Liebe mich oder stirb

Fast jeden dritten Tag tötet in Italien ein Mann seine Partnerin. Auch im Dorf Tenno kommt es zu einem Femizid. Wie ein Dorf fast daran zerbricht, eines Femizid-Opfers zu gedenken.

Margherita Bettoni

Sie sassen immer auf der weissen Plastikbank, direkt unter dem Küchenfenster. Sie drehten Zigaretten, gaben einander Feuer, rauchten. Ihr Blick fiel über die Dächer der Häuser im Tal und auf die Berge der Voralpen. Im Süden, hinter einem Hügel, lag der Gardasee.

Massimo Baroni denkt oft daran. Er selbst brachte seiner Tochter Alba Chiara das Rauchen bei, und das Drehen. Den Tabak auf das knisternde Papier legen, ihn damit einrollen, den Papierrand belecken. Rauchen, auch Alkohol trinken: Sachen, die seine erstgeborene Tochter lieber mit ihm machen sollte als mit Unbekannten.

Im März 2017 hat Alba Chiara ihn auf der Bank überrascht. «Papa, Mattia und ich sind nicht mehr zusammen», hat sie ihm gesagt, den Rücken an die Bank gelehnt. Massimo hat seine Tochter angeschaut: «Was redest du da? Er sitzt doch gerade bei uns in der Küche?» «Denk kurz nach, Papa. Hast du uns heute küssen sehen?», hat sie ihm geantwortet. Massimo hat kurz überlegt, tatsächlich: Den ganzen Abend lang hatte es keinen Kuss, keine Umarmung zwischen seiner Tochter und ihrem Freund Mattia Stanga gegeben.

«Alba Chiara tut bestimmt so, als sei zwischen ihr und Mattia alles in Ordnung, um ihrer Mutter keinen Kummer zu bereiten», dachte sich Massimo. Im Dezember 2016 hatte ein Arzt bei seiner Frau, Alba Chiaras Mutter, einen komplizierten Brustkrebs festgestellt. Während der Chemotherapie hatte sich Alba Chiara viel um die Mutter gekümmert, hatte sie ins Krankenhaus gefahren, für sie gekocht. Oft mit ihr dabei: Mattia, ihr Freund seit sechs Jahren. Der Freund, den sie seit dem Kindergarten kennt. Der Freund, der überall mit ihr hingeht und über den sie bei Freundinnen schwärmt. Der Freund, den ihre Eltern wie einen eigenen Sohn lieben.

Es ist der 31. Juli 2017, als Vater und Tochter wieder gemeinsam eine Zigarette rauchen. Diesmal sitzen sie auf einer Holzbank vor dem zweistöckigen Haus, in dem Mattia Stanga mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder wohnt.

Es ist kurz nach 13 Uhr und sehr heiss. Alba Chiara, die als Kellnerin in einem Viersternehotel am Gardasee arbeitet, trägt ihre Arbeitsuniform: lange schwarze Hosen, ein weisses Hemd. Auf der Bank erzählt sie ihrem Vater vom Stress bei der Arbeit und von ihrem Plan, ans Meer zu fahren. Auch Mattia kommt kurz raus zum Plaudern. Gegen 13 Uhr 40 steigt Vater Massimo in seinen roten Fiat Panda und fährt los – zum Krankenhaus. Er will seine Frau abholen, sie ist ein paar Tage zuvor operiert worden. Massimo ahnt nicht, dass er seine Tochter gerade zum letzten Mal lebend gesehen hat.

Um 13 Uhr 57 geht ein Anruf bei den Carabinieri in Riva am Gardasee ein. Ein Nachbar hat mehrere Schüsse im Haus von Familie Stanga gehört und den Notruf gewählt. Eine andere Nachbarin wird der Lokalzeitung erzählen, sie habe sofort versucht, Mattia auf dem Handy zu erreichen, aber er habe nicht geantwortet. Sofort fahren die Polizisten nach Tenno, zum Haus der Familie Stanga. Dort finden sie im Badezimmer die Leichen zweier junger Menschen.

Mattia Stanga, 24, das werden die Ermittler später rekonstruieren, hat mit einer Pistole des Kalibers 9×21 viermal auf seine Freundin Alba Chiara, 22, geschossen, dreimal auf den Körper, einmal in den Kopf. Dann hat er sich mit einem Kopfschuss selbst umgebracht. Als die Ermittler die Leichen finden, liegt Mattias rechte Hand auf der Pistole.

Fast jeden dritten Tag ermordet in Italien ein Mann eine Frau. Oft haben sie eine Beziehung, und oft ist der Auslöser für die Tat eine Trennung. Im Jahr 2017 starben in Deutschland 141 Frauen durch ihre Partner oder Ex-Partner. Femizide – Morde an Frauen, die innerhalb einer Beziehung begangen werden oder unmittelbar nach deren Ende – gibt es weltweit. Oft werden Femizide aber bagatellisiert. Medien schreiben dann von «Familientragödien» oder «Beziehungsdramen», Angehörige und Bekannte des Mörders reden die Tat klein oder weisen auf die vermeintliche Schuld des Opfers hin.

Der Mord an Alba Chiara Baroni macht deutlich, wie manche Männer mit Frauen umgehen und wie die Gesellschaft mit Männern umgeht, die ihre Frauen ermorden. Es ist die Geschichte der Menschen von Tenno, einem 2000-Seelen-Dorf , das seit diesem 31. Juli 2017 gespalten ist: Zwei Familien werden sich streiten, ein Stadtrat wird sich auseinanderdividieren, ein Bürgermeister zurücktreten. Zuerst aber versucht das Dorf nach dem Mord zügig zur Tagesordnung zurückzukehren. Denn in Tenno zählt nach aussen vor allem eins: die Idylle.

Tenno ist so schön, dass sich jeden Sommer Hunderte Touristen über die kurvige Strasse quälen, die entlang eines Berghangs zu den acht Ortsteilen hochführt, aus denen Tenno besteht. Auf der einen Hangseite krallen sich Weinreben mit ihren Wurzeln im steinigen Boden fest, auf der anderen Seite fällt der Blick über jahrhundertealte Olivenbäume – hinunter bis zum Gardasee. Tenno, das sind mittelalterliche Steinhäuser mit Holzbalkonen und Geranienvasen, verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster, eine zinnengekrönte Burg und ein See mit türkisblauem Wasser. Die Einwohner Tennos engagieren sich in mehr als zwanzig Vereinen: freiwillige Feuerwehr, Gebirgsjäger, Elterntreffpunkte. An Dorffesten bereiten sie gemeinsam Polenta zu oder brühen Glühwein. Die Arbeitslosigkeit: niedrig. Fast jeder besitzt ein Stück Land oder Ferienwohnungen. «Wenn du Hilfe brauchst, findest du hier jemanden, der dich unterstützt», sagt eine Dorfbewohnerin.

Diese Gemeinschaftsidylle scheint auch nach jenem 31. Juli 2017 zu halten – vorerst.

Vier Tage nach dem Mord und dem Selbstmord übergibt Gianluca Frizzi, Bürgermeister von Tenno, der Lokalzeitung einen Brief. Geschrieben haben ihn die Eltern von Alba Chiara und Mattia: «Heute sind Familie Baroni und Familie Stanga mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister zusammengekommen, für eine Umarmung voller Liebe und um den grossen Schmerz des Verlusts ihrer Kinder zu teilen, da beide geschätzt und geliebt waren. Dieser Brief soll vermeiden, dass der Fall instrumentalisiert und Unwahrheiten gestreut werden. Wir bitten ausserdem darum, unseren Schmerz zu respektieren.»

Die zwei Familien treten einen Tag später bei der Beerdigung von Mattia Stanga gemeinsam auf. Die Kamera eines regionalen Fernsehsenders folgt den zwei Frauen, die den Blick zum Boden senken, als sie die Kirche am Hauptplatz von Tenno verlassen. Alba Chiaras Mutter Loredana hat ihren wegen der Chemotherapie kahlen Kopf mit einem weissen Schal bedeckt. Claudia, die Mutter von Mattia Stanga, hat ihre Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille versteckt. Die Trauer vereint die beiden Mütter, sie halten sich an den Händen. Neben ihnen geht Mattias Vater Lucio. In seinen Händen hält er die Feuerwehrmütze seines Sohnes. Vier Männer in braunen Uniformen tragen Mattias weissen Holzsarg. Es sind die Männer der freiwilligen Feuerwehr, Mattia war seit seinem zehnten Lebensjahr ihr Mitglied. 500 Meter sind es von der Kirche zum Friedhof. Viele Dorfbewohner folgen dem Sarg. «Eltern und Geschwister von Mattia und Alba Chiara bilden eine Liebeskette», titelt danach die Lokalzeitung.

Einen Tag später, in der kleinen Kirche im Ortsteil Cologna, eine ähnliche Szene, die verschiedene Lokalzeitungen genau beschreiben: Rote, weisse und hellblaue Blumen schmücken den Sarg von Alba Chiara. Es ist August und entsprechend heiss, die Tränen auf den Gesichtern einiger Anwesender vermischen sich mit Schweiss. In der ersten Reihe links sitzen Massimo und Loredana Baroni, ihre jüngere Tochter Aurora, die 17 Jahre alt ist. Daneben, auf der Bank rechts, Familie Stanga: Mattias Mutter Claudia, sein Vater Lucio, sein Bruder Michele. «Liebe, Nähe und Solidarität sind stärker als der Schmerz, das lehrt uns die Anwesenheit der Familie von Mattia», sagt Pfarrer Franco Pavesi während des Gottesdienstes. Pavesi hatte nach dem Mord-Suizid den Familien vorgeschlagen, zusammen mit dem Bischof eine gemeinsame Beerdigung für Mattia und Alba Chiara zu halten. Zu den Aufgaben eines Pfarrers gehöre es, den Frieden und den Zusammenhalt innerhalb seiner Gemeinde zu fördern. Sein Vorschlag barg jedoch die Gefahr, dass die Gemeinde den Unterschied zwischen den zwei Todesfällen eventuell nicht mehr erkennt. Alba Chiaras Vater hat die gemeinsame Beerdigung verhindert: Er wollte seine Tochter ein letztes Mal allein begleiten. Doch hinter ihrem Sarg, den auch hier Feuerwehrmänner tragen, laufen die Familien von Alba Chiara und Mattia.

«Wenn wir sterben, sind wir alle gut», besagt ein italienisches Sprichwort. Beerdigungen sind ohnehin nicht dazu da, um das Leben und die Taten eines verstorbenen Menschen zu beurteilen. Es sind keine Gerichtsverhandlungen. Doch Beerdigungen haben auch eine symbolische Funktion. Sie sprechen eine Gemeinde an, sie erzählen etwas über die Menschen, die sie veranstalten, und über jene, die daran teilnehmen. Vor allem bieten sie die Gelegenheit, über komplizierte Verhältnisse nachzudenken oder gesellschaftliche Traumata gemeinsam aufzuarbeiten. Allerdings fiel auf keiner der zwei Beerdigungen das Wort Femizid. Nicht einmal von Mord war die Rede.

Die zwei ähnlichen Zeremonien, die Feuerwehrleute in Uniform, der Versuch, die Harmonie aufrechtzuerhalten – Gianluca Frizzi sitzt auf einer Holzbank im Schatten des Schlosses von Tenno und fragt sich, ob all das nicht ein Fehler war. Er ist 46 Jahre alt und mittlerweile nicht mehr Bürgermeister. Er arbeitet als Kellner im Restaurant seiner Familie, wenige Minuten vom Schloss entfernt. Frizzi hält die Arme vor der Brust verschränkt und sieht eher nach Rebell aus als nach Bürgermeister. Die muskelbepackten Arme sind tätowiert, am linken Ohr trägt er einen Ring aus Holz, seine Glatze bedeckt ein schwarzes Cap. «In den ersten Tagen nach dem Mord-­Suizid herrschten starke Gefühle. Wir waren alle nicht in der Lage zu unterscheiden. Für uns gab es zunächst einfach zwei Opfer», sagt er. Den 31. Juli werde er nie vergessen: den Anruf des Feuerwehrkommandanten, der ihn auf seiner gelben Harley-Davidson am Gardasee erreichte. Die hastige Fahrt zurück nach Tenno. Dort die Männer der Spurensicherung in ihren weissen Overalls. Die verlorenen Blicke der Eltern. «Ein Mord-Suizid in einem kleinen Bergdorf – das kann man sich kaum vorstellen. Das ist doch etwas, das nur in Filmen passiert», sagt Frizzi, «aber es ist uns hier passiert. Ein starker Wind hat die Routine unseres Dorfes für immer weggeweht.»

Er wünscht sich heute, im Rückblick, dass man Mattia Stanga am frühen Vormittag begraben hätte. Er wünscht sich, dass die Feuerwehr den Sarg in Zivil getragen hätte. Er wünscht sich, er hätte für Alba Chiaras Beerdigung die Bürgermeisterschärpe mit den Farben der Trikolore getragen. Aber hätte er seine Gemeinde so besser für Femizide sensibilisieren können? «Wenn ein Erdbeben kommt, rettet man zunächst die Überlebenden, erst danach denkt man an die Toten. Bei den Beerdigungen hatten wir vor allem an die vier zurückgebliebenen Eltern zu denken.» Frizzi schaut in die Ferne: «Damals dachte ich, wenn das Fieber sinkt, macht das Emotionale Platz für das Rationale. Ich meinte, die Gemeinde würde sich klar positionieren. So klar, wie die Entscheidung von Mattia klar war.»

Bürgermeister Gianluca Frizzi sollte sich irren.

Ein Jahr ist vergangen seit jenem 31. Juli 2017, und in Tenno hat ein Mantel aus Blei die Idylle verhüllt. Niemand will über den Femizid sprechen. Tenno, das ist jetzt ein Dorf, das vor allem schweigt und hofft, dass der Alltag wieder zurückkehrt. Da ist der Vorsitzende des Jägerverbandes, der am Telefon sagt: «Was soll ich sagen? Mattias Vater ist auch Jäger. Das war ein Schock für alle. Aus Respekt für die zwei Familien will ich nichts sagen.» Da sind zwei alte Damen mit Einkaufstüten, die erst mit einem grossen Lächeln reagieren, als man fragt, ob man kurz stören dürfe, dann aber erstarren und hastig auf der Hauptstrasse weitergehen, als sie erfahren, man sei Journalistin und wolle über Alba Chiara und Mattia sprechen. Da ist die Kellnerin der einzigen Bar im Dorf, die sagt: «Niemand will darüber sprechen. So eine Tragödie kann ein Dorf nicht verkraften» – und dann schweigend den Tresen putzt. Viele Menschen wollen den Femizid aus der Dorfgeschichte löschen, indem sie nicht darüber sprechen.

Tenno heute, das ist auch ein Dorf, das lieber beim Opfer nach Schuld sucht, als zu akzeptieren, dass einer von hier ein Mörder ist. Da sind zwei ältere Männer vor ihren Weissweingläsern an der Dorfbar. Einer sagt: «Als Paar ist man immer zu zweit: Es wäre gut, zu wissen, was sie ihm angetan hat, bevor man ein Urteil fällt.» Der andere nickt zustimmend. Dann sagt er: «Wir haben zwei Menschen verloren und müssen beider gedenken.» Tenno heute, das ist auch der Mann, der seine Nachbarin verächtlich als «Feministin» bezeichnet, weil sie sagte, dass nichts auf der Erde einen Mord rechtfertige.

Tenno heute, dazu zählt auch eine stille Minderheit, die hinter geschlossenen Türen anders spricht als auf der Strasse. Da ist ein Mann, der zu sich nach Hause einlädt und bevor er zu erzählen beginnt, das Fenster schliesst. «Die Nachbarn hören sonst mit», erklärt er. Dann sagt er: «Ein Femizid war das, na klar.»

Da ist eine enge Freundin von Alba Chiara, die zwar über ihre gemeinsame Kindheit erzählt, aber darum bittet, ihren Namen nicht zu nennen. Sie kenne auch die Familie von Mattia und schätze sie. Und da ist eine Frau, die die Mutter von Alba Chiara im Supermarkt anspricht und ihr sagt, sie habe grossen Respekt für den Kampf, den sie für ihre Tochter führe.

Wann fing in Tenno die Idylle an zu bröckeln? Wann riss die Wunde auf, die man nach dem Femizid zusammengenäht glaubte?

In Tennos Vorort Volta di Nò leben die Menschen in kleinen Mehrfamilienhäusern, die alle ähnlich aussehen. Die Einwohner haben sie meist selbst gebaut, in den sechziger und siebziger Jahren, es sind kleine, sichtbare Produkte des damaligen Aufschwungs. Familie Baroni bewohnt ein zweistöckiges gelbes Haus mit einem gepflegten Garten. Neben dem Eingang blickt eine Madonnenstatue auf den Weg, der zur Tür führt. Tritt man ein, steht man gleich in der Küche, die zugleich als Wohnzimmer dient. Am Küchentisch sitzt Alba Chiara Baronis Vater Massimo, ein Fabrikarbeiter, strubbeliges schwarzes Haar, gebräunte Haut. Links von ihm seine Ehefrau Loredana, Hausfrau, kleine helle Augen, ein breites Lächeln. Der Krebs scheint fürs Erste besiegt, ihr ist graues Haar nachgewachsen. Beide tragen am Hals eine Silberkette in Form eines Herzens. Darauf eingraviert: vorne das Gesicht ihrer Tochter, auf der Rückseite der Satz «Wir werden immer eine Familie sein». Es sind die Worte, die Alba Chiara ihren Eltern einst auf ein anderes Schmuckstück hatte eingravieren lassen.

«Wir haben nie viel mit anderen Menschen unternommen, unsere Freizeit haben wir meistens mit unseren Töchtern verbracht», sagt Massimo. Er ist 47 Jahre alt, Loredana 49. Sie haben sich 1988 im Freiluftkino kennengelernt, 1993 geheiratet, 1995 Alba Chiara bekommen, vier Jahre später die zweite Tochter Aurora. Seitdem dreht sich ihr Leben um ihre Töchter: Die Hockeymannschaft, in der Alba Chiara und Aurora spielten, drohte zu schliessen, weil der Trainer nicht genügend Spielerinnen fand – was tun? Mutter Loredana lernte die Spielregeln und sprang als Torwartin ein. Alba Chiara wollte für ihre Lehre als Schmuckdesignerin eine Brosche mit Vogelfedern verzieren – woher nehmen? Vater Massimo streifte stundenlang mit ihr durch den Wald und fand schliesslich die Federn. Die kleine Küche der Baronis erzählt von dieser engen Beziehung. Überall hängen Fotos der Familie, auch einige Kinderzeichnungen von Alba Chiara oder ihrer Schwester Aurora.

Wie fasst man zusammen, wer die eigene Tochter war? Als erstes Wort habe Alba Chiara Papa, nicht Mama gesagt. Sie habe Tiere geliebt und sei mal mit einem verletzten Vogel, mal mit einer Strassenkatze nach Hause gekommen. Sie durfte alle Tiere behalten. Immer wenn sie Blumen sah, pflückte sie eine und steckte sie sich hinters Ohr. Sie habe gemalt, am liebsten mit Ölfarben. Sie sei gern mit ihrer Familie ins Kino gegangen. Sie habe im Saal Cola-Lollis gelutscht. Sie liebte Mangas. Sie mischte gern Cocktails für ihre Mutter und ihre Schwester. Sie spielte leidenschaftlich Hockey. Sie sei eine junge Frau mit einem starken Charakter gewesen. Das deckt sich mit dem, was Freundinnen und Freunde über sie erzählen: Alba Chiara sei zur Kapitänin ihrer Mannschaft gewählt worden, weil sie sich – selbst als Teenager – von den Streitereien zwischen Mitspielerinnen ferngehalten habe, erzählt ihr Hockeytrainer. Sie habe sich gern farbig gekleidet – egal, was die anderen dachten, erzählen Hockeykolleginnen. Sie sei ein freier Geist gewesen, sagt eine Freundin aus der Grundschule. Sie habe sich nie Sorgen gemacht über die Urteile anderer Menschen, erzählt ihre beste Freundin.

Bevor Massimo Baroni von jenem 31. Juli spricht, will er eine Zigarette rauchen. Er geht in den Garten, setzt sich auf die Bank, auf der er immer mit seiner Tochter sass. Seine Frau schaut ihm aus der Küche durch das Fenster nach. «Alba Chiara war ein Papakind», sagt sie.

Massimo hatte seine Ehefrau vom Krankenhaus nach Hause gefahren. Sie hatte sich schlafen gelegt, er sass im Wohnzimmer. Gegen 16 Uhr zeigte ihm seine Tochter Aurora den Facebook-Post der Lokalzeitung: «Doppelte Tragödie in Tenno: Junges Paar ist tot». «Schau Papa», sagte Aurora, «das ist doch Mattias Haus!» Der Blick aufs Smartphone, das ihm seine jüngere Tochter hinhielt, zerstörte Massimo Baronis Welt: «Ich bin innerlich einfach gestorben.» Er sagte seiner Tochter, sie solle Mattia Stanga anrufen. Er versuchte, Alba Chiara zu erreichen. Als bei beiden niemand ranging, wurde die Vermutung zur Gewissheit. «Ich sass auf der Gartenbank und dachte die ganze Zeit an meine Frau, die schlief und noch nicht wusste, dass unser Kind tot war. Ich fragte mich: Wie sage ich ihr das bloss?», erzählt Massimo am Tisch in seiner Küche. Loredana schaut ihn schweigend an. «Als es an der Tür klingelte und ich in der Videosprechanlage die Uniform eines Polizisten sah, brach mir der Boden unter den Füssen weg.»

Massimo und Loredana Baroni verstanden nicht gleich, was ihrer Tochter passiert war. «Wir dachten, sie habe einen Unfall gehabt, etwas Unerklärliches», sagt Massimo. «Und für uns war es erst einmal so, als hätten wir zwei Kinder verloren», sagt Loredana.

Ein paar Wochen nach dem Femizid sass Massimo Baroni mit einigen Mitgliedern der Hockeymannschaft zusammen. Sie tranken Bier und sprachen über die Idee, ein Turnier für Alba Chiara zu organisieren. Loredana hätte gern gehabt, dass man auch Mattias gedenke, er habe schliesslich auch Hockey gespielt. «Eine der Frauen aus der Hockeymannschaft nahm mich zur Seite», erzählt Massimo, «und sie fand die richtigen Worte, um mir das Geschehene zu erklären. Bis dahin hatte ich nur getrauert, jetzt spürte ich plötzlich die Ungerechtigkeit. Ich habe verstanden, dass nicht Alba Chiara entschieden hatte, Opfer zu werden.» Loredana hatte diese Erkenntnis erst im Laufe eines Gesprächs mit den Ermittlern: «Als sie mir sagten, dass Mattia die Pistole mit seinem Waffenschein am Vormittag des 31. Juli 2017 gekauft und mit grosser Wahrscheinlichkeit den Mord geplant hatte, da habe ich verstanden, was wirklich passiert war.»

Familie Baroni begann, sich mit dem Thema Femizid auseinanderzusetzen. Sie besuchten Veranstaltungen, sie besorgten sich die Artikel, die nach dem Mord in den Zeitungen erschienen waren. Sie lasen genau. Einen Tag nach dem Mord zum Beispiel, in der Zeitung L’Adige, vier Seiten. Aber nicht ein einziges Mal kam das Wort Femizid vor, dafür gross und in roten Buchstaben dieser Titel: «Die Tragödie». Auf zwei gegenüberliegenden Seiten Porträts mit Bildlegenden: links Mattia, «Ein fast perfekter Junge» – rechts Alba Chiara, «Seit sechs Jahren mit ihrem Mattia».

Massimo Baroni muss immer wieder an einen Nachmittag vor vier Jahren denken, er sass am Meer und las in der Zeitung von einem Femizid: Vom Mörder hiess es, er sei Bankangestellter gewesen. Auf dem Bild trug er einen Anzug und Krawatte. Seine Freundin, das Opfer, trug auf dem Foto einen Minirock. Baroni reibt sich die Augen: «Man fragte sich als Leser: Wem kann man eher trauen? Dem Bankangestellten in Anzug und Krawatte oder der Barkeeperin im Minirock?» Später wird er jenen Zeitungsartikel, der am Tag der Beerdigung von Mattia in L’Adige erschien, per Whatsapp verschicken. Gross, in roten Buchstaben, ganz oben auf der Seite: «Die Tragödie». Darunter, fett, als Titel: «Es ist nicht der echte Mattia, der geschossen hat.» Worte, inspiriert durch ein Zitat von Mattias Onkel: «Er wurde von einer Hand bewaffnet, die aus dem Nichts kam.» Massimo Baronis Kommentar: «Das war der Höhepunkt der gesamten Geschichte.»

Während Familie Baroni sich immer intensiver mit Femiziden beschäftigte, versuchte das Dorf, das Geschehene zu vergessen. An Allerseelen, 2. November 2017, besuchten Massimo und Loredana Baroni das Grab ihrer Tochter auf dem Friedhof von Tenno. Alba Chiaras Grab liegt nur eine Reihe von Mattias Grab entfernt. Zwischen Blumentöpfen steht eine gelbe Statue von Pikachu, Alba Chiaras Lieblingszeichentrickfigur, daneben eine leere Bierflasche der belgischen Marke Leffe, ihr Lieblingsgetränk.

«Der Priester hat die Namen aller Toten verlesen. Mattias Name war dabei, Alba Chiaras nicht. Dabei standen meine Ehefrau und ich beim Grab. Er hat uns gesehen. Ich schaute mich um, um zu sehen, ob jemandem das aufgefallen sei. Alle blickten zu Boden», sagt Baroni. Als er den Pfarrer später darauf ansprach, habe dieser ihm erklärt, Alba Chiaras kirchliche Beerdigung habe ja im Ortsteil Cologna stattgefunden, ihr Name sei deshalb dort verlesen worden. Bürokratische Kälte, auch bei Femiziden.

«Nach dem Gottesdienst gingen viele Menschen zu Mattias Familie. Zu uns kamen nur wenige. Da habe ich verstanden, dass das Dorf gerade versucht, meine Tochter zu vergessen», sagt Baroni. Einverstanden war er damit keineswegs.

Die Idee kam von einigen seiner Arbeitskollegen. Sie hatten ihm nach dem Mord 600 Euro in einem Briefumschlag überreichen wollen. Weil er das Geld nicht annehmen wollte, schlugen sie ihm vor, eine Gedenktafel für Alba Chiara zu kaufen. Massimo und Loredana Baroni überlegten damals: ein Andenken an ihre Tochter und gleichzeitig ein Symbol für die Sensibilisierung auf Femizide? Das klang gut. Vielleicht könnte man die Tafel am 21. Mai, dem Geburtstag von Alba Chiara, aufstellen? Die Baronis begannen, mit mehreren Menschen in Tenno darüber zu reden.

Massimo und Loredana Baroni ahnten es damals nicht, doch heute erscheint es ihnen völlig klar: Ihre Idee war der Anfang des Endes der Idylle in Tenno. Wie eine schimmlige Mauer, die man überputzt hatte, ohne den Schimmel zu beseitigen, begann die Dorfharmonie, die nach dem Femizid schnell wiederhergestellt worden war, zu bröckeln. Eine Gedenktafel würde genau auf das aufmerksam machen, was viele in Tenno vergessen wollten: dass es an jenem 31. Juli 2017 in Tenno ein Opfer und einen Mörder gegeben hatte. Und dass auch der Mörder ein Mitglied der Gemeinde war.

«Familie Stanga, das ist Tenno», sagt eine Dorfbewohnerin. Die Stangas gelten als eifrige, zuverlässige Menschen: Mattias Vater Lucio und dessen Bruder Ivo führen eine Baufirma und haben die Dächer vieler Häuser im Dorf renoviert. Ivo Stanga sass im Stadtrat. Umso grösser war der Schock im Dorf, als man erfuhr, dass ausgerechnet Mattia Stanga seine Freundin umgebracht hatte. «Ein Dorfbewohner hat uns am Tag des Mordes gesagt: Kein Mitglied der Familie Stanga kann so etwas machen», erzählt ein Lokalreporter.

Man würde gern mehr über Mattia erzählen können. Seine Figur mit den Anekdoten jener Menschen zeichnen, die ihn gut kannten – ein Versuch, eine Antwort auf das grosse «Warum?» zu finden, das über dieser Geschichte schwebt. Warum bringt ein junger Mann, der aus einer – zumindest von aussen gesehen – perfekten Familie kommt, Freunde hat und noch ein ganzes Leben vor sich, einen anderen Menschen um?

Doch kaum einer aus Mattias engstem Umfeld ist bereit, über ihn zu sprechen.

Seine Familie nicht, die Feuerwehrleute nicht, seine Arbeitskollegen nicht.

Das, was man über Mattia erfährt, kommt vor allem von Menschen ausserhalb seines engsten Kreises: Mattia hat in einer Papierfabrik wenige Kilometer ausserhalb von Tenno gearbeitet. Im Dorf habe man ihn vor allem durch seinen Einsatz bei der freiwilligen Feuerwehr gekannt. Er habe seit einigen Jahren den Nachwuchs trainiert, weil er gut mit Jugendlichen umgehen konnte. Er habe sehr geradlinig gelebt, vielleicht zu geradlinig für einen Menschen in seinem Alter: Sein Leben habe er aufgeteilt zwischen Arbeit, Feuerwehr, Alba Chiara. Er sei zuverlässig gewesen. «Mattia war jemand, dem man vor der Abreise in den Urlaub die Wohnungsschlüssel anvertraut», sagt eine Dorfbewohnerin. Selbst Alba Chiaras Mutter sagt: «Er wäre der perfekte Schwiegersohn gewesen. Bis zu dem Tag, an dem er meine Tochter umgebracht hat.»

Alba Chiara habe er über alles geliebt, erzählt eine Freundin der beiden, manchmal habe er sie nach der Nachtschicht kilometerlang gefahren zu ihrem Hockeyspiel in einer entfernten Stadt. Er, der selbst Hockey gespielt hatte und auch Schiedsrichter war, sei bei fast jedem Spiel dabei gewesen und habe seiner Freundin oft beim Training zugeschaut. «Sein Leben drehte sich schon sehr um sie. Wenn ich die beiden sah, dachte ich nie: Da kommen Alba Chiara und Mattia, sondern, da kommt Alba Chiara mit Mattia», sagt ein Sportskollege, der beide aus Hockeyzeiten kennt.

Man wird das genaue Motiv des Mordes an Alba Chiara Baroni vermutlich nie erfahren. Nach dem Femizid befragten Ermittler mehrere Menschen aus dem Umfeld der zwei Jugendlichen, Familie, Freunde, Arbeitskollegen.

Es sei sowieso nicht einfach zu verstehen, wieso manche Männer Frauen umbringen, sagt Paolo Crepet. Crepet, 67, ist Psychiater und Soziologe und gilt in Italien als Femizidexperte. «Bei Femiziden geht es nicht um eine bestimmte Typologie von Männern, die eine bestimmte Typologie von Frauen umbringen», sagt er. Es handele sich dabei um ein Phänomen, das in allen Gesellschaftsschichten vorkomme und bei den verschiedensten Beziehungsarten. «Der einzige rote Faden ist eine männliche Kultur, die nie gelernt hat, zu verlieren», sagt Crepet, «und dann gibt es das, was ich emotionalen Feudalismus nenne.» Emotionaler Feudalismus, das sei der Glaube vieler Männer, sie besässen ihre Frauen. «Man besitzt ein Haus, ein Auto und eine Frau. Und weil die Frau einem gehört, kann man mit ihr machen, was man will», erklärt Crepet.

Monate nach dem Mord-Suizid, als Familie Baroni der Unterschied zwischen Mörder und Opfer längst klar geworden ist, will sie trotzdem fair mit Familie Stanga umgehen. Massimo und Loredana Baroni sprechen mehrmals mit den Eltern von Mattia über die Idee der Gedenktafel. Familie Stanga habe Alba Chiara geliebt, sagt Loredana Baroni heute. Deshalb sei sie davon ausgegangen, Mattias Eltern würden nichts gegen eine Gedenktafel einwenden.

Doch es kam anders.

«Sie hatten viel auszusetzen», sagt Loredana. Erst sprachen sie über den Aufstellungsort, eine Strasse am Rande von Tenno. Da gehe jeden Tag Mattias Opa vorbei, wandte Familie Stanga ein, der alte Mann könne das nicht verkraften.

Im März 2018 gehen die Baronis mit einem Entwurf zu Familie Stanga. Auf der Gedenktafel sollen ein Bild von Alba Chiara und ein Gedicht stehen, das Massimo Baroni von seiner Oma gelernt und auch seiner Tochter beigebracht hatte. Ganz am Ende der Satz: «Für immer in unserer Gemeinde. Die Sonne des Lächelns von Alba Chiara Baroni, 1995–2017. Opfer eines Femizids».

«Die Stangas wollten, dass wir den letzten Satz streichen», sagt Loredana Baroni. Mattias Tante wisse nicht, wie sie das ihren Kindern erklären sollte. Loredana Baroni bemüht sich intensiv, die Beziehung zur Familie Stanga zu pflegen. Doch deren Verhalten könne sie nicht verstehen: «Wenn ich erführe, dass die Gemeinde das Feuerwehrhaus Mattia widmen wollte, wäre ich die Erste, die das unterstützt.» Ihr Mann Massimo steht neben ihr und schüttelt den Kopf.

Im gleichen Monat schreibt Familie Baroni an die Gemeinde Tenno. «Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Stadträtinnen, sehr geehrte Stadträte», heisst es in dem Brief, «am 31. Juli wurde unsere Familie von einer Tragödie erschüttert, die wir nach wie vor nicht akzeptieren können. Normalerweise sind das Nachrichten, die man im Fernsehen sieht, die uns weit entfernt erscheinen. Nachdem wir uns mit verschiedenen Menschen und Vereinen ausgetauscht haben, sind wir der Meinung, dass es wichtig wäre, wenn die Dorfgemeinde eine Tafel zum Gedenken an diese Tragödie aufstellen würde. Ein Symbol, das an die Unantastbarkeit des Lebens, an den Respekt für andere erinnert, eine Mahnung für künftige Generationen. Wir bedanken uns im Voraus.»

Einige Tage später erhielt die Gemeinde einen zweiten Brief, diesmal von Familie Stanga. Sie bat, auf ihre noch junge Trauer Rücksicht zu nehmen, abzuwarten und einen Weg zu finden, um beider Toten zu gedenken.

Auch die Familie Stanga hat einen Menschen verloren. Die Mutter, der Vater und der Bruder sind jedoch nicht in der Lage, zwischen ihrer eigenen und der Trauer der Familie Baroni zu unterscheiden. Sie wollen nicht sehen, dass ihr Sohn eine Entscheidung getroffen hat, während Alba Chiara nicht entscheiden konnte. Man kann nachvollziehen, dass es wahrscheinlich den Hinterbliebenen von Mattia entgegen käme, wenn die Gemeinde ihres Sohns genauso wie Alba Chiaras gedenken könnte. Schwieriger zu verstehen ist hingegen, wie die Gemeinde Tenno den beiden Familien auf deren Briefe antwortet.

Im April 2018 lädt Bürgermeister Gianluca Frizzi den Gemeinderat zu einer Sitzung. Er will über die Aufstellung der Gedenktafel sprechen, dabei die Positionen der zwei Familien abwägen, schliesslich eine Entscheidung treffen. Doch ausgerechnet drei seiner Parteimitglieder fehlen. Frizzi fühlt sich verraten. Er vertagt die Sitzung. Die Idee einer Gedenktafel ist seit einigen Wochen in aller Munde. Menschen rufen bei Frizzi an, fragen ihn, ob er denn keinen Respekt habe für die Trauer von Familie Stanga, Respekt für beide Toten. Bei Loredana Baroni meldet sich eine Tante und erinnert sie an das bekannte italienische Sprichwort: «Schmutzige Wäsche wäscht man zu Hause.» Die Tante empfiehlt Alba Chiaras Mutter, doch bitte zu Verstand zu kommen und bitte im Privaten ihrer Tochter zu gedenken.

Doch Massimo und Loredana Baroni haben es satt, ihre Trauer hinter verschlossenen Türen zu verarbeiten. Weil der Gemeinderat in der Causa Gedenktafel noch nicht entschieden hat, organisieren sie am Geburtstag von Alba Chiara gemeinsam mit dem Bürgermeister einen Abend im Dorftheater: Sie laden andere Eltern ein, die ihre Kinder verloren haben. Ein Vater kommt, dessen Sohn bei einem Autounfall ums Leben kam, auch die Mutter eines transsexuellen Sohnes, der sich umgebracht hat. Der Saal ist voll, doch die wenigsten Menschen kommen aus Tenno. Was den Baronis besonders wehtut: Keine der beiden Frauen aus dem Stadtrat sitzt im Publikum. Es fehlt damit ausgerechnet die symbolische Unterstützung jener Menschen, die das Problem am ehesten verstehen könnten, denken sie sich.

Zwei Tage später tagt der Stadtrat von Tenno. Laut Protokoll sitzen vierzehn Abgeordnete am hellen Hufeisentisch im Plenarsaal. Zuerst winken sie die Abrechnung für 2017 durch, dann erledigen sie das Traktandum, bei dem es um die Qualitätssicherung fürs Trinkwasser geht. Dann ist Gianluca Frizzi dran. Der Bürgermeister trägt einen grauen Pulli und einen grauschwarzen Schal, so kleiden sich Trauernde. Er geht die letzten Monate durch: den Wunschbrief der Familie Baroni, eine Gedenktafel aufzustellen, den Gegenbrief der Familie Stanga, die informelle Sitzung seines Stadtrates. Dann sagt er: «Selbst wenn es nicht einfach ist, muss die Stadtverwaltung eine Antwort geben, denn diese Tragödie ist uns eben zugestossen. Wir befinden uns inmitten eines Sturms, und der Schiffskapitän muss eine Entscheidung treffen. Nach mehreren Treffen und Diskussionen im Laufe von Monaten habe ich mir eine Frage gestellt: Soll man dieses Dramas gedenken oder soll man es vergessen? Der Bürgermeister hat sich für die Erinnerung entschieden. Ich verurteile nicht und respektiere alle Meinungen, aber das, was passiert ist, ist inakzeptabel und unsäglich. Deswegen stelle ich mich auf die Seite von Alba Chiara, weil sie nicht entscheiden konnte.»

Im Saal herrscht Stille, erinnern sich einige Teilnehmer, weder die Mitglieder des Stadtrates noch das Publikum im Saal sprechen.

Alle warten auf Frizzis nächsten Schritt.

Der Bürgermeister erklärt nun, er habe im Sekretariat ein Dokument bereitgelegt. Die Mitglieder des Stadtrates hätten einige Tage Zeit, um für oder gegen die Gedenktafel zu stimmen, danach werde die Entscheidung öffentlich bekanntgegeben. «Ich selbst», fügt Frizzi hinzu, «werde als Erster unterschreiben und dann als Bürgermeister zurücktreten, weil ich meine Gemeinde nicht mehr repräsentieren kann.»

Dieser 23. Mai 2018 ist der Tag, an dem der Femizid von Tenno und dessen Aufarbeitung nationale Aufmerksamkeit erhalten, eine Figur steht dabei im Vordergrund: Gianluca Frizzi, ein Mann mit norditalienischem Akzent und von zurückhaltender Art, der erste Bürgermeister in Italien, der zurücktritt, weil sein Stadtrat, aber auch seine Gemeinde, einen Femizid nicht anerkennen können oder wollen.

Zwei Monate nach dem Rücktritt des Bürgermeisters sitzt die Stadträtin Giancarla Tognoni hinter einem Computerbildschirm in ihrem Büro. Sie tippt gerade ein paar Sätze, dann sucht sie in einem Stapel Papier irgendein Blatt und entschuldigt sich, sie habe so viel zu tun. Tognoni kümmert sich um die Kultur in Tenno und gehört zu jenen Menschen, die das Vorhaben der Familie Baroni nicht wirklich nachvollziehen können. Eine Gedenktafel gegen Femizide? «Nutzlos, genau wie die Gedenktafel für die Opfer von Verkehrsunfällen. Bringen sie die Leute dazu, langsamer zu fahren?», fragt sie. Trotzdem sei sie, genau wie alle anderen Stadträte, nicht gegen die Gedenktafel an sich gewesen. Tognoni erklärt weshalb: «Wir hatten nur gebeten zu warten, bis die Akten archiviert sind.»

Auch der Vizebürgermeister von Tenno, Giuliano Marocchi, der seit dem Rücktritt von Gianluca Frizzi die Gemeinde verwaltet, ist der Meinung, man hätte die Archivierung des Prozesses abwarten sollen. Marocchi ist ein Mann in Anzug und Krawatte, er wirkt wie ein Politiker alter Schule: wägt jedes Wort ab, vertritt eine Position, um sie einen Satz später zu entkräften, wenn er meint, zu weit gegangen zu sein. «Im Stadtrat gab es Leute, die dagegen waren und sicherlich noch dagegen sind, doch meine Position war ja moderat. Ich habe nie Nein gesagt», beteuert er. Marocchi ist in Tenno aufgewachsen, ihm gefällt das Bild nicht, das einige Medien von seiner Gemeinde gezeichnet haben: Dass es ein Femizid gewesen sei, wolle doch gar niemand in Tenno leugnen. «Aber», sagt er, «die Gemeinde hat sich deswegen Fragen gestellt, weil es ein doppeltes Drama war. Auch der Täter war ja ein Kind unserer Gemeinde. Ich nehme ihn nicht in Schutz, ich sage nur, dass beide Teil unserer Gemeinde waren. Auch der Täter hat mit seinem Leben bezahlt.»

Würde dieses Argument auch gelten, wenn der Mörder statt einer Frau ein Kind erschossen hätte? Oder einen anderen Mann?

«Das Urteil wäre sicher eindeutiger, würde der Täter nicht aus Tenno stammen, sondern aus der Nachbargemeinde», sagt Marocchi. Sowohl er als auch Tognoni und alle anderen Stadträte haben nach dem Rücktritt des Bürgermeisters das Dokument unterschrieben, das Frizzi für den Stadtrat vorbereitet hatte – und sich damit für die Aufstellung der Gedenktafel ausgesprochen.

Gianluca Frizzi sitzt auf der Holzbank im Schatten des Schlosses von Tenno. «Ich fühle mich, als hätte ich Schiffbruch erlitten», sagt er. Bereut er den Rücktritt? «Nein, ganz sicher nicht», antwortet er. «Als die Idee der Gedenktafel öffentlich wurde, fragten mich viele, ob ich an Mattias Eltern gedacht hätte, andere wollten wissen, ob ich an die Eltern von Alba Chiara dächte. Irgendwann habe ich gesagt: ‹Denkt hier jemand an Alba Chiara? Denkt jemand daran, wie sie sich gefühlt haben muss, als sie eine Kugel im Rücken gespürt hat und zu Boden gefallen ist? Ich stehe auf ihrer Seite, weil sie nicht entscheiden durfte.›»

Die letzten Monate sind nicht ganz spurlos an Frizzi vorbeigegangen. Einige Tage zuvor hat er seinen Handyvertrag gekündigt und eine Prepaid-Karte gekauft. Die neue Nummer habe er nur seiner eigenen Familie und den Eltern von Alba Chiara gegeben.

So wenig Unterstützung die Baronis innerhalb der Gemeinde Tenno erhalten haben, so viel kam von ausserhalb. Massimo und Loredana Baroni haben dank der Hilfe der jungen Soziologin Emanuela Skulina das «Projekt Alba Chiara» gegründet. Sie sammeln Geld, das Frauen zugutekommt, die Opfer häuslicher Gewalt sind. «Das Projekt hat uns wieder Lust zum Leben gegeben», sagt Loredana.

«Schau dir die Facebook-Seite an und zähle die Menschen aus Tenno, die dem Projekt ein Like gegeben haben. Die kann man an einer Hand abzählen», sagt Massimo Baroni.

Man würde gern wissen, wie die Familie von Mattia Stanga all das erlebt hat, die Diskussion um die Gedenktafel, die Streiterei in der Gemeinde, die Berichte in den Medien.

Nach einem ersten Kontaktversuch schickt Familie Stanga, die bislang nie mit der Presse geredet hat, eine E-Mail: Obwohl es schmerzhaft sei, das Geschehene erneut durchzugehen, stünde man nun für ein Treffen bereit. «Wir leiden, wenn wir verschiedene Versionen und Lügen lesen oder hören. Noch trauriger ist es, zu sehen, wie das Geschehene für politische Zwecke benutzt wird», schreiben sie. Am Abend vor dem geplanten Treffen schickt Claudia Stanga, Mattias Mutter, eine Nachricht: «Es tut uns sehr leid, aber wir müssen den morgigen Termin absagen. Wir möchten diesen Schmerz nicht noch einmal durchleben.»

Im September kündigt Vizebürgermeister Giuliano Marocchi an, dass die Gedenktafel für Alba Chiara am 25. November aufgestellt werde, am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Die Tafel soll auf einem Hügel stehen, von wo aus man den Gardasee sieht. «Natürlich sind wir froh», sagt Massimo Baroni. Aber er selber benötige keine Gedenktafel, um seiner Tochter zu gedenken. «Die Erinnerung an sie trage ich in meinem Herzen», sagt er. Die Tafel solle vielmehr auf ein soziales Problem aufmerksam machen.

Wegen des Terminkonflikts mit der Firmung einiger Kinder wird die Gedenktafel schliesslich einen Tag vor dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen aufgestellt. Mehr als hundert Menschen haben sich in Tenno versammelt. Die Menschenmenge geht langsam durch die Gassen der Altstadt bis zu einer Ebene, einer Wiese. Von hier sieht man das Tal und den Gardasee. Viele sind aus den umliegenden Dörfern gekommen, manche sind von weither angereist. Aber auch Menschen aus Tenno finden sich ein. Alba Chiaras Hockeymannschaft ist da, ihre Freundinnen, der Pfarrer, der Feuerwehrkommandant, einige Stadträte, auch jene, die zunächst gegen die Tafel waren, der Vizebürgermeister.

Gianluca Frizzi, der ehemalige Bürgermeister, der für diese Tafel seinen Posten aufgegeben hat, ist nicht gekommen. «Er hat uns gesagt, heute sei endlich der Tag von Alba Chiara, seine Präsenz hätte die Aufmerksamkeit der Menschen nur auf den Streit gelenkt», sagt Massimo Baroni.

Ein rotes Tuch bedeckt die Gedenktafel. Sie ist nach Osten ausgerichtet, zum Sonnenaufgang – italienisch: Alba. Ein Stadtrat hält eine kurze Rede. Er spricht von «der guten Antwort der Gemeinde Tenno auf das vielleicht dunkelste Ereignis im Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg». Er spricht von «einer Gemeinde, die nun ihren schönsten Ort gegeben habe». Er lässt unerwähnt, dass dieser schönste Ort erst erkämpft, dass vorher mehrere andere Vorschläge abgelehnt werden mussten. Leicht hergegeben hat hier niemand etwas.

Vizebürgermeister Marocchi, heute im Anzug und mit Krawatte sowie der Schärpe in den Farben der Trikolore, redet von einer «universellen Botschaft, die heute gesetzt wird und über die Grenzen von Tenno hinausgehen soll». Am Ende sagt er: «Erlauben Sie mir, zwei Frauen zu erwähnen, die es in diesen letzten Monaten nicht leicht gehabt haben: Aurora, die Schwester von Alba Chiara, und Claudia, die Mutter von Mattia.» Neben ihm steht schweigend Alba Chiaras Mutter Loredana.

Dann versammeln sich Massimo, Loredana und Aurora Baroni vor dem roten Tuch. Während ein Cellist getragene Klänge intoniert, ziehen Massimo und Tochter Aurora das Tuch herunter. Eine Platte aus Stahl erscheint, bedeckt mit Plexiglas. Auf dem Plexiglas steht der Satz: «Das Leben ist das kostbarste Geschenk und es muss respektiert werden».

Darunter ein Gedicht:

«Es ist so leicht, sich lieb zu haben, es reicht ein gutes Wort zum richtigen Zeitpunkt. Etwas Nettigkeit, ein einziges Streicheln, ein einfaches Lächeln auf dem Gesicht. Das Herz immer offen, für jeden, der vorbeikommt. Es ist so leicht, sich lieb zu haben.»

Loredana Baroni streichelt zärtlich das Bild ihrer Tochter am unteren Rand der Tafel. Alba Chiara ist blond und trägt eine violette Blume hinter dem rechten Ohr. Neben dem Bild stehen die drei Wörter, die so viele Menschen in Tenno nach wie vor nicht aussprechen wollen:

«Vittima di Femminicidio». Opfer eines Femizids.

 


 

Massaker an Frauen

Frauen, die von Männern ermordet werden, weil sie Frauen sind: Das bedeutet Femizid. «Ein Massaker, wenn man sich die Zahlen anschaut», sagt Fabio Bartolomeo, ehemaliger Direktor der Statistikabteilung des italienischen Justizministeriums. Seit 2012 wurden in Italien (Bevölkerung: 60 Millionen Menschen) jedes Jahr etwa 150 Frauen ermordet. Ähnlich ist es in Deutschland (82 Millionen Menschen): Im Jahr 2017 starben 141 Frauen durch einen Femizid. In 92 Fällen war der Ehepartner der Täter, 23 Frauen wurden von einem «Partner in nichtehelicher Lebensgemeinschaft» und 26 vom Ex-Partner umgebracht. Laut dem aktuellen Femicide Report der Uno-Abteilung für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC) wurden im Jahr 2017 weltweit 87 000 Frauen getötet, rund 50 000 durch den Partner oder Angehörige. Die Zahl steigt seit 2012 an.

 

Aus der Anonymität

Bis ein richterliches Urteil gefällt ist, gilt die Unschuldsvermutung – auch im Journalismus. Mit der oft verwendeten Formulierung «mutmasslicher Täter» wird sie bei der Berichterstattung über Straftaten beachtet. Üblich ist auch, die Namen der Beteiligten nur mit Initialen zu publizieren. Beim Verbrechen von Mattia Stanga an Alba Chiara Baroni in Italien fand zwar eine amtliche Untersuchung statt, aber kein Gerichtsverfahren – somit liegt kein Urteil vor. Der Täter nahm sich nach dem Mord an seiner Freundin selbst das Leben. Diesen Sachverhalt haben die Ermittler zweifelsfrei festgestellt. Italiens Medien veröffentlichten in dem Fall, den unsere Geschichte hier wiedergibt, die Namen des Opfers sowie des Täters. Wer die beiden Personen waren, ist also längst bekannt. Deswegen nennen auch wir ihre Klarnamen.

 

Die Autorin

Margherita Bettoni, 31, ist in einem Städtchen in unmittelbarer Nachbarschaft des 2000-Seelen-Dorfes Tenno aufgewachsen und lebt heute als freie Journalistin in Hamburg. Von ihrer Verwandtschaft in Norditalien und auch durch Zeitungen der Region, die sie regelmässig liest, erfuhr sie vom Femizid. Sie fuhr hin. Während drei mehrtägiger Aufenthalte recherchierte sie im idyllischen Ort unweit des Gardasees. Bettoni: «Was mir die Eltern über das Leben ihrer ermordeten Tochter erzählten, hätte für ein Buch über Alba Chiara gereicht, was aber nicht das Ziel war.» Dafür habe Familie Baroni Verständnis gezeigt. Bettoni: «Es war ihnen ein grosses Anliegen, dass sich die Gesellschaft mit dem Thema Femizid auseinandersetzt.»

 

Mehr zu Gewalt gegen Frauen:

Reportagen #43 — Vor Gericht 1976 — von Fritz H. Dinkelmann

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