Krypto-Boys auf hoher See

Der einzige wirklich glückliche Mensch, den ich auf dieser Reise treffe, ist Femi, der Gabelstaplerfahrer.

Laurie Penny

Beschreiben Sie mir Ihre persönliche Utopie, und ich finde garantiert das Haar in der Suppe. In den zehn Jahren, in denen ich nun schon politische Texte schreibe, habe ich eine ganze Reihe von ebenso enthusiastischen wie eigenwillig gekleideten Menschen getroffen – manche von ihnen in politischen Ämtern –, die eine sehr detaillierte Vorstellung hatten, wie die perfekte Welt auszusehen hat. Doch kein Einziger unter ihnen könnte es mit der ideologisch bunt gemischten Ansammlung naiver Technikjünger und windiger Krypto-Scharlatane aufnehmen, denen ich auf der 2018 Coins Bank Blockchain Cruise begegnet bin.

Als ich in Barcelona zusammen mit kryptowährungsversessenen Investoren für eine viertätige Kreuzfahrt übers Mittelmeer an Bord ging, beschränkte sich mein Wissen darauf, dass Bitcoin eine Anlageform ist, auf die einige der liebenswerten Computerfreaks in meinem Bekanntenkreis schworen, und darauf, dass schwer nachzuverfolgende Kryptowährungen bei der radikalen Rechten gern für Finanzierungszwecke genutzt werden. Ich erfuhr, dass die Veranstaltung unter dem Motto Burning Man stehen würde und dass Brock Pierce anwesend sein würde – Kryptowährungsguru, ehemaliger Kinderdarsteller und Ein-Mann-Kunstinstallation zum Thema Gruppenzwang. (Später mehr über ihn.) Ich stellte mich darauf ein, jeden Abend irgendwelchen Krypto-Hippies zu lauschen, die erzählten, wie ihnen im DMT-Rausch engelsgleiche Weltraumelfen erschienen waren. Ich sah mich benommene Manager mit Wasser und Kopfschmerztabletten versorgen, Staub in ihren perfekt frisierten Haaren und ohne die geringste Ahnung, wie sie den Weg zu ihrer Kabine finden sollten. Ich plante ein, selbst ein wenig die Fassung zu verlieren, über die Regierung zu wettern und die Wände mit Poesie zu beschmieren. Ich erwartete, dass ungeheuer reiche Menschen ohne mit der Wimper zu zucken über Steuerkonzepte und heilige Geometrie schwadronieren würden. Ich sah Badeanzüge mit Firmenlogo vor meinem geistigen Auge. Ich rechnete mit selbstgefälligen Polyamoristen aus Kalifornien, auf die wir selbstgefälligen Polyamoristen aus Europa so liebend gern hinunterschauen. All dies sollte Wirklichkeit werden, aber als es schliesslich so weit war, war ich geradezu erleichtert.

Doch beginnen wir von vorn. Für all jene, die noch nicht auf den Kryptowährungszug aufgesprungen sind, hier eine kurze Einführung in das, was ich mir in der Woche vor der Fahrt reinpaukte: Blockchain ist die Technologie, die hinter den Kryptowährungen steckt, bei denen es sich wiederum um Peer-to-Peer-Electronic-Cash-Systeme handelt, die von keiner zentralen Behörde kontrolliert werden. Das Bitcoin-­System, das 2008 von einem anonymen Genie (oder mehreren Genies) unter dem Namen «Satoshi Nakamoto» entwickelt wurde, war die erste digitale Währung. Wer damals Bitcoins gekauft hat, schwimmt heute wahrscheinlich im Geld. Und es entstehen ständig neue Währungen wie Ethereum, Ripple oder Bitcoin Cash – die Idee der Dezentralisierung des Finanzsystems wird immer populärer. Ausser der Verwendung als Zahlungsmittel bietet die Blockchain-Technologie den wenigen tatsächlichen Nutzern eine Menge spannender Einsatzmöglichkeiten. So brachte die Sängerin Kelly Donnelly im Oktober mithilfe von Ethereum die feministische Hymne I Am She heraus – laut ihr «das erste nicht blockierbare Musikvideo, was heisst, dass auch Frauen in Regionen, wo Zensur herrscht, also beispielsweise in Iran, in Saudiarabien, in China oder in der Türkei, sich das Video ansehen können». Das klingt für mich nach einer guten Sache.

Kurzfristig haben die meisten Big Player jedoch etwas ganz anderes im Sinn – und das Einzige, was die Blockchain bisher an sozialem Wandel gebracht hat, ist, dass ein paar wenige Menschen stinkreich geworden sind. Der Blockchain-Kritiker David Gerard formuliert es so: «Betrüger und Betrügereien sind bei Kryptowährungen an der Tagesordnung. Die Technologie dient als Vorwand, bizarre, beinahe magisch anmutende Behauptungen aufzustellen. Wenn mit Phrasen wie ‹eine ganz neue Form von Geld› oder ‹die alten Regeln gelten nicht mehr› herumgeworfen wird, werden die Leute leichtgläubig und windige Gesellen kreativ.»

Ein paar Stunden bevor wir auslaufen, geht der Bitcoin dramatisch auf Talfahrt. An Bord stelle ich überrascht fest, dass es niemanden sonderlich zu kratzen scheint. Coins Bank, der Veranstalter der Kreuzfahrt, begrüsst die Passagiere in der Kabine mit einer kleinen Box mit Willkommensgeschenken. Darin befinden sich Schmerzmittel, Alka Seltzer, eine Handvoll Kondome, der unzuverlässigste Schwangerschaftstest der Welt und eine halbe Flasche Jägermeister. Also etwa das, was man für einen schlüpfrigen Weihnachtsmann im Kamin hinterliesse in der Hoffnung, dass er im Gegenzug eine neue Sexpuppe unter den Weihnachtsbaum legt.

Die Frauen an Bord sind durchweg adrett und durchgestylt; die Männer hingegen wirken seltsam konserviert – weniger wie junges Gemüse, eher wie abgehangenes Fleisch. Sie sind fast ausschliesslich weiss, zwischen dreissig und fünfzig und extrem bemüht, sich für die mehreren tausend Dollar, die sie auf den Tisch legen mussten, gebührend zu amüsieren und dennoch professionell zu wirken in einem Umfeld, in dem viele Vordenker eine dubiose Vergangenheit mitbringen, wie Youtube-Verschwörungstheoretiker klingen, und/oder gern einmal unbekleidet im Erdbeerbad in Zeitschriften zu sehen sind. Bei Letzterem handelt es sich um den 73-jährigen John McAfee, der sein Geld mit der Antivirensoftware McAfee Security machte, bevor auch er auf den Kryptowährungszug aufsprang. Er ist das Lieblingsfotomotiv der Krypto-Jünger und ständig von privaten Sicherheitsleuten umgeben, die ihr Bestes tun, noch gangsterartiger auszusehen als die Armani-­gekleideten russischen Skinheads an Bord. John McAfee habe ich nicht interviewt. Er löst bei mir eher Panikattacken aus, als dass er mein Interesse weckt.

Der einzige wirklich glückliche Mensch, den ich auf dieser Reise treffe, ist Femi, ein Gabelstaplerfahrer aus Birmingham. Er trägt ein Dogecoin-T-Shirt und zeigt mir stolz Videos, auf denen er mit dem Samuraischwert zu sehen ist, das er sich von seinen Bitcoins gekauft hat. Ich frage ihn, warum er so stolz auf sein Selfie mit McAfee sei, immerhin hat der Typ einen nicht gerade guten Ruf. «Ja, schon», sagt Femi grinsend. «Aber er ist halt eine Legende. Und seine Frau ist echt nett.» Dem habe ich nichts entgegenzusetzen. Jedes Mal, wenn ich in den nächsten vier Tagen den Drang verspüre, über Bord zu springen, kehre ich zu Femi mit seinem unverwüstlichen Optimismus zurück.

Auf dem halbleeren Passagierschiff mit seinen 80er-Jahre-­Kreismuster-Teppichen, die direkt aus der Kulisse von The Shining entsprungen sein könnten, redet kaum jemand sachlich über Probleme oder Grenzen der Blockchain. Der ökologische Wahnsinn des gesamten Projekts findet überhaupt keine Erwähnung. Laut Schätzungen frisst Bitcoin die gleiche Menge an Energie wie ganz Irland – und das für eine sehr überschaubare Anzahl von Nutzern. Die Kernfrage, um die sich hier alles dreht, ist die folgende: Welche der verschiedenen Währungen und Initial Coin Offerings (kurz: ICO) macht mich über Nacht am reichsten? Wenn von «Freiheit» die Rede ist, geht es ausschliesslich um die Freiheit des Geldes – und Freiheit des Geldes heisst, immense Mengen davon anzuhäufen, ohne dass diese besteuert oder nachverfolgt werden. Teilweise wird dies sogar in den Panels thematisiert, auch wenn eigentlich niemand zu dieser Kreuzfahrt erschienen ist, um den Konferenzteil zu besuchen.

«Sind Geldwäscher unter uns?» Der Bitcoin-Rockstar Bobby Lee hat sich definitiv das falsche Publikum für diesen Witz ausgesucht, aber er probiert es gleich noch einmal für den Fall, dass mit unserem Gehör etwas nicht stimmen sollte. «Haben wir viele Geldwäscher im Publikum? Gleich und gleich gesellt sich doch gern.» Noch immer eisiges Schweigen. «Die Welt muss begreifen, dass es kein freies Land ohne Freiheit des Geldes gibt», sagt Lee. Die Stimmung bleibt betreten, bis John McAfee mit weisser Anzugjacke, dem Haarschnitt eines in die Jahre gekommenen Pornostars und einer Aura von Selbstgerechtigkeit das Wort ergreift. Er spricht darüber, dass alle Steuern im Grunde Diebstahl seien, packend, wie Erweckungsprediger es nun einmal tun. Der Saal tobt. Eine solche Wirkung erzielt man sonst nur mit einer grossen Menge kostenlosen Alkohols.

Nach seinem Vortrag verstopfen die Zuhörer die Gänge, um ihrem Helden möglichst nahe zu kommen, und ignorieren dabei die «hübschen Ladys», die der Veranstalter uns für das nächste Panel mit dem Titel «Frauen und Blockchain» angekündigt hat. Das ist eine Schande, denn so verpassen sie die Zusammenfassung der Moderatorin Olga Feldmeier, mit perfektem russischem Akzent vorgetragen: «Eine Frau im Bereich Blockchain zu sein», sagt sie, «ist wie Fahrradfahren. Nur, dass das Fahrrad brennt. Und alles drum herum auch. Und du kommst in die Hölle.»

Die Männer, die die Mehrheit der zahlenden Teilnehmer ausmachen, ignorieren dieses Panel weitgehend, bis zu dem Moment, als Tatiana Moroz, wenig bekannter Popstar und Kryptowährungsunternehmerin, fröhlich verkündet, dass, wenn es um technische Fähigkeiten gehe, «Frauen hier einfach nicht ihre Stärken haben. Unsere Stärke ist die Kommunikation, mit uns kann man Spass haben.» Dafür gibt es schallenden Applaus.

Ich kann nachvollziehen, warum Leute ein Schiff chartern und jede Menge Investoren einladen: Sie wollen Geld verdienen. Den Erfolg dieser Kreuzfahrt kann man ganz traditionell in Pfund und Dollar messen. Keine der Bars auf dem Schiff akzeptiert Bitcoin – ironischerweise werden sie hier nur beim Glücksspiel angenommen. Was ich hingegen nicht nachvollziehen kann, ist, wie man ernsthaft glauben kann, man könnte dem Ganzen den Anstrich von etwas Seriöserem als einem Schneeballsystem mit schmieriger Post-Cyberpunk-­Ästhetik geben.

Es ist mein erster Tag an Bord, doch es ist bereits unübersehbar, dass hier nicht festivalartig das befreiende Potenzial der Dezentralisierung gefeiert wird, so wie man es mir versprochen hat. Es handelt sich vielmehr um eine aggressive Verkaufsveranstaltung im geschlossenen Raum für ein buchstäblich gefesseltes Publikum hochkarätiger Krypto-Investoren, deren einzige Fluchtmöglichkeit die Rettungsboote sind. Über all dem liegt eine Wolke von Aftershave und Unsicherheit. Wenn man wissen möchte, wie die Machtdynamik einer Gruppe tatsächlich aussieht, lohnt es sich eigentlich immer, einen Blick auf die Frauen zu werfen.

Von den über 400 Passagieren sind eine beträchtliche Zahl – mindestens 150, würde ich schätzen – «Hostessen» aus der Ukraine, Russland und Weissrussland, die teilweise nicht ganz klar umrissene Dienstleistungen anbieten. Die meisten Blockchain-Veranstaltungen sind nicht sonderlich ausgeglichen, was die Verteilung der Geschlechter angeht. Die Kreuzfahrtveranstalter haben es dem dezentralisierten freien Markt überlassen, dieses Problem so zu lösen, wie er es bekanntermassen am besten kann. Zu wenige Frauen? Stellen wir einfach welche ein. Nicht als echte Mitarbeiterinnen des Unternehmens, Gott bewahre. Sondern einfach um herumzustehen und um entzückend und entzückt auszusehen. Wofür sind Frauen schliesslich sonst da? Die sich im Seegang wiegenden Gänge sind voll mit launischen osteuropäischen Teenagern in unpraktischen High Heels. «Wir sind hier als … als Hilfe», sagt eine von ihnen zu mir im Aufzug, ohne von ihrem Handy aufzuschauen. Am gleichen Abend erzählt mir ein Gast, dass männliche Teilnehmer die Zimmernummern diskret über Telegram mitgeteilt bekämen – das beliebteste soziale Netzwerk unter den Krypto-Geschäftemachern, deren Spezialität darin besteht, Kurse künstlich in die Höhe zu treiben und den eigenen Bestand dann schnellstmöglich abzustossen.

Später, am Resopal-Tisch im süsslich-steril riechenden Restaurant, treffe ich zwei junge amerikanische Frauen, die eine Schauspielausbildung absolviert, als Veranstaltungshostessen gearbeitet haben und nun ins Blockchain-Marketing gegangen sind. Lucy und Donna haben Tickets für die Fahrt gewonnen und sind am zweiten Tag bereits total genervt, ausgepowert und meine neuen besten Freundinnen.

Lucy und Donna begeistern sich für die Technologie, ohne ihre Probleme zu verdrängen. Die zwei Frauen sind beide gross und attraktiv, wodurch sie den ukrainischen Hostessen zum Verwechseln ähnlichsehen. Das erschwert ihnen auf dieser Reise die Arbeit – aber zumindest können sie sich aussuchen, was sie anziehen, im Gegensatz zu einigen der englischsprachigen Vertreterinnen, die sich in Badeanzüge mit dem Schriftzug «Bitcoin» quetschen müssen. Lucy sieht aus wie eine abgespannte Christina Ricci aus den 90ern und trägt einen eng geschnittenen Zweiteiler von Nasty Gal. Sie macht kein Hehl daraus, dass sie der Ansicht ist, dass Geld die guten Absichten von Menschen untergrabe, «die zu schnell zu viel angehäuft haben». Sie erzählt mir, «dass man quasi einen Prominentenstatus bekommt». Wenn die Leute herausfinden, dass sie mit Kryptowährungen handelt, «wollen sie gleich meine Freunde werden». In dem Bereich wird man schnell zur Kultfigur. Ein grosser Mann mit schwarzen Vorderzähnen folgt Donna zum Buffet und fragt, warum sie Pommes esse, warum sie Englisch spreche und ob sie eine Hostess sei. Er folgt ihr zu unserem Tisch, wo er ungefragt Platz nimmt, einen Haufen dummes Zeug redet und Donna auf die Pelle rückt. Sie versucht, ihn höflich zurückzuweisen, doch dazu muss sie dummerweise mit ihm reden, womit er sein Ziel erreicht hat.

Am nächsten Morgen ist das Fitnessstudio voll mit gelangweilten Ballerinen in Firmen-T-Shirts, die gerade frei haben und lustlos Übungen an der Ballettstange machen. Ed Sheeran verkündet aus den Lautsprechern, dass er in unsere Form verliebt sei. Ich muss mir eingestehen, dass mein brillanter Plan, Investoren ins Gespräch zu ziehen, weil ich eine der wenigen Frauen auf einem Schiff voller Nerds bin, der Überarbeitung bedarf. Ich bin weder übermässig gross noch 22 Jahre jung, sondern eine kleine hyperaktive weisse Frau mit ungezähmten Haaren und wenig vornehmer Zurückhaltung. Also besinne ich mich auf meine bewährte Taktik und mache einen auf Manic Pixie Dream Girl. Ich muss mich nicht wirklich verstellen, dafür bin ich eine zu miese Schauspielerin. Es geht vielmehr darum, die Teile meiner Persönlichkeit herauszukehren, die Männer reizvoll finden, also ein bisschen mehr kichern, mich etwas weniger am Arsch kratzen und hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, mich zu googeln. Es hilft, dass ich meine Ahnungslosigkeit über die Krypto-Szene nicht vortäuschen muss.

Ich erzähle Ihnen all das nur, damit Sie verstehen, wie Machtstrukturen in einem sozialen Umfeld wie diesem funktionieren. Meine Methode ist ausgeklügelt genug, um es mit den Hostessen aufzunehmen. Die Männer bestätigen dies, indem sie sich überschlagen, zu betonen, wie erfrischend anders ich doch sei. Und das bin ich. Ich unterscheide mich von den anderen Frauen dadurch, dass ich älter bin und mehr soziales Kapital angehäuft habe. Zusammengenommen bedeutet das, dass ich es mir leisten kann, weniger Geduld zu haben.

Viele der Männer gestehen mir, dass es ihnen unangenehm sei, wenn attraktive Frauen dafür bezahlt werden, hier zu sein. Doch alle äussern diese Kritik nur hinter vorgehaltener Hand, von einem jungen australischen Krypto-Bruder namens Swanny einmal abgesehen, der in einem No-Name-Bitcoin-Hoodie im Bordkasino herumhüpft und brüllt: «Mann, ist das ekelhaft! Wir wollen doch nur über Krypto reden!» All dies weist auf eine Mikroökonomie hin, die sich in Schwierigkeiten befindet, wie Muhammad Salman Anjum erklärt, ein Investor, der sein Abendessen stets allein im Speisesaal zu sich nimmt. Er hat eine pragmatische Einstellung zu all den schönen jungen Frauen, die gebannt endlosen Monologen von ungepflegt aussehenden Typen lauschen, die ihr Glück nicht fassen können. «Ein Element der Blockchain besteht darin, die ICO zu finanzieren. Sie können also erahnen, warum sie hier sind – natürlich um die Investoren zu umschwärmen. Denn das Umfeld ist rauer geworden.» Im Jahr 2017, so Salman, sei es noch relativ einfach gewesen, neunstellige Mittel für einen ICO aufzubringen. Seitdem die Kryptowährungskurse ins Bodenlose gefallen sind, gibt es immer mehr Anbieter von ICO und immer weniger Investoren. Da die derzeitige Stimmung sich irgendwo zwischen zurückhaltend und rette-sich-wer-kann bewegt, versucht man, mit den glamourösen Models auf dem Schiff – und auf den Selfies der Passagiere – das goldene Zeitalter des Booms von 2017 wiederauferstehen zu lassen.

Eine Möglichkeit, eine vertrauensvolle Atmosphäre unter Männern zu schaffen, besteht darin, ihnen die Möglichkeit zu gewähren, kollektiv ihre Macht über Frauen zu demonstrieren. Deshalb werden selbst im Silicon Valley immer noch Geschäfte in Stripklubs abgeschlossen, deshalb sind Technologiemessen bekannt für ihre spärlich bekleideten Hostessen. Man fühlt sich herausgehoben, als Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Männer mit Geld werden zu Komplizen. Das alles ist immens hilfreich, wenn Sie ethisch nicht ganz lupenreine Investitionen an den Mann bringen wollen.

Um Mitternacht des dritten Tags erreicht die durch Alkohol befeuerte Unsicherheit ihren vorläufigen Höhepunkt. An Deck findet eine «russische Tanzparty» mit Piratenmotto statt. Eine halluzinogene Lichtshow pulsiert über dem uns umgebenden tiefschwarzen Mittelmeer zum hektischen Beat der Musik, die klingt, als hätte ein Roboterkleinkind einen Wutanfall in der Mülltonne. Models schweben durch die Menge und hören sich geschriene Erklärungen zu Ethereum an, Investoren tanzen zuckend über das Deck und geben sich die Kante mit Getränken, die ebenso frei sind wie sie, weil jemand anderes sie bezahlt hat. Lassen Sie uns die Party nie wieder erwähnen.

Am nächsten Morgen merke ich, dass jeder auf dem Schiff so tut, als amüsiere er sich ganz köstlich, und sich genauso verhält, wie man es reichen Menschen gern nachsagt: Glücksspiel, trinken, sich mit schönen Frauen umgeben. Nur entspannt wirkt niemand. Wir haben es hier nicht mit dem trägen Anspruchsdenken jener zu tun, die mit viel Geld auf dem Konto geboren wurden. Sondern mit dem ängstlichen, gekränkten Anspruchsdenken der Neureichen, die nur darauf warten, dass man ihnen sagt, sie hätten all das nicht verdient, was man ihnen ihr Leben lang als erstrebenswert präsentiert hat. Von einer Utopie fühlt sich das alles sehr weit entfernt an.

Die wirtschaftliche Realität jeder Gemeinschaft spiegelt sich in ihrer Kultur wider, und in der Blockchain ist dies FOMO, die zwanghafte Angst, etwas zu verpassen. Die Angst, dass einem eine glänzende, halb verkannte Gelegenheit entgehen könnte. Ich verstehe das, wirklich. Auch ich war ein schlaues, einsames Kind, das wie die meisten schlauen, einsamen Kinder zugleich ein zu grosses und ein zu geringes Selbstbewusstsein hatte. Wie jeder andere gehypte Nerd kenne ich die Angst, etwas zu verpassen, ebenso wie das wohltuende Gefühl, von Leuten umgeben zu sein, die einem bestätigen, wie wichtig man ist. Dumm nur, dass der Spass auf diesem Schiff explizit darauf ausgerichtet ist, Menschen wie mich auszuschliessen. Frauen, meine ich.

Doch es gibt auch Männer, die nicht auf ihre Kosten kommen. Josh, ein australischer Aktivist und Hacker, der die Teilnahme an der Kreuzfahrt «als Anerkennung für geleistete Arbeit» bekommen hat, amüsiert sich nicht im Geringsten. Wieso? «Alles viel zu chauvinistisch, zu frauenfeindlich hier», sagt er. «Ich musste mit anhören, wie Leute, die Vordenker sein wollen, in Podiumsdiskussionen Frauen das Wort abgeschnitten haben, obwohl die Frau recht hatte.» Er deutet auf die Hostessen, die uns auf dem in Neonlicht getauchten Deck umgeben. «Und die da, die sind nicht hier, weil sie es wollen, sondern weil es ihr Job ist. Es ist nur eine von vielen frauenfeindlichen Praktiken, damit wir Nerds auf den Fotos cooler aussehen. Man fühlt sich ein bisschen wie im Bordell. Ich finde es widerlich.»

Trotzdem trage ich die frischen Socken, die wir jeden Tag von der Coins Bank geschenkt bekommen – endlich einmal ein wirklich nützliches Werbegeschenk unter all dem Ramsch und Kitsch. Frische Socken braucht schliesslich jeder. Hier gibt es obendrein immer noch eine erhebende Botschaft für den Tag und eine Erinnerung, wo wir gerade sind. Heute ist beispielsweise Samstag, wir fahren gerade an Monaco vorbei, und auf den Socken ist zu lesen: «Ein Mann hat immer recht.»

Die meisten ideologischen Bewegungen spalten sich auf in windige Gauner und wahre Gläubige, diejenigen, die ohne jegliche Skrupel auf die Kohle aus sind, und diejenigen, die wirklich an die Sache glauben. Die Gauner haben Berühmtheit und das schnelle Geld im Sinn und lügen das Blaue vom Himmel, um es zu kriegen. Für die Gläubigen dienen Berühmtheit und Geld nur als Bestätigung, wie genial ihre Idee ist. Roger Ver zählt zu den wahren Gläubigen. «In meiner idealen Welt», erklärt er rund zehn Sekunden nachdem ich das Aufnahmegerät eingeschaltet habe, «hat jeder die hundertprozentige Kontrolle über sein Geld und muss sich nicht von irgendeinem Politiker, Banker oder sonst jemandem die Erlaubnis dafür holen, dieses Geld mit wem auch immer, wohin auch immer, zu senden oder zu empfangen. Ich versuche, Werkzeuge zu entwickeln, damit bald die ganze Welt in den Genuss dieser Technologie kommen kann.»

Er sei kein Verfechter des Libertarismus, er bevorzuge den Begriff «Voluntarismus». «Der Grundgedanke besteht darin, dass jede menschliche Interaktion entweder auf freiwilliger Basis oder aber gar nicht stattfinden sollte. Sie haben mich zum Beispiel gefragt, ob ich für ein Interview zur Verfügung stünde. Sie haben mich nicht gezwungen, Ihnen eines zu geben. Doch für viele Menschen scheinen andere moralische Normen zu gelten, wenn es um die Regierung geht. Sie darf Menschen zwingen, etwas zu tun, ob sie es wollen oder nicht.»

Nach etwa der Hälfte der mir für dieses Interview zugestandenen 15 Minuten erkenne ich, dass Ver ein äusserst introvertierter Mensch ist. Es wäre offensichtlicher, wenn er nicht das gute Aussehen eines College-Sportstars hätte, zu perfekte amerikanische Zähne und die permanent sonnengebräunte Haut von jemandem, den man immer als Expat und nie als Einwanderer betrachten wird. Rechtlich gesehen hat er seinen Wohnsitz auf St. Kitts, vermutlich aus steuerlichen Erwägungen. Blickkontakt fällt ihm aber sichtlich schwer, und seine Körpersprache ändert sich, sobald ich ihn auf seine Lieblings-­Science-Fiction-Bücher anspreche, die er in seinem Vortrag erwähnt hat.

Ich habe den Eindruck, dass er ausser mir noch niemanden an Bord getroffen hat, der Robert Heinleins Bücher ebenfalls gelesen hat. Für mich wiederum ist er der erste Mensch an Bord, der tatsächlich daran interessiert ist, über Wirtschaftsphilosophie zu reden. Oder über Feminismus.

Wir führen eine kurze, interessante Diskussion darüber, ob Geschlechtergerechtigkeit in der Natur möglich sei, und ich hake nach, wie Voluntarismus in einer Kultur wie dieser funktionieren solle, in der reiche Männer Macht im Überfluss haben und junge Frauen praktisch keine. Dann beichtet Ver mir etwas, was sonst niemand an Bord – und auch kaum ein Mann anderswo – so offen ausspricht. «Ich weiss es nicht», sagt er. «Aber ich muss zugeben, Geschlechterfragen sind mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal. Ich vermute, das liegt daran, dass ich in den seltensten Fällen Menschen persönlich treffe. Die meisten Unterhaltungen führe ich per E-Mail über meine Tastatur. Und das ist mir auch recht so. Alle denken immer, ich sei so extrovertiert. Aber am liebsten sitze ich allein zu Hause vor meinem PC.»

Später nimmt er an einer hitzigen, gut besuchten Showdown-­Podiumsdiskussion mit dem Star-Bitcoin-Maximalisten Jimmy Song über das Für und Wider von Bitcoin und Bitcoin Cash teil – die Hatfield-­McCoy-Fehde des Kryptowährungs-Universums. Angekündigt ist die Veranstaltung als gepflegter Meinungsaustausch, doch es dauert keine zehn Minuten, bis sich die beiden erbarmungslos an den Kragen gehen. Auf der Bühne wird Ver erst wütend, dann nervös und schliesslich herablassend, als er wissen will, ob sein Kontrahent Adam Smith denn überhaupt von vorne bis hinten gelesen habe. Es ist ein bisschen, als ob man einem Twitter-Flame-War als Live-Action-Performance beiwohnen würde. Ver ist der eindeutige Verlierer der Debatte, zum Teil weil sein Gehirn dauerhaft im Tabellenkalkulationsmodus zu laufen scheint, aber in erster Linie, weil er offenbar die goldene Regel des verbalen Schlagabtausches vergessen hat: Wer mit dem Herzen voll dabei ist, kann nur verlieren.

Die Veranstaltung endet, als Song das Podium unvermittelt verlässt und verkündet, für Politik auf Boulevard-Niveau sei er nicht zu haben. Tone Vays, Bitcoin-Analyst mit freiem Oberkörper, nimmt seinen Platz ein. Er fuchtelt mit seiner Wasserflasche herum und versucht, die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Es ist alles hochnotpeinlich. Ich darf eine Frage stellen.

«Ich bin hier, um mehr über die Vision von Kryptowährungen zu erfahren», sage ich, das Mikrofon testend, «und ich frage mich, ob Sie mir sagen können, warum ich nach dem Schauspiel von eben nicht den Glauben daran verlieren soll.» Die Frage dringt zu keinem der beiden durch. Stattdessen versuchen sie, mir ihre jeweilige Währung als die beste zu verkaufen.

Es erinnert mich an das, was einige Philosophen präfigurative Politik nennen. Einfach ausgedrückt, bedeutet dieser Ausdruck, dass der erste Schritt in eine bessere Welt – wie auch immer die für den Einzelnen aussehen mag – darin besteht, so zu leben, als ob die Utopie bereits Wirklichkeit wäre. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft sollte die Menschen nämlich nicht davon abhalten, in der bestehenden Gesellschaft nach denselben Prinzipien zu leben. Konsequent zu Ende gedacht, wirkt der Gedanke wie eine solidarische Zauberkraft, zu beobachten zum Beispiel vor acht Jahren bei der Occupy-Bewegung. In den Finanzhauptstädten der Welt schossen plötzlich kleine autonome Gemeinschaften wie Pilze aus dem Boden, inklusive Suppenküchen und kostenloser Bibliotheken und trotziger, programmatischer Freundlichkeit, bevor die örtlichen Strafverfolgungsbehörden ihnen nach nur wenigen Monaten den Garaus machten.

Aber das All-you-can-eat-Krypto-Libertarismus-Buffet ist voll mit lauwarmen Plattitüden-Serviertellern und prall gefüllten Wunschdenken-Platten, alle Gerichte haben einen miesen Nachgeschmack und verursachen ein flaues Gefühl im Magen. Wohin man schaut, überall steht Handdesinfektionsmittel – der Norovirus ist bekanntermassen die Apokalypse der Kreuzfahrtindustrie –, doch irgendwie fühle ich mich trotzdem kontaminiert. Besonders im Dunstkreis der Prominenten. Und der Prominenteste unter ihnen ist Brock Pierce, ein ganz neuer Typ Idealist.

Es gibt massenweise Gründe, weshalb es vermutlich keine gute Idee ist, Brock Pierce zu vertrauen. Bei mir kommt hinzu, dass er eine komprimierte Version des Typs Freund ist, vor dem meine Schwestern mich immer gewarnt haben. Er ist 1 Meter 60 gross, permanent wie ein Cowboy gekleidet und wippt Finger und Kinn im Takt der Musik, die aus dem Miniatur-Soundsystem schallt, welches er immer mit sich herumträgt. Brock Pierce ist ein kleiner Gott in der FOMO-­Szene. Ich muss zugeben: Ich mag ihn. Wir begegnen uns, als er sich einer Partie Coup anschliesst, die ich angezettelt habe als letzten verzweifelten Versuch, mit den Nerds an Bord in Kontakt zu kommen.

Das Ziel von Coup besteht darin, zu bluffen und die Gegner zu verwirren, indem man vorgibt, reicher und mächtiger zu sein als die anderen. Viele der Passagiere sind echte Profis bei diesem Spiel. Ich spiele es wirklich gern, bin aber eine echte Versagerin darin. Pierce gewinnt mit links und verkündet, er stamme von den Percys ab, die vor sieben Jahrhunderten einen Versuch nach dem anderen unternahmen, die englische Königin zu ermorden. «Ich kenne die Spiele, bei denen sich alles nur um Eigennutz dreht, sie sind öde», verkündet er. «Das habe ich alles hinter mir gelassen.» Dann schenkt er mir einen Metallpin, der den «Würfel des Metatron» darstellt, das Symbol seiner «Familiengemeinschaft der Zukunft der Gegenwart», und gibt mir eine kleine Einführung in die heilige Geometrie. «Es ist eines der mächtigsten Symbole überhaupt. Es ist der Lichtsamen, das Entstehungsmuster der Schöpfung. Der Ursprung allen Lebens.»

Das ist offen gesagt auch nicht durchgeknallter als die fünf Vorträge, die ich mir gerade angehört habe, bei denen chic gekleidete Leute erklärt haben – ich zitiere praktisch wörtlich –, dass der Bitcoin-Kurs ewig steigen werde und wir mit ihm, bis wir diese sterbliche Hülle abstreifen und in die Ionosphäre aufsteigen, wo es nach ICO Schokoladengeld regnet und niemand sterben muss.

Pierce sagt, dass keiner von «seinen Leuten» Geld im Sinn habe. «Und gerade deswegen haben wir mehr davon als die anderen. Je mehr man das Geld in den Mittelpunkt stellt, desto weniger verdient man, es sei denn, man hat keine Skrupel. Diese Menschen tun mir am meisten leid. Die zwar Unmengen von Geld haben, aber nichts anderes im Leben – es sind die ärmsten Menschen, die ich kenne.» Ich kenne noch ärmere, aber es würde die Stimmung verderben, das jetzt einzuwerfen. Aus Pierce’ tragbaren Lautsprechern dröhnt Luis Fonsis Despacito, und es wird mitten am Tag an Deck getanzt.

Alle scheinen Pierce beschützen zu wollen, vor allem vor sich selbst und seiner Angewohnheit, sein Herz, sein Zuhause und sein Pseudo-Kaleidoskop krypto-spiritueller Philosophien für jedermann zu öffnen, der ihm über den Weg läuft. «Satoshi war eine Frau», verkündet Pierce auf der Bühne. Die Enthüllung kommt nicht so gut an, wie er sich erhofft hat. Dabei mag Pierce Frauen – aber er mag halt einfach alle und jeden. Er findet sogar versöhnliche Worte für seinen ehemaligen Geschäftspartner und Alt-Right-Strategen Steve Bannon. In Pierce’ Welt geschieht alles aus einem bestimmten Grund, und alles wird sich letztlich zum Guten wenden.

Ich komme nicht umhin, den Kindersexprostitutions-Skandal zu erwähnen, in den Pierce’ ehemaliger Geschäftspartner Marc Collins-­Rector verwickelt war, der zugegeben hat, Minderjährige zu sexuellen Zwecken über Staatsgrenzen gebracht zu haben. Pierce, der selbst in Klagen wegen sexuellen Fehlverhaltens erwähnt wurde, die allesamt entweder verglichen oder abgewiesen wurden, streitet jedwedes Fehlverhalten ab. Er redet nicht gern darüber – wer tut das schon? –, aber die ganze verwickelte Angelegenheit passt gut ins allgemeine Brock-­Pierce-Narrativ, in dem die Sehnsucht nach Anerkennung, kombiniert mit der Neigung, jedem Menschen nur die besten Absichten zu unterstellen, ihm eben oftmals gnadenlos auf die Füsse gefallen sei. Das passiere selbst, wenn man reich und berühmt ist. Oder gerade dann. Pierce strahlt, wie viele Krypto-Hippies, eine besondere Art der Unschuld aus, die ich bisher nur bei wohlhabenden jungen weissen Männern beobachtet habe, eine Unschuld, die faszinierend und verstörend zugleich ist.

Genau wie Ver hat Pierce jedoch gewisse ethische Grundsätze hinter all der blauäugigen Krypto-Mystik, während Ethik für viele andere an Bord nur ein weiteres lästiges Regelwerk darstellt. Ich werde mehrfach Zeuge, wie Pierce erzählt, dass «die ersten vier Buchstaben des Wortes ‹Evolution› E, V, O und L sind». Drehe man die um, erhalte man das Wort «love», «Liebe».

Bei jedem anderen würde ich vermuten, dass er die ganze Community trollt, um zu schauen, wie lange er Sprüche von der Rückseite einer Smoothie-Flasche von sich geben kann, bevor ihm einer eine reinhaut. Aber wenn ihm nicht gerade plötzlich wieder bewusst wird, dass Menschen auch schlecht und grausam sein können, ist Pierce’ Vertrauen praktisch grenzenlos. Er würde einen ganz ausgezeichneten Guru abgeben, wenn er denn die notwendige Ruchlosigkeit und Aufmerksamkeitsspanne dafür aufbringen könnte. Als er mich einlädt, das Schiff auf Ibiza zu verlassen, um dort eine noch exklusivere Krypto-­Konferenz zu besuchen, bin ich natürlich sofort dabei.

Für mich als gebürtige Britin ist die spanische Insel Ibiza gleichbedeutend mit betrunkenen britischen Urlaubern, die dort neuen exotischen Songs und altbekannten Infektionskrankheiten hinterherjagen. Nicht klar war mir, wie atemberaubend schön die Insel eigentlich ist. Die Hauptsaison neigt sich dem Ende zu, und die frische Brise fühlt sich an, als ob die Insel einmal tief durchatmen würde. Die Fahrt über die Insel führt uns an Gehöften und Dörfern vorbei, bis wir schliesslich den Veranstaltungsort der zweiten, exklusiveren Konferenz erreichen, die «Futurama Blockchain Villa» – ja, sie heisst wirklich so. Hier erwarten uns Luxus, Idylle und ein hoffnungsloses Chaos: Wo man hinschaut, sieht man schlecht gelaunte und hungrige Kryptokraten in Poloshirts. Ausser exquisiten Schokoladentäfelchen mit dem Aufdruck verschiedener ICO gibt es nichts zu essen. Keiner weiss, wo er schlafen soll, weil es ein Problem mit der Zimmerreservierung gab, aber überall stehen Hans-Wegner-Sessel, die zusammengenommen mehrere zehntausend Dollar wert sein müssen. Wenn man von spontanen Verkaufsgesprächen einmal absieht, ist die glitzernde neue Bitcoin-Welt der Zukunft kein grosses Thema hier. Die Gegenwart allerdings auch nicht.

Der Faschismus ist in den nördlichen Industriestaaten auf dem Vormarsch, und fast alle hier kommen aus einem scheiternden pseudodemokratischen Experiment, das sich selbst für einen Staat hält. Doch keiner spricht darüber, es sei denn, um genau das als weiteren Grund vorzubringen, weshalb man in Bitcoin investieren sollte. Oder in Bitcoin Cash. Egal. Ich bin in meinem Leben vielen Menschen begegnet, die der Überzeugung sind, das 21. Jahrhundert überlebe man am besten durch totale Abschottung. Friedliche radikalgrüne Anarchisten, die in Bäumen leben, Silicon-Valley-Prepper, die ihre Bunker mit der Flüssignahrung Soylent füllen – überall auf dem politischen Spektrum und bei allen Geschlechtern gibt es Menschen, die auf dem schmalen Grat der Realität wandern, bevor sie schliesslich abstürzen. Aber ich war noch nie zuvor von so vielen Leuten umgeben, deren offensichtliches Ziel es ist, so viele andere wie möglich auf ihrem Weg in den Abgrund über den Tisch zu ziehen.

Später in der Nacht steigt die nächste wilde Party am Pool, und weil ich müde und gelangweilt bin, ziehe ich mich auf die Veranda zurück, um mit dem Handy herumzuspielen. Das wird mir zum Verhängnis, wie ich feststelle, als der Veranstalter Miguel auf mich zukommt. Anscheinend bin ich versehentlich Zeugin eines Top-Secret-­Kryptowährungs-Deals geworden. Oder wäre es, wenn ich denn hingehört hätte. Was ich nicht getan habe, weil ich mir ein Ei auf so etwas pelle.

Nein, wirklich, ich habe mittlerweile den Punkt erreicht, an dem mir alles herzlich egal ist. Ich bin vollkommen durch und schlecht drauf vor lauter Hunger. Die unnatürlich glänzenden Haare der bezahlten Hostessen, die ihre jeweilige ICO in den höchsten Tönen anpreisen, können mir gestohlen bleiben. Ich möchte einfach nur mit jemandem reden, der mir nichts verkaufen und der mich nicht kaufen will oder im schlimmsten Fall gleich beides.

Nichts davon dringt zu Miguel durch. Miguel ist der Veranstalter von Futurama Blockchain und hat unterdessen erfahren, dass die Dame da drüben eine Journalistin ist, die sich Notizen macht, also will er diese Notizen jetzt sehen, was nun wirklich nicht in Ordnung ist. Er wird aggressiv. Ich spiele ihm meine letzten Aufnahmen vor, damit er wieder runterkommt. Er beruhigt sich langsam, fragt mich, ob ich vorhätte, etwas darüber zu schreiben – während er das sagt, gestikuliert er vage in Richtung der Hostessen, die noch immer zahlreich über die Möbel drapiert sind, nun aber untereinander plaudern und sich ganz offensichtlich besser amüsieren als zuvor auf dem Schiff. Ich weigere mich, meine Notizen über die unwiderlegbare Tatsache zu vernichten, dass hier viele junge Frauen angestellt wurden, um die reichen Männer der Szene zu unterhalten. Ich sage ihm, dass Journalismus so nicht funktioniere. Miguel verfällt in Panik, meine Anwesenheit ist nicht gewünscht. Offenbar hat mich endlich jemand gegoogelt. Es ist nicht ungefährlich, eine Frau zu sein, die einen mächtigen Mann bei etwas beobachtet hat, wobei er lieber nicht beobachtet worden wäre.

Ich stelle mich darauf ein, gleich rausgeschmissen zu werden. Ich finde es furchtbar hier und will eigentlich nur noch nach Hause. Stattdessen gehe ich zu einer After-Party bei Brock Pierce und amüsiere mich zum allerersten Mal in dieser Woche wirklich.

Ich habe hoch und heilig versprochen, nichts darüber zu schreiben, weil ich Feierabend hatte. Und ich halte meine Versprechen, auch wenn es der einzige Teil der gesamten Veranstaltung war, der in mir Hoffnung aufkommen liess, die Menschheit könnte doch noch eine Zukunft haben. Die Welt braucht Hippies, so unerträglich sie auch sein mögen – und ich komme aus einer Kultur, in der die Menschen Fremden ihre Häuser öffnen, das Beste voneinander annehmen, klobigen Schmuck tragen und all ihr Hab und Gut teilen. Genauso ticken die Crypto Burner immer noch. Ich fühlte mich pudelwohl. Möglicherweise habe ich ein paar Drinks zu viel getrunken und einige sozialistische Verse mit Kreide an die Wand gemalt. Und habe prüden, verloren aussehenden Geschäftsleuten zugehört, wie sie mir von ihren geheimen sexuellen Vorlieben berichteten, während Hippies im Hintergrund die Lieder spielten, die Hippies immer um vier Uhr morgens auf der Gitarre spielen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich inmitten von halbgekleideten Futuristen eingedöst bin. Ich habe versprochen, nicht weiter ins Detail zu gehen. Auch wenn ich vermute, dass diese Details weitaus weniger schockierend wären, als die Menschen denken, um die es geht, aber was weiss ich schon? Wo ich herkomme, sind Sex und Drogen keine Schande, Sexismus und Nötigung hingegen schon. Wenn ein völlig Fremder dir dort sagt, du könntest jederzeit bei ihm klingeln und bleiben, so lange wie du willst, dann meint er es genauso. Nur als Beispiel: Eine Frau, die ich auf der Party getroffen habe, schläft gerade auf dem Sofa hinter mir. Ich versuche, möglichst leise zu tippen.

Auf der Veranda, im Morgendunst, erklärt mir Lightning, einer von Pierce’ Anhängern, wie die Blockchain-Technologie dabei helfen könnte, staatliche Kontrolle durch «dezentrale autonome Organisationen» zu ersetzen – «mit Regeln, die durch Programmcodes aufgestellt und überwacht werden». Lightning hat lange angegraute Haare und sieht aus wie jemand, den man für einen letzten Stunt in einem Actionfilm aus der Wüste zurückholen würde. Er erzählt mir, dass es eines Tages möglich sein werde, die Bürokratie zu automatisieren und so die Tragik der Allmende zu vermeiden, indem Ressourcen maximiert werden und faire Regeln gelten. «Natürlich», fügt er hinzu, «muss man diese Regeln gründlich erarbeiten und sicherstellen, dass alle mit ihnen einverstanden sind.» Um seinen guten Willen unter Beweis zu stellen, zeigt Lightning mir den Weg zu den neu errichteten Hippie-Toiletten, deren Fliesen ein echter Hingucker sind, die aber leider noch keine Türen haben, weshalb Lighting Wache steht, während ich mein Geschäft verrichte. Danach machen wir uns auf den Weg zurück zur Party.

Pierce hält Hof und ist umringt von Menschen, darunter mehrere Teilnehmer eines Wettbewerbs, die eine Stunde seiner Gesellschaft gewonnen haben. Sein Monolog reicht von der Rettung der Regenwälder über seinen persönlichen Plan zum Aufbau Puerto Ricos bis hin zur Rettung der Welt durch Liebe. «Wir spalten immer mehr, wo wir doch zusammenhalten müssen. Man muss erkennen, dass es Menschen gibt, die andere Ansichten haben, und sich die Zeit nehmen, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen, anstatt sie nur anzugreifen.»

Die Investoren sind wie berauscht. Pierce reisst alle mit, doch wie bei jedem Rausch lässt die Wirkung irgendwann nach, und hinterher ist man nur noch verwirrt und hungrig. Als das Essen endlich kommt, habe ich noch fünf Minuten Zeit, meine wahrscheinlich einzige vernünftige Mahlzeit des Tages herunterzuschlingen: Unmengen an juwelenartigem Lachskaviar und Hummer. Das Essen erinnert mich an den pseudointellektuellen Propheten der weissen Männer, Professor Jordan Peterson mit seinen zwölf Regeln für «Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt», der seinen Anhängern in Bestseller-Büchern und auf Youtube-Videos predigt, sie hätten viel mit Hummern gemeinsam, vor allem den permanenten Kampf um einen höheren Rang in der Dominanzhierarchie. Und während die dampfenden Krustentiere hereingebracht werden und auf die Teller wandern, zeigt sich, dass die Hummer an der Spitze der Hierarchie ihrerseits von Männern in sündhaft teuren Anzügen mit steueroptimierten Geschäftsadressen verspeist werden.

 

 

Aus dem Englischen von Nadine Alexander.

 


Unschöne neue Welt

Die Tech-Branche versteht sich gern als progressiv, man pflegt das Selbstbild, an einer neuen, besseren Welt zu basteln. Dumm nur, dass ausgerechnet diese Branche so rückschrittlich ist, wenn es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit geht: Tinder hatte seinen Sexismusskandal, ebenso wie die Branchen-Riesen Uber und Snapchat, bei Google demonstrierten 2018 Tausende Mitarbeiter rund um den Globus gegen sexuelle Belästigung. Die Geschichten, die aus der Tech-Szene an die Öffentlichkeit dringen, klingen teilweise so absurd, dass man sie kaum glauben mag: 2013 etwa präsentierten zwei Programmierer auf der Jahreskonferenz des Technik-­Branchenmagazins TechCrunch in San Francisco die App Titstare, mit der Männer sich selbst beobachten konnten, wie sie Brüste anstarren.

 

Hype

Die neuste Kryptowährung, die 2020 an den Start gehen soll, heisst Libra – und sorgt schon jetzt für massives Aufsehen. Denn Libra ist ein Projekt von Facebook. Der Marktgigant mit seinen rund vier Milliarden Nutzern (Facebook plus Whatsapp) will die digitale Währung sowohl für seine Kunden als auch für nichtregistrierte Personen als tägliches Zahlungsmittel etablieren. Vor allem Menschen in Entwicklungsländern wolle man den Geldtransfer so erleichtern, liess Facebook verlauten. Zahlreiche internationale Stimmen – zum Beispiel die US-Notenbank oder der französische Finanzminister – warnten vor der Idee. Manche Kritiker wie etwa Joachim Wuermeling aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank fürchten, Facebook könne über Libra seine Macht noch weiter ausbauen oder das klassische Bankengeschäft bedrohen. Unklar ist ausserdem, wie ausgerechnet Facebook die Daten seiner Libra-­Kunden wirklich schützen will.

 

Autorin

Die Engländerin Laurie Penny, 32, hat in ihrer jungen Karriere bereits als Bloggerin, Journalistin, Autorin und Schriftstellerin gearbeitet, ein ausgeprägt feministischer Blick durchzieht ihr Werk. Vor allem mit ihren beiden Büchern Unsagbare Dinge und Fleischmarkt wurde sie international einem breiten Publikum bekannt. Pennys Positionen sind auch deswegen so interessant, weil sie sich nicht auf eine Art «Elite­feminismus» beschränken, der sich vorwiegend um die Frage dreht, wie weisse, akademisierte Mittelschichtsfrauen Karriere machen können, sondern weil Penny Feminismus stets als Kapitalismuskritik denkt. Sie steht für einen inkludierenden Feminismus, der Männer nicht ausschliesst oder zum Feind erklärt, sondern bessere Verhältnisse und mehr soziale Gerechtigkeit fordert – für alle.

 

Lesen Sie unser Autoreninterview mit Laurie Penny auf Seite 115.

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