Marzio G. Mian im Gespräch

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Marzio G. Mian, Autor von «Arktische Seidenstrasse», im Gespräch mit Raffaela Angstmann.

Raffaela Angstmann

Reportagen: Die Ruhe, die Sie in Ihrer Reportage über Island beschreiben, macht mich wehmütig. Ist diese isländische Einsamkeit ein Segen oder ein Fluch?

Marzio G. Mian: Heutzutage werden wir mit verschiedenen Formen von Einsamkeit konfrontiert. Die dortige Abgeschiedenheit kann sicherlich eine Sehnsucht erzeugen nach dem naturverbundenen Leben. Wir haben durch die Technologie die Realitätswahrnehmung verloren. Paradoxerweise hat uns gerade der Materialismus den Sinn für die Materie genommen. Die Einsamkeit Islands ist die Basis der isländischen Geschichte und macht den Charakter der Insel aus. Erst in den vergangenen fünfzig Jahren hat Island ein Minimum an Wohlstand erreicht. Davor hatten die Isländer in grösster Armut gelebt.

 

Denken Sie, dass die Isländer ihre Identität verlieren, wenn sie die Einsamkeit dem Fortschritt opfern?

Ja, die Moderne übt eine enorme Anziehungskraft auf sie aus. Das kann fatal sein. Das Land hat ein Auf und Ab hinter sich: Auf den Boom folgten der Konkurs und dann wieder ein Boom. Sei es die Technologie, die Fischerei oder der Tourismus – es gibt immer etwas Neues, auf das sich die Isländer stürzen.

 

 

Zwei Ihrer Protagonisten, Halldór und Reimar, scheinen nicht aus diesem Holz geschnitzt zu sein. Können sie etwas gegen den Wandel ausrichten?

Nein, aber das ist ihnen auch bewusst. Sie wissen, dass es ein zu grosses Machtspiel ist und dass sich bereits eine Maschinerie in Bewegung gesetzt hat, die man nicht mehr stoppen kann. Reimar war von Anfang an unnachgiebig und hat nichts unterschrieben. Ihm ist klar, dass er auf seinem Land bestenfalls umzingelt sein wird. Ihm geht es um das Erbe seiner Vorfahren. Er möchte diese Schönheit seines Landes erhalten und geniessen. Mir wurde ein Video von Reimar -gezeigt, wie er mit seinen Hunden durch den Schnee rennt und «Juhuu!» jauchzt.

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