MÜTTER COURAGE 1995

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Sie wollen sich zwischen die Kriegsparteien in Tschetschenien stellen: Der erste Friedensmarsch in der Geschichte Russlands.

Sonia Seymour Mikich

Es hatte am Morgen geregnet, sanft und silbrig, in der Hü­gellandschaft zu Füssen des Kaukasus. Wilde Erde, alte Erde, blutgetränkt. Schon Prometheus hat dies erfahren, als ihn die Götter an den Felsen schmiedeten, an den Berg Kasbek, dem Adler zum Frasse. Denn die Götter waren eifersüchtig, dass er den Menschen Feuer gebracht hatte. Feindselig und rachsüch­tig die Götter, düster und kampfbereit die Menschen im Kau­kasus. Christliche Generäle gegen muslimische Heilige, Hir­ten gegen Fürsten, Kosaken gegen Krieger. Alle demütigten, raubten, vergewaltigten, schlachteten. Schwert und Feuer im Namen Gottes, Allahs, des Zaren, des Clan-Ältesten. Die Liebe zum Boden war immer heilig und mörderisch. Und im Jahr 1995, am Ende des 20. Jahrhunderts, hatte sich daran kaum et­was geändert. Es herrschte Krieg in Tschetschenien, von Boris Jelzin gegen die unbotmässigen Bewohner dieser Landschaft entfacht.

In der Ferne schwebt tatsächlich ein Adler in grosser Höhe, als wir zu Fuss auf Grosny, die Hauptstadt Tschetscheniens, los­marschieren, neunzig Kilometer menschenleere Landstrasse lie­gen vor uns, die Berggipfel am Horizont sind noch schneebe­deckt, die Täler überspült mit eisigem Schlamm. März 1995. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich meine Wanderstiefel habe und tröstliche Schokolade im Rucksack. Vor mir laufen rund zwei­hundert Frauen aus ganz Russland, sie sind aus Kolchosen ge­kommen, aus Millionenstädten und aus winzigen Dörfern. Zu Fuss, mit der Bahn, mit dem Flugzeug ins Grenzgebiet. Sie strahlen, sie sind aufgeregt, sie vollziehen den ersten Friedens­marsch in der Geschichte Russlands. Sie wollen das Unmög­liche probieren und sich zwischen die Kriegsparteien stellen.

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