Laufschuhe made in Kenya

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Ein eigener Profi-Schuh macht Nike & Co Konkurrenz.

Anja Bengelstorff

Am 16. September 2018 betritt ein Mann aus Kenya eine Berliner Strasse und fängt an zu laufen. Nach zwölf Kilometern hat er eine 18-Sekunden-­Lücke zum nachfolgenden Ex-Weltrekordler gerissen. Nach 21 Kilometern, der Halbmarathon-Strecke, ist er 39 Sekunden schneller als der Weltrekordhalter aus dem Jahr 2014 an derselben Stelle. Nach 26 Kilometern hat sein letzter Tempomacher aufgegeben. Die restlichen 17 Kilometer des Berlin-Marathons, er läuft sie allein.

Wie er das Rennen gewann, ist schon jetzt Stoff für die Geschichtsbücher. Eliud Kipchoge aus Kenya rannte die 42,195 Kilometer in einer Geschwindigkeit, die nur wenige für menschenmöglich gehalten hatten: Er siegte nach zwei Stunden, einer Minute und 39 Sekunden. Damit war er 78 Sekunden schneller als der Weltrekordhalter vor ihm. Dies ist der grösste Abstand zu einem vorherigen Rekord in einem halben Jahrhundert.

Später, als die verblüffte Sportwelt noch versucht zu erfassen, was ein Mensch da gerade vollbracht hat, strahlt im ostafrikanischen Kenya die Sprecherin der Abendnachrichten in die Kamera. Der Triumph, der ihr Lächeln umspielt, ist subtil, aber deutlich. Eliud Kipchoge hat den Berlin-Marathon gewonnen. Einen Weltrekord aufgestellt. «Er hat die ganze Nation stolz gemacht.» Für ein paar Stunden liegt Kenya, ein tief gespaltenes Land, sich in den Armen. Ethnische Herkunft, Bildungsstand, Klasse, Geschlecht: Was die Menschen sonst trennt, ist für kurze Zeit irrelevant. Korruption, Jugendarbeitslosigkeit, vernachlässigte Krankenhäuser: vergessen. Kenyaner lieben den Sport, weil er sie fühlen lässt, was sie sein könnten: ein Land, das Respekt erfährt.

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