Hemd sowie (auf besonderen Wunsch der Männer) die Feldmütze. Ausserdem trug er seine Feldflasche und die gleiche Verpflegung wie die Offiziere, einen Teil der Feldküche und natürlich sein Gewehr mitsamt Bajonett und eine Patro­nen­tasche mit Munition.

Kaum ein Teilnehmer der Expedition wird die Nacht des 14. September vergessen. Selten oder nie sahen sich 27 000 Engländer in einer erbärmlicheren Lage. Zelte waren nicht an Land gebracht worden, weil keine Zeit gewesen war, sie von Bord zu schaffen. Gegen Abend hatte sich der Himmel ver­düstert, Wind kam auf, und es regnete in Strömen. Gegen Mitternacht verstärkten sich die Schauer, und frühmorgens goss es dermassen, dass die Decken und Mäntel der Soldaten ohne Zelt vollständig durchnässt waren. Der Leser stelle sich diese alten Generäle und jungen Gentlemen vor, die, der gnadenlosen Macht des Unwetters ausgesetzt, ohne Bett waren, auf durch­weichten Decken oder nutzlosen wasserdichten Umhängen in stinkenden Pfützen lagen, und die rund zwanzigtausend armen Teufel, die keinen Fussbreit trockenen Boden hatten und sich genötigt sahen, in Tümpeln oder Bächen zu schlafen oder es immerhin zu versuchen, ohne ein wärmendes Feuer, ohne heissen Grog und ohne Aussicht auf ein Frühstück. Sir George Brown schlief unter einem umgestürzten Karren. Der Herzog von Cambridge, der sich einen wasserdichten Mantel übergeworfen hatte, verbrachte den grössten Teil der Nacht damit, sich zu Pferde zwischen seinen Männern zu bewegen. Sir de Lacy Evans war der einzige General, dessen Stab daran gedacht hatte, ihn mit einem Zelt auszustatten.

 

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