Langohrs Bibliothek

Don Quijote reitet in Kolumbien auf dem Esel.

Cristian Valencia

Das Ariguaní-Tal liegt im Norden Kolumbiens, im Bezirk Magdalena. Es ist eine herrliche Steppenlandschaft, und hin und wieder erkennt man in der Ferne die Sierra Nevada de Santa Marta. Der meiste Teil dieses ländlichen Gebietes gehört einigen wenigen Familien, die im grossen Massstab Viehzucht betreiben. Früher lebten hier Kleinbauern vom Tabakanbau. Heutzutage sind diese Bauern in den Viehzuchtbetrieben angestellt und leben unter prekären Umständen. Dieses Phänomen bezeichnet man als «die neue Ära des Bauern in Kolumbien». Die Schulen bestehen aus Palmwedeldächern auf Pfählen, meistens von Lehrern mit beeindruckendem Diensteifer gebaut

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Die 400 Esel, die vor dem Portal der Pfingstkirche im Bezirk Magdalena stehen, sind kein bloss literarisches Bild wie die 400 am Strand umherlaufenden Elefanten, die Rubén Darío in Margarita está linda la mar ersonnen hat, und doch kommt niemand, der die Gegend besucht, umhin, darüber in Erstaunen zu geraten. Wenn auch der Esel nicht das allerpoetischste Tier auf diesem Erdenrund ist, denn anscheinend fehlt es ihm an Haltung, Persönlichkeit, Statur und anmutigen Proportionen, so kann man sich in diesen verborgenen Ecken Kolumbiens ein Leben ohne Esel doch nicht vorstellen. Ohne den Esel wäre diese Gegend für immer verloren, nicht nur weil dieses vergleichsweise kleine Tier das meistgenutzte Transportmittel ist, sondern weil es die Menschen hier seit fünf Jahren mit Wissen versorgt. Wer hätte das gedacht – das Tier, das den schlechtesten Ruf hat, was Intelligenz betrifft, hat die buchstäblich schwere Aufgabe zu tragen, Hunderten von Kindern, die in den Dörfern der Gemeinden Nueva Granada und El Difícil leben, Bildung zu bringen.
Alfa und Beto sind zwei bemerkenswerte Eselsexemplare und in allen Dörfern und Gemeinden des unteren Magdalena-Tals bekannt. Sie gehören dem Grundschullehrer Luis Humberto Soriano, der seine Tiere jeden Sonnabend im Morgengrauen mit Enzyklopädien, Schulbüchern, Weltatlanten, Kindergeschichten und Weltliteratur belädt. Er bricht aber nie auf, ohne Alfa nicht vorher das Schild umgehängt zu haben, auf dem der Name dieses gesamten Irrsinns steht: «Bücheresel». Anschliessend setzt er sich seinen geringelten Vueltiao-Sombrero auf, und die Prozession des Wissens beginnt. Es gibt unter den 300 Einwohnern La Glorias keinen, der nicht eine beherzte Meinung zu dieser Quijoterie hätte. Und obwohl es diese Unternehmung bereits seit fünf Jahren gibt, hat die allgemeine Verwunderung darüber nicht nachgelassen. Zu Recht.
Das Ganze wirkt wie eine heilige Karawane, so fromm wie die Heilige Familie, die nach Bethlehem kommt. Während die Welt dieser Tage von der Ankündigung des neuen Airbus A 3000, der Platz für bis zu 900 Passagiere hat, in Atem gehalten wird, gehen in La Gloria und El Difícil Lachen, Erstaunen, Fantasie und Begeisterung direkt mit Sorianos Büchereseln einher, denn die fortschrittlichste Technologie, die man hier in der Region kennt, ist der Taschenrechner.
Soriano ist ein ruhiger Mann, der sein Heldentum ignoriert, so wie das jeder Held tut, der vor sich selbst Respekt hat. Seine Idee war so neuartig, dass sie in verschiedenen Gegenden des Landes nachgeahmt wurde, das ist ihm erst vor einem Jahr klargeworden: Da Kolumbien ein Land mit unzugänglichem Gelände ist, da Kolumbien in Teilen nach wie vor unterentwickelt ist, da Kolumbien weiter ein Land der Volksinitiativen ist, das allein dank des Mutes und des Einsatzes von Menschen wie Soriano noch nicht kollabiert ist. Er ist im Radio interviewt worden, der nationale Bibliothekenverband hat sein Tun ausdrücklich gelobt, die Zeitschrift Portafolio hat ihn zum Kolumbianer des Jahres erklärt, und Präsident Uribe persönlich hat ihn ausgezeichnet. Doch trotz all dieser Anerkennung, trotz des Getues und der Aufregung um ihn lagert seine private Bibliothek weiter in Kisten, weil er kein Geld hatte, sich eine Behausung auf dem Grundstück zu bauen, das seine Mutter ihm zu diesem Zweck geschenkt hatte.

La Gloria und El Difícil liegen oberhalb einer kurvenreichen Landstrasse, die zwei Fernstrassen der Panamericana miteinander verbindet. Wenn Sie nicht aus der Gegend stammen, werden Sie hier nicht unbedingt haltmachen, sondern die 120 Kilometer bis Plato, Magdalena, weiterfahren, um die längste Brücke Lateinamerikas zu überqueren. Und das war’s. Sie werden denken: «Ach, tolle Landschaft!», Ihnen wird die Hitze zu schaffen machen, Sie werden die Abenddämmerung bewundern und auf Ihrem MP3-Player die aktuellen Hits hören, während sich weiter oben, ein gutes Stück von der asphaltierten Strasse entfernt, das Weltwissen auf Eseln bewegt.
Ohne Zweifel ist Soriano ein kolumbianischer Quijote, der wie der Ritter von der traurigen Gestalt an den Büchern irregeworden ist. Als seine Tante ihm Margarita está linda la mar vorlas, konnte er acht Nächte lang nicht schlafen. Er war damals vier Jahre alt, und auch wenn er es nicht wirklich wissen konnte, mag er doch eine Ahnung davon gehabt haben, dass sein späteres Leben auf eindringliche Weise mit der Literatur verbunden sein würde. Er wirkt feinfühlig, hat Manieren und Umgangsformen, die an eine fast höfische Vornehmheit erinnern, was ihm als kleiner Junge ein paar Probleme beschert haben wird, zusätzlich zu denen, die das Leben hier ohnehin birgt. An der kolumbianischen Karibikküste, um nicht zu sagen in ganz Kolumbien beziehungsweise Lateinamerika, vom Río Bravo bis nach Patagonien, gibt es gewisse Gemeinsamkeiten, eine ist der Machismo. Wegen des Machismo kriegen wir uns ständig in die Haare, gehen in irgendwelchen Kneipen besoffen mit Macheten aufeinander los oder erschiessen uns gegenseitig. Vor diesem Hintergrund musste Soriano eben das ständige Gewitzel seiner Kameraden erdulden: Ein Kind, das weder mit zum Bolzen ging noch den üblichen Quatsch machte, war natürlich das Ziel boshafter Scherze. Diskriminierender Scherze, unter denen er litt und derentwegen er sich immer weiter in seine eigene Welt zurückzog, eine Welt bevölkert von Geschichten erzählenden Prinzessinnen, denen, sollte die Erzählung ihnen misslingen, die Enthauptung drohte, Geschichten von trunkenen, jähzornigen Zyklopen, die einen Trupp verirrter Seefahrer attackierten, von Dorfgemeinschaften, die von heute auf morgen die Namen aller Dinge vergassen und so die Welt neu taufen mussten, von lebensmüden Männern, die aus Nachlässigkeit töteten, vom verzweifelten Schlagen der Glocke, das die Toten des Krieges beklagt. Ohne sich dessen recht bewusst zu sein, begab er sich in die Tausenden und Abertausenden möglicher Welten, die die Literatur bietet, und er tat dies in einem Masse, dass man seiner Tante – wie der Nichte Don Quijotes – empfahl, ihm das Lesen doch besser ganz zu verbieten, um ihn vor dem sonst sicherlich drohenden Wahnsinn zu bewahren. Die Tante schenkte dem zum Glück keine Beachtung, und sie schickte ihn nach Valledupar, damit er an besseren Schulen ausgebildet werde. Aber das machte alles nur noch schlimmer, weil er dort die ganze Zeit nur in der Bibliothek sass. Und in der Bibliothek las er den Quijote. Gut so.

Soriano weiss, dass es einen Schriftsteller gleichen Namens gibt, aber hat noch nicht das Glück gehabt, etwas von Osvaldo Soriano zu lesen. Der Osvaldo, der sich irgendwann ganz spielerisch einen Mann, einen Esel und eine heisse Gegend hätte ausdenken können, dazu Hunderte von Büchern, die durch tropische Gefilde reisen, weil genau darin seine Bestimmung als Schriftsteller lag: das Absurde zu verwirklichen. So wie es in A sus plantas rendido un león oder in Triste, solitario y final geschieht. Aber Sorianos Geschichte, die des glorreichen Bibliothekars – denn immerhin kommt er ja aus La Gloria –, hätte mehr mit Pedro Páramo gemein, weil Soriano auf seinen Eseln in gewisser Weise ja die ganze Poesie und Traurigkeit und Verlassenheit Comalas, der Stadt ohne Gegenwart, umherträgt.
Ich hingegen hatte das Glück, Soriano kennenlernen und auf Alfa reiten zu dürfen, das Glück, das Ariguaní-Tal in vollkommener Stille zu durchqueren und lange Gespräche mit Soriano führen zu können, von Esel zu Esel, mit dem, wie ich finde, nach Borges besten Bibliothekar überhaupt. Um sieben Uhr morgens brachen wir auf, durchritten La Gloria und folgten den Pfaden, die in die Dörfer hinauf führen. 45 Minuten später erreichten wir das erste Haus, ein völlig krumm und schief stehender Bauernhof, neben dem Haupthaus ein Palmwedeldach auf Pfählen und ein paar Nutztiere. Es trat ein Mann vor die Tür, uns zu grüssen, mit einem so offenen Lächeln, dass ich den Eindruck hatte, ein Baum schüttelte uns die Hand. Der Gruss dieser Erde. Darauf erschien Lilia Ramírez mit ihren drei Kindern. Soriano stieg bedächtig ab und begann, einen Zauber zu entfalten wie Melquíades in Macondo. Augenblicke später fand, gleichsam mitten in Comala, improvisierter Schulunterricht statt. Klapptische – wie fürs Picknick –, Campingstühle und Bücher, um die die Kinder sich balgten, als seien es Orangen am Ast. Während die beiden Söhne lasen und sich über die Illustrationen freuten, kümmerte Soriano sich um die Allerkleinste und versuchte, ihr ruhig und geduldig die Buchstaben beizubringen. Diesem ruhmreichen Bibliothekar war es eingefallen, die Schule in die Häuser zu bringen, denn die häufigste Entschuldigung der Kinder, die Hausaufgaben nicht zu machen, lautet stets, dass sie auf keine Nachschlagewerke zurückgreifen könnten. Das und die prekäre Infrastruktur der drei Dorfschulen in der Gegend. Im Lauf der Jahre ist es Soriano gelungen, eine Bibliothek aus 3500 Büchern aufzubauen, die er mit grosser Sorgfalt pflegt. Rechnerisch gesehen bedeutet das, dass die 300 Einwohner von La Gloria pro Kopf mehr Bücher zu Verfügung haben als die Menschen in Bogotá, die, um auf ein vergleichbares Verhältnis zu kommen, den Bibliothekenbestand auf 100 Millionen Bücher aufstocken müssten. Womit nicht unbedingt zu rechnen ist.

Als Soriano meinte, es sei an der Zeit aufzubrechen, fragte er die Kinder, welches der Bücher sie denn dabehalten wollten, und jedes suchte sich eines aus. Dann notierte er sich die Titel und liess Lilia das Leihformular unterschreiben. Soriano ist alles in einer Person: Er ist Bibliothekar, Bote, Verleiher, Eseltreiber, Eventveranstalter und Lehrer.
Wir setzten den Weg fort, auf improvisierten Pfaden zwischen Gehöften hindurch, öffneten von den Eseln herab Feldtore, ritten durch eine prächtige Savanne voller mächtiger Kapokbäume und Trompetenbaumgewächse, deren Blüten so gelb waren wie die Blätter der Laubbäume im europäischen Herbst. Und Soriano erzählte mir unterdessen seine Geschichte. Eine Geschichte, die ihm selbst gar nicht ungewöhnlich vorkam, in mir aber ein Erstaunen auslöste, das dem Erstaunen Sancho Panzas geähnelt haben mochte, als Don Quijote ihn auf eine Armee von Riesen hinwies, die sich dank Zauberei und Wundertrunk als Windmühlen tarnen konnten. Ich dachte kurz, er hätte den Verstand verloren und wollte vor mir fliehen, durch einen Wald aus dornigen Sträuchern und struppigen Bäumen, deren Geäst ihm ins Gesicht peitschte. «Das ist eine Abkürzung», schrie er mir zu.
Mein Esel, mein störrischer Esel, kannte den Weg zwar auswendig, schützte aber Faulheit vor und weigerte sich, weiterzulaufen. Hätte ich die Eingebung des Esels ernst genommen, dann hätte ich den Eindruck vermeiden können, dass uns jemand dicht auf den Fersen ist. Ich fühlte mich die ganze Zeit beobachtet. Ich trieb in bester ortsüblicher Manier mein Tier an, indem ich ihm die Fersen in die Flanken trat, bis wir auf Höhe dessen angelangten, was für mich der «Saal García Márquez» der Bibliothek von La Gloria war, und ich Soriano sehr leise fragen konnte:

«Werden wir verfolgt?»
«Ach nein, gar nicht! Aber es ist besser, jetzt nicht so viel zu reden, weil das die Stiere möglicherweise nervös macht», antwortete er mir im Flüsterton.

Und plötzlich stand da zwischen zwei Bäumen der Kampfstier, der kreolische Bucklige mit den rauflustigen Hörnern, und sah uns zu, eine ziemlich mürrische Sicherheitsabsperrung, widerwillig Wache haltend und darauf wartend, dass wir schnellstmöglich sein Revier verliessen. Am Ausgang des Wäldchens hielt sich das allgemeine Gefolge bereit: 15 oder 20 Rinder, die sehr auf die Esel fixiert wirkten. 
Um ehrlich zu sein, wäre ich in diesem Moment lieber das Opfer eines Zauberspruchs gewesen und hätte es mit Riesen zu tun gehabt, die sich mit ihren wuchtigen Schwertern anschickten, mich zu enthaupten, als das Gefühl zu haben, ein rotes Tuch zu sein, und nirgends ein Torero in Sicht. Es gibt wohl nichts Ungeschützteres, als auf mit Büchern vollgeladenen Eseln an einer Herde wilder Stiere vorüberzutrotten. Soriano jedenfalls stürzte sich mitten ins Getümmel, und er machte Geräusche wie ein erfahrener Gaucho. Mir blieb nichts anderes übrig, als dieser Meute von Viechern zu sagen, dass ich zu ihm gehöre und die Klapptische und den Lesesaal der regionalen Bibliothek dabeihabe. Das alles, während die Bullen kräftig stampften und wüst schnaubten. Wir kamen heil vorbei, ich weiss nicht, ob wir unserem Gott oder dem Gott der Esel dafür zu danken hatten, aber wir kamen unversehrt davon.

Eine der Geschichten, die er mir unterwegs erzählte, handelte davon, dass er zwei Jahre zuvor an einer Veranstaltung in Santa Marta teilgenommen hatte, die als Erfahrungsaustausch von Mitarbeitern kommunaler Bibliotheken gedacht war. «Es ging die ganze Zeit nur um stationäre Bibliotheken, mit entsprechender Infrastruktur, oder um Bibliotheksbusse. Und obwohl ich mich dafür etwas geschämt habe, stand ich auf und sagte, dass ich mit meiner Bibliothek auf einem Esel unterwegs bin.» Man kann sich die verblüffte Reaktion des Publikums gut ausmalen. Aber dann liess der Applaus nicht lange auf sich warten. Anschliessend war die Dynamik eine ganz andere: Plötzlich wirkten viele der einschlägigen Klagen etwas albern, und die Forderung, doch endlich Geld bereitzustellen, um die hydraulische Allradlenkung irgendeines Gemeindebusses reparieren zu lassen, galt fortan bloss noch als nachrangig. Denn dieser stille Mensch hat immer schon nach Höherem gestrebt. Er hatte an der Universität von Magdalena einen Abschluss in Literaturwissenschaft gemacht. Allerdings per Fernstudium, mit Präsenzkursen, die alle acht Tage in Plato, zwei Stunden entfernt, oder in Santa Marta, vier Stunden entfernt, stattfanden. In dieser Zeit übernachtete er mal bei Freunden und mal in öffentlichen Parks.

Etwas sehr Merkwürdiges geschieht in dieser so wunderbaren Gegend. Das Wort Beharrlichkeit scheint den Menschen in die Seele tätowiert zu sein. Anderthalb Stunden nachdem wir bei Lilia aufgebrochen waren, erreichten wir einen Ort, der als «El Palacio» bekannt ist, der jedoch von einem Palast allenfalls den Namen oder die Poesie des Namens hat, weil es sich in Wirklichkeit um ein weiteres wackliges Haus auf Krücken handelte, von den Träumen der Menschen zusammengehalten. Dort warteten 15 Kinder auf das Eintreffen des Bücheresels, sie sassen vor der Sonne geschützt unter dem Palmwedeldach und teilten sich den Platz mit vier Männern, die die Blätter vom Mais rupften, und einer bunten Schar von gerade auf die Welt gekommenen Tieren. Mama Ente schuf Platz für die Babyenten, und sie kreuzten den Weg der Henne und ihrer Küken, die immer wieder kleine Umwege machen mussten, um ein frisch geworfenes Ferkel herum und die gerade geborenen Sägeböcke, die nach Milch blökenden Zicklein, die stillende Hündin. Dieser Palast war gesegnet geworden. 
Mit Sorianos Eintreffen kam die Lehrerin der Brasil-Schule, Madelis Judith España, vor die Tür, eine bewundernswerte 27-jährige Frau, die irgendwann beschlossen hatte, den Analphabetismus in ihrem Dorf auf eigene Faust zu bekämpfen, und die Schule auf einem Fleckchen Land ihres Vaters gründete. Sie begann mit 17 als Lehrerin zu arbeiten, einfach weil es ihr ein Anliegen war, kein anderer Grund. In den ersten Jahren bestand ihre Honorierung in der Dankbarkeit der Eltern, die sich in aller Regel in Hühnern oder Eiern oder Ziegen oder Eseln oder Mais oder Milch ausdrückte. Sie trug Kleidung, die sie selbst genäht hatte, und einen wunderbaren roten Hut, den sie ebenfalls eigenhändig angefertigt hatte: Penelope in ihrer heiligen Geduld, die lehrt, die näht, die von einer besseren Menschheit träumt. Madelis España ist Sorianos unverbrüchliche Verbündete in diesem poetischen Laboratorium, in dem sie unterrichten, ohne auf irgendwelche Geldmittel zurückzugreifen. Niemand nimmt den eselbetriebenen Ausserhausleihdienst mehr in Anspruch als sie, niemand ist wissbegieriger, niemand erpichter darauf, den Kindern eine gehaltvolle Bildung zu vermitteln. Das Einzige, was den andächtigen Eindruck unterbrach, war ein Huhn, das plötzlich auf den Tisch sprang, um uns mit viel Kikeriki das Legen eines weiteren Eis anzukündigen. «Komm schon, sei schön still, ist doch nur ein Ei», sagte Soriano zu der Henne, und darauf erfüllte das Kindergelächter El Palacio.

Unsere Sonnabendtour endete zwei Stunden später in Planadas, dem Ort, wo die Pfingstkirche steht, es ist die am besten besuchte Haltestelle der Bücheresel. Da die Schulen den Unterricht noch nicht wiederaufgenommen hatten, war der Andrang von Kindern sehr gering. Soriano meinte, dass manchmal bis zu 200 Kinder zusammenkommen würden. Aber obwohl Januar war, warteten immerhin 50 Kinder mit ihren Eltern sowie zwei Lehrerinnen. Es herrschte völliges Durcheinander. Der Bücheresel war in eine entlegene Gegend gelangt und eröffnete im Schatten vieler Bäume seine Welten. Die Stimme des Windes und das Zwitschern der Vögel bildeten die Wände dieser einzigartigen Bibliothek: der lebende Beweis dafür, dass manchmal doch der Berg zum Propheten kommt. Während Soriano die wertvollen Schätze von seinen edlen Tieren lud, halfen die Leute, die Tische auszuklappen, und die Kinder suchten sich einen Platz, wo sie sitzen und lesen konnten, und die Lehrerinnen scharrten zwei Grüppchen um sich, denen sie laut Märchen vorzulesen begannen. Dann holte Soriano einen Weltatlas hervor, um ein paar Männern den genauen Ort zu zeigen, an dem sie sich gerade befanden. Soriano hatte an diesem Tag einen abwechslungsreichen Querschnitt durch seine Bibliothek mitgebracht: Puzzle, Lesefibeln, Kindergeschichten, Märchen, Mathematikbücher, Bilderbücher, Sachbücher sowie Atlanten. Als Soriano den Band Unbekanntes Kolumbien auf eines der Tischchen hievte und aufschlug, traten die meisten Erwachsenen heran, um die Fotos des Landes anzuschauen, in dem sie ihr Leben lang gelebt hatten. Sie betrachteten die Sierra Nevada de Santa Marta von nahem, die sie sonst manchmal von weitem durch den warmen Karibiknebel erspähen konnten; sie lernten den Dschungel um Carare kennen, das schräg einfallende Nachmittagslicht über den östlichen Hochebenen, die Llanos Orientales, die Dschungelflüsse von Chocó, die Nebelwälder in der Savanne bei Bogotá, und sie starrten auf das Meer bei San Andrés, als wären sie Seefahrer und wollten ihren Kurs in eine Karte eintragen.
Eine Frau nahm sich ein Puzzle und blieb dann wie versteinert davor stehen. Mit ihren 65 Jahren sah sie so etwas zum ersten Mal und wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte. Vielleicht ist dies das anschaulichste Bild für die Grösse der Unternehmung Sorianos, der hin und wieder ein paar Schritte zurücktritt, um sich an diesem seinen Wunder zu erfreuen. An seiner Seite Alfa und Beto, die, obwohl sichtlich erschöpft, mit ihrem Tageswerk zufrieden scheinen. Und ringsum, an die Bäume gebunden, wenigstens 30 weitere Esel, die Teil des Festes waren, die meisten Anwesenden waren nämlich ebenfalls auf ihren Tieren unterwegs. Der Esel – dieses Tier, um das ganz Spanien sich sorgt, weil es dort vom Aussterben bedroht ist. Es gibt heute sogar NGOs, die sich beispielsweise dem Erhalt des katalanischen Esels widmen und Einrichtungen wie »Esel ohne Grenzen«, die hier in dieser Gegend Kolumbiens völlig undenkbar sind oder allenfalls aus Sicht der Literatur denkbar. Unfassbares Paradox: Während in Spanien niemand glauben wird, dass so etwas wie ein Bücheresel existiert, würde in Kolumbien für verrückt gehalten, wer behauptete, dass der Esel vom Aussterben bedroht sein könnte.
Kurz und gut: Ohne Angst, mich zu täuschen, kann ich versichern, dass der sinnreiche Junker, dass Don Quijote von der Mancha auf einem Esel durch das Ariguaní-Tal reitet, durch die Provinz Magdalena. Durch Kolumbien

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