Lina Mounzer im Gespräch

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Lina Mounzer, Autorin von Shitstorm in Beirut, im Gespräch

Esther Göbel

Reportagen: In einem Artikel, den Sie ein paar Tage nach der Explosion des Beiruter Hafens für den Guardian verfasst haben, schrieben Sie: «Ich denke, ich kann nicht schlafen, weil ich Angst vor meinem Bett habe. Ich habe Angst davor, weil ich darin lag, als der Hafen explodierte. Ich erinnere mich daran, wie ich versuchte aufzustehen, aber das Bett wackelte wie ein Schiff. Ich musste rausklettern. Es dauerte ewig.» Wie haben Sie die ersten Stunden nach der Explosion erlebt?

Lina Mounzer: Es ist schwierig in Worte zu fassen. Es war so ein Schock. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich verstanden hatte, was passiert war. Wenn ich jetzt gerade aus dem Fenster blicke, kann ich die weissen Getreidesilos des Hafens sehen, die durch die Explosion beschädigt wurden. Ich bin dann immer noch schockiert bis verwundert darüber, dass das Gebäude, in dem wir wohnen, nicht zusammengekracht ist; wir leben ungefähr zwei Kilometer vom Hafen entfernt, auf der Westseite. Die Ostseite ist die, die es am härtesten getroffen hat.

 

Wie würden Sie das Trauma beschreiben, das Sie erlitten haben?

Ich wurde die Erinnerung an den Knall nicht los. Jedes Mal, wenn ich an dieses Geräusch denken musste, wollte ich mich übergeben. Ich dachte: Niemals werde ich in der Lage sein, dieses Geräusch zu vergessen. Dann fängt man an, die Erinnerung mit Worten zu abstrahieren, und sagt so etwas wie: «Also diesen Knall zu ertragen, das Geräusch, das war wirklich schwer», aber diese Worte sind nicht mit dem physischen Schock der ersten Wochen verbunden, der einen fühlen lässt, dass man sich übergeben will. Und dann gibt es noch eine andere physische Manifestation des Traumas, die kam später: Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Das hängt zwar auch mit der Corona-Krise zusammen, aber seit der Explosion habe ich kein Gefühl mehr dafür, wie viel Zeit im Alltag vergangen ist oder wie viel Zeit noch bleibt bis zu einem Termin.

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